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HARUKI MURAKAMI

1Q84

Roman

Aus dem Japanischen

von Ursula Gr.fe

Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel

.1Q84 Book 1 & 2.

bei Shinchosha, Tokio

. 2009 Haruki Murakami

eBook 2010

. 2010 DuMont Buchverlag, K.ln

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Zero, München

Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8540-4 dumont_logo

www.dumont-buchverlag.de

Buch 1

April bis Juni

KAPITEL 1

Aomame

Sich nicht vom .u.eren Schein t.uschen lassen

Aus dem Radio des Taxis ert.nte das Klassikprogramm

eines UKW-Senders. Die Sinfonietta von Janá.ek. Nicht

eben die passendste musikalische Untermalung, um mit

einem Taxi im Stau festzustecken. Der Fahrer, ein Mann

mittleren Alters, schien auch nicht besonders

hingebungsvoll zuzuh.ren. Schweigend blickte er auf die

Schlange der Wagen vor ihnen, wie ein alter Fischer, der

am Bug seines Schiffes steht und den gefahrvollen

übergang zwischen zwei Meeresstr.mungen beobachtet.

Die Augen sachte geschlossen und tief in die Rückbank

gelehnt, lauschte Aomame der Musik.

Wie viele Menschen gab es auf der Welt, die Janá.eks

Sinfonietta sofort erkannten, kaum dass sie den Anfang

h.rten? Vermutlich nur sehr wenige, aber aus irgendeinem

Grund geh.rte Aomame dazu.

Janá.ek hatte seine kleine Sinfonietta im Jahr 1926

komponiert. Das Thema war ursprünglich als Fanfare für

ein Sportereignis gedacht gewesen. Aomame stellte sich die

Tschechoslowakei im Jahr 1926 vor. Der Erste Weltkrieg

war vorüber, endlich war man von der langen Herrschaft

des Hauses Habsburg befreit, man sa. im Kaffeehaus, trank

Pilsener Bier, produzierte Maschinengewehre und genoss

den flüchtigen Frieden, der in Mitteleuropa Einzug

gehalten hatte. Franz Kafka hatte sich zwei Jahre zuvor

unter traurigen Umst.nden von der Welt verabschiedet. Es

sollte nicht mehr lange dauern, bis Hitler auftauchen und

das sch.ne kleine Land mit einem gierigen Biss

verschlingen würde. Doch zu jener Zeit ahnte noch

niemand etwas von dem bevorstehenden Grauen. Einer der

wohl wichtigsten Lehrs.tze, den die Geschichte für die

Menschheit bereith.lt, lautet: .Damals wusste noch

niemand, was vor uns lag.. Die Sinfonietta im Ohr und vor

ihrem inneren Auge die b.hmischen Wiesen, die sich im

frei und unbekümmert darüberstreichenden Wind wiegten,

lie. Aomame ihre Gedanken um das Wesen der Geschichte

kreisen.

In Japan starb 1926 der Taisho-Tenno, und die Showa-

Zeit – die ..ra des Erleuchteten Friedens., wie die neue

Regierungsdevise lautete – brach an. Eine düstere Epoche

voller Leiden nahm ihren Anfang. Modernismus und

Demokratie beendeten ihr kurzes Zwischenspiel, und der

Faschismus breitete sich aus.

Geschichte geh.rte neben Sport zu Aomames

Hauptinteressen. Romane las sie so gut wie nie, aber von

historischen Darstellungen konnte sie nicht genug

bekommen. An der Geschichte gefiel ihr vor allem, dass alle

Ereignisse mit konkreten, exakten Jahreszahlen und

Schaupl.tzen verbunden waren. Sich historische Daten zu

merken bereitete ihr keine Schwierigkeiten. Auch wenn sie

die Zahlen nicht gezielt auswendig lernte, fielen sie ihr

automatisch ein, wenn sie den Gesamtzusammenhang der

Ereignisse verstanden hatte. In den Geschichtsklausuren

der Mittel- und Oberstufe hatte Aomame so gut wie immer

die meisten Punkte in der Klasse erzielt. Sooft sie

jemandem begegnete, der sich historische Daten nur

schwer merken konnte, wunderte sie sich. Warum konnte

jemand so etwas Einfaches nicht?

Aomame – .grüne Erbse. – war tats.chlich ihr richtiger

Name. Im Ort in den Bergen von Fukushima, aus dem der

Gro.vater ihres Vaters stammte, gab es angeblich viele, die

diesen Nachnamen trugen. Sie selbst war jedoch noch nie

dort gewesen. Ihr Vater hatte vor ihrer Geburt mit seiner

Familie gebrochen. Ebenso ihre Mutter. Daher hatte

Aomame ihre Gro.eltern nie kennengelernt. Sie reiste fast

nie, doch wenn es sich ergab, durchsuchte sie die meist in

den Hotels bereitliegenden Telefonbücher nach dem

Namen Aomame. Bisher hatte sie jedoch weder in gr..eren

noch in kleineren St.dten eine einzige Person entdecken

k.nnen, die ebenfalls so hie.. Und jedes Mal bekam sie das

Gefühl, allein auf einem weiten Ozean dahinzutreiben.

Es war ihr immer unangenehm, sich jemandem vorstellen

zu müssen. Sobald sie ihren Namen nannte, musterte ihr

Gegenüber sie verwundert oder verwirrt. Aomame? Ja, man

schreibt es wie .grüne Erbse.: Ao-mame. Wenn sie in einer

Firma besch.ftigt war und eine Visitenkarte hatte, führte

das h.ufig zu unerfreulichen Begleitumst.nden. Kaum

hatte sie ihre Karte überreicht, warf die andere Person ihr

einen Blick zu, als habe sie unerwartet einen Brief mit einer

schlechten Nachricht erhalten. Manch einer kicherte sogar,

wenn sie sich am Telefon meldete. Sobald ihr Name im

Wartezimmer beim Arzt oder in einem Amt aufgerufen

wurde, hoben die Leute die K.pfe und starrten sie an. Wie

sah wohl jemand aus, der .grüne Erbse. hie.?

Manche nannten sie auch versehentlich Edamame –

.grüne Sojabohne. – oder Soramame – .Saubohne.! ..h,

nein, nicht Edamame (oder Soramame) – Aomame. Aber

das ist ja ganz .hnlich., berichtigte sie dann, und ihr

Gegenüber entschuldigte sich verlegen l.chelnd. .Oh, das

ist aber ein seltener Name.. Wie oft hatte sie diese Worte

in den drei.ig Jahren ihres Lebens wohl schon zu h.ren

bekommen? Wie viele .de Witze über ihren Namen?

W.re ich nicht mit diesem Namen auf die Welt

gekommen, dachte sie oft, h.tte mein Leben vielleicht

einen ganz anderen Verlauf genommen. Mit einem

Allerweltsnamen wie Sato, Tanaka oder Suzuki würde ich

vielleicht ein entspannteres Leben führen und die Welt mit

milderen Augen sehen. Wahrscheinlich.

Aomame hielt die Augen geschlossen und lauschte der

Musik. Sie lie. die wunderbare Klangfülle, die das Unisono

der Bl.ser erzeugte, auf sich wirken. Pl.tzlich fiel ihr etwas

auf. Eigentlich war die Tonqualit.t für ein Autoradio zu

gut. Selbst bei der geringen Lautst.rke klang die Musik tief

und voll, und auch die Obert.ne waren sauber h.rbar.

Aomame .ffnete die Lider und sah nach vorn, um die in das

Armaturenbrett eingelassene Stereoanlage zu begutachten.

Sie war tiefschwarz und schimmerte elegant und edel. Den

Namen des Herstellers konnte sie nicht erkennen, aber es

war unübersehbar, dass es sich um ein teures Ger.t

handelte, das mit zahlreichen Reglern und einer

Digitalanzeige mit grünen Ziffern ausgestattet war.

Offensichtlich ein erstklassiges Fabrikat. Für einen

gew.hnlichen Taxifahrer mit Lizenz war die Anlage

eigentlich zu anspruchsvoll.

Aomame blickte sich noch einmal im Inneren des Wagens

um. Es war ihr nicht aufgefallen, da sie ihren Gedanken

nachgehangen hatte, seit sie in das Taxi gestiegen war, aber

bei genauerem Hinsehen wurde ihr klar, dass es sich nicht

um ein gew.hnliches Taxi handelte. Die Qualit.t der

Ausstattung war hervorragend, die Sitze au.erordentlich

bequem, und besonders angenehm war die Ruhe, die sie

umfing. Der Wagen schien über eine L.rmd.mmung zu

verfügen, sodass vom Krach drau.en kaum etwas ins

Innere drang. Man w.hnte sich in einem schallged.mpften

Studio. Vielleicht war es ja ein Privattaxi. Unter den

privaten Taxifahrern gab es einige, die hinsichtlich ihrer

Wagen keine Kosten scheuten. Sie hielt nach einer

Taxinummer Ausschau, konnte aber keine entdecken.

Andererseits sah der Wagen auch nicht nach einem

illegalen Taxi aus. Er besa. einen regul.ren Taxameter, der

vorschriftsm..ig vorrückte und inzwischen einen Fahrpreis

von 2150 Yen anzeigte. Dennoch gab es nirgends ein Schild

mit dem Namen des Fahrers.

.Ein sch.ner Wagen. Sehr leise., sagte Aomame, an den

Rücken des Fahrers gewandt. .Was ist das für eine Marke?.

.Ein Toyota Crown Royal Saloon., erwiderte der Fahrer

knapp.

.Die Musik klingt gut..

.Es ist ein ruhiger Wagen. Auch aus diesem Grund habe

ich ihn gew.hlt. Weil Toyota, was diese D.mpfung angeht,

über die weltweit führende Technik verfügt..

Aomame nickte und lie. sich wieder in den Sitz sinken.

Seine Art zu sprechen hatte etwas Anziehendes. Als lasse er

immer etwas Wichtiges ungesagt. Zum Beispiel: Zwar gibt

es an der Schalld.mpfung von Toyota nichts auszusetzen,

aber bei irgendetwas anderem gibt es Probleme, oder so.

Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, blieb ein kleines

bedeutungsschweres Schweigen zurück. Leicht wie eine

winzige imagin.re Wolke stand es im engen Raum des

Wagens und gab Aomame ein unbestimmtes Gefühl der

Unruhe.

.Wirklich ruhig., sagte sie, um die kleine Wolke zu

verscheuchen. .Auch Ihre Stereoanlage ist erstklassig..

.Es war keine leichte Entscheidung., sagte der Fahrer in

einem Ton wie ein pensionierter Stabsoffizier, der von einer

milit.rischen Operation in der Vergangenheit erz.hlt.

.Aber da ich so viel Zeit im Wagen verbringe, wollte ich

eine m.glichst gute Tonqualit.t, und au.erdem ….

Aomame wartete darauf, dass er fortfuhr. Aber er tat es

nicht. Wieder schloss sie die Augen und überlie. sich der

Musik. Sie hatte keine Ahnung, was für ein Mensch Janá.ek

gewesen war. Zumindest hatte er sich gewiss nicht tr.umen

lassen, dass Menschen im Jahr 1984 im schallged.mpften

Innenraum eines Toyota Crown Royal Saloon mitten in

einem Stau auf der Tokioter Stadtautobahn seine Musik

h.ren würden.

Aber warum habe ich das Stück sofort als die Sinfonietta

von Janá.ek erkannt, fragte sich Aomame verwundert. Und

woher wei. ich, dass er es 1926 geschrieben hat?

Sie hatte nicht einmal eine besondere Vorliebe für

klassische Musik. Sie verband auch keine pers.nlichen

Erinnerungen mit Janá.ek. Doch seit dem Augenblick, in

dem sie den ersten Satz geh.rt hatte, waren ihr spontan

alle m.glichen Daten in den Sinn gekommen. Wie eine

Schar V.gel, die einem durch ein ge.ffnetes Fenster ins

Haus fliegt. Noch dazu l.ste die Musik eine h.chst

dramatische Empfindung in Aomame aus. Es war ein

Gefühl, als werde sie irgendwie innerlich aufgezogen, als

werde an ihr geschraubt oder gedreht. Es war an sich nicht

schmerzhaft oder besonders unangenehm. Sie hatte nur das

Gefühl, ihr ganzer Organismus würde allm.hlich physisch

umgestülpt. Aomame konnte es nicht begreifen. War es die

Sinfonietta, die dieses mysteri.se Gefühl in ihr ausl.ste?

.Janá.ek., sagte Aomame geistesabwesend. Dann fand

sie, sie h.tte es lieber nicht sagen sollen.

.Was war das?.

.Janá.ek. Der Mann, der diese Musik komponiert hat..

.Das wusste ich nicht..

.Ein tschechischer Komponist., sagte Aomame.

.Aha., erwiderte der Chauffeur beeindruckt.

.Ist das ein Privattaxi?., fragte Aomame, um das Thema

zu wechseln.

.Ja., sagte der Fahrer. Dann, nach einer Pause: .Ich bin

selbstst.ndig. Dies ist mein zweiter Wagen..

.Man sitzt sehr bequem..

.Vielen Dank. übrigens …. Der Fahrer drehte den Kopf

ein Stück in ihre Richtung. .Haben Sie es sehr eilig?.

.Ich werde in Shibuya erwartet. Deshalb bin ich an der

Stadtautobahn eingestiegen..

.Um wie viel Uhr müssen Sie dort sein?.

.17.30 Uhr., sagte Aomame.

.Wir haben jetzt 15.45 Uhr. Sie werden es nicht pünktlich

schaffen..

.Ist der Stau so schlimm?.

.Vor uns hat es anscheinend einen schweren Unfall

gegeben. Das ist kein gew.hnlicher Stau. Es geht ja schon

seit einer ganzen Weile kaum vorw.rts..

Verwundert fragte sich Aomame, warum der Taxifahrer

dann keinen Verkehrsfunk h.rte. Auf der Stadtautobahn

herrschte ein katastrophaler Stau, der Verkehr war v.llig

zum Erliegen gekommen. Als Taxifahrer würde er seine

Informationen normalerweise über eine besondere

Frequenz erhalten.

.Das wissen Sie, ohne den Verkehrsfunk zu h.ren?.,

fragte Aomame.

.Auf den Verkehrsfunk und dergleichen ist kein Verlass.,

sagte der Fahrer tonlos. .Die H.lfte der Informationen ist

falsch. Die vom Stra.enamt vertreten nur ihre eigenen

Interessen. Ich ziehe meine Schlüsse aus dem, was ich mit

eigenen Augen sehe..

.Und Ihrer Ansicht nach wird sich dieser Stau nicht so

leicht aufl.sen?.

.Vorl.ufig nicht., sagte der Fahrer mit einem ruhigen

Nicken. .Das kann ich garantieren. Wenn der Verkehr

einmal auf diese Weise stockt, ist die Stadtautobahn die

H.lle. Geht es bei Ihrer Verabredung um etwas Wichtiges?.

Aomame überlegte. .Ja, es ist wichtig. Ein Termin mit

einem Klienten..

.Sehr unangenehm. Es tut mir leid, aber Sie werden ihn

wohl verpassen.. Bei diesen Worten wiegte der Fahrer

mehrmals leicht den Kopf, als würde er seine verspannten

Schultern lockern. Die Falten in seinem Nacken bewegten

sich wie bei einem Urtier. Bei dem Anblick musste

Aomame an den scharfen spitzen Gegenstand ganz unten

in ihrer Umh.ngetasche denken. Ihre Handfl.chen wurden

feucht.

.Was kann man denn da machen?.

.Eigentlich nichts. Hier auf der Stadtautobahn bleibt uns

keine andere M.glichkeit, als uns bis zur n.chsten Ausfahrt

vorzuarbeiten. Man kann nicht wie auf einer normalen

Stra.e einfach aussteigen und von der n.chsten Haltestelle

aus mit der Bahn fahren..

.Welches ist denn die n.chste Ausfahrt?.

.Ikejiri, aber wahrscheinlich brauchen wir dorthin bis

Sonnenuntergang..

Bis zum Abend? Aomame stellte sich vor, bis abends in

diesem Taxi eingeschlossen zu sein. Noch immer erklang

das Stück von Janá.ek. Die ged.mpften T.ne der Streicher

traten nun in den Vordergrund, wie um das Aufwallen ihrer

Gefühle zu bes.nftigen. Der Eindruck des Verdrehtwerdens

dauerte an. Was das nur war?

Aomame hatte das Taxi in der N.he von Kinuta

herangewinkt, und bei Yoga waren sie auf die

Stadtautobahn Nr. 3 gefahren. Zu Anfang war der Verkehr

reibungslos dahingeflossen. Doch kurz vor Sangenjaya

hatte er pl.tzlich gestockt und war bald fast ganz zum

Erliegen gekommen. Auf der Spur, die stadtausw.rts führte,

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