überzeugt war es. Wie konnte es feststellen, dass es
wirklich es selbst war?
Die Geschichte endete symbolisch damit, dass das
M.dchen die Tür zu dem Durchgang zu .ffnen versuchte.
Was hinter dieser Tür geschah, wurde nicht mehr
geschildert. Vielleicht war es etwas, das sich noch nicht
ereignet hatte.
Daughter, dachte Aomame. Auch der Leader hatte das
Wort verwendet, bevor er gestorben war. Um gegen die
Little People vorzugehen, sei seine Tochter geflohen und
habe ihre Daughter zurückgelassen. Wahrscheinlich war
das wirklich passiert. Und Aomame war nicht die Einzige,
die die beiden Monde sah.
Sie glaubte nun den Grund dafür zu kennen, dass dieser
Roman so gut aufgenommen und so viel gelesen wurde. Auf
einer gewissen Ebene tat natürlich auch der Umstand, dass
die Autorin ein sch.nes siebzehnj.hriges M.dchen war,
seine Wirkung. Aber so etwas allein machte ein Buch nicht
zum Bestseller. Unzweifelhaft war es die lebendige Dichte
der Schilderung, die die Faszination dieses Romans
ausmachte. Sie versetzte die Leser in die Lage, den Kosmos,
in dem das M.dchen sich befand, ganz unmittelbar und
frisch aus seinem Blickwinkel zu erleben. Die Geschichte
handelte zwar von surrealen Erlebnissen in einer
phantastischen Welt, rief jedoch natürliche Anteilnahme
hervor. Wahrscheinlich weckte die Geschichte
Empfindungen, die sich unterhalb der bewussten Ebene
abspielten. Die Leser gerieten in den Sog dieser
Empfindungen und verschlangen das Buch.
Zur literarischen Qualit.t hatte wahrscheinlich Tengo das
meiste beigetragen, aber sie konnte nicht ewig hier sitzen
und sie bewundern. Sie musste die Geschichte auf die
Passagen hin lesen, in denen die Little People auftraten,
denn für Aomame waren die Ereignisse .u.erst real, für sie
ging es um Leben und Tod. Der Text konnte eine Art
Handbuch für sie werden, aus dem sie notwendige
Erkenntnisse und das Know-how für ihr weiteres Vorgehen
gewann. Sie musste die Bedeutung der Welt, in die sie
verstrickt war, m.glichst genau und konkret aus ihm
herauslesen.
Die Puppe aus Luft war nicht, wie die Leute glaubten, das
Produkt der übersch.umenden Phantasie einer
Siebzehnj.hrigen. Ungeachtet der ge.nderten Namen
entsprach der gr..te Teil des Geschilderten einer
unverf.lschten Wirklichkeit, der dieses M.dchen
pers.nlich entkommen war – davon war Aomame
inzwischen überzeugt. Fukaeri hatte nur das, was sie erlebt
hatte, m.glichst exakt aufgezeichnet. Um der Welt das
verborgene Geheimnis zu enthüllen. Um m.glichst viele
Menschen von der Existenz der Little People und ihrem
Tun in Kenntnis zu setzen.
Die Daughter, die das M.dchen zurückgelassen hatte, war
wahrscheinlich zu einem Durchgang für die Little People
geworden und hatte sie zu seinem Vater, dem Leader,
geführt. Darauf hatten sie diesen Mann in einen Receiver,
also Empf.nger, verwandelt und die nun überflüssige
Gruppe Akebono in die blutige Selbstvernichtung
getrieben, um anschlie.end die übrig gebliebenen Vorreiter
in eine smarte, extreme und exklusive religi.se Sekte zu
transformieren – ein für die Little People sicherlich h.chst
angenehmes und günstiges Umfeld.
Ob Fukaeris Daughter ohne sie überleben würde? Den
Little People zufolge sei das über l.ngere Zeit kaum
m.glich.
Nach Fukaeris Flucht hatten die Little People
wahrscheinlich mit der gleichen Methode weitere
Daughters innerhalb der Vorreiter geschaffen. Vermutlich
war es ihr Ziel, die Passage, durch die sie kommen und
gehen konnten, zu verbreitern und zu stabilisieren. Wie
man eine Stra.e durch neue Fahrspuren erweitert. Auf
diese Weise hatten die Little People mehrere Perceiver
(.wahrnehmende Wesen.) zur Verfügung, die zugleich als
eine Art Priesterinnen dienten. Auch Tsubasa war eine
davon. Wenn man in Betracht zog, dass es nicht die
Mothers waren, sondern die Daughters, die sexuell mit dem
Leader verkehrten, erkl.rte sich auch dessen Formulierung
.mehrdeutig.. Auch dass Tsubasas Blick so leer und ohne
Tiefe war, dass sie kaum den Mund aufmachte, ergab nun
einen Sinn. Warum und wie die Daughter Tsubasa aus der
Sekte geflüchtet war, entzog sich Aomames Vorstellung.
Wie dem auch sei, vermutlich war sie in ihre Puppe aus
Luft gesteckt und von der Mother zurückgeholt worden.
Die blutige Ermordung der Hündin war eine Warnung der
Little People gewesen. Ebenso wie die Erkrankung Torus.
Die Daughters waren begierig, ein Kind vom Leader zu
empfangen, hatten aber in Wirklichkeit überhaupt keine
Periode. Dennoch bemühten sie sich ihm zufolge heftig um
eine Empf.ngnis. Warum nur?
Aomame schüttelte den Kopf. Es gab so vieles, das sie
noch nicht verstand.
Am liebsten h.tte Aomame diese Dinge sofort mit der
alten Dame besprochen. Ihr erz.hlt, dass der Mann
vielleicht nur die Schatten der M.dchen vergewaltigt hatte
und es wom.glich gar nicht n.tig gewesen w.re, ihn zu
t.ten.
Natürlich würde die alte Dame ihr nicht so leicht Glauben
schenken. Aomame kannte sie. Sie – nein, überhaupt jeder,
der bei Verstand war – würde abwinken, wenn man ihm
Puppen aus Luft, Daughters, Mothers und Little People als
Tatsachen pr.sentierte. Für jemanden mit gesundem
Menschenverstand w.ren das erfundene Geschichten aus
einem Roman. Ebenso unglaubwürdig wie die b.se
Herzk.nigin und das Kaninchen mit der Uhr in Alice im
Wunderland.
Aber Aomame sah die beiden Monde, den neuen und den
alten, wirklich am Himmel. Lebte wirklich in ihrem Schein.
Spürte die ver.nderte Anziehungskraft auf ihrer Haut. Mit
eigenen H.nden hatte sie diesen Menschen, den sie
.Leader. nannten, in dem dunklen Hotelzimmer get.tet.
Und noch immer haftete ihnen das unheilvolle Gefühl an,
das sie empfunden hatte, als sie ihm die spitze Nadel ins
Fleisch trieb. Allein der Gedanke rief immer wieder heftige
G.nsehaut bei ihr hervor. Au.erdem hatte sie kurz zuvor
mit eigenen Augen gesehen, wie der Mann die schwere
Tischuhr mindestens fünf Zentimeter über der Truhe
schweben lie.. Das war keine Halluzination gewesen und
auch kein Trick. Es waren nackte, kalte Tatsachen, die sie
akzeptieren musste.
Faktisch beherrschten die Little People durch ihre
Machenschaften die Gemeinschaft der Vorreiter. Aomame
begriff nicht, was sie letztendlich dadurch anstrebten.
Vielleicht die überwindung von Gut und B.se? Die Heldin
in Die Puppe aus Luft hatte sie aber doch unmittelbar als
etwas Unrichtiges erkannt und von sich aus einen
Gegenangriff gestartet. Sie lie. ihre Daughter zurück und
floh aus der Gemeinschaft, um, mit den Worten des
Leaders, einen Impuls gegen die Little People auszul.sen
und so das Gleichgewicht der Welt zu erhalten. Sie wollte
die Passage der Little People zurückverfolgen und an ihren
Ursprung vordringen. Der Roman sollte ihr als
Transportmittel dienen. Tengo wurde ihr Verbündeter und
half ihr dabei, es in Gang zu setzen. Vermutlich hatte er
damals die Bedeutung dessen, was er tat, selbst nicht
begriffen. Wahrscheinlich begriff er sie nicht einmal jetzt.
Wie dem auch sei, die Geschichte von der Puppe aus Luft
war der gro.e Schlüssel.
Mit dieser Geschichte hatte alles angefangen.
Doch wo um alles in der Welt passe ich, Aomame, in die
Geschichte hinein? In dem Moment, als ich bei dem Stau
die Nottreppe von der Stadtautobahn hinuntergestiegen
bin und dabei die Sinfonietta von Janá.ek geh.rt habe,
wurde ich in die Welt, in der zwei Monde, ein gro.er und
ein kleiner, am Himmel stehen, wurde ich in dieses
r.tselhafte Jahr 1Q84 hineingesogen. Aber was bedeutet
das?
Aomame schloss die Augen und dachte scharf nach.
Vielleicht war sie durch den .Anti-Little-People-Impuls.
in den Durchgang gesogen worden, den Fukaeri und Tengo
geschaffen hatten. Und war so auf diese Seite transportiert
worden. Anders konnte sie es sich nicht vorstellen. Und
ihre Rolle in dieser Geschichte war keineswegs klein. Nein,
man konnte sogar sagen, dass auch sie eine Schlüsselfigur
war.
Aomame blickte um sich. Das hei.t, dachte sie, ich
befinde mich jetzt mitten in der Geschichte, die Tengo in
Gang gesetzt hat. In gewissem Sinn bin ich in ihm,
sozusagen in seinem Tempel. Das spürte sie.
Vor l.ngerer Zeit hatte sie einmal einen Science-Fiction-
Film im Fernsehen gesehen. Den Titel hatte sie vergessen.
Jedenfalls wurde darin eine komplizierte chirurgische
Operation vorgenommen, durch die auf mikroskopische
Gr..e verkleinerte Wissenschaftler an Bord eines (ebenso
verkleinerten) U-Boot-artigen Gef.hrts durch die Adern
eines Patienten in dessen Gehirn vordringen konnten. Ihre
Situation war .hnlich. Sie stellte sich vor, wie sie in Tengos
Adern durch seinen K.rper kreiste. In st.ndigem Kampf
gegen angreifende wei.e Blutk.rperchen, die den
Eindringling (also sie) abzusto.en trachteten, bewegte sie
sich auf den Krankheitsherd – die Wurzel allen übels – zu.
Durch die Beseitigung des Leaders in jenem Hotelzimmer
hatte sie diese Wurzel vielleicht erfolgreich .eliminiert..
Aomame erw.rmte sich für diese Vorstellung. Ich habe
meine Mission erfüllt, dachte sie. So schwierig sie war. Ich
hatte die ganze Zeit Angst. Inmitten von Donnergrollen
habe ich meinen Auftrag cool und tadellos erledigt.
Wahrscheinlich vor Tengos Augen. Sie dachte mit Stolz
daran.
Wenn sie bei dem Bild der Reise durch die Blutbahn
blieb, würde der K.rper sie bald als Abfallprodukt, dessen
Aufgabe beendet war, ausscheiden. Das war das Gesetz,
nach dem ein Organismus funktionierte. Diesem Schicksal
konnte sie nicht entrinnen. Aber was macht das schon aus?,
dachte Aomame. Ich bin in Tengo. Seine W.rme umgibt
mich, sein Pulsschlag lenkt mich. Sein Denken und seine
Regeln leiten mich. Und vielleicht sogar sein Stil. Es ist
wunderbar, auf diese Weise ein Teil von ihm zu sein.
Auf dem Boden sitzend, schloss Aomame die Augen. Sie
hielt sich das Buch an die Nase und atmete den Geruch von
Papier und Druckerschw.rze ein. Ruhig überlie. sie sich
dem sie umgebenden Fluss. Sie lauschte auf Tengos
Herzschlag.
Das ist das K.nigreich, dachte sie.
Ich bin bereit zu sterben. Jederzeit.
KAPITEL 20
Tengo
Das Walross und der verrückte Hutmacher
Kein Zweifel. Dort waren zwei Monde.
Der eine war der, den es schon immer gegeben hatte, der
andere war viel kleiner und grünlich. Er war
unregelm..iger geformt als der ursprüngliche Mond und
bei weitem nicht so hell. Er wirkte wie ein unerwünschtes
h.ssliches Kind, das entfernte arme Verwandte jemandem
durch die Macht irgendwelcher Umst.nde aufgedr.ngt
hatten. Er war weder Einbildung noch eine optische
T.uschung, sondern ein echtes Gestirn mit Substanz und
festen Konturen. Kein Flugzeug, kein Luftschiff und auch
kein Satellit. Auch kein Mond aus Pappe, den irgendjemand
zum Spa. aufgeh.ngt hatte. Er war ohne jeden Zweifel ein
Stück Fels, der stumm und unerschütterlich seine Position
am n.chtlichen Himmel einnahm und diesen Platz so
entschieden wahrte wie ein vom Schicksal verliehenes
Muttermal oder ein nach reiflicher überlegung gesetzter
Punkt.
Lange, fast herausfordernd, betrachtete Tengo den neuen
Mond. Ohne den Blick abzuwenden. Kaum, dass er
blinzelte. Doch er konnte starren, wie er wollte, der Mond,
der sich so unendlich schweigsam mit seinem harten
Herzen aus Stein dort am Himmel niedergelassen hatte,
rührte sich nicht.
Tengo l.ste die zur Faust geballte Rechte und schüttelte
beinahe unbewusst ein wenig den Kopf. Es ist genau wie in
Die Puppe aus Luft, dachte er. Eine Welt mit zwei Monden.
Mit der Daughter ist ein zweiter Mond entstanden.
.Das ist das Zeichen. Du musst den Himmel aufmerksam
im Auge behalten., sagen die Little People zu dem
M.dchen.
Er selbst hatte diesen Satz geschrieben. Und auf
Komatsus Anraten den neuen Mond so detailliert und
anschaulich wie m.glich geschildert. Er hatte sogar
besondere Mühe auf diese Passage verwandt. Und nun
entsprach die Gestalt des neuen Mondes genau der, die er
selbst erdacht hatte.
.Sieh es doch mal so., hatte Komatsu gesagt. .Die Leser
kennen den Himmel mit einem Mond. Verstehst du? Aber
einen Himmel mit zwei Monden hat wohl noch keiner
gesehen. Und wenn in einem Roman etwas vorkommt, das
die Leser noch nie gesehen haben, brauchen sie in der
Regel eine m.glichst detaillierte und anschauliche
Schilderung..
Ein wichtiger Hinweis.
Mit einem Blick zum Himmel schüttelte Tengo abermals
den Kopf. Dieser neue Mond hatte genau die Gr..e und
Gestalt, die Tengo ihm in seiner Phantasie gegeben hatte.
Er war das absolute Ebenbild seines literarischen Kollegen.
Das ist unm.glich, dachte Tengo. Was ist das für eine
Realit.t, die eine Metapher imitiert? .V.llig unm.glich.,
sagte er nun laut. Seine Stimme klang etwas kr.chzend. Er
war viel gelaufen, und seine Kehle war rau und trocken. Es
war in jeder Hinsicht unm.glich. Er ist Fiktion. Er geh.rte
in eine Welt, die nicht real war. In die Welt der
phantastischen Geschichte, die Fukaeri Professor Ebisunos
Tochter Azami abends erz.hlt hatte und die Tengo sp.ter
für sie ausgestaltet hatte.
Hie. das – fragte er sich –, dass er sich in der Welt des
Romans befand? War er durch irgendeinen Einfluss aus der
Realit.t hinauskatapultiert worden und in die Welt geraten,
in der Die Puppe aus Luft spielte? Wie Alice, als sie in den
Kaninchenbau fiel? Oder hatte die Realit.t sich der Welt
von Die Puppe aus Luft angepasst? Und existierte die
ursprüngliche Welt – die ihm vertraute Welt mit nur einem
Mond – nun nirgends mehr? Hatte die Macht der Little
People in irgendeiner Form etwas damit zu tun?
Auf der Suche nach einer Antwort schaute er sich um.
Doch sein Blick fiel nur auf eine ganz allt.gliche Szenerie.
Ein gro.st.dtisches Wohnviertel, an dem aber auch rein
gar nichts Merkwürdiges oder Au.ergew.hnliches zu
entdecken war. Hier gab es weder eine b.se Herzk.nigin
noch ein Walross noch einen verrückten Hutmacher. Nur