du kr.ftig gebaut bist und kein übler Kerl. Dass du nicht
mit jungen M.dchen essen gehst. Bescheiden bist und
einen gutmütigen Blick hast. Und dass mir deine Arbeiten
ziemlich gut gefallen. Das war’s eigentlich so ungef.hr..
Tengo seufzte. Er versuchte zu denken, bekam aber die
Realit.t nicht zu fassen.
.Also, Herr Komatsu, darf ich dann wieder zurück ins
Bett? Es ist schon fast halb zwei. Ich würde gern noch etwas
schlafen, bevor es hell wird. Ich habe morgen früh drei
Stunden..
.Na, klar, gute Nacht., sagte Komatsu. .Tr.um was
Sch.nes.. Dann legte er auf.
Tengo starrte einen Moment auf den H.rer in seiner
Hand und legte ihn dann auf die Gabel. Liebend gern w.re
er sofort wieder eingeschlafen und h.tte etwas Sch.nes
getr.umt. Aber er wusste, dass das nicht so leicht sein
würde, nachdem man ihn um diese Uhrzeit aus dem Schlaf
gerissen hatte. Au.erdem hatte ihn das Gespr.ch
aufgewühlt. Alkohol war ein gutes Schlafmittel. Aber er
hatte keine Lust auf Alkohol. Am Ende trank er ein Glas
Wasser, setzte sich ins Bett, knipste das Licht an und
begann zu lesen. Kurz vor Sonnenaufgang schlief er ein.
Nach seinem Unterricht an der Yobiko fuhr Tengo mit der
Bahn nach Shinjuku. Dort kaufte er in der Buchhandlung
Kinokuniya ein paar Bücher und machte sich anschlie.end
auf den Weg ins Nakamura. Als er am Eingang Komatsus
Namen nannte, führte man ihn an einen ruhigen Tisch im
hinteren Teil des Lokals. Fukaeri war noch nicht da. Er
erwarte noch jemanden, erkl.rte Tengo dem Kellner.
M.chten Sie schon etwas trinken?, fragte der Kellner. Nein,
danke, erwiderte Tengo. Der Kellner brachte ihm Wasser
und die Speisekarte und entfernte sich. Tengo schlug eines
der Bücher auf, die er gerade gekauft hatte, und begann zu
lesen. Es war ein Buch über Magie, in dem diskutiert
wurde, welche Funktion der Fluch in der japanischen
Gesellschaft erfüllte. Flüche hatten in den Gesellschaften
der Antike eine bedeutende Rolle gespielt, indem sie
M.ngel und Widersprüche im gesellschaftlichen System
verdeckten und ausglichen. Vergnügliche Zeiten mussten
das gewesen sein.
Obwohl es schon fünf nach sechs war, tauchte Fukaeri
nicht auf. Ohne sonderlich beunruhigt zu sein, las Tengo in
seinem Buch. Es war keine gro.e überraschung für ihn,
dass seine Verabredung unpünktlich war. Die Sache war
insgesamt unm.glich. So konnte sich auch keiner
beschweren, wenn etwas Unm.gliches dabei herauskam.
Sollte Fukaeri ihre Meinung ge.ndert haben und sich nicht
blicken lassen, w.re das nicht weiter verwunderlich.
Eigentlich w.re er sogar fast dankbar, wenn sie nicht
erschien. Das würde die Sache einfacher machen. Er k.nnte
Komatsu mitteilen, dass er eine Stunde gewartet habe,
Fukaeri aber nicht gekommen sei. Was dann werden
würde, wusste er nicht. Er würde allein essen und k.nnte
dann nach Hause fahren. Und h.tte seine Verpflichtung
Komatsu gegenüber erfüllt.
Fukaeri erschien um sechs Uhr zweiundzwanzig. Sie
wurde von einem Kellner an den Tisch geleitet und setzte
sich Tengo gegenüber. Ohne ihren Mantel auszuziehen, die
kleinen H.nde auf den Tisch gelegt, blickte sie Tengo an.
Weder entschuldigte sie sich für ihr Zusp.tkommen, noch
bedauerte sie, dass sie ihn hatte warten lassen. Sie begrü.te
ihn nicht einmal oder stellte sich vor. Die Lippen fest
aufeinandergepresst, schaute sie Tengo einfach an. Als
würde sie aus einiger Entfernung eine unbekannte
Landschaft betrachten. Respekt, dachte Tengo.
Fukaeri war klein und zierlich gebaut, und ihr Gesicht war
noch sch.ner als auf dem Foto. Das Anziehendste daran
waren die Augen. Eindrucksvolle Augen von gro.er Tiefe.
Tengo wurde nerv.s, als sie ihn mit ihren feuchten
lackschwarzen Pupillen anstarrte. Sie blinzelte fast
überhaupt nicht. Sie schien nicht einmal zu atmen. Ihre
Haare waren so glatt, als seien sie einzeln mit dem Lineal
gezogen. Die Form ihrer Augenbrauen passte gut zu ihrer
Frisur. Wie es bei vielen hübschen Teenagern der Fall ist,
fehlte es ihrem Ausdruck an Lebhaftigkeit. Zudem war eine
gewisse Unausgewogenheit darin wahrzunehmen, was
vielleicht daran lag, dass das rechte und das linke Auge sich
ein wenig unterschieden. Der Anblick verursachte ein
Gefühl von Unbehagen. Er machte unw.gbar, was sie
dachte. In dieser Hinsicht geh.rte sie nicht zu jenem Typ
sch.ner Frauen, die Fotomodell oder Popstar wurden.
Stattdessen hatte sie etwas, das anziehend und st.rend
zugleich wirkte.
Tengo klappte sein Buch zu und legte es beiseite. Er nahm
eine aufrechte Haltung ein und trank einen Schluck
Wasser. Es war genau, wie Komatsu gesagt hatte. Falls diese
junge Frau einen Literaturpreis bek.me, würden die
Medien nicht mehr von ihr ablassen. Ganz ohne Zweifel
g.be es eine kleine Sensation. Sollte man so etwas wirklich
tun?
Der Kellner brachte ihr ein Glas Wasser und die
Speisekarte. Noch immer rührte Fukaeri sich nicht. Ohne
nach der Speisekarte zu greifen, sah sie Tengo nur weiter
an. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Guten Tag zu
sagen. Neben ihr kam er sich noch gr..er vor.
Fukaeri starrte ihn weiter an, ohne die Begrü.ung zu
erwidern. .Ich kenne Sie., sagte sie kurz darauf mit leiser
Stimme.
.Du kennst mich?., fragte Tengo.
.Sie lehren Mathematik..
Tengo nickte. .Genau..
.Ich habe zweimal zugeh.rt..
.Meinem Mathematikunterricht?.
.Ja..
Sie hatte eine sehr eigentümliche Art zu sprechen.
Schn.rkellose S.tze, mit einem chronischen Mangel an
Betonung und einem sehr begrenzten (zumindest machte
es diesen Eindruck auf ihn) Vokabular. Wie Komatsu gesagt
hatte – ganz sicher ungew.hnlich.
.Das hei.t, du warst Schülerin an meiner Yobiko?., fragte
Tengo.
Fukaeri schüttelte den Kopf. .Ich hab blo. zugeh.rt..
.Eigentlich darf niemand ohne Schulbescheinigung in die
Klassenr.ume..
Fukaeri zuckte nur kurz mit den Schultern, als wolle sie
sagen: So kann auch nur ein Erwachsener reden.
.Wie fandest du die Stunde?., fragte Tengo. Eine weitere
sinnlose Frage.
Fukaeri nahm einen Schluck Wasser. Sie machte ein
gelangweiltes Gesicht und gab keine Antwort. Aber da sie
ein zweites Mal in seinen Unterricht gekommen war,
konnte der erste Eindruck ja wohl nicht allzu schlecht
gewesen sein, dachte Tengo. H.tte sie kein Interesse
gehabt, w.re sie sicher nach dem ersten Mal fortgeblieben.
.Du bist in der zw.lften Klasse, stimmt’s?., fragte Tengo.
.Kann man so sagen..
.Machst du die Aufnahmeprüfung für eine Universit.t?.
Sie schüttelte den Kopf.
Tengo konnte nicht beurteilen, ob das hei.en sollte: .Ich
will nicht über die Aufnahmeprüfung reden. oder: .Ich
mache keine.. Er erinnerte sich, dass Komatsu am Telefon
gesagt hatte, sie sei ein erstaunlich wortkarges M.dchen.
Der Kellner kam, um ihre Bestellung aufzunehmen.
Fukaeri hatte noch immer ihren Mantel an. Sie bestellte
Salat mit Brot. .Das ist alles., sagte sie und reichte dem
Kellner die Speisekarte zurück. .Und ein Glas Wei.wein.,
fügte sie hinzu, als sei es ihr pl.tzlich eingefallen.
Der junge Kellner schien sie nach ihrem Alter fragen zu
wollen, aber unter Fukaeris starrem Blick err.tete er und
schluckte die Frage hinunter. Respekt, dachte Tengo
erneut. Er bestellte Linguini mit Meeresfrüchten und wie
sein Gast ein Glas Wei.wein.
.Sie sind Lehrer und schreiben., sagte Fukaeri. Offenbar
richtete sie damit eine Frage an Tengo. Das Fehlen jeglicher
fragender Intonation geh.rte zu den Eigenheiten ihrer
Sprechweise.
.Im Augenblick, ja., sagte Tengo.
.Keins von beidem sieht man Ihnen an..
.Das kann sein., sagte Tengo. Er wollte l.cheln, aber es
gelang ihm nicht richtig. .Ich habe zwar Lehramt studiert
und unterrichte, aber offiziell kann ich mich nicht Lehrer
nennen, und ich schreibe zwar, aber ein Schriftsteller bin
ich auch nicht, weil noch nichts von mir gedruckt wurde..
.Also keins von beidem..
Tengo nickte. .Genau. Im Augenblick bin ich nichts..
.Sie m.gen Mathematik..
Tengo beantwortete ihre mit typischer Betonungslosigkeit
gestellte Frage. .Ja, sehr. Schon früher und jetzt auch
noch..
.Warum..
.Du meinst, was mir an der Mathematik gef.llt?.,
erg.nzte Tengo. .Tja, also, wenn ich mich Zahlen
gegenübersehe, entspanne ich mich augenblicklich. Die
Dinge sind dann da, wo sie sein sollten..
.Das mit der Integralrechnung fand ich interessant..
.In meinem Unterricht an der Yobiko?.
Fukaeri nickte.
.Magst du Mathematik?.
Fukaeri schüttelte kurz den Kopf. Sie mochte Mathematik
nicht.
.Aber die Integralrechnung hat dich interessiert?., fragte
Tengo.
Fukaeri zuckte leicht mit den Schultern. .Sie haben
darüber gesprochen, als l.ge sie Ihnen am Herzen..
.Aha.. Es war das erste Mal, dass jemand ihm das sagte.
.Wie von einem Menschen, den Sie gern haben., sagte
sie.
.Vielleicht gerate ich zu sehr in Begeisterung, wenn ich
über arithmetische Reihen referiere., erkl.rte Tengo. .Von
allen Bereichen der Oberschulmathematik gefallen mir
pers.nlich die Reihen am besten..
.Sie m.gen die Reihen., fragte Fukaeri wieder ohne
fragende Intonation.
.Für mich sind sie wie Bachs Wohltemperiertes Klavier.
Ich bekomme sie nie satt. Entdecke immer Neues an
ihnen..
.Das Wohltemperierte Klavier kenne ich..
.Magst du Bach?.
Fukaeri nickte. .Der Sensei h.rt ihn immer..
.Der Sensei?., fragte Tengo. .Meinst du einen Lehrer an
deiner Schule?.
Fukaeri antwortete nicht. Ihre Miene besagte, dass es
noch zu früh sei, um darüber zu reden.
Dann – als sei es ihr gerade eingefallen – zog sie ihren
Mantel aus. Sie wand sich wie ein Insekt, das sich aus seiner
Verpuppung sch.lt, und legte ihn anschlie.end, ohne ihn
zusammenzufalten, auf den Stuhl neben sich. Unter dem
Mantel trug sie einen leichten hellgrünen Pullover und
wei.e Jeans. Keinen Schmuck. Und auch kein Make-up.
Dennoch fiel sie auf. Ihre im Verh.ltnis zu ihrem zarten
K.rperbau gro.en Brüste zogen ungewollt die Blicke auf
sich. Sie waren auch sehr sch.n geformt. Er musste sich
davor hüten, dauernd hinzuschauen. Aber noch w.hrend er
dies dachte, ertappte er sich dabei. Es war, als würde sein
Blick ins Zentrum eines m.chtigen Strudels gesogen.
Der Wei.wein wurde serviert. Fukaeri nahm einen
Schluck davon. Sie betrachtete nachdenklich das Glas und
stellte es wieder auf den Tisch. Tengo nippte nur zum
Schein an seinem Wein. Er hatte noch ein wichtiges
Gespr.ch vor sich.
Fukaeri griff sich in ihr glattes schwarzes Haar und fuhr
mit den Fingern hindurch wie mit einem Kamm. Es war
eine bezaubernde Geste. Sie hatte wundersch.ne H.nde.
Jeder ihrer schlanken Finger sah aus, als verfüge er über
eigene Absichten und Pl.ne. Ihm war, als besitze sie
magische Kr.fte.
.Was mir an der Mathematik gef.llt?., stellte Tengo sich
die Frage noch einmal selbst, um seine Aufmerksamkeit
von ihren Brüsten und Fingern abzulenken.
.Der Fluss der Mathematik gleicht dem von Wasser.,
sagte Tengo. .Natürlich gibt es eine Menge komplizierter
Theorien, aber die konkrete Basis ist sehr einfach. Es ist wie
beim Wasser, das sich, wenn es von oben nach unten flie.t,
stets die kürzeste Distanz sucht und dabei ganz natürlich
seinen Weg findet. Du musst nur genau hinsehen. Ohne
etwas zu tun. Wenn man sich konzentriert und die Augen
aufh.lt, kl.rt sich alles von selbst. Nichts auf dieser gro.en
weiten Welt verh.lt sich so zuvorkommend wie die
Mathematik..
Fukaeri dachte kurz nach.
.Warum schreiben Sie., sagte sie in einem Ton, dem jede
Melodie fehlte.
Tengo wandelte ihre Frage in einen l.ngeren Satz um.
.Wenn mir die Mathematik solchen Spa. macht, br.uchte
ich mich doch nicht so anzustrengen und auch noch zu
schreiben? Würde es nicht genügen, wenn ich mich ganz
der Mathematik widmete? Ist es das, was du sagen
m.chtest?.
Fukaeri nickte.
.Wei.t du, es ist so. Das wirkliche Leben unterscheidet
sich von der Mathematik. In ihm beschr.nken sich die
Dinge nicht darauf, ihrem natürlichen Fluss zu folgen und
den kürzesten Weg einzuschlagen. Für mich ist die
Mathematik – wie soll ich sagen – allzu selbstverst.ndlich.
Sie ist für mich wie eine sch.ne Landschaft. Sie ist einfach
nur das, was da ist. Sozusagen Dasein an sich. Es muss
nichts daran ver.ndert werden. Deshalb habe ich, wenn ich
mich in die Mathematik vertiefe, mitunter das Gefühl,
transparent zu werden, in ihr aufzugehen. Manchmal
macht mir das Angst..
Fukaeri wandte ihren Blick nicht von ihm. Als würde sie
ihr Gesicht an eine Fensterscheibe drücken und in ein
leeres Haus sp.hen.
.Wenn ich schreibe., sagte Tengo, .verwandle ich die
mich umgebende Landschaft in etwas, das mir
angemessener ist.
Im Grunde erschaffe ich sie neu. Damit verorte ich mich
als Mensch auf dieser Welt, vergewissere mich meiner
Existenz. Das ist eine v.llig andere Besch.ftigung als die
mit der Mathematik..
.Sich seiner Existenz vergewissern., sagte Fukaeri.
.Ich kann es nicht besonders gut ausdrücken., sagte
Tengo.
Fukaeri sah nicht aus, als h.tte Tengos Erkl.rung sie
überzeugt, aber sie sagte nichts mehr. Sie führte nur ihr
Weinglas zum Mund. Sie schlürfte ein bisschen, und es
klang, als würde sie einen Strohhalm benutzen.
.Letztlich hast du das Gleiche getan, wenn ich so sagen
darf. Du hast etwas, das du gesehen hast, mit deinen
Worten verwandelt und neu geschaffen. Und dich und
deine Existenz als Mensch darin verortet., sagte Tengo.
Das Weinglas in der Hand, dachte Fukaeri einen Moment
nach, .u.erte sich aber nicht.
.Der Prozess mündet in eine Form und wird zu etwas
Bleibendem. Einem Werk., fuhr Tengo fort. .Und wenn
dieses Werk die Anerkennung und das Interesse vieler
Menschen erregt, ist es ein literarisches Werk, das einen
objektiven Wert hat..
Fukaeri schüttelte entschieden den Kopf. .Form
interessiert mich nicht..
.Die Form interessiert dich nicht?., wiederholte Tengo.