sich selbst wünschte, sozusagen ein schmerzloser
Gnadentod, so hatte sie doch mit ihren eigenen H.nden
das Leben eines Menschen beendet. Ein Menschenleben
war vielleicht existentiell einsam, aber es spielte sich nicht
isoliert ab, war immer auch mit anderen Leben verbunden.
Auch dafür musste sie wahrscheinlich eine Form von
Verantwortung tragen.
Tengo ist ebenso unentrinnbar wie ich in diese Kette von
Ereignissen verstrickt, dachte Aomame. Und Eriko Fukada
ist das Glied, das uns verbindet. Perceiver und Receiver. Wo
Tengo wohl gerade ist? Und was er macht? Ob er etwas mit
dem Verschwinden von Eriko Fukada zu tun hat? Ob die
beiden im Moment auch gemeinsam vorgehen? Natürlich
ist aus den Nachrichten rein gar nichts über Tengos
Schicksal zu erfahren. Offenbar wei. bisher noch niemand,
dass er der eigentliche Autor von Die Puppe aus Luft ist.
Aber ich wei. es.
Anscheinend wird die Distanz zwischen uns nach und
nach immer geringer. Gewisse Umst.nde haben uns beide
in diese Welt hier geführt. Wir kommen einander immer
n.her, als würden wir in einen gro.en Strudel gesogen
werden. Vielleicht ist es ein t.dlicher Strudel. Aber nach
den Worten des Leaders h.tte es für uns ohnehin nie die
M.glichkeit einer Begegnung ohne t.dlichen Ausgang
gegeben. Genau wie durch Gewalt eine gewisse Art von
reiner Verbindung entsteht.
Aomame atmete einmal tief durch. Dann streckte sie die
Hand nach der auf dem Tisch liegenden Heckler & Koch
aus, um die H.rte des Metalls zu spüren. Sie stellte sich vor,
wie sie sich den Lauf in den Mund schob und abdrückte.
Pl.tzlich landete eine gro.e Kr.he auf dem
Balkongel.nder und kr.chzte mehrmals kurz und
durchdringend. Eine Weile beobachteten Aomame und die
Kr.he einander durch die Glasscheibe. Den Kopf schr.g
gelegt, folgte die Kr.he mit gro.en gl.nzenden Augen
Aomames Bewegungen. Es kam ihr vor, als erriete die
Kr.he die Bedeutung der Waffe in ihrer Hand. Kr.hen sind
kluge V.gel. Sie verstehen, dass ein Stück Eisen wie dieses
von schwerwiegender Bedeutung ist. Sie wissen nicht,
warum, aber sie wissen, dass es so ist.
Unvermutet breitete die Kr.he die Flügel aus und flog
ebenso rasch davon, wie sie gekommen war. Als habe sie
alles gesehen, was sie sehen wollte. Aomame stand auf,
schaltete den Fernseher ab und seufzte. Hoffentlich war die
Kr.he keine Spionin der Little People gewesen.
Aomame absolvierte auf dem Teppich im Wohnzimmer
ihre gewohnten Dehnübungen. Eine Stunde lang marterte
sie ihre Muskeln. Einen nach dem anderen unterzog sie
einer gründlichen und strengen Prüfung. Aomame hatte
sich Bezeichnung, Rolle und Eigenschaften jedes einzelnen
Muskels bis ins Detail eingepr.gt. Sie überging keinen
einzigen. Der Schwei. floss in Str.men, ihre Atemorgane
und ihr Herz arbeiteten auf Hochtouren, und ihr
Bewusstsein schaltete automatisch von einem Programm
zum n.chsten um. Aomame lauschte dem Rauschen ihres
Blutes und den stummen Botschaften, die ihre Organe
aussandten. Beim Verarbeiten dieser Botschaften bewegten
sich ihre Gesichtsmuskeln, als würde sie Grimassen
schneiden.
Anschlie.end wusch sie sich unter der Dusche den
Schwei. ab. Sie stellte sich auf die Waage und überzeugte
sich, dass ihr Gewicht sich kaum ver.ndert hatte. Vor dem
Spiegel vergewisserte sie sich, dass auch die Gr..e ihres
Busens und der Zustand ihrer Schamhaare gleich geblieben
waren, und zog eine Fratze. Wie jeden Morgen.
Als Aomame aus dem Bad kam, schlüpfte sie in einen
bequemen Trainingsanzug. Um sich die Zeit zu vertreiben,
beschloss sie, die Wohnung noch einmal ganz genau in
Augenschein zu nehmen. Sie begann in der Küche. Welche
Lebensmittel standen bereit, welches Geschirr und welche
Küchenger.te gab es? Sie pr.gte sich jeden einzelnen
Gegenstand ein und stellte einen ungef.hren Plan auf, in
welcher Reihenfolge der Lebensmittelvorrat am besten zu
verbrauchen war. Nach ihren Berechnungen konnte sie
mindestens zehn Tage davon leben, ohne zu hungern, auch
wenn sie das Haus nicht verlie.. Bei bewusst sparsamem
Umgang würden die bereitgestellten Nahrungsmittel
wahrscheinlich sogar zwei Wochen reichen.
Anschlie.end erforschte sie den Bestand an
Haushaltsartikeln: Toilettenpapier, Papiertaschentücher,
Waschmittel, Mülltüten. Es fehlte an nichts. Alles war mit
gro.er Sorgfalt eingekauft worden. Wahrscheinlich war an
den Vorbereitungen eine Frau beteiligt gewesen. Sie lie.en
eine routinierte hausfrauliche Vorausschau erkennen.
Gewissenhaft und bis ins Detail war berechnet worden, was
und wie viel davon eine etwa drei.igj.hrige, gesunde,
ledige Frau für einen kurzen Zeitraum zum Leben brauchte.
Ob ein Mann das wohl auch gekonnt h.tte? Vielleicht
einer, der schwul war und über eine scharfe
Beobachtungsgabe verfügte.
Im W.scheschrank im Schlafzimmer waren eine Reihe
Laken und Decken sowie Bett- und Kissenbezüge gestapelt.
Alles verstr.mte den Geruch neuer – natürlich wei.er –
Bettw.sche. Man hatte jede Art von Verzierung peinlich
vermieden. Pers.nlicher Geschmack und Individualit.t
waren hier nicht gefragt.
Im Wohnzimmer standen das Fernsehger.t, ein
Videorekorder und eine kleine Stereoanlage mit
Plattenspieler und Kassettenrekorder. An der Wand
gegenüber dem Fenster befand sich ein etwa hüfthohes
Sideboard aus Holz. Aomame bückte sich und .ffnete die
Türen. Etwa zwanzig Bücher waren darin aufgereiht.
Irgendjemand – wer, wusste sie nicht – hatte wohl dafür
sorgen wollen, dass Aomame sich in ihrem Versteck nicht
langweilte. Es waren ausschlie.lich gebundene Bücher, die
allem Anschein nach niemals aufgeschlagen worden waren.
Beim überfliegen der Titel fiel ihr auf, dass es sich vor
allem um bekannte Neuerscheinungen handelte. Obwohl
man sie wahrscheinlich dem allgemeinen Angebot einer
gro.en Buchhandlung entnommen hatte, war so etwas wie
ein Auswahlkriterium erkennbar. Auch wenn sie sich nicht
auf bestimmte Interessengebiete bezogen, hatte sich doch
jemand etwas dabei gedacht. Bei der einen H.lfte handelte
es sich um Sachbücher, bei der anderen um Belletristik.
Auch Die Puppe aus Luft war dabei.
Mit einem kurzen Nicken nahm Aomame dieses Buch
heraus und setzte sich auf die in mildes Sonnenlicht
getauchte Wohnzimmercouch. Es war schmal, leicht und
einigerma.en gro. gedruckt. Sie betrachtete den Einband,
auf dem der Name .Fukaeri. stand. Sie wog es auf der
Handfl.che und las die Werbung auf der Banderole. Sie
roch daran. Es hatte den charakteristischen Geruch von
Neuerscheinungen. Tengos Name war natürlich nicht
abgedruckt, dennoch war sein Wesen darin enthalten. Die
S.tze hatten seinen K.rper passiert. Nachdem Aomame
sich etwas beruhigt hatte, schlug sie die erste Seite auf.
Teetasse und Heckler & Koch waren in Reichweite.
KAPITEL 18
Tengo
Ein einsamer stummer Trabant
.Sie ist vielleicht ganz in der N.he., hatte Fukaeri gesagt,
nachdem sie auf ihrer Unterlippe gekaut und eine Weile
ernsthaft überlegt hatte.
Die H.nde auf dem Tisch verschr.nkt, sah Tengo Fukaeri
an. .Ganz in der N.he? Hei.t das, in Koenji?.
.Man k.nnte zu Fu. hingehen..
Tengo h.tte sie gern gefragt, woher sie das wisse, aber
eine Antwort h.tte er ohnehin nicht bekommen. Das
kannte er mittlerweile. Fukaeri musste man konkrete
Fragen stellen, die sie mit Ja oder Nein beantworten
konnte.
.Wenn ich also hier in der Gegend suchen würde, k.nnte
ich Aomame begegnen?., fragte er.
Fukaeri schüttelte den Kopf. .Einfach herumlaufen hilft
nichts..
.Sie h.lt sich zwar in Gehweite von hier auf, aber nur
durch Herumlaufen und Suchen kann ich sie nicht finden.
Ist es so?.
.Weil sie sich versteckt..
.Versteckt?.
.Wie eine verletzte Katze..
Tengo stellte sich vor, wie Aomame sich zusammengerollt
unter irgendeiner modrigen Veranda verbarg. .Warum und
vor wem versteckt sie sich?., fragte er.
Natürlich bekam er keine Antwort.
.Aber dass sie sich versteckt, bedeutet doch letztlich, dass
sie sich in Gefahr befindet, oder?., fragte Tengo.
.In Gefahr., wiederholte Fukaeri und machte ein Gesicht
wie ein kleines Kind, dem man eine bittere Medizin unter
die Nase h.lt. Wahrscheinlich beunruhigte sie der Klang
des Wortes.
.Wird sie von jemandem verfolgt oder so?.
Fukaeri neigte den Kopf leicht zur Seite. Ich wei. nicht,
hie. das. .Aber sie wird nicht ewig in dieser Gegend
bleiben..
.Die Zeit ist also begrenzt..
.Ja, begrenzt..
.Aber sie versteckt sich irgendwo, wie eine verwundete
Katze. Deshalb wird sie nicht gemütlich in der Gegend
herumspazieren..
.Nein, das macht sie nicht., sagte das sch.ne M.dchen
entschieden.
.Also muss ich an einem ganz bestimmten Ort nach ihr
suchen..
Fukaeri nickte.
.Was für ein bestimmter Ort?., fragte Tengo.
Unn.tig zu sagen, dass die Antwort ausblieb.
.Sie haben Erinnerungen an sie., sagte Fukaeri nach einer
Weile. .Vielleicht nutzen die etwas..
.Du meinst, irgendetwas aus meiner Erinnerung k.nnte
mir einen Hinweis auf ihr Versteck geben?.
Statt einer Antwort kam nur ein leichtes Achselzucken,
das eventuell eine zustimmende Nuance enthielt.
.Danke., sagte Tengo.
Fukaeri nickte leicht. Sie sah aus wie eine zufriedene
Katze.
Tengo bereitete in der Küche das Abendessen vor,
w.hrend Fukaeri die Schallplatten im Regal akribisch
durchsah. Nicht dass es besonders viele gewesen w.ren,
aber sie lie. sich Zeit. Am Ende entschied sie sich für ein
altes Album der Rolling Stones, legte die Platte auf und
setzte die Nadel in die Rille. Tengo hatte sie sich in seiner
Oberschulzeit von jemandem geliehen und aus
irgendeinem Grund nicht zurückgegeben. Er hatte sie
schon sehr lange nicht mehr geh.rt.
Zu den Kl.ngen von .Mother’s little helper. und .Lady
Jane. machte Tengo ein Pulao aus braunem Reis, Schinken
und Pilzen und dazu eine Misosuppe mit Tofu und
Wakame-Algen. Er kochte Blumenkohl mit einer
Curryso.e, die noch übrig war, und mischte einen Salat aus
Bohnen und Zwiebeln. Die Zubereitung von Mahlzeiten fiel
Tengo nicht schwer. Er hatte die Angewohnheit, beim
Kochen über allt.gliche Probleme, mathematische
Aufgaben, Literatur oder metaphysische Thesen
nachzudenken. W.hrend er in der Küche stand und
manuelle Arbeiten verrichtete, konnte er seine Gedanken
besser ordnen, als wenn er unt.tig war. Doch alles Grübeln
nutzte nichts, er hatte keine Ahnung, wo der .bestimmte
Ort. sein sollte, von dem Fukaeri gesprochen hatte. All
seine Versuche, Ordnung in das Chaos zu bringen, blieben
vergeblich. Die Ergebnisse, zu denen er gelangte, waren
mehr als dürftig.
Die beiden sa.en einander gegenüber am Tisch und
nahmen ihr Abendessen ein. Sie sprachen kaum. Jeder hing
seinen Gedanken nach, w.hrend sie sich schweigend die
Speisen in den Mund schoben wie alte Eheleute, die sich
gegenseitig satthatten. Vielleicht dachten sie auch gar
nichts. In Fukaeris Fall zumindest war der Unterschied
nicht leicht zu bestimmen. Als sie fertig waren, trank Tengo
eine Tasse Kaffee, und Fukaeri nahm sich einen Pudding
aus dem Kühlschrank. Ihr Gesichtsausdruck blieb immer
gleich, egal was sie a.. Eigentlich wirkte es, als kaue sie nur.
Tengo setzte sich an den Schreibtisch. Er wollte ihren
Hinweis befolgen und sich an Aomame erinnern.
Sie haben Erinnerungen an sie. Vielleicht nutzen die
etwas.
Aber Tengo konnte sich nicht auf seine Aufgabe
konzentrieren. Fukaeri hatte ein anderes Rolling-Stones-
Album aufgelegt. Es erklang .Little red rooster. –
entstanden, als Mick Jagger so begeistert vom Chicago
Blues war. Gar nicht schlecht. Aber nicht das Richtige für
jemanden, der vorhat, ernsthaft nachzudenken und in
seinen Erinnerungen zu graben. Dazu waren die Rolling
Stones wohl kaum geeignet. Er musste an einem ruhigen
Ort für sich sein.
.Ich gehe ein bisschen raus., sagte Tengo.
Fukaeri nickte gleichgültig, w.hrend sie die Hülle des
Stones-Albums betrachtete.
.Wenn jemand kommt, machst du nicht auf, ja?., sagte
er.
Tengo verlie. in Turnschuhen, einem dunkelblauen T-
Shirt mit langen .rmeln und khakifarbenen Chinos, aus
denen jeder Anflug von Bügelfalte verschwunden war, die
Wohnung und ging in Richtung Bahnhof. Kurz davor betrat
er ein kleines Lokal mit Namen Mugiatama –
.Gerstenkopf. –, wo er sich ein Bier vom Fass bestellte.
Tengo kannte den Gerstenkopf von früher. Es gab dort
Platz für etwa zwanzig Personen, und man servierte
alkoholische Getr.nke und kleine Speisen. Sp.tabends
wimmelte es von jungen Leuten, aber zwischen sieben und
acht gab es nur wenige G.ste. Die Atmosph.re war ruhig
und angenehm. Woher der Name des Lokals kam und was
er bedeuten sollte, wusste Tengo nicht. Er h.tte die
Bedienung fragen k.nnen, aber zwanglose Gespr.che mit
Fremden waren nicht gerade seine St.rke. Au.erdem fehlte
ihm nichts, wenn er die Herkunft des Namens nicht
kannte. Es war einfach ein sehr gemütliches Lokal, das eben
Gerstenkopf hie..
Rücksichtsvollerweise wurde keine Musik gespielt. Tengo
setzte sich an einen Tisch am Fenster und dachte an
Aomame. Dabei trank er sein Carlsberg vom Fass und
knabberte eine Nussmischung aus einer kleinen Schale. Er
sah sich selbst als Zehnj.hrigen. Sein Leben erreichte
damals einen Wendepunkt. Nachdem Aomame seine Hand
genommen hatte, hatte er sich geweigert, seinen Vater
weiter beim Kassieren der Gebühren für NHK zu begleiten.
Bald darauf hatte er eine deutliche Erektion und einen
Samenerguss erlebt. Natürlich w.re diese Wende auch
eingetreten, wenn Aomame seine Hand nicht gedrückt
h.tte. Früher oder sp.ter. Aber sie hatte ihm Mut gemacht
und so die Ver.nderung beschleunigt. Es war, als habe sie
ihm einen Schubs gegeben.
Er spreizte seine linke Hand und betrachtete sie. Ein
zehnj.hriges M.dchen hatte sie gedrückt und damit eine
gewaltige Ver.nderung in ihm hervorgerufen. Wie das