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作者: 当前章节:15374 字 更新时间:2026-6-19 08:06

m.glich gewesen war, konnte er sich nicht schlüssig

erkl.ren. Aber sie hatten einander damals v.llig natürlich

verstanden und angenommen. So vollst.ndig, dass es

beinahe wie ein Wunder war. So etwas stie. einem im

Leben nicht gerade h.ufig zu. Vielleicht erlebten manche es

überhaupt nicht. Tengo war damals noch nicht in der Lage

gewesen, genau zu verstehen, welche entscheidende

Dimension dieses Ereignis hatte. Und nicht nur damals.

Noch bis vor kurzem hatte er die dem Vorgang

innewohnende Bedeutung nie wirklich verstanden, sondern

einfach nur vage das Bild dieses M.dchens in seinem

Herzen bewahrt.

Inzwischen musste Aomame drei.ig sein und sah

wahrscheinlich v.llig anders aus. War gewachsen, hatte

sicher auch einen Busen und natürlich eine andere Frisur.

Falls sie die Zeugen Jehovas verlassen hatte, verwendete sie

vielleicht sogar Make-up. Und trug elegante, teure

Kleidung. Allerdings konnte Tengo sich nicht gut

vorstellen, wie Aomame in einem Kostüm von Calvin Klein

und hohen Schuhen die Stra.en entlangst.ckelte. Aber

m.glich war es. Menschen entwickelten sich, und

Entwicklung bedeutete Ver.nderung. Vielleicht sa. sie

sogar hier im Lokal, und er merkte es nicht einmal!

W.hrend er sein Bierglas leerte, schaute er sich noch

einmal um. Angeblich war sie ja ganz in der N.he. In einer

Entfernung, die man zu Fu. zurücklegen konnte. Das hatte

Fukaeri gesagt. Und Tengo glaubte ihr. Wenn sie es sagte,

war es bestimmt auch so.

Aber au.er ihm sa. nur noch ein studentisch

aussehendes junges Paar an der Theke, das die K.pfe

zusammensteckte und eifrig und vertraulich miteinander

tuschelte. Beim Anblick dieser beiden überkam Tengo zum

ersten Mal seit langem das Gefühl tiefer Einsamkeit. Ich bin

ganz allein auf der Welt, dachte er. Ich habe niemanden.

Er schloss leise die Augen, konzentrierte sich und rief sich

die Szene aus der Grundschule noch einmal ins Ged.chtnis.

Als er w.hrend des Unwetters in der vergangenen Nacht

mit Fukaeri zusammen gewesen war, hatte er auch die

Augen geschlossen und war in sein altes Klassenzimmer

gelangt. Die Erfahrung war sehr real und konkret gewesen,

und die Erinnerung erschien ihm frischer als sonst. Als

habe der n.chtliche Regen den Staub, der sie bedeckte,

fortgewaschen.

Unsicherheit, Hoffnung und Angst waren bis in den

letzten Winkel des leeren Klassenzimmers verstreut,

hielten sich verborgen wie furchtsame kleine Tiere. Er rief

sich die Szenerie ins Ged.chtnis: die noch ungewischte

Tafel mit irgendwelchen Formeln, die kleinen Stücke

zerbrochener Kreide, die billigen sonnengebleichten

Vorh.nge, die Blumen (wie sie hie.en, wusste er nicht) in

der Vase auf dem Lehrerpult, die mit Rei.zwecken an der

Wand befestigten Bilder, die die Kinder gemalt hatten. Er

h.rte die Stimmen, die von drau.en durch das Fenster

t.nten. Jedes Omen, jeden Plan und jedes R.tsel, die darin

enthalten waren, vermochte er einzeln mit seinem Blick

aufzuspüren.

Alles, was Tengo w.hrend der zehn Sekunden, in denen

Aomame seine Hand hielt, gesehen hatte, war pr.zise wie

eine Fotografie auf seine Netzhaut gebannt. Dieser Moment

war zur entscheidenden Schlüsselszene geworden, die ihm

half, die schweren Jahre seiner Jugend zu überstehen. Der

starke Druck von Aomames Fingern war ein unabdingbarer

Teil dieser Szene. Ihre rechte Hand hatte Tengo in den

schmerzhaften Zeiten seines Heranwachsens ermutigt.

Alles in Ordnung. Du hast mich, lautete die Botschaft, die

die Hand ihm übermittelte.

DU BIST NICHT ALLEIN.

Sie h.lt sich versteckt, hatte Fukaeri gesagt. Wie eine

verletzte Katze.

Wenn man darüber nachdachte, war es schon ein

seltsames Zusammentreffen. Auch Fukaeri musste sich

doch verbergen. Durfte Tengos Wohnung nicht verlassen.

In einer Ecke von Tokio hielten sich gleich zwei Frauen

versteckt. Beide waren auf der Flucht vor etwas. Beide

standen in enger Beziehung zu Tengo. Ob es da einen

Zusammenhang gab? Oder war es blo. Zufall?

Natürlich hatte er darauf keine Antwort. Die Frage war

nur so am Rande aufgetaucht. Wie üblich gab es einfach zu

viele Fragen und zu wenige Antworten.

Als er sein Bier ausgetrunken hatte, kam ein junger

Kellner an seinen Tisch und fragte, ob er noch einen

Wunsch habe. Nach kurzem Z.gern bestellte Tengo einen

Bourbon on the rocks und noch ein Sch.lchen Nüsse. Egal

welche. Er dachte weiter über Aomame nach. Aus der

Küche kam der Duft frischgebackener Pizza.

Vor wem in aller Welt musste Aomame sich verstecken?

Vielleicht war sie auf der Flucht vor den Beh.rden?

Andererseits konnte Tengo sich nicht vorstellen, dass eine

Kriminelle aus ihr geworden war. Welches Verbrechen

sollte sie begangen haben? Nein, es war nicht die Polizei

oder so etwas. Wer oder was Aomame verfolgte, hatte

bestimmt nichts mit dem Gesetz zu tun.

Pl.tzlich schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, ob

nicht die, die hinter Fukaeri her waren, auch Aomame

verfolgten? Die Little People. Doch warum sollten die Little

People Jagd auf Aomame machen?

Angenommen, bei den Verfolgern handelte es sich

wirklich um die Little People. Dann war wom.glich er das

eigentliche Ziel. Natürlich begriff Tengo nicht, warum

ausgerechnet er der Schlüssel zu den Ereignissen sein

sollte. Aber wenn es einen Faktor gab, der die beiden

Frauen verband, kam kein anderer als er selbst in Frage.

Vielleicht habe ich, ohne es zu wissen, eine Kraft

mobilisiert, um Aomame in meine N.he zu bringen, dachte

er.

Eine Kraft?

Er starrte auf seine H.nde. Keine Ahnung. Woher sollte

eine solche Kraft kommen?

Man servierte ihm den Four Roses on the rocks. Und die

Nüsse. Er nahm einen Schluck von seinem Whisky, griff

sich ein paar Nüsse aus dem Sch.lchen und schüttelte sie

leicht in der hohlen Hand.

Jedenfalls ist Aomame irgendwo hier in der Stadt, dachte

er. So nah, dass ich zu Fu. zu ihr gehen k.nnte. Sagt

Fukaeri. Und ich glaube ihr. Ich wei. zwar nicht warum,

doch ich glaube ihr. Aber wie soll ich Aomame finden,

wenn sie sich irgendwo versteckt h.lt?

Es war ja schon nicht leicht, jemanden zu finden, der ein

gesellschaftliches Leben führte, aber wenn jemand sich

absichtlich verborgen hielt, war das fast unm.glich. Ob er

mit einem Lautsprecher herumgehen und ihren Namen

rufen sollte? Dann würde sie ganz bestimmt nicht

herauskommen. Er würde die Aufmerksamkeit der

Umgebung erregen und sie nur noch mehr in Gefahr

bringen.

Ich muss mich an etwas Bestimmtes erinnern, das ist

meine einzige Chance, dachte Tengo.

Wie Fukaeri gesagt hatte. Schon l.nger erschienen ihm

ein oder zwei wichtige Punkte in seiner Erinnerung an

Aomame etwas fraglich. Etwas st.rte ihn daran, wie ein

kleiner Stein, den man im Schuh hat. Das Gefühl war vage

und dr.ngend zugleich.

Tengo leerte sein Bewusstsein, wie man eine Tafel

sauberwischt, und grub noch einmal in seinem Ged.chtnis.

Er rief sich Aomame, sich selbst und die Gegenst.nde, die

sie umgeben hatten, vor Augen und reinigte alles vom

weichen Schlamm, wie ein Fischer, der gerade sein Netz

heraufgezogen hat. Stück für Stück reihte er aneinander

und dachte gründlich darüber nach. Dennoch waren es

Dinge, die sich vor zwanzig Jahren zugetragen hatten. Auch

wenn er vieles von damals noch sehr deutlich wusste, war

das, woran er sich konkret erinnern konnte, doch

eingeschr.nkt.

Dennoch musste er dieses Etwas entdecken, das er bisher

übersehen hatte. Am besten hier und sofort. Andernfalls

würde er Aomame, die sich mutma.lich irgendwo in

diesem Viertel aufhielt, wahrscheinlich nicht finden. Und

wenn er Fukaeris Worten Glauben schenkte, war seine Zeit

auch begrenzt. Au.erdem wurde Aomame gejagt.

Tengo beschloss, die damalige Szene nun aus Aomames

Perspektive durchzugehen. Was hatte sie gesehen? Und

was hatte er selbst gesehen? Er würde am Fluss der Zeit

entlang zurückgehen und ihrem Blick folgen.

Das M.dchen hatte ihm, w.hrend sie sich an den H.nden

hielten, direkt ins Gesicht geschaut, ohne ein einziges Mal

die Augen abzuwenden. Tengo hatte damals nicht

verstanden, warum sie das tat, und ihr anfangs auf der

Suche nach einer Erkl.rung in die Augen geschaut. Es

musste ein Missverst.ndnis vorliegen. Oder ein Irrtum.

Hatte er gedacht. Aber er fand keinen Anhaltspunkt für ein

Missverst.ndnis oder einen Irrtum. Ihm fiel nur auf, dass

ihre Augen eine erstaunliche Klarheit besa.en. Noch nie

hatte er einen so klaren, ungetrübten Blick gesehen.

Ungeachtet dieser Transparenz war er wie eine tiefe Quelle,

der man nicht bis auf den Grund schauen kann. Ihm war,

als würde er in ihre Augen hineingesogen. Um ihnen zu

entkommen, sah er beiseite. Er konnte nicht anders.

Zun.chst schaute er auf den Dielenboden zu seinen

Fü.en, dann zur Tür des leeren Klassenzimmers,

schlie.lich drehte er ein wenig den Kopf und sah aus dem

Fenster. Aomames Blick wich und wankte w.hrend dieser

ganzen Zeit nicht, richtete sich weiter fest auf seine Augen,

obwohl er bereits aus dem Fenster sah. Er spürte ihren

Blick brennend und fast schmerzhaft. Ihre Finger

umklammerten mit unverminderter St.rke seine linke

Hand, ohne dass die Kraft ihres Drucks erlahmte. Aomame

fürchtete sich nicht. Es gab nichts auf der Welt, vor dem sie

sich fürchtete. Und dieses Gefühl versuchte sie Tengo über

ihre Fingerkuppen zu vermitteln.

Das Fenster stand noch weit offen, um nach dem

Saubermachen frische Luft hereinzulassen, und die hellen

Vorh.nge flatterten leicht im Wind. Dahinter erstreckte

sich der Himmel. Es war Dezember, aber noch nicht sehr

kalt. Hoch am Himmel zogen Wolken vorbei. Horizontale

wei.e Wolken, ein letztes überbleibsel des Herbstes. Sie

wirkten wie eben dort hingeworfene Pinselstriche. Und

dann war da noch etwas. Etwas hinter den Wolken. Die

Sonne? Nein. Nicht die Sonne.

RICHTIG, DORT STAND DER MOND.

Die Abendd.mmerung hatte noch nicht eingesetzt, aber

der Mond war bereits aufgegangen. Er war zu drei Vierteln

voll. Tengo hatte sich gewundert, dass man den Mond so

gro. und klar sehen konnte, obwohl es noch so hell war.

Daran konnte er sich noch erinnern. Der leblose graue

Felsbrocken hing tief und scheinbar gelangweilt am

Himmel wie an einem unsichtbaren Faden. Eine seltsam

künstliche Atmosph.re umgab ihn. Eigentlich sah er aus,

als sei er für eine Theaterkulisse gebastelt worden. Aber

natürlich war er echt. Selbstverst.ndlich. Niemand würde

sich die Arbeit machen, am echten Himmel einen

künstlichen Mond zu installieren.

Mit einem Mal sah Aomame nicht mehr in Tengos Augen.

Sie hatte ihren Blick in die gleiche Richtung gewandt wie er

und betrachtete nun auch den wei.en Mond am

nachmitt.glichen Himmel. Dabei hielt sie Tengos Hand

noch immer fest gedrückt. Ihr Gesicht war sehr ernst.

Tengo sah ihr wieder in die Augen. Sie waren nicht mehr so

klar wie vorher. Anscheinend hatte es sich um eine

besondere vorübergehende Art der Transparenz gehandelt.

Stattdessen nahm er nun etwas Hartes, Kristallines in ihnen

wahr. Sie gl.nzten, aber zugleich wohnte ihnen eine

frostige Strenge inne. Tengo verstand nicht, was all das zu

bedeuten hatte.

Kurz darauf schien sie zu einer Entscheidung gelangt zu

sein. Abrupt lie. sie Tengos Hand los, kehrte ihm den

Rücken zu und verlie. ohne ein Wort schnurstracks den

Raum. Sie lie. Tengo stehen, ohne sich einmal

umzudrehen. Tiefe Leere umfing ihn.

Tengo schlug die Augen auf, l.ste sich aus seiner

Erinnerung und atmete tief aus. Er nahm einen Schluck von

seinem Bourbon und genoss das Gefühl, wie die Flüssigkeit

ihm durch Kehle und Speiser.hre rann. Er atmete noch

einmal tief durch. Von Aomame war nichts mehr zu sehen.

Sie hatte sich umgedreht und das Klassenzimmer verlassen.

Und war aus seinem Leben verschwunden.

Es ist der Mond, dachte Tengo.

Ich habe damals den Mond gesehen. Und Aomame auch.

Es war halb vier Uhr nachmittags und noch hell, und er

stand als aschgrauer Felsbrocken am Himmel. Ein

stummer, einsamer Trabant. Und wir schauten ihn an. Aber

was hat das zu bedeuten? Wird der Mond mich zu Aomame

führen?

Vielleicht, dachte Tengo pl.tzlich, hat Aomame sich

damals insgeheim dem Mond versprochen. Einen

heimlichen Bund mit ihm geschlossen. Die furchtbare

Ernsthaftigkeit, mit der sie ihren Blick auf den Mond

gerichtet hatte, brachte ihn auf diese Idee.

Er wusste natürlich nicht, was Aomame dem Mond

versprochen hatte, aber er hatte eine vage Vorstellung von

dem, was der Mond ihr hatte gew.hren k.nnen.

Wahrscheinlich Einsamkeit und Ruhe in ihrer reinsten

Form. Das war das Beste, was der Mond einem Menschen

zu bieten hatte.

Tengo bezahlte die Rechnung und verlie. den

Gerstenkopf. Er blickte zum Himmel. Kein Mond. Aber der

Himmel war klar, also musste er irgendwo zu sehen sein.

Aber die Hochh.user verstellten die Sicht. Die H.nde in

den Hosentaschen schlenderte Tengo auf der Suche nach

dem Mond durch die Stra.en. Er brauchte eine Stelle, von

der er einen freien Ausblick hatte, aber eine solche war in

Koenji gar nicht so leicht zu finden. Die Gegend war so

flach, dass er auch mit gr..ter Mühe nicht den kleinsten

Hang entdecken konnte. Anscheinend gab es überhaupt

keine Erh.hungen. Er h.tte auf das Dach eines Hochhauses

fahren k.nnen, das alle vier Richtungen überblickte. Aber

er fand kein Geb.ude, das sich dazu anbot.

W.hrend Tengo ziellos durch die Gegend lief, fiel ihm

ein, dass es in der N.he einen Park mit einem

Kinderspielplatz gab. Er war auf seinen Spazierg.ngen

schon ein paar Mal dort vorbeigekommen. Der Spielplatz

war nicht gro., aber bestimmt gab es dort eine

Rutschbahn, auf die er klettern konnte. Das w.re nicht

besonders hoch, aber immerhin h.tte er einen besseren

Ausblick als vom Boden aus. Also machte er sich auf den

Weg zum Park. Seine Armbanduhr zeigte fast acht Uhr.

Der Park war menschenleer. In der Mitte erhob sich eine

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