Stelle. .Gute Frage..
Schweigend blickte Fukaeri ihn an.
Tengo überlegte eine Weile. .Wahrscheinlich habe ich
einen gro.en Umweg gemacht., sagte er dann. .Aomame,
so hei.t sie, stand – wie soll ich sagen – lange im
Mittelpunkt meines Denkens, ohne sich zu ver.ndern. Sie
spielte die Rolle eines lebenswichtigen Schwerpunkts für
mich. Dennoch war ich nicht imstande, ihre Bedeutung zu
erfassen; vielleicht gerade weil sie so zentral war..
Fukaeri sah ihn die ganze Zeit an. Es war nicht zu
erkennen, ob sie irgendetwas von dem verstand, was er
sagte. Aber das war ihm gleich. Er sprach ohnehin mehr zu
sich selbst.
.Doch endlich habe ich es begriffen. Aomame ist kein
allgemeines Prinzip, kein Symbol, kein Gleichnis. Sie ist ein
reales Wesen mit einem warmen K.rper und einem
beweglichen Geist. Und diese W.rme und Beweglichkeit
darf ich nicht aus den Augen verlieren. Um so etwas
Selbstverst.ndliches zu begreifen, habe ich zwanzig Jahre
gebraucht. Dabei bin ich ein Mensch, der sich Zeit zum
Nachdenken nimmt, doch in diesem Punkt habe ich auf der
Leitung gestanden. Vielleicht ist es auch schon zu sp.t.
Aber selbst wenn, finden will ich sie unter allen
Umst.nden..
Fukaeri, die auf dem Boden kniete, richtete sich auf und
streckte sich. Wieder zeichneten sich ihre Brustwarzen
deutlich unter dem Jeff-Beck-T-Shirt ab.
.Aomame., sagte sie.
.Ja, man schreibt es wie .Erbse.. Ein ungew.hnlicher
Name..
.Sie m.chten sie wiedersehen., fragte Fukaeri noch
einmal.
.Natürlich., sagte Tengo.
Auf ihrer Unterlippe kauend, dachte Fukaeri nach. Dann
hob sie das Gesicht. .Sie ist vielleicht ganz in der N.he.,
sagte sie bed.chtig.
KAPITEL 17
Aomame
M.use herausholen
Am n.chsten Morgen berichteten die Sieben-Uhr-
Nachrichten im Fernsehen in aller Ausführlichkeit über die
überflutung der U-Bahn-Station Akasaka-mitsuke, aber
dass das Oberhaupt der Vorreiter in einer Suite des Hotel
Okura verstorben war, wurde nicht erw.hnt. Nach den
NHK-Nachrichten schaute sich Aomame noch die von
mehreren anderen Sendern an. Doch keiner von ihnen
informierte die .ffentlichkeit über den schmerzlosen Tod
des massigen Mannes.
Sie haben die Leiche verschwinden lassen, dachte
Aomame und verzog das Gesicht. Tamaru hatte es
vorausgesehen. Aomame konnte kaum glauben, dass das
wirklich passiert war. Offenbar hatten die Vorreiter einen
Weg gefunden, die Leiche des Leaders aus der Hotelsuite
zu schaffen, in einen Wagen zu packen und
abzutransportieren. Einen so gro.en Mann. Die Leiche
musste unheimlich schwer gewesen sein. Und in dem Hotel
wimmelte es von G.sten und Personal. überall waren
massenhaft überwachungskameras installiert. Dennoch
war es ihnen irgendwie gelungen, den Leichnam ungesehen
in das unterirdische Parkhaus zu schmuggeln.
Bestimmt hatten sie ihn noch in der gleichen Nacht in die
Berge von Yamanashi gebracht, wo sich das Hauptquartier
der Sekte befand. Dort würden sie entscheiden, auf welche
Weise sie sich der sterblichen überreste des Leaders
entledigen konnten. Zumindest würden sie seinen Tod
garantiert nicht mehr der Polizei melden. Jetzt wo sie ihn
einmal verheimlicht hatten, musste er für immer geheim
bleiben.
Wahrscheinlich hatte das durch das Unwetter verursachte
Chaos ihnen ihre Aktion erleichtert. Jedenfalls hatte die
Sekte es vermieden, die .ffentliche Aufmerksamkeit auf
den Vorfall zu lenken. Als günstig erwies sich nun auch,
dass der Leader sich kaum jemandem gezeigt hatte. Sein
Leben und Wirken war von R.tseln umgeben. So würde
auch sein pl.tzliches Verschwinden vorl.ufig keine
Aufmerksamkeit erregen. Die Nachricht, dass er gestorben
beziehungsweise dass er ermordet worden war, würde den
kleinen Kreis einer Handvoll Eingeweihter nicht verlassen.
Natürlich konnte Aomame nicht wissen, wie die Vorreiter
die durch den Tod ihres Leaders entstandene Lücke zu
füllen gedachten. Doch sie würden alle ihnen zu Gebote
stehenden Mittel einsetzen, um die Organisation in ihrer
bisherigen Form fortzuführen. Wie der Mann gesagt hatte:
Das System würde weiterhin existieren und funktionieren,
auch wenn es keinen Anführer mehr gab. Ob jemand die
Nachfolge des Leaders antreten würde? Doch diese Frage
betraf Aomame nicht. Ihr Auftrag war es gewesen, den
Leader zu beseitigen, und nicht, seine Sekte zu zerst.ren.
Sie dachte an die beiden Bodyguards in den dunklen
Anzügen. Den Kahlkopf und den Pferdeschwanz. Würde
man sie dafür verantwortlich machen, dass der Leader
direkt vor ihrer Nase get.tet worden war? Aomame stellte
sich vor, wie die beiden den Befehl erhielten, sie zu
verfolgen und zu beseitigen – oder gefangen zu nehmen.
.Findet diese Frau. Unter allen Umst.nden. Kommt nicht
ohne sie zurück!. Das war sehr wahrscheinlich. Sie wussten
genau, wie Aomame aussah. Au.erdem verstanden sie ihr
Handwerk und brannten vermutlich vor Rachgier. Gute
Voraussetzungen für eine Jagd. Und die Oberen der Sekte
mussten herausfinden, ob Aomame Hinterm.nner hatte.
Zum Frühstück a. sie einen Apfel. Sie hatte keinen
Appetit. Noch immer haftete ihren H.nden das Gefühl an,
das sie verspürt hatte, als sie die Nadel in den Nacken des
Mannes stie.. W.hrend sie den Apfel mit einem kleinen
Messer in der rechten Hand sch.lte, bemerkte sie ein
leichtes Zittern am ganzen K.rper. Bisher hatte sie nie
gezittert. Jedes Mal, wenn sie jemanden get.tet hatte, war
die Erinnerung daran nach einer Nacht so gut wie
verschwunden gewesen. Natürlich war es nicht erfreulich,
einem Menschen das Leben zu nehmen. Allerdings hatte es
sich immer um M.nner gehandelt, die es nicht verdient
hatten, am Leben zu bleiben. Statt menschliches Mitgefühl
hatte sie ihnen gegenüber stets Widerwillen empfunden.
Doch diesmal war es anders. Objektiv betrachtet hatte der
Leader mit einigen seiner Taten gegen die Menschlichkeit
versto.en. Dennoch war er in vielerlei Hinsicht ein
au.ergew.hnlicher Mensch gewesen. Daher hatte er sich
wohl zumindest zum Teil für eine Person gehalten, die
jenseits der Normen von Gut und B.se stand. Auch sein
Ende war au.ergew.hnlich gewesen. Sie hatte eine
seltsame Reaktion gespürt. Eine
au.ergew.hnliche Reaktion.
Er hatte ihr eine .Verhei.ung. hinterlassen. Zu diesem
Schluss kam Aomame, nachdem sie eine Weile
nachgedacht hatte. Zum Zeichen dafür war diese Schwere
in ihren H.nden zurückgeblieben. Das wusste sie jetzt.
Vielleicht würde dieses Zeichen nie mehr verschwinden.
Gegen neun Uhr am Vormittag l.utete das Telefon. Es
war Tamaru. Er lie. es dreimal klingeln, legte auf und rief
nach zwanzig Sekunden wieder an.
.Die haben tats.chlich nicht die Polizei gerufen., sagte
er. .In den Nachrichten kam auch nichts. Auch nicht in
den Zeitungen..
.Aber ich bin ganz sicher, dass er tot ist..
.Das wei. ich doch. Der Leader ist mausetot. Es hat sich
einiges bewegt. Das Hotelzimmer haben sie schon ger.umt.
In der Nacht wurden ein paar Leute aus ihrer Zweigstelle in
der Stadt zusammengerufen. Wahrscheinlich, um die
Leiche unauff.llig fortzuschaffen. Auf diesem Gebiet sind
sie Experten. Gegen ein Uhr morgens haben ein Mercedes
der S-Klasse mit get.nten Scheiben und ein Hiace mit
schwarz lackierten Seitenfenstern das Parkhaus des Okura
verlassen. Beide hatten Yamanashi-Nummernschilder.
Vermutlich sind sie noch vor dem Morgengrauen im
Hauptquartier der Vorreiter eingetroffen. Am Tag davor
hatte die Polizei ja diese Untersuchung durchgeführt, aber
nichts Gravierendes entdeckt. Inzwischen ist sie l.ngst
abgezogen. Auf dem Sektengel.nde gibt es eine regul.re
Verbrennungsanlage. Wenn sie die Leiche da reinwerfen,
bleibt kein Kn.chelchen übrig. Alles geht sauber in Rauch
auf..
.Unheimlich, was?.
.Ja, die Bande ist mir auch nicht geheuer. Die
Organisation wird vorl.ufig weiterlaufen wie bisher,
obwohl ihr Leader tot ist. Wie eine Schlange, die sich
weiter windet, auch wenn man ihr den Kopf abschl.gt. Sie
wei. auch ohne Kopf genau, wohin sie will. Man kann nie
sagen, was kommt. Vielleicht stirbt sie nach einer Weile.
Oder es w.chst ihr ein neuer Kopf..
.Er war kein gew.hnlicher Mann..
Tamaru .u.erte sich nicht dazu.
.Ganz anders als alle davor., sagte Aomame.
Tamaru wog den Klang ihrer Worte ab. .Das vermute ich
auch., sagte er dann. .Aber wir müssen jetzt praktisch
denken. An das, was kommt. Sonst wirst du nicht
überleben..
Aomame wollte etwas sagen, aber sie brachte kein Wort
heraus. Das Zittern hatte noch nicht aufgeh.rt.
.Madame m.chte mit dir sprechen., sagte Tamaru. .Geht
das?.
.Natürlich., sagte Aomame.
Die alte Dame kam an den Apparat. .Ich danke Ihnen..
Auch ihrer Stimme war die Erleichterung anzuh.ren. .So
sehr, dass ich es nicht mit Worten ausdrücken kann. Sie
haben auch diesmal wieder perfekte Arbeit geleistet..
.Vielen Dank. Aber das k.nnte ich kein zweites Mal tun.,
sagte Aomame.
.Ich wei.. Darüber brauchen wir gar nicht zu reden. Ich
bin so froh, dass Sie wohlbehalten zurück sind. Ich habe
nicht die Absicht, Sie noch einmal um so etwas zu bitten.
Damit ist jetzt Schluss. Ein Ort, an dem Sie zur Ruhe
kommen k.nnen, ist bereit. Sie brauchen sich um nichts
Sorgen zu machen. Sie bleiben jetzt eine Weile in dieser
Wohnung, w.hrend wir alle Vorbereitungen für Ihr neues
Leben treffen..
Aomame bedankte sich.
.Ben.tigen Sie noch etwas? Dann sagen Sie es mir bitte.
Tamaru wird sich sofort darum kümmern..
.Nein, soweit ich sehe, ist alles da, was ich brauche..
Die alte Dame r.usperte sich. .Eines dürfen Sie nie
vergessen: Wir haben absolut richtig gehandelt. Wir haben
den Mann für seine Verbrechen bestraft und damit
verhindert, dass so etwas immer wieder passiert. Wir haben
verhindert, dass es noch mehr Opfer gibt. Es gibt nichts,
das Sie belasten müsste..
.Er hat das auch gesagt..
.Er?.
.Der Leader der Vorreiter. Der Mann, den ich gestern
Abend beseitigt habe..
Die alte Dame schwieg etwa fünf Sekunden lang. .Er
wusste es?., fragte sie dann.
.Ja. Er wusste, dass ich gekommen war, um ihn zu t.ten.
Er hat es sogar zugelassen, denn er wollte sterben. Er
musste k.rperlich sehr stark leiden und ging einem
langsamen, aber unaufhaltsamen Tod entgegen. Ich habe
ihn nur beschleunigt und den Mann damit von seinen
grausamen Schmerzen erl.st..
Die alte Dame schien v.llig entgeistert, sodass ihr für
einen Moment die Worte fehlten. Etwas, das bei ihr nur
sehr selten vorkam.
.Dieser Mann …., sagte sie und rang nach Worten. .… hat
selbst gewünscht, die Strafe für seine Taten auf sich zu
nehmen?.
.Nein, er wollte m.glichst schnell sterben, um von seinen
Schmerzen befreit zu sein..
.Und deshalb hat er sich von Ihnen t.ten lassen..
.So ist es..
Von ihrer heimlichen Abmachung mit dem Leader sagte
Aomame der alten Dame nichts. Die Vereinbarung, dass sie
sterben musste, damit Tengo weiterleben konnte, war
zwischen ihr und dem Mann geschlossen worden. Sie ging
niemand anderen etwas an.
.Was der Mann getan hat, war widerlich und abartig, und
sein Tod war notwendig. Aber er war ein
au.ergew.hnlicher Mensch. Zumindest hatte er etwas
Besonderes an sich..
.Etwas Besonderes., wiederholte die alte Dame.
.Ich kann es nicht gut erkl.ren., sagte Aomame. .Eine
besondere F.higkeit oder Eigenschaft, die zugleich eine
gro.e Bürde für ihn war. Und das scheint ihn von innen her
aufgefressen zu haben..
.Ob dieses besondere Etwas ihn zu seinen widerlichen
Taten getrieben hat?.
.Vielleicht..
.Jedenfalls haben Sie dafür gesorgt, dass es damit nun ein
Ende hat..
.So ist es., sagte Aomame heiser.
Den H.rer in der linken Hand, spreizte Aomame ihre
rechte und betrachtete ihre Handfl.che, der noch immer
das Gefühl von Tod anhaftete. Was die Mehrdeutigkeit des
Wortes vereinigen in Bezug auf den Geschlechtsverkehr mit
kleinen M.dchen besagen sollte, war ihr unverst.ndlich.
Und natürlich konnte sie der alten Dame auch nicht davon
erz.hlen.
.Wie immer sieht es wie ein natürlicher Tod aus, aber
daran werden seine Leute ganz bestimmt nicht glauben. Sie
werden sich denken k.nnen, dass ich dabei irgendwie
meine Finger im Spiel hatte. Ebenso wie Sie haben sie
seinen Tod bisher nicht der Polizei gemeldet..
.Ganz gleich, was diese Leute tun werden, ich werde Sie
mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln beschützen.,
sagte die alte Dame. .Die haben ihre Organisation. Aber
auch ich verfüge über Beziehungen und die n.tigen
finanziellen Mittel. Und Sie sind ein wachsamer und
intelligenter Mensch. Wir werden ihnen einen Strich durch
die Rechnung machen..
.Die Kleine haben Sie noch nicht gefunden?., fragte
Aomame.
.Nein, wir wissen noch immer nicht, wo sie ist. Aber ich
vermute, dass sie sich bei den Vorreitern aufh.lt. Wo sollte
sie sonst hin? Im Augenblick habe ich noch keine
M.glichkeit gefunden, sie zurückzuholen. Aber durch den
Tod des Leaders entsteht vielleicht Verwirrung in der Sekte.
Vielleicht k.nnen wir das Durcheinander nutzen, um
Tsubasa herauszuhelfen. Wir müssen ihr unter allen
Umst.nden beistehen..
Der Leader hatte behauptet, das M.dchen, das im
Frauenhaus gewesen war, habe keine Substanz. Es sei nicht
mehr als eine Idee, und man habe es zurückgeholt. Aber
das konnte Aomame der alten Dame jetzt nicht sagen. Sie
verstand ja selbst nicht, was das bedeutete. Sie dachte an
die marmorne Uhr. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen,
wie sie sich in die Luft erhob.
.Wie lange muss ich mich hier verstecken?., fragte sie.
.Rechnen Sie mit etwa vier Tagen bis zu einer Woche.
Danach erhalten Sie Ihren neuen Namen und kommen in
eine neue Umgebung. Sie werden weit fort gehen. Wenn
Sie dort sind, müssen wir unseren Kontakt aus
Sicherheitsgründen vorl.ufig einstellen. Wir werden uns
eine gewisse Zeit lang nicht sehen. In Anbetracht meines