dachte sie.
Nachdem Aomame dem Fahrer ihr Ziel mitgeteilt hatte,
lie. sie sich tief in den Sitz zurücksinken und schloss die
Augen. Momentan warteten die beiden M.nner in den
dunklen Anzügen wohl noch immer darauf, dass ihr
Oberhaupt aufwachte. Aomame sah vor sich, wie der
Kahlk.pfige hin und wieder einen Blick auf seine Uhr warf.
W.hrend er seinen Kaffee trank, dachte er über seine
Aufgabe nach. Er grübelte. Vielleicht war ihm der Schlaf
des Leaders zu ruhig. Aber er schlief stets tief und
ger.uschlos. Ohne Schnarchen und lautes Atmen. Also war
alles wie immer. Er würde zwei Stunden schlafen, hatte die
Frau gesagt. Und dass diese Zeitspanne n.tig sei, damit
seine Muskeln sich erholten. Es war noch nicht einmal eine
Stunde vergangen. Aber irgendetwas machte ihn nerv.s.
Vielleicht sollte er doch lieber nachsehen. Er war unsicher.
Doch die eigentliche Gefahr war der Typ mit dem
Pferdeschwanz. Aomame erinnerte sich noch lebhaft an die
Aura aufflackernder Gewalt, die von ihm ausgegangen war,
als sie das Zimmer verlassen hatte. Er war ein Mann, der
nicht viele Worte machte, aber über einen ausgepr.gten
Instinkt verfügte. Wahrscheinlich war er ein
hervorragender Kampfsportler. Weit f.higer, als sie
angenommen hatte. Ihre eigene Kampfsporttechnik h.tte
ihr wahrscheinlich nichts genützt. Er h.tte ihr nicht einmal
genug Zeit gelassen, ihre Waffe zu ziehen. Doch
glücklicherweise war er kein Profi. Bevor er seine Intuition
in die Tat hatte umsetzen k.nnen, hatte sich sein Verstand
eingeschaltet. Er war daran gew.hnt, Befehle zu
empfangen. Anders als Tamaru. Tamaru h.tte erst
nachgedacht, nachdem er den Gegner gepackt und au.er
Gefecht gesetzt h.tte. An erster Stelle stand das Handeln.
Er vertraute v.llig auf seinen Instinkt, der logische Schluss
kam sp.ter. Z.gerte man auch nur einen Augenblick, war
es zu sp.t. Das wusste er.
Als Aomame sich an diesen Moment erinnerte, brach ihr
unter den Achseln der Schwei. aus. Sie schüttelte stumm
den Kopf. Ich hatte Glück. Zumindest konnte ich es
vermeiden, lebendig am Tatort gefangen genommen zu
werden. Von nun an muss ich sehr aufpassen. Auf Tamaru
h.ren. Aufpassen und durchhalten, darauf kommt es an.
Ein Augenblick der Unachtsamkeit, und die Gefahr ist da.
Der Taxifahrer war ein gespr.chiger, hilfsbereiter Mann in
mittlerem Alter. Er holte einen Stadtplan hervor, hielt an,
schaltete den Taxameter ab, suchte nach der Adresse und
fuhr sie direkt vor das Haus. Aomame bedankte sich und
stieg aus. Es war ein fünfst.ckiges elegantes, neues
Geb.ude, mitten in einem Wohnviertel. Am Eingang war
niemand zu sehen. Aomame gab 2831 ein, das automatische
Schloss entriegelte sich, und die Tür ging auf. Mit dem
kleinen, aber sehr sauberen Aufzug fuhr sie in den zweiten
Stock. Als sie ausstieg, sah sie als Erstes nach, wo sich
Notausgang und Treppe befanden. Sie l.ste den mit
Klebeband befestigten Schlüssel von der Fu.matte, schloss
auf und betrat die Wohnung. Beim .ffnen der Tür
schaltete sich automatisch die Flurbeleuchtung ein. Es
herrschte der charakteristische Geruch neuer Geb.ude.
M.bel und Elektroger.te waren offenbar auch nagelneu
und wiesen keine Gebrauchsspuren auf. Wahrscheinlich
hatte man sie gerade erst aus dem Karton befreit und die
Plastikfolie entfernt. Es sah aus, als sei jemand in einen
Designerladen gegangen und habe alles in einem Schwung
gekauft, um damit eine Musterwohnung einzurichten. Alle
Gegenst.nde waren schlicht und funktional, aber nichts
Lebendiges ging von ihnen aus.
Links vom Eingang lagen Ess- und Wohnbereich. Ein Flur
führte zu Toilette und Bad. Dahinter lagen zwei
Schlafzimmer. In dem einen stand ein schon bezogenes
franz.sisches Bett. Die Jalousien waren heruntergelassen.
Wenn man das Fenster zur Stra.e .ffnete, ert.nte wie
fernes Meeresrauschen der Verkehrsl.rm auf der
Ringstra.e 7. Bei geschlossenem Fenster war so gut wie
nichts zu h.ren. Vom Wohnzimmer ging ein kleiner Balkon
ab, von dem man, durch eine Stra.e getrennt, auf einen
kleinen Park mit Schaukeln, einer Rutschbahn, einem
Sandkasten und .ffentlichen Toiletten blickte. Eine hohe
Quecksilberlaterne lie. die Umgebung unnatürlich hell
erscheinen. Ein gro.er Keyakibaum breitete seine .ste über
dem Spielplatz aus. Das Apartment lag im zweiten Stock,
aber in der n.heren Umgebung gab es keine hohen
Geb.ude, sodass sie keine unerwünschten Blicke zu
fürchten hatte.
Aomame dachte an die billige Wohnung in Jiyugaoka, die
sie vor kurzem verlassen hatte. Das Haus war ziemlich alt
und nicht gerade sauber gewesen, hin und wieder hatte es
Kakerlaken gegeben. Ganz zu schweigen von den dünnen
W.nden. Sie konnte wirklich nicht behaupten, dass sie
daran gehangen hatte. Aber jetzt sehnte sie sich dorthin
zurück. In dem sterilen anonymen Apartment, in dem alles
nagelneu war, fühlte sie sich wie ein Mensch ohne Namen,
dem man sein Ged.chtnis und seine Individualit.t geraubt
hatte.
Sie .ffnete den Kühlschrank. In der Tür standen vier kalte
Dosen Heineken. Aomame riss eine davon auf und nahm
einen Schluck. Sie schaltete den Fernseher mit dem 21-Zoll-
Bildschirm ein und setzte sich davor, um sich die
Nachrichten anzuschauen. Es wurde über das Gewitter und
die ungew.hnliche Konzentration des Regens berichtet.
Wichtigste Meldung war die überflutung der Station
Akasaka-mitsuke und der Ausfall der Linien Marunouchi
und Ginza. Die Regenmassen waren wasserfallartig die
Stufen zum Bahnhof hinuntergeflossen. In .lzeug gehüllte
Bahnbeamte hatten Sands.cke vor die Eing.nge gepackt,
aber es war bereits zu sp.t gewesen. Der U-Bahn-Verkehr
musste eingestellt werden, Aussicht auf Weiterfahrt
bestand nicht. Ein Reporter hielt auf ihrer Heimfahrt
gestrandeten Passanten sein Mikrofon unter die Nase und
fragte sie nach ihrer Meinung. Einige beschwerten sich,
dass der Wetterbericht am Morgen einen v.llig klaren Tag
angekündigt habe.
Aomame sah sich die Sendung bis ganz zu Ende an, aber
der Tod des Vorreiter-Oberhaupts wurde natürlich nicht
erw.hnt. Die beiden Leibw.chter warteten wahrscheinlich
noch im Nebenzimmer, dass die zwei Stunden vergingen.
Erst dann würden sie die Wahrheit erfahren. Sie nahm den
Beutel aus ihrer Reisetasche, zog die Heckler & Koch hervor
und legte sie auf den Esstisch. Die in Deutschland
hergestellte Pistole wirkte seltsam stumm und brutal. Und
so unendlich schwarz. Doch immerhin schien sie in der
sterilen, stereotypen Wohnung einen gewissen Punkt der
Intensit.t zu schaffen. .Szene mit Automatikpistole.,
murmelte Aomame. Ein guter Titel für ein Gem.lde.
Jedenfalls musste sie die Waffe von nun an immer bei sich
tragen. Sie stets griffbereit haben. Um jederzeit sich selbst
oder einen anderen erschie.en zu k.nnen.
Mit den Lebensmitteln, die in dem gro.en Kühlschrank
bereitgestellt waren, konnte sie notfalls etwa einen halben
Monat lang auskommen. Obst und Gemüse waren da und
einige fertige Gerichte zum sofortigen Verzehr. Im Eisfach
waren verschiedene Sorten Fleisch, Fisch und Brot
eingefroren. Sogar Eiscreme gab es. Im Küchenschrank
befanden sich alle m.glichen fertigen Sachen, Dosen und
eine ganze Palette g.ngiger Gewürze. Reis und Nudeln
waren auch vorhanden. Reichlich Mineralwasser und je
zwei Flaschen Rot- und Wei.wein standen bereit. Wer all
diese Dinge besorgt hatte, wusste sie nicht, aber die Person
schien an alles gedacht zu haben. Im Moment fiel ihr nichts
ein, das fehlte.
Da sie ein wenig hungrig war, schnitt sie sich Stücke von
einem Camembert ab, die sie zu ein paar Crackern
verzehrte. Nachdem sie den K.se zur H.lfte gegessen hatte,
wusch sie eine Stange Sellerie und knabberte sie mit etwas
Mayonnaise.
Sp.ter zog sie der Reihe nach die Schubladen der
Schlafzimmerkommode auf. In der obersten fand sie einen
Schlafanzug und einen dünnen Bademantel. Sie waren neu
und noch in Plastikfolie verpackt. Alles sehr
vorausschauend. In der n.chsten Schublade lagen T-Shirts,
drei Paar Socken, Strümpfe und Unterw.sche zum
Wechseln. Die schlichten wei.en, zum Design der M.bel
passenden Sachen waren s.mtlich noch verpackt. Sie fühlte
sich ein bisschen wie in der Bibliothek von Jay Gatsby. Die
Bücher waren echt, aber die Seiten noch nicht
aufgeschnitten. Wahrscheinlich waren es die gleichen
Sachen, die man auch den Neuank.mmlingen im
Frauenhaus zur Verfügung stellte. Alles war von solider
Qualit.t und vermittelte ein wenig den Eindruck von
.Hilfsgütern..
Im Bad stand alles N.tige bereit – Shampoo, Spülung,
Hautcreme und Eau de Cologne. Da Aomame
normalerweise kein Make-up verwendete, beschr.nkte sich
das Sortiment auf das N.tigste. Zahnbürste, Zahnseide und
Zahnpasta waren auch da. Ebenso eine Haarbürste,
Wattest.bchen, Rasierer, eine kleine Schere,
Monatsbinden. Sogar ein Vorrat an Toilettenpapier und
Kosmetiktüchern war vorhanden. In einem Schrank
stapelten sich ordentlich gefaltete Bade- und
Gesichtshandtücher. An alles war gedacht, und alles war
gewissenhaft angeordnet.
In der Erwartung, Garderobe und Schuhe – natürlich von
Armani und Ferragamo – in ihrer Gr..e vorzufinden,
.ffnete Aomame den Kleiderschrank. Aber sie wurde
entt.uscht, der Schrank war leer. So weit war man dann
doch nicht gegangen. Ihre Helfer wussten offenbar, wo die
Sorgfalt aufh.rte und die übertreibung begann. Au.erdem
würde sie, w.hrend sie hier war, wohl kaum in eine
Situation geraten, in der sie Ausgehgarderobe brauchte. Auf
unn.tige Dinge hatte man verzichtet. Kleiderbügel gab es
allerdings im überfluss.
Aomame packte ihre Reisetasche aus und h.ngte ihre
Sachen auf, nachdem sie sich bei jedem einzelnen Stück
überzeugt hatte, dass es nicht zerknittert war. Ihr war klar,
dass es für den Fall einer überstürzten Flucht besser
gewesen w.re, sie in der Tasche zu lassen, aber wenn es auf
dieser Welt etwas gab, das Aomame verabscheute, dann
war es zerknitterte Kleidung.
Zum eiskalten Profigangster habe ich wohl nicht das
Zeug, dachte sie. Sich in so einem Moment Gedanken über
zerdrückte Kleidung zu machen! Pl.tzlich musste sie an
eine Unterhaltung denken, die sie irgendwann mit Ayumi
geführt hatte.
.DU MEINST, GELD UNTER DER MATRATZE
VERSTECKEN, DAMIT MAN ES HERAUSZIEHEN UND
AUS DEM FENSTER ABHAUEN KANN, WENN ES ENG
WIRD..
.Genau, genau., hatte Ayumi gerufen und mit den
Fingern geschnippt. .Wie in Getaway. Diesem Film mit
Steve McQueen. Dollarbündel und Shotguns. Das gef.llt
mir..
.Kein sehr vergnügliches Dasein., sagte Aomame zur
Wand.
Sie ging ins Bad, zog sich aus und stieg unter die Dusche.
Mit hei.em Wasser spülte sie sich das unangenehm
verschwitzte Gefühl vom K.rper. Anschlie.end setzte sie
sich an die Küchentheke, trank das restliche Bier und
rubbelte sich dabei mit einem Handtuch die nassen Haare.
Heute hat sich einiges vorw.rtsbewegt, dachte Aomame.
Knack hat’s gemacht, und das Zahnrad ist weitergerückt.
Und wenn sich ein Zahnrad einmal vorw.rts bewegt hat,
l.sst es sich nicht mehr zurückdrehen. Das ist das Gesetz
der Welt.
Aomame nahm die Pistole, richtete sie auf sich und
steckte sich den Lauf in den Mund. Hart und kalt fühlte
sich der Stahl an ihren Vorderz.hnen an. Es schmeckte
nach Schmier.l. Jetzt k.nnte sie sich das Gehirn wegblasen.
Sie br.uchte nur den Hahn zu spannen und den Abzug zu
drücken. Und alles w.re sofort zu Ende. Sie müsste nicht
mehr denken. Und nicht mehr flüchten.
Aomame fürchtete sich nicht vor dem Tod. Ich sterbe,
damit Tengo am Leben bleibt, dachte sie. Er wird von nun
an in der Welt mit den zwei Monden leben. Aber ich
geh.re nicht mehr dazu. Ich werde ihn nie wiedersehen.
Auf keiner Welt, weder in dieser noch in einer anderen.
Zumindest hat das der Leader gesagt.
Noch einmal schaute Aomame sich um. Es sieht hier
wirklich aus wie in einer Musterwohnung, dachte sie.
Sauber und einheitlich. Alles Notwendige ist vorhanden.
Aber es ist unpers.nlich und kalt, wie eine Pappkulisse. An
einem solchen Ort zu sterben w.re nicht gerade erfreulich.
Aber konnte der Tod überhaupt jemals erfreulich sein?
Selbst wenn man diese Kulisse durch eine anheimelndere
ersetzen würde? War nicht letzten Endes die ganze Welt
blo. eine riesige Musterwohnung? Man kam rein, setzte
sich hin, trank Tee, schaute aus dem Fenster, und wenn es
Zeit wurde, bedankte man sich und ging. S.mtliche
Einrichtungsgegenst.nde waren nicht mehr als l.ppische
Imitationen. Wahrscheinlich waren sogar die Monde vor
dem Fenster aus Pappe.
Aber ich liebe Tengo, dachte Aomame. Leise sprach sie
die Worte aus. Ich liebe Tengo. Das ist kein Tingeltangel.
Wir befinden uns jetzt im Jahr 1Q84, in einer wirklichen
Welt, in der Blut flie.t. Schmerz war überall Schmerz, und
Angst war überall Angst. Die Monde am Himmel waren
nicht aus Pappe. Sie waren echt. Alle beide. Ein Paar echter
Monde. Und auf dieser Welt werde ich freiwillig für Tengo
in den Tod gehen. Und mir von niemandem sagen lassen,
das w.re von Pappe.
Aomame warf einen Blick auf die runde Uhr, die an einer
Wand hing. Ein schlichtes Design von der Firma Braun.
Passend zur Heckler & Koch. Abgesehen von der Uhr waren
die W.nde kahl. Es war ungef.hr zehn Uhr. Die Stunde, in
der die beiden M.nner die Leiche des Leaders entdecken
würden, rückte n.her.
Im Schlafzimmer einer Suite des Hotel Okura war ein
Mann gestorben. Ein au.ergew.hnlicher, stattlicher Mann.
Er war in eine andere Welt hinübergegangen. Nichts und
niemand konnte ihn wieder auf diese Seite zurückbringen.
Und jetzt beginnt die Geisterstunde.
KAPITEL 16
Tengo
Wie ein Geisterschiff
Wie würde die Welt morgen aussehen?
.Das wei. niemand., sagte Fukaeri.
Doch als Tengo am n.chsten Morgen erwachte, machte es
nicht den Eindruck, als habe die Welt sich in der Nacht
zuvor ver.ndert. Die Uhr an seinem Kopfende stand auf