Alters k.nnte das einen Abschied für immer bedeuten.
Unz.hlige Male habe ich schon gedacht, wie sch.n es w.re,
wenn ich Sie nicht in diese unselige Sache hineingezogen
h.tte. Dann würde ich Sie vielleicht nicht auf diese Weise
verlieren. Aber ….
Die alte Dame brach für einen Moment ab, und Aomame
wartete schweigend, dass sie fortfuhr.
.Aber ich bereue es nicht. Vielleicht war das alles so
etwas wie Schicksal. Ich konnte nicht anders, als Sie mit
hineinzuziehen. Ich hatte gar keine Wahl. Offenbar waren
da sehr starke Kr.fte am Werk. Ich hoffe, Sie k.nnen mir
verzeihen, dass alles so gekommen ist..
.Dafür haben wir etwas gemeinsam. Etwas Wichtiges,
etwas, das wir mit niemand anderem teilen. Etwas sonst
Unerreichbares..
.Da haben Sie recht., sagte die alte Dame.
.Das mit Ihnen zu teilen ist auch für mich sehr wichtig..
.Danke. Es hilft mir sehr, dass Sie das sagen..
Auch für Aomame war der Gedanke, dass sie die alte
Dame vielleicht nie wiedersehen würde, sehr schmerzlich.
Sie war einer der wenigen Menschen, denen sich Aomame
verbunden fühlte. Eine ihrer letzten Bindungen an die
.u.ere Welt.
.Leben Sie wohl., sagte Aomame.
.Leben auch Sie wohl., sagte die alte Dame. .Und
werden Sie m.glichst glücklich..
.Ich versuche es., sagte Aomame. Glück geh.rte zu den
Dingen, die ihr sehr fern waren.
Tamaru kam wieder an den Apparat.
.Du hast das Ding nicht benutzt, nicht wahr?., fragte er.
.Nein..
.Das solltest du nach M.glichkeit auch nicht tun..
.Ich werde mich bemühen, deinen Erwartungen zu
entsprechen..
Es entstand eine kleine Pause.
.Vor kurzem habe ich dir doch erz.hlt, dass ich in einem
Waisenhaus auf Hokkaido aufgewachsen bin., sagte
Tamaru dann.
.Weil du ohne deine Eltern aus Sachalin gekommen
warst..
.In dieser Einrichtung lebte ein Junge, dessen Vater ein in
der Gegend von Misawa stationierter schwarzer GI war.
Seine Mutter war eine Prostituierte oder ein Barm.dchen,
aber er kannte sie nicht, denn sie hatte ihn bald nach seiner
Geburt im Stich gelassen. Er war zwei Jahre jünger als ich,
aber von seiner Statur her gr..er. Dafür war er ziemlich
langsam im Kopf. Natürlich wurde er dauernd von den
anderen geh.nselt. Schon wegen seiner Hautfarbe, versteht
sich..
.Tja, so ist das..
.Weil ich auch kein Japaner war, ergab es sich irgendwie,
dass ich die Rolle seines Beschützers übernahm. Wir waren
ja in einer ganz .hnlichen Lage. Ein Koreaner aus Sachalin
und ein Mischling, das Kind von einem Schwarzen und
einer Nutte. Niedrigste Kaste. Aber so etwas st.hlt. Mich
zumindest h.rtete es ab. Aber bei ihm funktionierte das
nicht. Ohne mich w.re er wahrscheinlich verloren gewesen.
Denn in so einer Umgebung überlebt nur, wer schnell und
gerissen ist oder au.ergew.hnlich harte F.uste hat. Eins
von beidem..
Aomame h.rte schweigend zu.
.Ganz egal, was er machen sollte, er schaffte es nicht.
Nichts kriegte er hin. Er konnte nicht mal seine Kn.pfe
zumachen und sich richtig den Hintern abwischen. Nur im
Schnitzen war er unschlagbar. Gab man ihm ein Messer
und ein Stück Holz, fertigte er in kürzester Zeit eine
wunderbare Schnitzarbeit an. Offenbar entstand in seinem
Kopf v.llig ohne Vorlage ein Bild, das er exakt in einen
dreidimensionalen Gegenstand umwandeln konnte. Ganz
fein und ganz realistisch. Er war eine Art Genie. Es war
unglaublich..
.Ein Savant., sagte Aomame.
.Ja, wahrscheinlich. Ich habe erst viel sp.ter von diesem
Syndrom und den Inselbegabungen erfahren, die solche
Menschen besitzen. Damals hat niemand etwas davon
gewusst. Man hielt ihn für geistig zurückgeblieben oder so
was. Sein Verstand arbeitete sehr langsam, aber er hatte
geschickte Finger. Allerdings konnte er aus irgendeinem
Grund nur M.use. Die aber ganz ausgezeichnet. Sie wirkten
wie lebendig, egal, von welcher Seite man sie anschaute,
aber etwas anderes brachte er nie zustande. St.ndig
versuchten sie, ihn dazu zu bewegen, irgendein anderes
Tier zu schnitzen. Ein Pferd oder einen B.ren vielleicht. Sie
gingen sogar extra in den Zoo mit ihm. Aber er interessierte
sich nicht die Bohne für die Tiere. Irgendwann gaben sie es
dann auf und lie.en ihn machen, was er wollte. Und er
schnitzte M.use in allen Formen, Gr..en und Positionen.
Das Merkwürdigste daran war, dass es im Waisenhaus gar
keine M.use gab. Es war zu kalt, und zu knabbern gab es
auch nichts. Das Waisenhaus war sogar den M.usen zu
arm. Niemand konnte verstehen, warum er so besessen von
M.usen war … Jedenfalls wurden die M.use, die er
schnitzte, berühmt, jemand schrieb etwas in einem
Lokalbl.ttchen darüber, und auf einmal kamen Leute, die
sie kaufen wollten. Daraufhin lie. der Leiter des
Waisenhauses – ein katholischer Priester – die geschnitzten
M.use in einem Laden für Kunsthandwerk ausstellen und
an Touristen verkaufen. Es kam wohl sogar etwas Geld
zusammen, aber natürlich gelangte kein Yen davon zu ihm.
Was daraus wurde, wei. ich nicht, aber wahrscheinlich hat
das Waisenhaus es für n.tige Anschaffungen verwendet.
Von da an gab man dem Jungen Werkzeug und Holz, und
er durfte, solange er wollte, in der Werkstatt sitzen und
fr.hlich M.use schnitzen. Was er auch die ganze Zeit
machte. Er war nun von der Plackerei auf den Feldern
befreit, und eigentlich kann man sagen, dass er Glück
hatte..
.Was ist aus ihm geworden?.
.Wei. ich nicht. Ich bin mit vierzehn aus dem
Waisenhaus abgehauen und habe mich von da an allein
durchgeschlagen. Ich sprang auf die n.chste F.hre und
setzte nach Honshu über. Seither habe ich Hokkaido nicht
mehr betreten. Als ich ihn das letzte Mal sah, sa. er eifrig
über seine Werkbank gebeugt und schnitzte an einer Maus.
In solchen Momenten h.rte und sah er nichts. Deshalb
habe ich ihm auch nicht mal Lebewohl gesagt. Und wenn er
nicht gestorben ist, schnitzt er noch immer M.use. Etwas
anderes konnte er ja nicht..
Schweigend wartete Aomame, dass Tamaru
weitererz.hlte.
.Ich denke noch oft an ihn. Das Leben im Waisenhaus
war grauenhaft. Es gab unglaublich wenig zu essen, und wir
hatten immer Hunger. Im Winter war es entsetzlich kalt.
Die Arbeit war hart, und die .lteren qu.lten die Jüngeren.
Aber er empfand sein Leben nicht als besonders schwer.
Ein Schnitzmesser und ein Stück Holz, mehr brauchte
dieser Junge nicht zu seinem Glück. Nur wenn ihm jemand
sein Messer abnahm, geb.rdete er sich wie wahnsinnig,
aber abgesehen davon war er eigentlich ein friedlicher Kerl,
der niemanden st.rte und immer nur stumm für sich seine
M.use schnitzte. Anscheinend brauchte er ein Stück Holz
nur anzusehen, um zu erkennen, welche Maus sich in
welcher Haltung darin verbarg. Es dauerte immer etwas
l.nger, aber sobald er sie einmal entdeckt hatte, musste er
sie nur noch mit dem Messer heraussch.len. Das hat er mir
oft gesagt. .M.use herausholen., nannte er es. Und die
M.use, die er herausholte, sahen aus, als würden sie sich
bewegen. Er hat st.ndig M.use herausgeholt, die seiner
Vorstellung nach im Holz eingeschlossen waren..
.Und du hast diesen Jungen beschützt..
.Nicht dass ich mich darum gerissen h.tte, aber
irgendwann war das eben mein Posten. Wenn man einmal
einen Posten erhalten hatte, musste man ihn auch
ausfüllen, komme, was wolle. So waren die Regeln. Und ich
befolgte sie. Wenn ihm zum Beispiel aus Bl.dsinn einer das
Schnitzmesser wegnahm, kam ich und haute dem Typ eine
rein. Immer und ohne Rücksicht auf Verluste, auch wenn
der andere .lter oder gr..er war oder wenn es mehrere
waren. Natürlich kam es vor, dass ich selbst Prügel bezog.
Sogar .fter. Aber es ging gar nicht um Sieg oder Niederlage.
Ob ich nun schlug oder geschlagen wurde, ich musste das
Schnitzmesser unter allen Umst.nden zurückerobern.
Darauf kam es an. Verstehst du?.
.Ich glaube schon., sagte Aomame. .Aber am Ende hast
du ihn doch im Stich gelassen..
.Ich musste allein zurechtkommen und konnte es mir
nicht leisten, ewig das Kinderm.dchen für den Kerl zu
spielen. Das ist normal..
Wieder .ffnete Aomame ihre rechte Hand und
betrachtete sie.
.Ich habe ein paar Mal gesehen, dass du eine kleine
geschnitzte Maus in der Hand hattest. Es war eine von
denen, die dieser Junge gemacht hat, nicht wahr?.
.Ja. Er hat mir mal eins von den kleinen Dingern
geschenkt. Als ich abgehauen bin, habe ich diese Maus
mitgenommen. Ich habe sie noch immer..
.Und warum hast du mir diese Geschichte ausgerechnet
jetzt erz.hlt? Du bist eigentlich nicht der Typ, der einfach
so etwas aus seinem Leben zum Besten gibt..
.Ich wollte damit sagen, dass ich noch immer sehr oft an
ihn denke., sagte Tamaru. .Was nicht hei.t, dass ich ihn
wiedersehen m.chte. Danach habe ich durchaus kein
Bedürfnis. Wir h.tten uns bestimmt nichts zu sagen. Aber
das Bild, wie er, ohne auch nur einmal aufzuschauen, seine
M.use aus dem Holz .herausholte., hat sich mir lebhaft
eingepr.gt. Es bedeutet mir viel, denn es hat mich etwas
gelehrt. Oder mich etwas zu lehren versucht. Ein Mensch
braucht so etwas, um zu leben. Ein Bild oder eine Szene,
deren Bedeutung er nicht in Worte fassen kann. Der Sinn
unseres Lebens besteht darin, dieses Etwas zu ergründen.
Finde ich..
.Du meinst, es ist so etwas wie das Fundament unseres
Lebens?.
.Vielleicht..
.Auch ich habe so ein Bild..
.Dann solltest du sorgsam damit umgehen..
.Mache ich., sagte Aomame.
.Und noch eins will ich dir sagen: Ich werde dich
beschützen, so gut ich kann. Wenn ich irgendwem eine
reinhauen soll, komme ich und mache das, egal, wer es ist.
Sieg oder Niederlage spielen keine Rolle, ich lasse dich
nicht im Stich..
.Danke..
Mehrere Sekunden lang herrschte harmonisches
Schweigen.
.Geh für eine Weile nicht aus dem Haus. Und wenn du
doch musst, denk dran, dass vor der Tür der Dschungel
beginnt, ja?.
.Verstanden., sagte Aomame.
Damit war das Telefonat beendet. Erst als Aomame
aufgelegt hatte, wurde ihr bewusst, wie fest sie den H.rer
umklammert hatte.
Tamaru wollte mir vermitteln, dass ich nun ein
unersetzliches Mitglied seiner Familie bin, dachte Aomame,
und dass dieses Band, wo es nun einmal besteht, nicht
durchtrennt werden kann. Wir sind jetzt quasi
blutsverwandt. Sie war Tamaru dankbar für diese Botschaft.
Offensichtlich war ihm bewusst, dass für Aomame eine
schwere Zeit anbrach. Und da sie nun zur Familie geh.rte,
vertraute er ihr auch seine Geheimnisse an.
Dennoch konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass
die Enge einer Beziehung für Tamaru immer von einer
gewissen Gewaltsituation abhing. Sie hatte gegen das
Gesetz versto.en und mehrere Menschen ermordet, würde
verfolgt und vielleicht sogar get.tet werden. Diese
besondere Lage war es, die sie verband. Aber w.re es auch
ohne den Mord als sozusagen vermittelndes Bindeglied
m.glich gewesen, eine solche Beziehung aufzubauen?
H.tte ein solches Band des Vertrauens entstehen k.nnen,
ohne dass sie sich in der Lage einer Gesetzlosen befand?
Schwerlich.
Sie trank einen Becher grünen Tee und sah sich die
Nachrichten an. Die überflutung der Station Akasaka-
mitsuke wurde nicht mehr thematisiert. Da das Wasser sich
in der Nacht zurückgezogen hatte und der gew.hnliche U-
Bahn-Betrieb wieder funktionierte, geh.rte der Vorfall der
Vergangenheit an. Und der Tod des Sektenoberhaupts war
noch nicht .ffentlich bekannt. Nicht mehr als eine
Handvoll Menschen wussten davon. Aomame stellte sich
vor, wie die Glut des Verbrennungsofens den Leichnam des
kr.ftigen Mannes verzehrte. Nicht ein Knochen würde
übrigbleiben, hatte Tamaru gesagt. Gnade und Schmerz,
alles würde unterschiedslos in Rauch aufgehen und sich mit
der frühherbstlichen Luft vermischen. Aomame konnte sich
den Rauch und den Himmel vorstellen.
Es kam die Meldung, dass die siebzehnj.hrige Autorin des
Bestsellers Die Puppe aus Luft noch immer verschwunden
sei. Schon seit über zwei Monaten sei der Verbleib von
Eriko Fukada alias Fukaeri unbekannt. Ihr Vormund habe
sie bei der Polizei als vermisst gemeldet, und es werde
intensiv nach ihr gesucht, doch bisher seien die Umst.nde
nicht gekl.rt, berichtete der Sprecher. Die Einstellung
zeigte die Theke einer Buchhandlung, auf der ein Stapel
von Die Puppe aus Luft lag. An einer Wand hing ein Poster
mit dem Bild der sch.nen jungen Autorin. Eine junge
Angestellte sprach in ein Mikrofon. .Das Buch verkauft sich
au.erordentlich gut. Ich habe es selbst auch gekauft und
gelesen. Es ist spannend und sehr phantasievoll
geschrieben. Ich hoffe, Fukaeri wird bald gefunden..
Die Beziehung zwischen Eriko Fukada und den Vorreitern
wurde nicht erw.hnt. Wenn es um religi.se
Gemeinschaften ging, waren die Medien vorsichtig.
Jedenfalls war Eriko Fukada verschwunden. Mit zehn
Jahren war sie von ihrem Vater vergewaltigt worden. Wenn
man seine Worte akzeptierte, hatte er sich auf mehrdeutige
Art mit ihr vereinigt. Und durch diesen Akt hatte sie die
Little People zu ihm geführt. Wie hatte er es noch genannt?
.Perceiver. und .Receiver.. Eriko Fukada war die
.Wahrnehmende. und ihr Vater der .Empf.nger..
Daraufhin hatte der Mann begonnen, besondere Stimmen
zu h.ren. Er wurde Stellvertreter der Little People und
Oberhaupt der religi.sen Gemeinschaft, die sich .Die
Vorreiter. nannte. Und dann hatte Fukaeri die Sekte
verlassen. Vor kurzem hatte sie, um den Little People etwas
entgegenzusetzen, zusammen mit Tengo den Roman Die
Puppe aus Luft verfasst, und er war ein Bestseller
geworden. Jetzt suchte die Polizei nach ihr.
Und Aomame hatte am Abend zuvor Eriko Fukadas Vater,
den .Leader. der Vorreiter, mit ihrem Eispick get.tet. Die
Sektenleute hatten seine Leiche aus dem Hotel entfernt
und heimlich .beseitigt.. Aomame hatte keine Ahnung, ob
Eriko Fukada vom Tod ihres Vaters wusste oder wie sie ihn
aufnehmen würde.
Auch wenn sein Tod so gewesen war, wie Aomame es für