auch nicht mehr mit den Little People an der Puppe aus
Luft arbeiten. Jeden Abend vor dem Einschlafen stellte das
M.dchen sich vor, wie die Little People im Kreis um die
Puppe herumsa.en und sie vergr..erten. Es konnte an
nichts anderes mehr denken. Es fühlte sich sogar an, als
habe die Puppe aus Luft v.llig von ihm Besitz ergriffen.
Was sich wohl im Inneren der Puppe befand? Was würde
herauskommen, wenn die Zeit reif war und die Puppe sich
.ffnete? Das M.dchen konnte es vor Neugier kaum
aushalten. Es war unendlich schade, dass es das Schauspiel
nicht mit eigenen Augen sehen konnte. Wo ich doch selbst
beim Anfertigen der Puppe mitgeholfen habe, dachte es,
müsste ich eigentlich dabei sein dürfen. Es überlegte
ernsthaft, ob es nicht noch einen Versto. begehen sollte,
um wieder in den Speicher gesperrt zu werden. Doch selbst
wenn es diese Mühe auf sich nahm, war nicht gesagt, dass
die Little People noch einmal dort auftauchen würden. Man
hatte die tote Ziege fortgebracht und irgendwo begraben.
Das Licht der Sterne würde ihre Augen nicht mehr zum
Leuchten bringen.
Nun wurde vom allt.glichen Leben des M.dchens in der
Gemeinschaft erz.hlt, von ihrem geregelten Tagesablauf
und den festen Pflichten. Wie es als .ltestes Kind die
jüngeren anleiten und sich um sie kümmern musste. Von
den frugalen Mahlzeiten. Von den Geschichten, die die
Eltern ihm vor dem Schlafengehen vorlasen. Von der
klassischen Musik, die es h.rte, wenn es Zeit dazu fand.
Von seinem Leben ohne Verunreinigungen.
Die Little People hielten Einzug in seine Tr.ume. Sie
konnten, wann immer es ihnen beliebte, in die Tr.ume der
Menschen eindringen. Die Puppe werde aufbrechen, sagten
sie zu dem M.dchen, und ob es nicht Lust habe zu
kommen, um zuzusehen. Es m.ge, damit niemand es sah,
nach Sonnenuntergang mit einer Kerze in den Speicher
kommen.
Das M.dchen konnte seine Neugier nicht bezwingen. Es
verlie. seine Bettstatt, nahm die Kerze, die es sich besorgt
hatte, und schlich zum Speicher. Niemand war dort. Nur
die Puppe aus Luft lag still auf dem Boden. Ihr Umfang war
viel gr..er als damals, als das M.dchen sie das letzte Mal
gesehen hatte. Ihre Gesamtl.nge betrug ungef.hr 1,30 oder
1,40 Meter. Ein schwaches Leuchten ging von ihr aus. Ihre
Konturen waren sehr sch.n geschwungen, und in der Mitte
befand sich eine hübsche Einbuchtung. Kein Vergleich zum
Anfang, als sie noch klein war. Die Little People schienen
seither flei.ig gearbeitet zu haben. Die Puppe begann
bereits aufzubrechen. Es war ein sauberer horizontaler Riss
auf ihrem Kamm entstanden. Das M.dchen beugte sich vor
und sp.hte in den Spalt.
Es entdeckte, dass das, was sich in der Puppe befand, es
selbst war. Was dort nackt in der Puppe auf dem Rücken
lag, war seine eigene Gestalt. Dieses andere Ich hielt die
Augen geschlossen. Es schien nicht bei Bewusstsein zu sein.
Auch atmete es nicht. Wie eine Puppe in der Puppe.
.Das ist deine Tochter – .Daughter. sagen wir dazu.,
sagte der Heisere. Und r.usperte sich.
Als sie sich umwandte, standen pl.tzlich die sieben Little
People in einem Halbkreis um sie herum.
.Daughter., wiederholte das M.dchen mechanisch.
.Und du wirst .Mother. genannt., brummte der mit der
tiefen Stimme.
.Mother und Daughter., sagte das M.dchen.
.Die Tochter fungiert als Vertreterin der Mutter., piepste
der mit der hohen Stimme.
.Ich bin zweigeteilt., fragte das M.dchen.
.Nein., sagte der Tenor. .So ist es nun auch wieder nicht.
Du bist von Kopf bis Fu. ganz und gar du. Du brauchst dir
keine Sorgen zu machen. Die Tochter ist letztendlich nicht
mehr als ein Schatten der Seele der Mutter. Und dieser
Schatten hat Gestalt angenommen..
.Wacht sie irgendwann auf?.
.Bald. Wenn die Zeit gekommen ist., sagte der Bariton.
.Was macht diese Tochter als Schatten meiner Seele.,
fragte das M.dchen.
.Sie spielt die Rolle eines Perceivers., wisperte der Leise.
.Persiewa., sagte das M.dchen.
.Jemand, der etwas wahrnimmt., erkl.rte der Heisere.
.Ein Perceiver gibt das Wahrgenommene an den Receiver
weiter., sagte der mit der hohen Stimme.
.Die Daughter wird n.mlich unser Durchgang., sagte der
Tenor.
.Anstelle der Ziege., fragte das M.dchen.
.Die tote Ziege war nicht mehr als ein Provisorium.,
sagte der mit der tiefen Stimme. .Um den Ort, an dem wir
leben, mit diesem hier zu verbinden, brauchen wir eine
lebende Daughter. Als Perceiver..
.Was macht die Mother., fragte das M.dchen.
.Sie bleibt in der N.he der Daughter., sagte der mit der
hohen Stimme.
.Wann wacht die Daughter auf., fragte das M.dchen.
.In zwei oder drei Tagen., sagte der Tenor.
.Eins von beidem., sagte der Leise.
.Du musst dich gut um die Daughter kümmern., sagte
der Bariton. .Denn sie ist ja deine Tochter..
.Ohne die Fürsorge ihrer Mother ist sie unvollkommen.
Sie lebt dann nicht lange., sagte der mit der hohen Stimme.
.Und mit der Daughter verliert die Mother den Schatten
ihrer Seele., sagte der Tenor.
.Was wird aus ihr, wenn sie den Schatten ihrer Seele
verloren hat., fragte das M.dchen.
Die Little People tauschten Blicke. Keiner antwortete.
.Wenn die Daughter erwacht, werden zwei Monde am
Himmel sein., sagte der Heisere.
.Die beiden Monde reflektieren den Schatten der Seele..
.Es werden zwei Monde sein., wiederholte das M.dchen
mechanisch die Worte.
.Das ist das Zeichen. Du musst den Himmel aufmerksam
im Auge behalten., flüsterte der Leise. .Sehr aufmerksam.,
betonte er. .Und die Monde z.hlen..
.Hoho., t.nte einer dazwischen.
.Hoho., stimmten die übrigen sechs ein.
Das M.dchen floh.
Hier war etwas falsch, etwas stimmte nicht. Etwas lag
gewaltig schief, ging wider die Natur. Das war dem
M.dchen klar. Was die Little People wollten, wusste es
nicht. Aber der Anblick seiner eigenen Gestalt, eingebettet
in die Puppe aus Luft, hatte es vor Grauen erschauern
lassen. Mit einem lebendigen anderen Ich, das sich
bewegte, konnte es nicht leben. Es musste fort von hier.
Und das so schnell wie m.glich. Solange die Daughter noch
nicht erwacht war. Solange es noch keine zwei Monde gab.
In der Gemeinschaft war es verboten, Bargeld zu haben.
Aber der Vater des M.dchens hatte ihm einen
Zehntausend-Yen-Schein und einige Münzen gegeben.
.Versteck das, sodass niemand es findet., hatte er gesagt.
Einen Zettel mit einem Namen, einer Adresse und einer
Telefonnummer hatte er ihm auch gegeben. .Solltest du
einmal von hier fliehen müssen, kaufst du von dem Geld
eine Fahrkarte, steigst in den Zug und f.hrst zu der
Adresse..
Vielleicht hatte sein Vater mit der M.glichkeit gerechnet,
dass in der Gemeinschaft eines Tages etwas Ungutes
entstehen würde. Das M.dchen z.gerte nicht. Handelte
unverzüglich. Es hatte nicht einmal Zeit, von seinen Eltern
Abschied zu nehmen.
Es holte die zehntausend Yen, das Kleingeld und den
Zettel aus der Flasche, die es in der Erde vergraben hatte. In
der Schule sagte es, ihm sei nicht wohl, man m.ge es den
Sanit.tsraum aufsuchen lassen. Das M.dchen verlie. den
Klassenraum und dann die Schule. Es stieg in den n.chsten
Bus und fuhr zum Bahnhof. Dort reichte es den
Zehntausend-Yen-Schein über den Schalter, kaufte eine
Fahrkarte nach Futamatao und nahm das Wechselgeld. Es
war das erste Mal in seinem Leben, dass es eine Fahrkarte
kaufte, Wechselgeld entgegennahm und in einen Zug stieg.
Doch sein Vater hatte ihm genau geschildert, was es zu tun
hatte, und daran hielt es sich.
Wie auf dem Zettel stand, stieg das M.dchen am Bahnhof
der Chuo-Linie in Futamatao aus und rief von einem
.ffentlichen Telefon die Nummer an, die der Vater ihm
gegeben hatte. Der Mann, den es anrief, war ein guter
Freund von ihm aus alten Tagen. Er malte Bilder im
japanischen Stil. Er war etwa zehn Jahre .lter als der Vater
des M.dchens und lebte allein mit seiner Tochter in den
Bergen bei Futamatao. Seine Frau war vor einer Weile
gestorben. Die Tochter war ein Jahr jünger als das M.dchen
und hie. Kurumi. Auf den Anruf des M.dchens kam er
sofort zum Bahnhof und nahm den kleinen Flüchtling mit
gro.er W.rme auf.
Am Tag nachdem es im Haus des Malers Zuflucht
gefunden hatte, schaute das M.dchen aus dem Fenster
seines Zimmers zum Himmel und entdeckte, dass ein
weiterer Mond hinzugekommen war. In der N.he des ihm
vertrauten Mondes stand wie eine vertrocknete Bohne ein
zweiter kleinerer Mond. Die Daughter ist erwacht, dachte
das M.dchen. Der zweite reflektiert den Schatten der Seele.
Sein Herz erbebte. Die Welt hatte einen Wandel vollzogen.
Es würde etwas geschehen.
Das M.dchen hatte keine Nachricht von seinen Eltern.
Vielleicht hatte man in der Gemeinschaft noch gar nichts
von seiner Flucht bemerkt. Immerhin war das Abbild des
M.dchens, die Daughter, zurückgeblieben. .u.erlich war
sie sein Ebenbild, und gew.hnliche Leute konnten sie nicht
voneinander unterscheiden. Aber seine Eltern würden
natürlich erkennen, dass diese Daughter nicht das
M.dchen selbst, sondern nur ein Abklatsch von ihm war.
Und dass es aus der Gemeinschaft geflohen war und die
Daughter als Ersatz zurückgelassen hatte. Es gab nur einen
Ort, an den es gegangen sein konnte. Dennoch meldeten
seine Eltern sich nicht ein einziges Mal. Vielleicht sagten
sie ihm durch diese stumme Botschaft, es solle fortbleiben.
Mal ging das M.dchen zur Schule, mal nicht. Diese neue
Welt war so anders als die, in der das M.dchen
aufgewachsen war. Die Regeln waren ganz anders, ebenso
die Ziele und auch die Sprache, die verwendet wurde. So
gelang es ihm nicht, Freundschaften zu schlie.en. Und sich
an das Leben in der Schule zu gew.hnen.
Aber in der Mittelstufe freundete es sich mit einem
Jungen an. Er hie. Toru. Toru war klein und dünn. Sein
Gesicht war faltig wie bei einem .ffchen und seine
Wirbels.ule ziemlich verkrümmt. Anscheinend war er in
seiner frühen Kindheit schwer krank gewesen, er nahm
auch nicht an anstrengenden Sportübungen teil. In den
Pausen pflegte er sich von den anderen abzusondern und
las allein in einem Buch. Auch er hatte keine Freunde. Er
war zu klein und zu h.sslich. In einer Mittagspause setzte
das M.dchen sich neben ihn und sprach ihn an. Es fragte
ihn, welches Buch er da lese. Und er las ihr laut daraus vor.
Seine Stimme gefiel dem M.dchen. Sie war leise und ein
wenig rau, aber sehr vernehmlich. Die Geschichten, die er
mit dieser Stimme erz.hlte, bezauberten das M.dchen.
Toru rezitierte Prosa so sch.n, als würde er Gedichte lesen.
Von nun an verbrachte das M.dchen jede Mittagspause mit
ihm. Und lauschte aufmerksam und reglos den
Geschichten, die er ihm vorlas.
Doch bald ging Toru verloren. Die Little People nahmen
ihn dem M.dchen weg.
Eines Nachts tauchte eine Puppe aus Luft in Torus
Zimmer auf, die die Little People jede Nacht, wenn er
schlief, vergr..erten. Dem M.dchen zeigten sie diese
n.chtlichen Szenen in seinen Tr.umen. Aber es konnte die
Little People nicht aufhalten. Bald war die Puppe gro.
genug und brach der L.nge nach auf. Genau wie es in dem
Speicher geschehen war. Drei gro.e schwarze Schlangen
waren darin verpuppt. Sie waren zu einem so dichten
Kn.uel miteinander verflochten, dass wohl niemand – nicht
einmal die Schlangen selbst – imstande gewesen w.re, sie
zu entwirren. Sie sahen aus wie ein schleimiger unendlicher
Knoten mit drei K.pfen. Die drei Schlangen waren
furchtbar zornig, weil sie sich nicht selbst befreien
konnten. Sie wanden sich wie verrückt, aber je mehr sie
sich wanden, desto schlimmer wurde ihre Lage. Die Little
People zeigten sie dem M.dchen. Toru schlief
nichtsahnend daneben. Nur das M.dchen konnte die
Schlangen sehen.
Wenige Tage sp.ter erkrankte der Junge schwer und
wurde in ein weit entferntes Sanatorium gebracht. Was
Toru hatte, wurde nicht gesagt. Nur, dass er wohl nie mehr
in die Schule zurückkehren würde. Das M.dchen hatte ihn
verloren.
Es wusste, dass es sich um eine Botschaft der Little People
handelte. Anscheinend konnten sie nicht direkt Hand an
das M.dchen legen, weil es eine Mother war. Stattdessen
nahmen sie sich jemanden aus seiner Umgebung vor und
zerst.rten ihn. Doch das ging nicht bei allen. Der Beweis
dafür war, dass die Little People dem Vormund des
M.dchens, dem Maler, und auch seiner Tochter Kurumi
nichts anhaben konnten. Stattdessen schlugen sie an der
schw.chsten Stelle zu. Sie hatten die drei Schlangen in den
Tiefen von Torus Bewusstsein gefunden und aufgeweckt.
Die Vernichtung des Jungen war eine Warnung an das
M.dchen, mit der sie versuchten, es zur Rückkehr zu dieser
Daughter, oder was immer es war, zu bewegen. Was
geschehen ist, ist von Anfang an nur deine Schuld
gewesen, lautete ihre Botschaft.
Das M.dchen war wieder allein. Es ging auch nicht mehr
zur Schule. Seine Freundschaft würde andere nur in Gefahr
bringen. Es wusste nun, was es bedeutete, unter der
Herrschaft der beiden Monde zu leben.
Bald darauf beschloss das M.dchen, selbst eine Puppe aus
Luft zu spinnen. Es besa. die F.higkeit dazu. Die Little
People hatten gesagt, sie k.men durch einen Gang von
dort, wo sie lebten. Also musste es doch m.glich sein, auf
umgekehrtem Weg in ihre Welt zu gelangen. Dort k.nnte
das M.dchen vielleicht das Geheimnis lüften, erfahren,
welche Rolle es selbst spielte und was diese Mother-
Daughter-Geschichte bedeutete. Wom.glich w.re dann
auch der verlorene Toru noch zu retten. Das M.dchen
begann also an einem Durchgang zu arbeiten. Es besa. die
F.higkeit, die F.den aus der Luft zu holen und eine Puppe
daraus zu spinnen. Aber es brauchte Zeit dazu. Wenn es die
hatte, würde es ihm gelingen.
Dennoch wusste es manchmal nicht weiter. Wurde von
Verwirrung ergriffen. Ob ich wirklich die Mother bin?
Nicht doch irgendwo mit der Daughter vertauscht wurde?
Je mehr das M.dchen darüber nachdachte, desto weniger