gro.e Quecksilberlaterne, die ihn bis in den letzten Winkel
ausleuchtete. Auch ein noch üppig belaubter gro.er
Keyakibaum stand dort. Ansonsten gab es noch ein paar
niedrige Str.ucher, einen Trinkbrunnen, B.nke, eine
Schaukel und eine Rutschbahn. Eine .ffentliche Toilette
war auch vorhanden, aber die wurde wohl bei
Sonnenuntergang von einem st.dtischen Angestellten
verschlossen. Wahrscheinlich um Obdachlose
fernzuhalten. Tagsüber plauderten hier junge Mütter
lebhaft miteinander, w.hrend ihre Kleinen spielten. Tengo
hatte das schon mehrmals beobachtet. Aber nach
Sonnenuntergang kam fast niemand mehr her.
Tengo stieg auf die Rutschbahn und blickte im Stehen
zum n.chtlichen Himmel. Auf der Nordseite des Parks
stand ein neues fünfst.ckiges Apartmenthaus, das früher
nicht dort gewesen war. Anscheinend war es erst kürzlich
fertig geworden. Es versperrte den Blick auf den n.rdlichen
Himmel. Doch alle anderen H.user in der n.heren
Umgebung waren niedrig. Tengo lie. seinen Blick
rundherum schweifen und entdeckte im Südwesten den
Mond. über dem Dach eines freistehenden alten Hauses,
das nur ein Stockwerk hatte. Er war zu drei Vierteln voll.
Wie vor zwanzig Jahren, dachte Tengo. Der Mond hatte
genau die gleiche Gr..e und Form. Ein zuf.lliges
Zusammentreffen. Wahrscheinlich.
Doch der Mond dort am frühherbstlichen Abendhimmel
schien hell und klar. Wie von innen heraus strahlte er mit
der eigentümlichen W.rme, die sein Licht in dieser
Jahreszeit hatte. Der Eindruck war ein v.llig anderer als der
an jenem Dezembernachmittag um halb vier. Das milde
und natürliche Licht tr.stete und beruhigte das Gemüt.
Ebenso wie das Flie.en von klarem Wasser und das leise
freundliche Rascheln von Laub tr.stet und beruhigt.
Lange sah Tengo von seinem Ausguck zu diesem Mond
hinauf, w.hrend die Ger.usche der verschiedenen
Autoreifen, die auf der Ringstra.e 7 dahinrollten, sich zu
einer Art fernem Meeresrauschen verbanden und zu ihm
herüberdrangen. Tengo musste an das Sanatorium an der
Küste von Chiba denken, in dem sein Vater lebte.
Wie gew.hnlich lie.en die irdischen Lichter der
Gro.stadt den Schein der Sterne verblassen. Obwohl der
Himmel so wunderbar klar war, schimmerten nur hier und
da einige, die besonders kr.ftig waren. Nur der Mond
behauptete sich hell und strahlend. Getreulich und klaglos
stand er über den grellen Lichtern, dem L.rm und der
verschmutzten Luft am Himmel. Bei genauerem Hinsehen
waren die bizarren Schatten seiner riesigen Krater und
Schluchten zu erkennen. W.hrend Tengo selbstvergessen
in seinem Glanz badete, erwachte in ihm eine Art ererbte
Erinnerung an uralte Zeiten. Ehe die Menschen das Feuer,
Werkzeuge und eine Sprache besa.en, war der Mond ihnen
ein treuer Verbündeter gewesen. Als Himmelsleuchte
erhellte er die finstere Welt und linderte ihre Furcht. Die
Phasen seines Zu- und Abnehmens gaben ihnen eine
Vorstellung von Zeit. Selbst in der Gegenwart, wo die
Finsternis aus den meisten Gegenden vertrieben ist, scheint
sich in unseren Genen ein Gefühl der Dankbarkeit für die
gro.zügigen Gaben des Mondes bewahrt zu haben. Eine
warme, kollektive Erinnerung.
Eigentlich hatte Tengo den Mond schon lange nicht mehr
so genau betrachtet. Wann hatte er das letzte Mal zu ihm
hinaufgeschaut? Wer seine Tage in der Hektik der
Gro.stadt verbrachte, eilte irgendwann nur noch mit zu
Boden gerichtetem Blick durchs Leben. Und verga. dabei,
den Abendhimmel zu betrachten.
Pl.tzlich fiel ihm auf, dass in geringer Entfernung zum
Mond ein weiterer Mond am Himmel stand. Zuerst hielt er
es für eine durch eine Lichtbrechung hervorgerufene
optische T.uschung. Doch alles Schauen .nderte nichts an
der Tatsache, dass sich am Himmel die festen Umrisse
eines zweiten Mondes zeigten. Tengo war wie vom Donner
gerührt und starrte geistesabwesend und mit
halbge.ffnetem Mund dorthin. Er konnte nicht fassen, was
er sah. Seine Vorstellungen stimmten nicht mit dem
überein, was sich ihm zeigte. Es hatte .hnlichkeit mit dem
Gefühl, eine Idee nicht mit Worten ausdrücken zu k.nnen.
Ein zweiter Mond?
Tengo schloss die Augen und rieb sich mit beiden
H.nden die Wangen. Was ist los mit mir?, dachte er. So
viel habe ich doch gar nicht getrunken. Er atmete ruhig ein
und ruhig wieder aus. überzeugte sich, dass er bei klarem
Bewusstsein war. Schloss die Augen und vergewisserte sich
noch einmal im Dunkeln, wer er war, wo er war und was er
tat: September 1984, Tengo Kawana, Koenji, Bezirk
Suginami, Kinderspielplatz, sehe zum Mond am
Abendhimmel hinauf. Kein Zweifel.
Er schlug ruhig die Augen auf und blickte wieder zum
Himmel. Kühl und konzentriert. Tats.chlich, es waren zwei
Monde.
Er t.uschte sich nicht. Es gab pl.tzlich zwei Monde.
Lange hielt Tengo die rechte Hand zu einer festen Faust
geballt. Der Mond blieb weiter stumm, aber einsam war er
nicht mehr.
KAPITEL 19
Aomame
Wenn die Daughter erwacht
Obwohl es sich bei Die Puppe aus Luft um eine
ausgesprochen phantastische Geschichte handelte, war sie
leicht zu lesen. Stilistisch wurde die Erz.hlstimme eines
zehnj.hrigen M.dchens nachgeahmt. Es gab keine
schwierigen W.rter, keine verzwickte Logik, keine
wortreichen Erl.uterungen und keine gew.hlten
Ausdrücke. Alles wurde von Anfang bis Ende aus der
Perspektive des M.dchens erz.hlt. Die Sprache war leicht
verst.ndlich, pr.zise, mitunter klangvoll, und es wurde so
gut wie nichts erkl.rt. Das M.dchen erz.hlte einfach nur
flüssig, was es mit eigenen Augen gesehen hatte. Auch
eingeschobene Reflexionen über die Bedeutung der
Ereignisse kamen nicht vor. .Was passiert da eigentlich?.
oder .Was bedeutet das wohl?. waren Fragen, die das
M.dchen sich nicht stellte. Es erz.hlte in einem
gem.chlichen, aber angemessenen Tempo. Der Leser
übernahm seine Perspektive und passte sich seinem Schritt
an. Vollkommen leicht und natürlich. Und ehe er sich’s
versah, hatte er eine andere Welt betreten. Eine Welt, die
nicht die seine war. Die Welt, in der die Little People aus
Luft eine Puppe spannen.
Der Stil machte bereits auf den ersten zehn Seiten gro.en
Eindruck auf Aomame. Wenn Tengo ihn geschaffen hatte,
besa. er tats.chlich schriftstellerisches Talent. Der Junge,
den Aomame gekannt hatte, war eine Art Mathematikgenie
gewesen. In der Schule hatte er als Wunderkind gegolten,
weil er Aufgaben, die selbst für Erwachsene zu schwierig
waren, ohne jede Mühe gel.st hatte. Auch in den anderen
naturwissenschaftlichen F.chern waren seine Noten
hervorragend gewesen. Seine Leistungen hatten die der
anderen Kinder um L.ngen übertroffen. Au.erdem war er
sehr gro. und gut in Sport gewesen. Allerdings konnte
Aomame sich nicht erinnern, dass er auch im Aufsatz
besonders gegl.nzt hatte. Vielleicht hatte dieses Talent sich
damals noch im Schatten der Mathematik verborgen und
war nicht aufgefallen.
Oder er hatte einfach nur das übernommen, was das
M.dchen erz.hlt hatte. Und sein Anteil an der stilistischen
Originalit.t des Buches war gar nicht so gro.. Aber
eigentlich hatte sie nicht diesen Eindruck. Obgleich der Stil
auf den ersten Blick schlicht und unverschlüsselt wirkte,
wurde bei genauerem Lesen deutlich, wie sorgf.ltig
berechnet und pr.zise er war. Kein Wort war zu viel;
zugleich stand alles N.tige da. Ungeachtet des knappen
Ausdrucks waren die Beschreibungen akkurat und
nuancenreich. Und vor allem war in den S.tzen eine Art
vollkommener Harmonie spürbar. Der Leser konnte, selbst
wenn er nicht laut las, ihren Wohllaut deutlich
wahrnehmen. Kein siebzehnj.hriges M.dchen konnte
solche geschmeidigen und natürlichen S.tze schreiben.
Nach diesen überlegungen setzte Aomame ihre Lektüre
aufmerksam fort.
Die Heldin war ein zehnj.hriges M.dchen, das einer
kleinen Gemeinschaft in den Bergen angeh.rte. Seine
Mutter und sein Vater lebten ebenfalls dort. Geschwister
hatte es nicht. Da das M.dchen bald nach seiner Geburt an
diesen Ort gekommen war, wusste es kaum etwas über die
.u.ere Welt. In der Gemeinschaft gingen alle einem
bestimmten Tagwerk nach, und die drei Familienmitglieder
hatten kaum Gelegenheit, einander zu sehen und in Ruhe
miteinander zu sprechen. Dennoch verstanden sie sich gut.
Tagsüber besuchte das M.dchen eine .rtliche Grundschule,
und die Eltern waren haupts.chlich mit der Landwirtschaft
besch.ftigt. Wenn sie Zeit hatten, arbeiteten auch die
Kinder auf den Feldern.
Die Menschen in der Gemeinschaft lehnten die Zust.nde
in der Welt drau.en ab. Ihre eigene Gemeinschaft sei, wie
sie nimmermüde betonten, eine sch.ne, einsame Insel
inmitten des kapitalistischen Ozeans und ein Bollwerk. Das
M.dchen wusste nicht, was Kapitalismus (manchmal
sprachen sie auch von Materialismus) war. Doch aus dem
ver.chtlichen Tonfall, in dem die Leute diese W.rter
aussprachen, schloss es, dass es sich um einen unwürdigen
Zustand handelte, der aus irgendeinem Grund
widernatürlich und widerrechtlich war. Das M.dchen
lernte, dass es, um seinen Leib und seine Gedanken rein zu
halten, m.glichst nicht mit der .u.eren Welt in Beziehung
treten dürfe. Andernfalls laufe es Gefahr, verseucht zu
werden.
Die Gemeinschaft setzte sich aus fünfzig vergleichsweise
jungen M.nnern und Frauen zusammen, die zwei lose
Gruppen bildeten. Das Ziel der einen war eine Revolution,
die anderen strebten nach Frieden. Die Eltern des
M.dchens geh.rten der zweiten Gruppe an. Ihr Vater war
ihr .ltestes Mitglied und spielte seit Gründung der
Gemeinschaft eine zentrale Rolle in ihr.
Natürlich vermochte ein zehnj.hriges M.dchen das
Wesen der beiden gegnerischen Gruppen nicht logisch zu
erkl.ren. Auch den Unterschied zwischen Revolution und
Frieden verstand es nicht genau. Es hatte nur den Eindruck,
dass Revolution ein etwas sch.rferes, kantigeres Denken
beinhaltete, w.hrend Frieden eine etwas rundere Form
hatte. Alle Ideen hatten für das M.dchen jeweils eine
bestimmte Form und Farbe. Und wurden mal gr..er und
mal kleiner, wie der Mond. Das war ungef.hr das Ausma.
seines Wissens.
Das M.dchen wusste auch nicht genau, unter welchen
Umst.nden die Gemeinschaft entstanden war. Vor etwa
zehn Jahren, also kurz vor seiner Geburt, so erz.hlte man
ihm, sei es zu gro.en gesellschaftlichen Bewegungen
gekommen, im Zuge derer man das Leben in der Stadt
aufgegeben habe und in das einsame Bergdorf gezogen sei.
Auch über die Stadt wusste das M.dchen nicht viel. Es war
noch nie mit der U-Bahn oder in einem Aufzug gefahren
und hatte noch nie ein Geb.ude gesehen, das h.her als
zwei Stockwerke war. Es gab viele Dinge, die es nicht
kannte. Es begriff nur das, was um es herum war, was es
mit eigenen Augen sehen und mit eigenen H.nden
berühren konnte.
Dennoch schilderte das M.dchen aus seiner schlichten
Perspektive und in seiner schmucklosen Sprache das Leben
in der kleinen Gemeinschaft und den Charakter der in ihr
lebenden Menschen auf eine bestechend ungekünstelte
und lebendige Weise.
Ungeachtet der unterschiedlichen Meinungen herrschte
innerhalb der Gemeinschaft ein starker Zusammenhalt.
Ihre Mitglieder teilten die Vorstellung, dass es gut war,
au.erhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu leben, und
auch wenn die Formen und Schattierungen ihres Denkens
sich mehr oder weniger voneinander unterschieden,
wussten sie doch genau, dass sie nur überleben würden,
wenn sie an einem Strang zogen. Sie schafften es gerade so.
Dafür schufteten sie Tag für Tag ohne Pause. Bauten
Gemüse an, machten Tauschgesch.fte mit den Nachbarn in
der n.heren Umgebung, verkauften ihre überschüsse,
vermieden es so weit wie m.glich, Dinge zu verwenden, die
in Massenproduktion hergestellt worden waren, und
führten ein naturnahes Leben. Notwendige Elektroger.te
wurden von Müllpl.tzen geholt und repariert. Ihre
Garderobe stammte nahezu ausschlie.lich aus
Altkleidersammlungen.
Dieser extreme Purismus veranlasste einige, die
Gemeinschaft zu verlassen. Sie konnten sich einfach nicht
an diese Strenge im t.glichen Leben gew.hnen. Dafür
kamen immer wieder andere hinzu, die gerade davon
angezogen wurden. Die Zahl der Neuank.mmlinge
überwog die der Ausgetretenen. Das allm.hliche
Anwachsen der Gemeinschaft durch Neuzug.nge war eine
gern gesehene Entwicklung. In dem verlassenen Dorf, in
dem die Gruppe sich niedergelassen hatte, gab es genügend
H.user, die bewohnbar waren, wenn man sie etwas
herrichtete. Auch an Feldern, die man bebauen konnte,
herrschte kein Mangel. So wurde der Zuwachs an
Arbeitskr.ften sehr begrü.t.
In der Gemeinschaft lebten etwa acht bis zehn Kinder,
von denen die meisten auch dort geboren waren. Die
Heldin war das .lteste von ihnen. Anfangs besuchten alle
Kinder die .rtliche Grundschule und wanderten stets
gemeinsam dorthin und wieder zurück. Abgesehen davon,
dass man die gesetzliche Schulpflicht einhielt, war den
Gründern der Gemeinschaft bewusst, dass ihre
Gemeinschaft nur schwer ohne freundschaftliche
Beziehungen zu den Nachbarn in der Umgebung bestehen
konnte. Dennoch waren die Kinder aus der Gemeinschaft
bei den einheimischen Kindern als .Zombies. verschrien
und wurden geschnitten. Sie wiederum schotteten sich ab,
weil sie geh.nselt wurden. So schützten sie sich zugleich
vor physischen Gefahren und vor spiritueller Unreinheit.
Also gründete die Gemeinschaft eine eigene Schule, in der
die Mitglieder den Kindern abwechselnd Unterricht
erteilten. In dieser Hinsicht gab es keine Schwierigkeiten,
da die meisten Anh.nger über eine h.here Schulbildung
und nicht wenige sogar über eine Lehrbef.higung
verfügten. Sie waren in der Lage, eigene Lehrbücher zu
verfassen und den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen
sowie die Grundbegriffe der Chemie, Physik, Physiologie
und Biologie beizubringen. Daneben erkl.rten sie ihnen
auch, wie die Welt beschaffen sei. Dass es zwei Systeme