gebe, den Kapitalismus und den Kommunismus, die
einander hassten und bek.mpften. Beide h.tten
schwerwiegende Probleme, und so sei die Welt insgesamt
auf einen falschen Weg geraten. Der Kommunismus sei
eine bedeutende Ideologie, die hohe Ideale vertrat, aber im
Lauf der Zeit durch eigensüchtige Politiker verf.lscht
worden war. Man zeigte den Kindern eine Fotografie von
einem dieser .eigensüchtigen Politiker., und der Mann mit
der gro.en Nase und dem dicken schwarzen Schnurrbart
war für das M.dchen der K.nig aller Teufel.
In der Gemeinschaft gab es keine Fernsehger.te, auch
Radios waren au.er an bestimmten Orten nicht gestattet.
Zeitungen und Zeitschriften gab es ebenfalls nur begrenzt.
Für wichtig erachtete Nachrichten wurden beim
Abendessen in der .Versammlungshalle. mündlich
verkündet. Auf jede reagierten die versammelten Personen
mit Jubelrufen oder Missbilligungsbekundungen. Die
Schreie der Emp.rung überwogen die Freudenrufe stets um
ein Vielfaches. So weit die Medienerfahrungen des
M.dchens. Es hatte noch nie in seinem Leben einen Film
gesehen. Kein Comic-Heft gelesen. Allerdings war es
erlaubt, klassische Musik – aber nur diese – zu h.ren. In
der Versammlungshalle gab es eine Stereoanlage und
zahlreiche Schallplatten, die wohl irgendjemand
mitgebracht hatte. In seiner Freizeit h.rte das M.dchen
Symphonien von Brahms, Klavierstücke von Schumann,
Kirchenmusik und Stücke für Tasteninstrumente von Bach.
Die Musik wurde zu seinem kostbarsten und nahezu
einzigen Vergnügen.
Eines Tages erhielt das M.dchen eine Bestrafung. Man
hatte ihm befohlen, sich eine Woche lang morgens und
abends um die Ziegen der Gemeinschaft zu kümmern, doch
über ihren Schularbeiten und den anderen Aufgaben hatte
sie dies vers.umt. Am Morgen zuvor war entdeckt worden,
dass die .lteste – und bereits erblindete – Ziege kalt und
steif war. Sie war tot. Zur Strafe wurde das M.dchen für
zehn Tage aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Die Mitglieder hatten dieser Ziege eine besondere
Bedeutung zugeschrieben, aber sie war sehr alt gewesen,
und eine Krankheit – welche Krankheit, wusste man nicht –
hatte ihren ausgezehrten K.rper in den Klauen gehalten.
Ob sich jemand um sie kümmerte oder nicht, es war nicht
zu erwarten, dass sie genas. Ihr Ableben war nur eine Frage
der Zeit gewesen. Doch das milderte die Strafe nicht, die
über das M.dchen verh.ngt wurde, denn es hatte –
abgesehen vom Tod der Ziege – eine ihm auferlegte Pflicht
vernachl.ssigt. Die Isolation war eine der schwersten
Strafen in der Gemeinschaft.
Man sperrte das M.dchen also zusammen mit der toten
blinden Ziege in einen kleinen alten Speicher aus Lehm, der
.Raum der Selbstkritik. genannt wurde. Wer gegen die
Regeln verstie., erhielt die Gelegenheit, dort über seine
Verfehlungen nachzudenken. W.hrend der Isolationsstrafe
durfte niemand mit dem M.dchen sprechen. Zehn Tage
lang musste es in vollkommener Stille dort ausharren. Es
bekam ein Minimum an Wasser und Nahrung, doch in dem
Speicher war es auch dunkel, kalt und feucht. Und da war
der Gestank der toten Ziege. Die Tür war von au.en
verschlossen, und in einer Ecke stand ein Eimer für seine
Notdurft. Hoch oben an einer Wand gab es ein kleines
Fenster, durch das Sonne und Mond hineinschienen. Sofern
es nicht bew.lkt war, konnte man sogar ein paar Sterne
sehen. Sonst gab es kein Licht. Zitternd verbrachte das
M.dchen die N.chte auf der harten Matratze, die man auf
dem Holzboden ausgebreitet hatte, zugedeckt nur mit zwei
alten Decken. Es war schon April, aber in den Bergen waren
die N.chte noch kalt. Im Dunkeln reflektierten die Augen
der toten Ziege den Schein der Sterne und leuchteten. Das
M.dchen konnte vor Angst kaum schlafen.
In der dritten Nacht .ffnete sich das Maul der Ziege. Es
wurde von innen aufgedrückt. Heraus kletterten ein paar
kleine Gestalten. Insgesamt sechs. Zuerst waren sie nur
ungef.hr zehn Zentimeter gro., aber sobald sie auf dem
Boden standen, wurden sie rasch gr..er, so wie Pilze nach
einem Regen in die H.he schie.en. Am Ende brachten sie
es jedoch h.chstens auf etwa sechzig Zentimeter. Sie seien
die .Little People., sagten sie.
Wie bei Schneewittchen und den sieben Zwergen, dachte
das M.dchen. Ihr Vater hatte ihr die Geschichte vorgelesen,
als sie klein war. Aber dazu fehlte einer.
.Wenn dir sieben besser gef.llt, k.nnen wir auch sieben
sein., sagte einer, der eine tiefe Stimme hatte. Aus
irgendeinem Grund schienen die Little People die
Gedanken des M.dchens lesen zu k.nnen. Und als es sie
noch einmal z.hlte, waren es nicht sechs, sondern sieben.
Allerdings wunderte das M.dchen sich nicht besonders
darüber. Als die Little People aus dem Maul der Ziege
geklettert waren, hatten sich die Gesetze der Welt
gewandelt. Alles, was danach geschah, war nicht mehr
verwunderlich.
.Warum kommt ihr aus dem Maul einer toten Ziege.,
fragte das M.dchen. Es merkte selbst, dass seine Stimme
einen sonderbaren Klang hatte. Auch seine Art zu sprechen
war anders als sonst. Vielleicht weil es seit drei Tagen mit
niemandem mehr gesprochen hatte.
.Das Maul der Ziege ist zum Durchgang geworden.,
kr.chzte einer der Little People mit heiserer Stimme. .Bis
wir drau.en waren, haben wir selbst nicht gemerkt, dass es
sich um eine tote Ziege handelt., erg.nzte einer mit hoher
Stimme. .Aber uns ist das v.llig egal. Ziege, Wal oder
Bohnen. Hauptsache Durchgang..
.Du hast den Durchgang geschaffen. Also haben wir ihn
mal ausprobiert. Irgendwo wird er schon hinführen,
dachten wir., brummte der mit der tiefen Stimme.
.Ich habe einen Durchgang geschaffen., sagte das
M.dchen. Sie konnte ihre eigene Stimme nicht h.ren.
.Du hast uns einen Gefallen getan., flüsterte einer.
Mehrere pflichteten ihm bei.
.Hast du Lust, mit uns eine Puppe aus Luft zu machen?.,
fragte einer mit Tenorstimme.
.Wir sind extra deshalb hergekommen., sagte ein
Bariton.
.Eine Puppe aus Luft., fragte das M.dchen.
.Man nimmt die F.den aus der Luft und macht eine
Behausung. Mit der Zeit wird sie immer gr..er., sagte ein
Bass.
.Und für wen ist diese Behausung., fragte das M.dchen.
.Das merkt man dann schon., sagte der Bariton.
.Wenn es rauskommt, wei. man es., sagte der Bass.
.Hoho., fielen die anderen Little People ein.
.Und ich darf dabei helfen., fragte das M.dchen.
.Selbstredend., kr.chzte der Heisere.
.Du hast uns einen Gefallen getan. Komm, mach mit.,
sagte der Tenor.
Die F.den aus der Luft zu holen war nicht schwierig,
wenn man einmal wusste, wie. Und weil das M.dchen
geschickte Finger hatte, beherrschte es diese Aufgabe
sofort. Jede Menge F.den hingen in der Luft, wenn man nur
genau hinsah. Wer sie sehen wollte, konnte sie sehen.
.Ja, genau, so geht das. Du machst es richtig., wisperte
der mit der leisen Stimme.
.Du bist ein sehr kluges M.dchen. Und hast ein gutes
Ged.chtnis., piepste der mit der hohen Stimme. Alle
sieben trugen die gleiche Kleidung und hatten .hnliche
Gesichter, nur ihre Stimmen unterschieden sich deutlich
voneinander.
Die Kleidung war ganz normal – Sachen, wie es sie überall
gibt. Es klingt vielleicht seltsam, aber sie entzog sich jeder
weiteren Beschreibung. Sobald man den Blick einmal
abgewendet hatte, konnte man sich einfach nicht mehr
daran erinnern. Das Gleiche galt für die Gesichter der
kleinen M.nner. Sie sahen weder gut aus noch schlecht. Es
waren ganz gew.hnliche Gesichter. Doch hatte man einmal
weggeschaut, wusste man partout nicht mehr, wie sie
ausgesehen hatten. Ebenso ihre Haare. Sie waren weder
lang noch kurz. Es waren einfach nur Haare. Au.erdem
waren die Little People geruchlos.
Sobald der Morgen kam, die H.hne kr.hten und der
Himmel sich im Osten aufhellte, stellten die sieben Little
People ihre Arbeit ein und streckten sich. Sodann
versteckten sie die wei.e Puppe aus Luft, die sie bisher
geschaffen hatten – sie war inzwischen etwa so gro. wie ein
Hasenkind –, in einer Ecke der Hütte. Wahrscheinlich,
damit die Leute, die dem M.dchen das Essen brachten, sie
nicht entdeckten.
.Es ist Morgen., flüsterte der Leise.
.Die Nacht ist zu Ende., sagte der Bass.
Mit so vielen Stimmen k.nnte man einen Chor gründen,
dachte das M.dchen.
.Wir singen nicht., sagte der Tenor.
.Hoho., rief einer dazwischen.
Die Little People schrumpften wieder auf die zehn
Zentimeter zusammen, die sie bei ihrer Ankunft gehabt
hatten, und kletterten im G.nsemarsch ins Maul der toten
Ziege zurück.
.Heute Abend kommen wir wieder., flüsterte der Leise
dem M.dchen noch aus dem Ziegenmaul zu, bevor es sich
schloss. .Du darfst niemandem von uns erz.hlen..
.Wenn du jemandem von uns erz.hlst, passiert etwas
sehr Schlimmes., kr.chzte der Heisere noch
sicherheitshalber hinterher.
.Hoho., rief es dazwischen.
.Ich erz.hle es keinem., sagte das M.dchen.
Allerdings h.tte ihm sicher ohnehin niemand geglaubt. Es
war schon .fter von Erwachsenen gescholten worden, weil
es einige seiner Gedanken ausgesprochen hatte. Es k.nne
nicht zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden,
sagten sie. Als seien Form und Farbe seines Denkens ganz
anders als bei anderen Leuten. Das M.dchen verstand nicht
richtig, was mit ihm nicht stimmte. Aber sicher war es
besser, niemandem von den Little People zu erz.hlen.
Als die Little People verschwunden waren und das Maul
der Ziege sich wieder geschlossen hatte, suchte das
M.dchen an der Stelle, wo sie die Puppe aus Luft versteckt
hatten, aber es fand sie einfach nicht. Sie waren gut im
Verstecken. Obwohl der Raum so klein war, konnte es
suchen, wie es wollte, und entdeckte die Puppe dennoch
nicht. Wo hatten sie sie nur versteckt?
Anschlie.end wickelte es sich in seine Decken und schlief
ein. Endlich konnte es ruhig schlafen. Traumlos und ohne
Unterbrechung. Es genoss diesen tiefen Schlaf.
Den ganzen Tag über blieb die Ziege reglos. Ihr K.rper
war starr und steif, und ihre gebrochenen Augen wirkten
wie gl.serne Murmeln. Doch als die Sonne unterging und
die Dunkelheit in die Hütte einzog, reflektierten die Augen
wieder das Licht der Sterne. Und wie von ihrem Licht
geleitet, klaffte das Maul der Ziege weit auf, und die Little
People kletterten heraus. Dieses Mal waren es von Anfang
an sieben.
.Heute Nacht geht es weiter., kr.chzte der Heisere.
Die übrigen sechs murmelten zustimmend.
Die sieben Little People und das M.dchen setzten sich im
Kreis um die Puppe herum und arbeiteten weiter. Sie zogen
die wei.en F.den aus der Luft und vergr..erten sie.
Schweigend, fast ohne ein Wort, widmeten sie sich ihrer
Arbeit. Durch die emsigen Bewegungen seiner Finger
machte dem M.dchen auch die K.lte der Nacht nichts
mehr aus. Unmerklich verging die Zeit. Ihr wurde nie
langweilig, und Müdigkeit verspürte sie auch nicht. Die
Puppe wurde langsam, aber deutlich sichtbar gr..er.
.Wie gro. machen wir sie denn., fragte das M.dchen, als
der Morgen sich n.herte. Es h.tte gern gewusst, ob sie die
Arbeit w.hrend der zehn Tage, die es in dem Speicher
eingesperrt war, vollenden würden.
.So gro. wir k.nnen., antwortete der mit der hohen
Stimme.
.An einem gewissen Punkt bricht sie ganz von selbst auf.,
sagte der Tenor.
.Und dann kommt etwas raus., sagte der Bariton mit
sonorer Stimme.
.Was denn., fragte das M.dchen.
.Irgendetwas., flüsterte der Leise.
.Etwas sehr Erfreuliches., brummte der mit der tiefen
Stimme.
.Hoho., kam es von einem Zwischenrufer.
.Hoho., sagten die übrigen sechs im Chor.
Im Stil des Romans schwang ein besonderer Ton mit. Als
Aomame ihn bemerkte, verzog sie leicht das Gesicht. Die
Geschichte hatte eine gewisse .hnlichkeit mit einem
M.rchen. Unterschwellig war sie von einem unsichtbaren,
aber breiten dunklen Strom durchzogen. Aomame konnte
sein unheilvolles Rauschen durch die schn.rkellose knappe
Ausdrucksweise hindurch vernehmen. Es war etwas
Düsteres darin, das auf das Herannahen einer Krankheit
hindeutete, einer t.dlichen Krankheit, die den Geist des
Menschen lautlos von ganz innen her verzehrte. Und es war
dieser Chor der sieben Little People, der die Krankheit
brachte. Zweifellos verbirgt sich darin etwas Ungesundes,
dachte sie. Dennoch h.rte Aomame auf irgendeine Weise
etwas aus den Stimmen der Little People heraus, das ihr
fast schicksalhaft vertraut, ja verwandt erschien.
Aomame schaute von ihrem Buch auf und erinnerte sich
an das, was der Leader ihr vor seinem Tod über die Little
People erz.hlt hatte.
.Schon seit Ewigkeiten leben wir mit ihnen zusammen.
Seit der D.mmerung des menschlichen Bewusstseins, lange
bevor es Gut und B.se gab..
Aomame fuhr fort.
Die Little People und das M.dchen arbeiteten weiter.
Nach mehreren Tagen hatte die Puppe aus Luft in etwa die
Gr..e eines Hundes erreicht.
.Morgen ist meine Strafe zu Ende, und ich darf hier
raus., sagte das M.dchen zu den Little People, als der
Morgen des neunten Tages d.mmerte.
Die sieben Little People h.rten schweigend zu.
.Dann werden wir nicht mehr zusammen an der Puppe
aus Luft arbeiten k.nnen..
.Das ist sehr schade., sagte der Tenor. In seiner Stimme
schwang echtes Bedauern mit.
.Du hast uns wirklich sehr geholfen., sagte der Bariton.
.Aber die Puppe ist zum gr..ten Teil fertig. Nur noch ein
bisschen., sagte der mit der hohen Stimme.
Die Little People stellten sich in einer Reihe auf und
nahmen den Zustand der Puppe absch.tzend in
Augenschein.
.Nur noch ein bisschen., wiederholte der Heisere, als
würde er auf Seemannsart einen Shanty fortführen.
.Hoho., machte ein Zwischenrufer.
.Hoho., riefen die sechs übrigen im Chor.
Am Ende seiner zehnt.gigen Strafe kehrte das M.dchen
in die Gemeinschaft zurück. Das von vielen Regeln
bestimmte Leben in der Gruppe fing wieder an, und es
hatte keine Zeit mehr für sich. Selbstverst.ndlich konnte es