.Form hat keine Bedeutung..
.Aber warum hast du dann diesen Roman geschrieben
und für den Debütpreis eingereicht?.
Fukaeri stellte das Glas auf den Tisch. .Das war ich
nicht..
Um sich zu beruhigen, nahm Tengo sein Wasserglas und
trank einen Schluck. .Hei.t das, du hast dich gar nicht um
den Debütpreis beworben?.
Fukaeri schüttelte den Kopf. .Ich habe das Manuskript
nicht eingeschickt..
.Na gut, aber wer dann? Wer hat sich für dich
beworben?.
Nur ein leichtes Schulterzucken. Etwa fünfzehn Sekunden
vergingen.
.Irgendwer., sagte sie dann.
.Irgendwer., wiederholte Tengo und stie. zwischen auf-
einandergepressten Lippen einen Seufzer hervor. Puh! Die
Sache entwickelte sich nicht gerade reibungslos. Genau wie
er es befürchtet hatte.
Tengo hatte sich in der Vergangenheit .fter privat mit
Schülerinnen von seiner Yobiko getroffen. Das hei.t, mit
ehemaligen Schülerinnen, die inzwischen studierten. Rief
ihn eine von sich aus an und schlug eine Verabredung vor,
ging er darauf ein. Tengo hatte keine Ahnung, was die
M.dchen an ihm fanden. Andererseits war er ja
ungebunden, und sie waren nicht mehr seine Schülerinnen.
Es gab also keinen Grund, ein Rendezvous auszuschlagen.
Nur zweimal war es dabei zu einer k.rperlichen
Beziehung gekommen. Doch die Bekanntschaften hatten
nie l.nger gedauert und ein unspektakul.res, natürliches
Ende gefunden. Tengo fühlte sich in der Gesellschaft
aufgekratzter junger M.dchen, die gerade ihr Studium
begonnen hatten, nicht entspannt. Anfangs fand er sie
frisch und lustig, wie junge verspielte K.tzchen, aber mit
der Zeit wurde ihm unbehaglich. Und auch die M.dchen
merkten, dass ihr junger Lehrer, der so begeistert über
Mathematik gesprochen hatte, au.erhalb des Unterrichts
ein anderer war. Tengo konnte ihre Entt.uschung durchaus
verstehen.
Er fühlte sich wohler in Gesellschaft etwas .lterer Frauen.
Sobald er merkte, dass er in keiner Hinsicht irgendeine
Führung zu übernehmen brauchte, fiel eine Last von ihm
ab. Umgekehrt fühlten sich .ltere Frauen auch zu ihm
hingezogen. Seit er vor einem Jahr die Beziehung zu der
zehn Jahre .lteren verheirateten Frau eingegangen war,
verabredete er sich überhaupt nicht mehr mit jungen
M.dchen. Seine Freundin besuchte ihn einmal w.chentlich
in seiner Wohnung, womit sein sexuelles Verlangen (oder
Bedürfnis) weitgehend gestillt war. Auch sonst blieb er
meist zu Hause, schrieb, las oder h.rte Musik. Hin und
wieder ging er in ein Schwimmbad in seiner N.he.
Abgesehen von den paar Worten, die er mit seinen
Kollegen an der Yobiko wechselte, sprach er mit kaum
jemandem. Dabei war er nicht einmal unzufrieden mit
seinem Leben. Im Gegenteil, diese Lebensweise kam
seinem Ideal sehr nahe.
Als er nun jedoch der siebzehnj.hrigen Fukaeri
gegenübersa., verspürte Tengo ein heftiges Beben in
seinem Herzen. Es war ein .hnliches Gefühl wie jenes, das
er beim Anblick ihres Fotos empfunden hatte, nur ungleich
st.rker. Es hatte nichts mit Verliebtheit oder sexueller
Anziehungskraft zu tun. Es fühlte sich an, als komme
etwas aus einem winzigen Spalt und versuche, die Leere,
die in ihm war, auszufüllen. Es war keine Lücke, die durch
Fukaeri entstanden war, sondern eine, die Tengo schon
immer empfunden hatte. Fukaeri trug nur ein Licht hinein
und beleuchtete sie aufs Neue.
.Du hast also kein Interesse am Schreiben und hast auch
das Manuskript nicht selbst eingereicht., sagte Tengo, um
ganz sicherzugehen.
Ohne den Blick von seinem Gesicht abzuwenden, nickte
Fukaeri. Dann zog sie kurz die Schultern hoch, wie um sich
vor einem kalten winterlichen Wind zu schützen.
.Du willst nicht Schriftstellerin werden.. Zu seiner
überraschung stellte Tengo fest, dass er seine Frage
ebenfalls nicht intonierte. Offenbar war ihre Sprechweise
ansteckend.
.Nein., sagte Fukaeri.
Ihre Bestellung wurde gebracht. Für Fukaeri eine gro.e
Schale mit Salat und ein paar Br.tchen und die Linguini
mit Meeresfrüchten für Tengo. Fukaeri wendete die
Salatbl.tter immer wieder mit der Gabel und betrachtete
sie, als würde sie überschriften in einer Zeitung
durchgehen.
.Jedenfalls hat jemand das Manuskript von .Die Puppe
aus Luft. für den Preis als bestes Erstlingswerk beim Verlag
eingereicht. Ich habe es begutachtet und bin so auf deine
Arbeit aufmerksam geworden..
..Die Puppe aus Luft.., sagte Fukaeri. Ihre Augen wurden
schmal.
..Die Puppe aus Luft. ist der Titel des Romans, den du
geschrieben hast., sagte Tengo.
Fukaeri sa. wortlos und mit zusammengekniffenen
Augen da.
.Ist das nicht der Titel, den du ihm gegeben hast?.
Fukaeri schüttelte leicht den Kopf.
Tengo war wieder etwas verwirrt, beschloss aber, die
Frage des Titels vorl.ufig nicht weiter zu verfolgen. Im
Augenblick musste er mit etwas anderem vorankommen.
.Das spielt keine gro.e Rolle. Der Titel ist auf jeden Fall
nicht schlecht. Er hat Atmosph.re und erregt
Aufmerksamkeit. Man fragt sich, was das wohl ist. Egal, wer
ihn ausgew.hlt hat, wir sind nicht unzufrieden damit. Ich
kenne nicht mal genau den Unterschied zwischen einer
.Puppe. und einem .Kokon., aber das ist kein gro.es
Problem. Was ich sagen will, ist, dass ich es gelesen habe
und es mich stark beeindruckt hat. Also habe ich es Herrn
Komatsu gezeigt. Ihm gef.llt .Die Puppe aus Luft. auch. Er
ist allerdings der Ansicht, dass man den Text für den
Debütpreis bearbeiten müsste. Denn im Verh.ltnis zur
Aussagekraft der Geschichte ist der Stil etwas schwach.
Deshalb m.chte er, dass nicht du, sondern ich ihn
verbessere. Ich habe diesbezüglich noch keine
Entscheidung getroffen. Ihm weder eine Zu- noch eine
Absage erteilt. Weil ich nicht genau wei., ob es richtig
w.re..
An dieser Stelle unterbrach sich Tengo, um Fukaeris
Reaktion zu beobachten. Es gab keine.
.Was würdest du davon halten, wenn ich .Die Puppe aus
Luft. für dich umschreiben würde? Ohne dein
Einverst.ndnis und deine Mitarbeit ginge das nicht, ganz
gleich, wie entschlossen ich w.re..
Fukaeri griff mit den Fingern nach einer Cherrytomate
und steckte sie sich in den Mund. Tengo verzehrte die
Miesmuschel, die er mit der Gabel aufgespie.t hatte.
.Machen Sie nur., sagte Fukaeri leichthin und nahm
noch eine Tomate. .Sie k.nnen alles verbessern, was Sie
wollen..
.W.re es nicht besser, wenn du dir noch etwas Zeit zum
Nachdenken lassen würdest? Immerhin ist das eine
ziemlich wichtige Angelegenheit., sagte Tengo.
Fukaeri schüttelte den Kopf. Nicht n.tig.
.Falls ich dein Werk bearbeite., erkl.rte Tengo, .werde
ich darauf achten, die Geschichte nicht zu ver.ndern und
nur den Stil zu verbessern. Trotzdem muss ich
wahrscheinlich ziemlich stark eingreifen. Aber die Autorin
bist und bleibst du. Der Roman stammt von einem
siebzehnj.hrigen M.dchen namens Fukaeri. Daran ist nicht
zu rütteln. Falls der Roman den Preis bekommt, bist du die
Preistr.gerin. Du allein. Wenn ein Buch daraus wird, bist
du allein die Verfasserin. Wir werden ein Team bilden, das
aus uns dreien besteht, dir und mir sowie Herrn Komatsu,
dem Redakteur. Aber nur dein Name wird erscheinen. Wir
anderen beiden bleiben v.llig im Hintergrund. Wie eine
Art Bühnenarbeiter. Verstehst du, was ich sage?.
Fukaeri schob sich mit der Gabel ein Stück Sellerie in den
Mund. Sie nickte leicht. .Ich verstehe..
.Die Geschichte von der .Puppe aus Luft. bleibt deine. Du
hast sie geschaffen. Es ist unm.glich, dass ich sie zu meiner
mache. Im Grunde gebe ich dir nur technische
Hilfestellung. Das musst du aber unter allen Umst.nden für
dich behalten. Letztendlich ist das eine Verschw.rung, um
den Rest der Welt zu t.uschen. Was immer man davon
halten mag, man kann es nicht auf die leichte Schulter
nehmen. Es muss für immer ein Geheimnis bleiben..
.Ja, dann., sagte Fukaeri.
Tengo legte seine Miesmuschelschale an den Rand des
Tellers und war im Begriff, sich den Linguini zu widmen,
als er es sich anders überlegte und innehielt. Fukaeri nahm
ein Stück Gurke und kaute es so gründlich, als würde sie
eine unbekannte Delikatesse ausprobieren.
.Ich frage dich nochmals., sagte Tengo, die Gabel in der
Hand. .Hast du keine Einw.nde, dass ich die von dir
geschriebene Geschichte bearbeite?.
.Machen Sie ruhig, was Ihnen gef.llt., sagte Fukaeri,
nachdem sie mit der Gurke fertig war.
.Es macht dir also nichts aus, ganz gleich, welche
.nderungen ich an deinem Text vornehme?.
.Genau..
.Wie kannst du so denken? Wo du doch gar nichts über
mich wei.t..
Fukaeri zuckte wortlos mit den Schultern.
Eine Weile a.en die beiden schweigend. Fukaeri
konzentrierte sich ganz auf ihren Salat. Ab und zu bestrich
sie ein Br.tchen mit Butter und biss hinein oder streckte
die Hand nach dem Weinglas aus. Tengo bef.rderte
mechanisch die Linguini in seinen Mund, w.hrend er sich
die verschiedenen M.glichkeiten durch den Kopf gehen
lie..
Dann legte er die Gabel beiseite. .Als Herr Komatsu mir
den Plan zum ersten Mal erkl.rte, hielt ich das für Quatsch.
Das soll wohl ein Witz sein, dachte ich. So etwas kann man
doch nicht machen. Ich hatte fest vor, abzulehnen. Aber als
ich zu Hause war und über seinen Vorschlag nachdachte,
wurde der Wunsch, es zu versuchen, allm.hlich immer
st.rker. Ich bekam Lust, ob es nun moralisch richtig ist
oder nicht, der Geschichte von der .Puppe aus Luft. eine
neue Gestalt zu verleihen. Es war, wie soll ich sagen, ein
sehr natürlicher und spontaner Wunsch..
.Verlangen. kommt der Sache vermutlich n.her, fügte
Tengo im Geiste hinzu. Genau wie Komatsu es
vorausgesagt hatte. Und mittlerweile fiel es ihm immer
schwerer, dieses Verlangen zu beherrschen.
Wortlos und unverwandt schaute Fukaeri ihn aus der
Tiefe ihrer sch.nen, gleichmütigen Augen an. Sie schien
Mühe zu haben, die Worte zu begreifen, die aus Tengos
Mund kamen.
.Sie wollen daran arbeiten., fragte sie.
Tengo blickte ihr fest in die Augen. .Ich glaube schon..
Fukaeris schwarze Augen leuchteten auf, als würde sich
etwas darin spiegeln. Wenigstens kam es ihm so vor.
Tengo hob beide H.nde, sodass es aussah, als halte er
eine imagin.re Schachtel in die Luft. Eine ziemlich sinnlose
Geste, aber er brauchte dieses solcherma.en Imagin.re als
Medium, um seine Gefühle zu übermitteln.
.Ich kann es nicht gut ausdrücken, aber nachdem ich .Die
Puppe aus Luft. mehrmals gelesen hatte, bekam ich das
Gefühl, sehen zu k.nnen, was du siehst. Vor allem die
Stellen, an denen die .Little People. vorkommen. Du hast
wirklich eine au.ergew.hnliche Phantasie. Sie ist originell
und ansteckend..
Fukaeri legte ihre Gabel bedachtsam auf dem Teller ab
und wischte sich mit der Serviette den Mund ab.
.Die Little People gibt es wirklich., sagte sie leise.
.Es gibt sie wirklich?.
Fukaeri schwieg einen Moment. .Sie sind wie Sie und
ich., sagte sie dann.
.Wie du und ich., wiederholte Tengo.
.Wenn Sie wollen, k.nnen auch Sie sie sehen..
Fukaeris schlichte Sprache hatte eine seltsame
überzeugungskraft. Die einzelnen Worte kamen aus ihrem
Mund, als würden Keile in genau der richtigen Gr..e in
passende Lücken getrieben. Dennoch konnte Tengo noch
nicht beurteilen, inwieweit das M.dchen Fukaeri aufrichtig
war. Diese junge Frau fiel aus dem Rahmen, sie hatte etwas
Au.ergew.hnliches an sich. Vielleicht lag das an ihrer
natürlichen Begabung. Wom.glich hatte er in diesem
Augenblick ein lebendiges echtes Talent vor sich. Oder aber
sie verstellte sich nur. Intelligente Teenager schauspielerten
manchmal beinahe instinktiv. Es kam durchaus vor, dass
sie sich exzentrisch stellten. Und es wirklich schafften, ihr
Gegenüber mit ihren Andeutungen zu verwirren. Er hatte
das mehrmals erlebt. Mitunter war es schwer, echtes von
gespieltem Verhalten zu unterscheiden. Tengo beschloss, in
die Wirklichkeit zurückzukehren. Oder zumindest in die
N.he der Wirklichkeit.
.Wenn es dir recht ist, m.chte ich morgen mit meiner
überarbeitung von .Die Puppe aus Luft. anfangen..
.Wenn Sie wollen..
.Ja, das will ich., antwortete Tengo schlicht.
.Ich m.chte, dass Sie jemanden kennenlernen., sagte
Fukaeri.
.Einverstanden., sagte Tengo.
Fukaeri nickte.
.Wer ist es?., fragte Tengo.
Die Frage wurde nicht zur Kenntnis genommen. .Sie
werden mit dieser Person sprechen., sagte sie.
.Wenn es notwendig ist, soll es mir recht sein., sagte
Tengo.
.Sonntagvormittag haben Sie frei., fragte sie
intonationslos.
.Ja., antwortete Tengo. Wir kommunizieren wie durch
Flaggensignale, dachte er.
Nach dem Essen trennten sich Tengo und Fukaeri. Tengo
warf mehrere Zehn-Yen-Münzen in das rosafarbene Telefon
im Lokal und rief Komatsu an. Er war noch im Büro, aber es
dauerte, bis er an den Apparat kam. W.hrenddessen hielt
sich Tengo den H.rer ans Ohr und wartete.
.Wie war’s? Alles glattgegangen?., fragte Komatsu als
Erstes.
.Fukaeri ist damit einverstanden, dass ich .Die Puppe aus
Luft. überarbeite. Wahrscheinlich hatten Sie es sich schon
gedacht..
.Ist das nicht gro.artig?., sagte Komatsu. Seine Stimme
klang aufger.umt. .Wunderbar. Ehrlich gesagt war ich
beunruhigt. Solche Verhandlungen zu führen entspricht
nicht gerade deiner Pers.nlichkeit..
.Direkt verhandelt habe ich ja auch nicht., sagte Tengo.
.Und überreden musste ich sie auch nicht. Ich habe ihr in
groben Zügen erkl.rt, worum es geht, und dann hat sie
quasi selbst entschieden..
.Egal. An diesem Ergebnis gibt es nichts auszusetzen.
Jetzt k.nnen wir mit unserem Plan fortfahren..
.Davor muss ich mich noch mit jemandem treffen..
.Mit wem denn?.
.Ich wei. nicht, wer es ist. Jedenfalls m.chte Fukaeri,
dass ich mich mit dieser Person treffe und mit ihr spreche..
Komatsu schwieg einige Sekunden. .Und wann?.
.Am Sonntag. Sie wird mich zu ihr bringen..
.Geheimhaltung ist unser erstes und wichtigstes Gebot.,