sich. Schwer zu glauben, aber wenn das stimmt, sitzen wir
auf einer Zeitbombe..
.Oder es ist doch alles nur ein Zusammentreffen
glücklicher Umst.nde..
.Selbst wenn, auch so was h.lt nicht ewig an..
Tengo bedankte sich und beendete das Gespr.ch.
.Herr Komatsu war seit einer Woche weder im Verlag,
noch hat er sich dort gemeldet., sagte Tengo zu Fukaeri,
nachdem er aufgelegt hatte.
Fukaeri schwieg.
.Anscheinend verschwinden allm.hlich alle Leute aus
meinem Umfeld., sagte Tengo.
Fukaeri sagte noch immer nichts.
Pl.tzlich fiel Tengo ein, dass jeden Tag vierzig Millionen
Hautzellen abstarben. Sie fielen ab, verwandelten sich in
unsichtbaren Staub und verschwanden im Raum. Vielleicht
sind wir Menschen für die Welt auch nichts anderes als
Hautzellen, dachte er. So gesehen war es nicht
verwunderlich, dass jemand eines Tages pl.tzlich
verschwand.
.Vielleicht bin ich als N.chster an der Reihe., sagte er.
Fukaeri schüttelte entschieden den Kopf. .Sie gehen nicht
verloren..
.Und warum nicht?.
.Weil Sie die Reinigung gemacht haben..
Tengo überlegte einige Sekunden, kam aber natürlich zu
keinem Schluss. Er wusste von vorneherein, dass alles
Grübeln sinnlos war. Dennoch konnte er nicht anders, als
zumindest einen Versuch zu machen.
.Jedenfalls k.nnen wir uns jetzt nicht mit Komatsu
treffen., sagte Tengo. .Das Geld kann ich ihm auch nicht
zurückgeben..
.Das Geld ist nicht das Problem., sagte Fukaeri.
.Was ist dann das Problem?., fragte Tengo.
Natürlich erhielt er keine Antwort.
Tengo beschloss, nach Aomame zu suchen, wie er es sich
in der vergangenen Nacht vorgenommen hatte. Wenn er
einen Tag lang konzentriert daran arbeitete, müsste es ihm
m.glich sein, eine Spur zu finden. Doch als er sich wirklich
daranmachte, sollte ihm bald klar werden, dass diese
Aufgabe viel schwieriger war, als er erwartet hatte.
Er lie. Fukaeri in seiner Wohnung zurück (.Wenn
jemand kommt, machst du auf keinen Fall auf., sch.rfte er
ihr mehrmals ein) und machte sich auf den Weg zum
Fernamt, wo man s.mtliche Telefonbücher Japans einsehen
konnte. Zun.chst nahm er sich die Verzeichnisse aller
dreiundzwanzig Stadtbezirke Tokios vor und schaute unter
Aomame nach. Auch wenn sie selbst nicht mehr hier
wohnte, gab es vielleicht irgendwo Verwandte, bei denen er
sich nach ihr erkundigen konnte.
Aber in keinem der Telefonbücher fand er den Namen
Aomame. Er dehnte seine Suche auf den Gro.raum Tokio
aus, doch auch da entdeckte er nicht eine Person dieses
Namens. Schlie.lich bezog er das ganze ostjapanische
Kanto-Gebiet in seine Nachforschungen ein. Die
Pr.fekturen Chiba, Kanagawa, Saitama … Danach war er
mit seiner Kraft und seiner Zeit am Ende. Vom Starren auf
die winzigen Zeichen in den Telefonbüchern taten ihm die
Augen weh.
Mehrere M.glichkeiten kamen ihm in den Sinn.
1. Aomame lebte in einem Vorort der Stadt Utashinai auf
Hokkaido.
2. Sie hatte geheiratet und ihren Nachnamen in .Ito.
ge.ndert.
3. Sie hatte sich nicht ins Telefonbuch eintragen lassen,
um ihre Privatsph.re zu schützen.
4. Sie war im Frühling vor zwei Jahren an einer t.dlichen
Grippe gestorben.
Daneben musste es noch zahllose andere M.glichkeiten
geben. Es war sinnlos, sich nur auf die Telefonbücher zu
verlassen. Er konnte schlie.lich nicht alle Verzeichnisse
Japans durchsuchen. Bis er bei Hokkaido ankam, würde
bestimmt ein Monat vergehen. Er musste einen anderen
Weg finden.
Tengo kaufte sich eine Telefonkarte und ging in eine der
Kabinen im Fernamt. Von dort rief er in seiner ehemaligen
Grundschule in Shinagawa an und lie. eine Angestellte
unter dem Vorwand, ein Klassentreffen organisieren zu
wollen, im Schulregister nach Aomames Adresse suchen.
Die freundliche, offenbar nicht sehr besch.ftigte Dame
bl.tterte die Liste der ehemaligen Schüler durch. Da
Aomame in der fünften Klasse vorzeitig die Schule
gewechselt habe, sei ihr Name nicht ins Schulregister
eingetragen und auch ihre gegenw.rtige Adresse nicht
bekannt. Aber natürlich k.nne sie die damalige
Umzugsadresse nachschauen. Ob ihm damit geholfen sei?
Tengo bejahte und notierte sich Adresse und
Telefonnummer. Sie war damals in den Tokioter
Stadtbezirk Adachi zur Familie eines gewissen Koji Tazaki
gezogen. Offenbar hatte Aomame damals aus irgendeinem
Grund ihr Elternhaus verlassen. Es musste etwas
vorgefallen sein. Wenig hoffnungsvoll w.hlte Tengo die
Nummer. Wie erwartet, war sie nicht mehr in Gebrauch.
Immerhin war sie zwanzig Jahre alt. Als er sich bei der
Auskunft nach Koji Tazaki erkundigte, sagte man ihm, der
Name sei nicht registriert.
Anschlie.end versuchte Tengo die Zentrale der Zeugen
Jehovas ausfindig zu machen. Aber alles Suchen half nicht,
weder unter .Zeugen. noch unter .Vor der Sintflut. oder
.hnlichen Bezeichnungen war eine Kontaktadresse
eingetragen. Selbst im Branchenverzeichnis unter
.Religionsgemeinschaften. wurde er nicht fündig. Nach
l.ngeren erfolglosen Bemühungen gelangte Tengo zu dem
Schluss, dass die Leute vielleicht keinen Wert auf Kontakte
legten.
Das war ziemlich sonderbar, wenn man es sich recht
überlegte. Die Zeugen Jehovas überfielen einen zu jeder
m.glichen und unm.glichen Zeit. Ob man gerade ein
Soufflé im Ofen hatte, dabei war, etwas zu l.ten, sich die
Haare zu waschen, M.use zu dressieren oder über
quadratische Funktionen nachzudenken, sie klingelten
oder klopften dessen ungeachtet und sagten ganz fr.hlich:
.Lassen Sie uns gemeinsam die Heilige Schrift lesen.. Aber
umgekehrt schien ihnen nichts daran zu liegen, dass
jemand sie aufsuchte. Anscheinend konnte man sie nicht
einfach von sich aus besuchen (solange man kein Mitglied
war). Nicht einmal eine einfache Frage stellen konnte man.
Wenn das nicht umst.ndlich war!
Doch selbst wenn er die Telefonnummer herausgefunden
und angerufen h.tte, war es bei diesem Argwohn kaum
denkbar, dass die Zeugen Jehovas seinem Anliegen
entsprochen und bereitwillig Informationen über einzelne
Mitglieder preisgegeben h.tten. Aus ihrer Sicht hatten sie
sicher gute Gründe, auf der Hut zu sein. Wegen ihrer
sonderbaren und extremen Lehren und der Engstirnigkeit
ihres Glaubens waren sie vielen Menschen zuwider. Sie
verursachten einige gesellschaftliche Probleme und wurden
beinahe verfolgt. Es geh.rte vermutlich zu ihren
Eigenarten, ihre Gemeinschaft vor einer nicht gerade
wohlwollenden .ffentlichkeit zu schützen.
Jedenfalls war Tengo auf seiner Suche nach Aomame
dieser Weg vorl.ufig verschlossen. Momentan hatte er auch
keine Idee, wie und wo er noch suchen konnte. Aomame
war ein ungemein seltener Name. Wer ihn einmal geh.rt
hatte, würde ihn so schnell nicht vergessen. Doch bei
seinem Versuch, jemanden mit diesem Namen
aufzuspüren, war er ziemlich rasch gegen eine dicke Mauer
gesto.en.
Vielleicht k.me er schneller zum Ziel, wenn er einen der
Zeugen Jehovas pers.nlich befragte. In der Zentrale w.re
man vielleicht misstrauisch und würde ihn abweisen, aber
ein einzelnes Mitglied w.re vielleicht bereitwilliger. Leider
kannte Tengo keinen einzigen Zeugen Jehovas. Und
eigentlich hatte er auch seit nahezu zehn Jahren keinen
Besuch von ihnen erhalten. Warum kamen diese Leute
immer nur, wenn man sie nicht brauchte? Aber wenn man
dann mal einen brauchte, lie. sich keiner blicken.
Ihm fiel ein, dass er eine dreizeilige Annonce in der
Zeitung aufgeben k.nnte: .Frau Aomame, bitte melden Sie
sich. Dringend. Kawana.. Ein bl.der Text. Und selbst wenn
Aomame die Anzeige las, warum sollte sie sich melden? Sie
würde h.chstens misstrauisch werden. Kawana war kein
sehr h.ufiger Name; dennoch konnte Tengo sich kaum
vorstellen, dass sie sich noch an seinen Nachnamen
erinnern würde. Kawana? Wer ist das denn? Melden würde
sie sich jedenfalls nicht. Ob überhaupt irgendjemand auf
der Welt solche Kleinanzeigen las?
Eine weitere M.glichkeit w.re es, eine Detektei zu
beauftragen. Für diese Leute war es ganz allt.glich,
Menschen aufzuspüren. Sie hatten die n.tigen Mittel und
Verbindungen. Ein Detektiv würde Aomame vielleicht ganz
schnell ausfindig machen. Aufgrund weniger Hinweise.
Wahrscheinlich würde das gar nicht so viel kosten.
Dennoch fand er, er sollte sich dieses Mittel bis zum
Schluss aufheben. Zuerst wollte er es auf eigene Faust
versuchen. Es war besser, sich zu überlegen, was er selbst
noch unternehmen k.nnte.
Es d.mmerte bereits, als er nach Hause kam. Fukaeri sa.
auf dem Boden und h.rte die alten Jazzplatten, die seine
Freundin zurückgelassen hatte. Um sie herum lagen Hüllen
verstreut: Duke Ellington, Benny Goodman und Billie
Holiday. Im Augenblick drehte sich .Chantez les bas. von
Louis Armstrong auf dem Plattenteller. Ein eindrucksvolles
Lied. Tengo musste an seine Freundin denken. Sie hatten
diese Platte oft geh.rt, beim Sex und auch sonst. Im letzten
Teil geriet Trummy Young an der Posaune so in Ekstase,
dass er verga., sein Solo vorschriftsm..ig zu beenden, und
auch noch die letzten acht Takte des Schlussrefrains
spielte. Seine Freundin hatte ihn damals darauf
aufmerksam gemacht: .Pass auf, jetzt!. Wenn die Platte zu
Ende war, oblag es natürlich Tengo, nackt aus dem Bett zu
steigen, ins Nebenzimmer zu gehen und sie umzudrehen.
Die Erinnerung erfüllte ihn mit Wehmut. Natürlich w.re
ihre Beziehung nicht ewig so weitergegangen, aber mit
einem so pl.tzlichen Ende hatte er doch nicht gerechnet.
Es war ein eigenartiges Gefühl für ihn zu sehen, wie
Fukaeri eifrig und mit zusammengezogenen Brauen die
ihm von Kyoko Yasuda hinterlassenen Schallplatten h.rte.
Ihre konzentrierte Haltung erweckte den Eindruck, als
versuche sie aus den alten Aufnahmen neben der Musik
noch etwas anderes herauszuh.ren. Oder als würde sie ihre
Augen anstrengen, um in ihrem Klang irgendwelche
Szenen zu sehen.
.Gefallen dir diese Platten?.
.Ich habe alle geh.rt., sagte Fukaeri. .Durfte ich..
.Natürlich. Aber hast du dich allein nicht ein bisschen
gelangweilt?.
Fukaeri schüttelte leicht den Kopf. .Ich musste
nachdenken..
Tengo h.tte Fukaeri gern zu den Dingen befragt, die in
der vergangenen Nacht w.hrend des Unwetters zwischen
ihnen geschehen waren. Warum hast du das
gemacht? Tengo konnte sich nicht vorstellen, dass Fukaeri
sich in erotischer Beziehung zu ihm hingezogen fühlte.
Also stand das, was geschehen war, wahrscheinlich in
keinem Zusammenhang mit Sexualit.t. Aber was in aller
Welt hatte es dann zu bedeuten?
Allerdings hatte Tengo nicht die Hoffnung, eine
zufriedenstellende Antwort zu erhalten, selbst wenn er
Fukaeri direkt auf den Vorfall ansprechen würde.
Au.erdem verspürte er nicht die geringste Neigung, an so
einem sch.nen heiteren Septemberabend dieses Thema
anzuschneiden. Schweigend, in tiefster Dunkelheit und
inmitten eines heftigen Unwetters hatten sie diesen Akt
vollzogen. Seine Bedeutung würde unweigerlich verzerrt
werden, sobald man das Geschehene ans profane Tageslicht
zog. .Du hast also keine Periode?., ging Tengo die Sache
von einer anderen Seite an. Er wollte es zun.chst mit einer
Frage versuchen, auf die Fukaeri mit Ja oder Nein
antworten konnte.
.Nein., erwiderte Fukaeri pr.zise.
.Noch nie im Leben gehabt?.
.Kein Mal..
.Es geht mich sicher nichts an, aber ich finde das bei
einem siebzehnj.hrigen M.dchen doch recht
ungew.hnlich..
Kurzes Achselzucken.
.Warst du deshalb mal bei einem Arzt?.
Kopfschütteln. .Das nützt doch auch nichts..
.Warum nicht?.
Darauf gab Fukaeri keine Antwort, als habe sie Tengos
Frage nicht geh.rt. Anscheinend befand sich in ihrem
Geh.rgang ein besonderes Ventil, das entschied, welche
Fragen passend oder unpassend waren, und sich
dementsprechend .ffnete oder schloss, wie die Kiemen
einer Meerjungfrau.
.Haben die Little People etwas damit zu tun?., fragte
Tengo.
Natürlich keine Antwort.
Tengo seufzte. Ihm fiel keine Frage mehr ein, die ihn
einer Kl.rung der Vorg.nge in der vergangenen Nacht
n.hergebracht h.tte. Der schmale, ungewisse Pfad brach
hier ab, und dahinter lag nichts als tiefer Wald. Tengo
prüfte den Boden zu seinen Fü.en, schaute sich um, blickte
zum Himmel. Das war das Problem, wenn man mit Fukaeri
sprach. Alle Wege brachen unweigerlich an irgendeiner
Stelle ab. Ein Giljake konnte wahrscheinlich weitergehen,
auch wenn der Weg zu Ende war. Aber für Tengo war es
sinnlos.
.Ich bin auf der Suche nach jemandem., setzte er von
neuem an. .Nach einer Frau..
Es war ihm klar, dass Fukaeri auch mit dieser Er.ffnung
nichts anzufangen wusste. Aber er wollte jemandem davon
erz.hlen. Egal wem. Er wollte seine Gedanken in Worte
fassen und über Aomame reden. Weil sie sich, wenn er es
nicht tat, vielleicht noch etwas weiter von ihm entfernte.
.Ich habe sie schon zwanzig Jahre nicht gesehen. Beim
letzten Mal war ich zehn Jahre alt. Wir sind gleich alt und
waren in der Grundschule in einer Klasse. Ich habe alles
M.gliche versucht, aber ich finde keine Spur von ihr..
Die Schallplatte war zu Ende. Fukaeri nahm sie vom
Plattenteller und sog mit halbgeschlossenen Augen
mehrmals ihren Vinylgeruch ein. Behutsam, ohne die
Oberfl.che mit den Fingern zu berühren, schob sie sie in
das Papier und anschlie.end in die Hülle. Sehr behutsam
und liebevoll, als würde sie ein junges K.tzchen, das am
Einschlafen war, in ein K.rbchen betten.
.Sie m.chten sie wiedersehen., fragte Fukaeri.
.Ja, sie bedeutet mir sehr viel..
.Sie haben sie zwanzig Jahre lang gesucht., fragte
Fukaeri.
.Nein.. Tengo verschr.nkte die H.nde auf dem Tisch und
suchte nach Worten. .Ehrlich gesagt, ich habe erst heute
damit angefangen..
Verst.ndnislosigkeit spiegelte sich auf Fukaeris Gesicht.
.Heute., sagte sie.
.Warum ich bis heute nicht nach ihr gesucht habe, wo sie
doch so wichtig für mich ist?., formulierte Tengo an ihrer