m.glich gewesen war, konnte er sich nicht schlüssig
erkl.ren. Aber sie hatten einander damals v.llig natürlich
verstanden und angenommen. So vollst.ndig, dass es
beinahe wie ein Wunder war. So etwas stie. einem im
Leben nicht gerade h.ufig zu. Vielleicht erlebten manche es
überhaupt nicht. Tengo war damals noch nicht in der Lage
gewesen, genau zu verstehen, welche entscheidende
Dimension dieses Ereignis hatte. Und nicht nur damals.
Noch bis vor kurzem hatte er die dem Vorgang
innewohnende Bedeutung nie wirklich verstanden, sondern
einfach nur vage das Bild dieses M.dchens in seinem
Herzen bewahrt.
Inzwischen musste Aomame drei.ig sein und sah
wahrscheinlich v.llig anders aus. War gewachsen, hatte
sicher auch einen Busen und natürlich eine andere Frisur.
Falls sie die Zeugen Jehovas verlassen hatte, verwendete sie
vielleicht sogar Make-up. Und trug elegante, teure
Kleidung. Allerdings konnte Tengo sich nicht gut
vorstellen, wie Aomame in einem Kostüm von Calvin Klein
und hohen Schuhen die Stra.en entlangst.ckelte. Aber
m.glich war es. Menschen entwickelten sich, und
Entwicklung bedeutete Ver.nderung. Vielleicht sa. sie
sogar hier im Lokal, und er merkte es nicht einmal!
W.hrend er sein Bierglas leerte, schaute er sich noch
einmal um. Angeblich war sie ja ganz in der N.he. In einer
Entfernung, die man zu Fu. zurücklegen konnte. Das hatte
Fukaeri gesagt. Und Tengo glaubte ihr. Wenn sie es sagte,
war es bestimmt auch so.
Aber au.er ihm sa. nur noch ein studentisch
aussehendes junges Paar an der Theke, das die K.pfe
zusammensteckte und eifrig und vertraulich miteinander
tuschelte. Beim Anblick dieser beiden überkam Tengo zum
ersten Mal seit langem das Gefühl tiefer Einsamkeit. Ich bin
ganz allein auf der Welt, dachte er. Ich habe niemanden.
Er schloss leise die Augen, konzentrierte sich und rief sich
die Szene aus der Grundschule noch einmal ins Ged.chtnis.
Als er w.hrend des Unwetters in der vergangenen Nacht
mit Fukaeri zusammen gewesen war, hatte er auch die
Augen geschlossen und war in sein altes Klassenzimmer
gelangt. Die Erfahrung war sehr real und konkret gewesen,
und die Erinnerung erschien ihm frischer als sonst. Als
habe der n.chtliche Regen den Staub, der sie bedeckte,
fortgewaschen.
Unsicherheit, Hoffnung und Angst waren bis in den
letzten Winkel des leeren Klassenzimmers verstreut,
hielten sich verborgen wie furchtsame kleine Tiere. Er rief
sich die Szenerie ins Ged.chtnis: die noch ungewischte
Tafel mit irgendwelchen Formeln, die kleinen Stücke
zerbrochener Kreide, die billigen sonnengebleichten
Vorh.nge, die Blumen (wie sie hie.en, wusste er nicht) in
der Vase auf dem Lehrerpult, die mit Rei.zwecken an der
Wand befestigten Bilder, die die Kinder gemalt hatten. Er
h.rte die Stimmen, die von drau.en durch das Fenster
t.nten. Jedes Omen, jeden Plan und jedes R.tsel, die darin
enthalten waren, vermochte er einzeln mit seinem Blick
aufzuspüren.
Alles, was Tengo w.hrend der zehn Sekunden, in denen
Aomame seine Hand hielt, gesehen hatte, war pr.zise wie
eine Fotografie auf seine Netzhaut gebannt. Dieser Moment
war zur entscheidenden Schlüsselszene geworden, die ihm
half, die schweren Jahre seiner Jugend zu überstehen. Der
starke Druck von Aomames Fingern war ein unabdingbarer
Teil dieser Szene. Ihre rechte Hand hatte Tengo in den
schmerzhaften Zeiten seines Heranwachsens ermutigt.
Alles in Ordnung. Du hast mich, lautete die Botschaft, die
die Hand ihm übermittelte.
DU BIST NICHT ALLEIN.
Sie h.lt sich versteckt, hatte Fukaeri gesagt. Wie eine
verletzte Katze.
Wenn man darüber nachdachte, war es schon ein
seltsames Zusammentreffen. Auch Fukaeri musste sich
doch verbergen. Durfte Tengos Wohnung nicht verlassen.
In einer Ecke von Tokio hielten sich gleich zwei Frauen
versteckt. Beide waren auf der Flucht vor etwas. Beide
standen in enger Beziehung zu Tengo. Ob es da einen
Zusammenhang gab? Oder war es blo. Zufall?
Natürlich hatte er darauf keine Antwort. Die Frage war
nur so am Rande aufgetaucht. Wie üblich gab es einfach zu
viele Fragen und zu wenige Antworten.
Als er sein Bier ausgetrunken hatte, kam ein junger
Kellner an seinen Tisch und fragte, ob er noch einen
Wunsch habe. Nach kurzem Z.gern bestellte Tengo einen
Bourbon on the rocks und noch ein Sch.lchen Nüsse. Egal
welche. Er dachte weiter über Aomame nach. Aus der
Küche kam der Duft frischgebackener Pizza.
Vor wem in aller Welt musste Aomame sich verstecken?
Vielleicht war sie auf der Flucht vor den Beh.rden?
Andererseits konnte Tengo sich nicht vorstellen, dass eine
Kriminelle aus ihr geworden war. Welches Verbrechen
sollte sie begangen haben? Nein, es war nicht die Polizei
oder so etwas. Wer oder was Aomame verfolgte, hatte
bestimmt nichts mit dem Gesetz zu tun.
Pl.tzlich schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, ob
nicht die, die hinter Fukaeri her waren, auch Aomame
verfolgten? Die Little People. Doch warum sollten die Little
People Jagd auf Aomame machen?
Angenommen, bei den Verfolgern handelte es sich
wirklich um die Little People. Dann war wom.glich er das
eigentliche Ziel. Natürlich begriff Tengo nicht, warum
ausgerechnet er der Schlüssel zu den Ereignissen sein
sollte. Aber wenn es einen Faktor gab, der die beiden
Frauen verband, kam kein anderer als er selbst in Frage.
Vielleicht habe ich, ohne es zu wissen, eine Kraft
mobilisiert, um Aomame in meine N.he zu bringen, dachte
er.
Eine Kraft?
Er starrte auf seine H.nde. Keine Ahnung. Woher sollte
eine solche Kraft kommen?
Man servierte ihm den Four Roses on the rocks. Und die
Nüsse. Er nahm einen Schluck von seinem Whisky, griff
sich ein paar Nüsse aus dem Sch.lchen und schüttelte sie
leicht in der hohlen Hand.
Jedenfalls ist Aomame irgendwo hier in der Stadt, dachte
er. So nah, dass ich zu Fu. zu ihr gehen k.nnte. Sagt
Fukaeri. Und ich glaube ihr. Ich wei. zwar nicht warum,
doch ich glaube ihr. Aber wie soll ich Aomame finden,
wenn sie sich irgendwo versteckt h.lt?
Es war ja schon nicht leicht, jemanden zu finden, der ein
gesellschaftliches Leben führte, aber wenn jemand sich
absichtlich verborgen hielt, war das fast unm.glich. Ob er
mit einem Lautsprecher herumgehen und ihren Namen
rufen sollte? Dann würde sie ganz bestimmt nicht
herauskommen. Er würde die Aufmerksamkeit der
Umgebung erregen und sie nur noch mehr in Gefahr
bringen.
Ich muss mich an etwas Bestimmtes erinnern, das ist
meine einzige Chance, dachte Tengo.
Wie Fukaeri gesagt hatte. Schon l.nger erschienen ihm
ein oder zwei wichtige Punkte in seiner Erinnerung an
Aomame etwas fraglich. Etwas st.rte ihn daran, wie ein
kleiner Stein, den man im Schuh hat. Das Gefühl war vage
und dr.ngend zugleich.
Tengo leerte sein Bewusstsein, wie man eine Tafel
sauberwischt, und grub noch einmal in seinem Ged.chtnis.
Er rief sich Aomame, sich selbst und die Gegenst.nde, die
sie umgeben hatten, vor Augen und reinigte alles vom
weichen Schlamm, wie ein Fischer, der gerade sein Netz
heraufgezogen hat. Stück für Stück reihte er aneinander
und dachte gründlich darüber nach. Dennoch waren es
Dinge, die sich vor zwanzig Jahren zugetragen hatten. Auch
wenn er vieles von damals noch sehr deutlich wusste, war
das, woran er sich konkret erinnern konnte, doch
eingeschr.nkt.
Dennoch musste er dieses Etwas entdecken, das er bisher
übersehen hatte. Am besten hier und sofort. Andernfalls
würde er Aomame, die sich mutma.lich irgendwo in
diesem Viertel aufhielt, wahrscheinlich nicht finden. Und
wenn er Fukaeris Worten Glauben schenkte, war seine Zeit
auch begrenzt. Au.erdem wurde Aomame gejagt.
Tengo beschloss, die damalige Szene nun aus Aomames
Perspektive durchzugehen. Was hatte sie gesehen? Und
was hatte er selbst gesehen? Er würde am Fluss der Zeit
entlang zurückgehen und ihrem Blick folgen.
Das M.dchen hatte ihm, w.hrend sie sich an den H.nden
hielten, direkt ins Gesicht geschaut, ohne ein einziges Mal
die Augen abzuwenden. Tengo hatte damals nicht
verstanden, warum sie das tat, und ihr anfangs auf der
Suche nach einer Erkl.rung in die Augen geschaut. Es
musste ein Missverst.ndnis vorliegen. Oder ein Irrtum.
Hatte er gedacht. Aber er fand keinen Anhaltspunkt für ein
Missverst.ndnis oder einen Irrtum. Ihm fiel nur auf, dass
ihre Augen eine erstaunliche Klarheit besa.en. Noch nie
hatte er einen so klaren, ungetrübten Blick gesehen.
Ungeachtet dieser Transparenz war er wie eine tiefe Quelle,
der man nicht bis auf den Grund schauen kann. Ihm war,
als würde er in ihre Augen hineingesogen. Um ihnen zu
entkommen, sah er beiseite. Er konnte nicht anders.
Zun.chst schaute er auf den Dielenboden zu seinen
Fü.en, dann zur Tür des leeren Klassenzimmers,
schlie.lich drehte er ein wenig den Kopf und sah aus dem
Fenster. Aomames Blick wich und wankte w.hrend dieser
ganzen Zeit nicht, richtete sich weiter fest auf seine Augen,
obwohl er bereits aus dem Fenster sah. Er spürte ihren
Blick brennend und fast schmerzhaft. Ihre Finger
umklammerten mit unverminderter St.rke seine linke
Hand, ohne dass die Kraft ihres Drucks erlahmte. Aomame
fürchtete sich nicht. Es gab nichts auf der Welt, vor dem sie
sich fürchtete. Und dieses Gefühl versuchte sie Tengo über
ihre Fingerkuppen zu vermitteln.
Das Fenster stand noch weit offen, um nach dem
Saubermachen frische Luft hereinzulassen, und die hellen
Vorh.nge flatterten leicht im Wind. Dahinter erstreckte
sich der Himmel. Es war Dezember, aber noch nicht sehr
kalt. Hoch am Himmel zogen Wolken vorbei. Horizontale
wei.e Wolken, ein letztes überbleibsel des Herbstes. Sie
wirkten wie eben dort hingeworfene Pinselstriche. Und
dann war da noch etwas. Etwas hinter den Wolken. Die
Sonne? Nein. Nicht die Sonne.
RICHTIG, DORT STAND DER MOND.
Die Abendd.mmerung hatte noch nicht eingesetzt, aber
der Mond war bereits aufgegangen. Er war zu drei Vierteln
voll. Tengo hatte sich gewundert, dass man den Mond so
gro. und klar sehen konnte, obwohl es noch so hell war.
Daran konnte er sich noch erinnern. Der leblose graue
Felsbrocken hing tief und scheinbar gelangweilt am
Himmel wie an einem unsichtbaren Faden. Eine seltsam
künstliche Atmosph.re umgab ihn. Eigentlich sah er aus,
als sei er für eine Theaterkulisse gebastelt worden. Aber
natürlich war er echt. Selbstverst.ndlich. Niemand würde
sich die Arbeit machen, am echten Himmel einen
künstlichen Mond zu installieren.
Mit einem Mal sah Aomame nicht mehr in Tengos Augen.
Sie hatte ihren Blick in die gleiche Richtung gewandt wie er
und betrachtete nun auch den wei.en Mond am
nachmitt.glichen Himmel. Dabei hielt sie Tengos Hand
noch immer fest gedrückt. Ihr Gesicht war sehr ernst.
Tengo sah ihr wieder in die Augen. Sie waren nicht mehr so
klar wie vorher. Anscheinend hatte es sich um eine
besondere vorübergehende Art der Transparenz gehandelt.
Stattdessen nahm er nun etwas Hartes, Kristallines in ihnen
wahr. Sie gl.nzten, aber zugleich wohnte ihnen eine
frostige Strenge inne. Tengo verstand nicht, was all das zu
bedeuten hatte.
Kurz darauf schien sie zu einer Entscheidung gelangt zu
sein. Abrupt lie. sie Tengos Hand los, kehrte ihm den
Rücken zu und verlie. ohne ein Wort schnurstracks den
Raum. Sie lie. Tengo stehen, ohne sich einmal
umzudrehen. Tiefe Leere umfing ihn.
Tengo schlug die Augen auf, l.ste sich aus seiner
Erinnerung und atmete tief aus. Er nahm einen Schluck von
seinem Bourbon und genoss das Gefühl, wie die Flüssigkeit
ihm durch Kehle und Speiser.hre rann. Er atmete noch
einmal tief durch. Von Aomame war nichts mehr zu sehen.
Sie hatte sich umgedreht und das Klassenzimmer verlassen.
Und war aus seinem Leben verschwunden.
Es ist der Mond, dachte Tengo.
Ich habe damals den Mond gesehen. Und Aomame auch.
Es war halb vier Uhr nachmittags und noch hell, und er
stand als aschgrauer Felsbrocken am Himmel. Ein
stummer, einsamer Trabant. Und wir schauten ihn an. Aber
was hat das zu bedeuten? Wird der Mond mich zu Aomame
führen?
Vielleicht, dachte Tengo pl.tzlich, hat Aomame sich
damals insgeheim dem Mond versprochen. Einen
heimlichen Bund mit ihm geschlossen. Die furchtbare
Ernsthaftigkeit, mit der sie ihren Blick auf den Mond
gerichtet hatte, brachte ihn auf diese Idee.
Er wusste natürlich nicht, was Aomame dem Mond
versprochen hatte, aber er hatte eine vage Vorstellung von
dem, was der Mond ihr hatte gew.hren k.nnen.
Wahrscheinlich Einsamkeit und Ruhe in ihrer reinsten
Form. Das war das Beste, was der Mond einem Menschen
zu bieten hatte.
Tengo bezahlte die Rechnung und verlie. den
Gerstenkopf. Er blickte zum Himmel. Kein Mond. Aber der
Himmel war klar, also musste er irgendwo zu sehen sein.
Aber die Hochh.user verstellten die Sicht. Die H.nde in
den Hosentaschen schlenderte Tengo auf der Suche nach
dem Mond durch die Stra.en. Er brauchte eine Stelle, von
der er einen freien Ausblick hatte, aber eine solche war in
Koenji gar nicht so leicht zu finden. Die Gegend war so
flach, dass er auch mit gr..ter Mühe nicht den kleinsten
Hang entdecken konnte. Anscheinend gab es überhaupt
keine Erh.hungen. Er h.tte auf das Dach eines Hochhauses
fahren k.nnen, das alle vier Richtungen überblickte. Aber
er fand kein Geb.ude, das sich dazu anbot.
W.hrend Tengo ziellos durch die Gegend lief, fiel ihm
ein, dass es in der N.he einen Park mit einem
Kinderspielplatz gab. Er war auf seinen Spazierg.ngen
schon ein paar Mal dort vorbeigekommen. Der Spielplatz
war nicht gro., aber bestimmt gab es dort eine
Rutschbahn, auf die er klettern konnte. Das w.re nicht
besonders hoch, aber immerhin h.tte er einen besseren
Ausblick als vom Boden aus. Also machte er sich auf den
Weg zum Park. Seine Armbanduhr zeigte fast acht Uhr.
Der Park war menschenleer. In der Mitte erhob sich eine