den verlassenen Sandkasten, die Schaukel, die ihr
anorganisches Licht verstr.mende Quecksilberlaterne, die
.ste des Keyakibaums, die verschlossene Toilette, das neue
fünfst.ckige Wohnhaus (in dem nur vier Wohnungen
beleuchtet waren), einen Schaukasten für st.dtische
Mitteilungen, einen roten Coca-Cola-Automat, einen falsch
geparkten grünen VW Golf – ein .lteres Modell übrigens –,
Elektromasten und -leitungen und in der Ferne ein
Neonschild in grellen Farben. Die üblichen Ger.usche, die
übliche Beleuchtung. Seit sieben Jahren lebte Tengo nun im
Stadtteil Koenji. Nicht einmal, weil es ihm hier besonders
gefiel. Er hatte durch Zufall eine Wohnung in einem
preiswerten Mietshaus nicht weit vom Bahnhof gefunden.
Weil sie verkehrsgünstig lag und ein Umzug ihm zu l.stig
gewesen w.re, war er einfach hier wohnen geblieben.
Inzwischen kannte er die Gegend ziemlich genau. Es w.re
ihm sofort aufgefallen, wenn sich irgendwo etwas ver.ndert
h.tte.
Wann war dieser Mond hinzugekommen? Tengo fühlte
sich au.erstande, dies zu beurteilen. Vielleicht gab es
schon seit Jahren zwei Monde, und er hatte es nur nicht
bemerkt. Er hatte schon so vieles verpasst, weil er nie
richtig Zeitung las und auch nicht fernsah. Es gab unz.hlige
Dinge, die jeder au.er ihm wusste. Oder vor kurzem war
irgendetwas passiert, sodass es pl.tzlich zwei Monde gab.
Er h.tte gern jemanden gefragt: Entschuldigen Sie die
sonderbare Frage, aber seit wann gibt es denn zwei Monde?
Wissen Sie das vielleicht? Aber es war niemand in der
N.he. Nicht einmal eine Katze war zu sehen.
Doch, da war jemand. Jemand schlug ganz in der N.he
mit einem Hammer N.gel in die Wand. Klopfklopfklopf
ert.nte es ununterbrochen. Sowohl die Wand als auch der
Nagel mussten ziemlich hart sein. Aber wer um alles in der
Welt schlug um diese Zeit N.gel ein? Tengo blickte sich
verwundert um, konnte aber nirgends eine entsprechende
Wand entdecken. Und auch niemanden, der die N.gel
einschlug.
Einen Moment sp.ter begriff er, dass das H.mmern sein
Herzschlag war. Er hatte einen Adrenalinsto. bekommen,
und sein Herz pumpte nun hastig und mit
ohrenbet.ubendem L.rm gro.e Mengen Blut durch seinen
K.rper.
Der Anblick der zwei Monde musste ihn hervorgerufen
haben. Tengos Nervensystem geriet aus dem
Gleichgewicht, und ihm wurde schwindlig. Er lie. sich auf
die Plattform der Rutschbahn herunter, lehnte sich im
Sitzen gegen die Stangen und wartete mit geschlossenen
Augen darauf, dass der Schwindel vorüberging. Es fühlte
sich an, als h.tte sich die Erdanziehungskraft um ihn
herum leicht ver.ndert. Irgendwo drückte die Flut, und
irgendwo herrschte der Sog der Ebbe. Und die Menschen
taumelten hilflos zwischen insane und lunatic hin und her.
Das Schwindelgefühl erinnerte Tengo daran, dass ihn die
Vision von seiner Mutter im wei.en Unterkleid schon ewig
nicht mehr heimgesucht hatte. Schon l.nger hatte er nicht
mehr gesehen, wie sie den jungen Mann an ihrer Brust
saugen lie. und er als Baby daneben lag. So viele Jahre
hatte ihn dieses Bild gepeinigt, und nun hatte er es fast
vergessen. Wann hatte er die Vision das letzte Mal gehabt?
Er wusste es nicht einmal mehr. Vielleicht um die Zeit, als
er anfing, an seinem neuen Roman zu schreiben? Aus
irgendeinem Grund schien der Geist seiner Mutter damals
an eine Grenze gesto.en zu sein und hielt sich nun nicht
mehr in seiner Umgebung auf.
Stattdessen sa. er jetzt auf einer Rutsche auf einem
Spielplatz in Koenji und sah zwei Monde am Himmel. Wie
dunkles, allm.hlich vordringendes Wasser kreiste eine
neue unbegreifliche Welt ihn ein. Vielleicht hatte ein neues
Problem das frühere verdr.ngt, und das altvertraute R.tsel
war durch ein unbekanntes, frisches ersetzt worden.
Vermutete Tengo. Nicht dass er das sonderlich ironisch
fand. Doch regte sich in ihm auch nicht der Wunsch,
Einspruch zu erheben. Was blieb ihm schon anderes übrig,
als diese neue Welt, wie sie auch entstanden sein mochte,
schweigend hinzunehmen? Er konnte sich nicht vorstellen,
dass er eine Wahl hatte. Auch in seiner früheren Welt hatte
er nie eine Wahl gehabt. Es war genau das Gleiche. Und vor
allem, dachte Tengo, an wen sollte man seinen Einspruch
überhaupt richten, selbst wenn man einen erheben wollte?
Sein Herz schlug weiter in diesem trockenen, harten Ton.
Wenigstens lie. das Schwindelgefühl allm.hlich nach. Das
H.mmern seines Herzens im Ohr, legte Tengo den Kopf an
das Gel.nder der Rutschbahn und sah hinauf zu den beiden
Monden am Himmel über Koenji. Ein bizarrer Anblick.
Eine neue Welt mit einem neuen zus.tzlichen Mond. Alles
war ungewiss und so unendlich vieldeutig. Aber eins ist
gewiss, dachte Tengo. Ganz gleich, was von nun an mit mir
geschieht, an den Anblick von zwei Monden am Himmel
werde ich mich wohl nie gew.hnen. Bis in alle Ewigkeit
nicht.
Tengo fragte sich, welches geheime Abkommen Aomame
damals mit dem Mond geschlossen haben mochte. Dabei
dachte er an den durch und durch ernsten Blick, mit dem
sie den wei.en Mond am Nachmittagshimmel betrachtet
hatte. Was nur hatte sie dem Mond damals angeboten?
Und was soll jetzt aus mir werden?
Das hatte er sich schon als Zehnj.hriger die ganze Zeit
gefragt, w.hrend Aomame seine Hand drückte. Ein
furchtsamer Junge, der vor einem gro.en Tor stand. Heute
wie damals. Die gleiche Unsicherheit, die gleiche Furcht,
das gleiche Zittern. Und sogar der Mond stand am Himmel.
Nur dass es jetzt zwei waren.
Wo konnte Aomame sein?
Noch einmal sah Tengo sich um. Doch was er zu
entdecken hoffte, war nirgends zu sehen. Er spreizte seine
linke Hand vor dem Gesicht, aber auf ihrer Innenseite
verliefen nur die vertrauten Linien. Im bleichen Licht der
Stra.enlaterne wirkten sie wie Reste von Wasserl.ufen auf
dem Mars und sagten ihm gar nichts. Mehr, als dass er seit
seinem zehnten Lebensjahr einen langen Weg zurückgelegt
hatte, konnte er an seinen gro.en H.nden nicht ablesen.
Bis zu dieser Rutsche auf dem kleinen Spielplatz in Koenji.
über dem zwei Monde schienen.
Wo kann sie nur sein?, fragte Tengo sich abermals. Wo
k.nnte sie sich versteckt halten?
.Sie ist vielleicht ganz in der N.he., hatte Fukaeri gesagt.
.Sie k.nnten zu Fu. zu ihr gehen..
Ob Aomame, wo sie sich doch ganz in der N.he aufhielt,
die beiden Monde auch sah?
Auf jeden Fall, dachte Tengo. Natürlich war diese
Annahme v.llig unbegründet, doch seltsamerweise war er
fest davon überzeugt. Er zweifelte nicht daran, dass sie sah,
was er sah. Immer wieder schlug Tengo mit seiner geballten
Linken auf den Boden der Plattform. Bis seine Faust
schmerzte.
Also müssen wir uns begegnen, dachte Tengo. Irgendwo
hier in der N.he, in Gehweite. Aomame wird von
jemandem gejagt und versteckt sich, wie eine verletzte
Katze. Und die Zeit, die ich habe, um sie zu finden, ist
begrenzt.
Aber Tengo hatte nicht die geringste Ahnung, wo er
suchen sollte.
.Hoho., machte der Zwischenrufer.
.Hoho., stimmten die übrigen sechs ein.
KAPITEL 21
Aomame
Was soll ich nur tun?
An diesem Abend ging Aomame mit ihrem grauen
Trainingstrikot bekleidet und in Hausschuhen auf den
Balkon, um die Monde zu sehen. In der Hand hielt sie eine
Tasse Kakao. Sie hatte schon ewig keine Lust mehr auf
Kakao gehabt. Aber als sie im Küchenschrank eine Dose
Van Houten entdeckte, bekam sie Appetit darauf. Am
wolkenlosen südwestlichen Himmel schienen klar und
deutlich die beiden Monde. Der gro.e und der kleine.
Anstatt eines Seufzers gab Aomame ein leises Knurren von
sich. Aus einer Puppe aus Luft wurde eine Daughter
geboren, und aus einem Mond wurden zwei. 1984 hatte sich
in 1Q84 gewandelt. Die alte Welt war verschwunden, und
sie konnte nicht mehr dorthin zurückkehren.
Aomame setzte sich auf den Gartenstuhl, den man ihr auf
den Balkon gestellt hatte, und w.hrend sie an ihrem hei.en
Kakao nippte und die beiden Monde betrachtete, versuchte
sie sich an ihre alte Welt zu erinnern. Aber das Einzige, was
ihr im Augenblick einfiel, war der Gummibaum in ihrer
früheren Wohnung. Wo er jetzt wohl war? Ob Tamaru sich,
wie versprochen, seiner angenommen hatte? Bestimmt.
Keine Sorge, beruhigte sie sich. Tamaru ist ein Mann, der
seine Versprechen h.lt. Vielleicht bringt er dich ohne
Z.gern eiskalt um, wenn es n.tig ist, aber dennoch würde
er sich bis in alle Ewigkeit um den Gummibaum kümmern,
den du ihm vererbt hast.
Doch warum machte sie sich derartige Sorgen um diesen
Gummibaum?
Bis sie ihn in ihrer alten Wohnung zurückgelassen hatte,
hatte sie nie einen Gedanken an ihn verschwendet. Es war
ein wirklich sch.biger Baum. Er war farb- und glanzlos und
sah v.llig ungesund aus. Er sollte als Sonderangebot 1800
Yen kosten, aber als sie mit ihm an die Kasse kam, setzte
die Kassiererin ihn ungebeten noch einmal auf 1500 Yen
herunter. Mit etwas Feilschen h.tte sie ihn wahrscheinlich
noch billiger bekommen. Bestimmt war er ein permanenter
Ladenhüter. Als sie mit dem Kübel im Arm nach Hause
ging, bereute sie es schon, das Ding so spontan gekauft zu
haben. Er sah erb.rmlich aus, war sperrig zu tragen und zu
allem überfluss auch noch lebendig.
Es war das erste Mal, dass sie etwas Lebendiges hatte.
Noch nie hatte sie ein Haustier oder eine Pflanze gekauft,
geschenkt bekommen oder auch nur zuf.llig gefunden.
Dieser Gummibaum war ihre erste Erfahrung mit etwas
Lebendigem.
Als sie im Salon der alten Dame die kleinen roten
Goldfische sah, die diese auf dem Schreinfest für Tsubasa
gekauft hatte, hatte sich der Wunsch nach einem Goldfisch
in ihr geregt. Er war so m.chtig geworden, dass sie kaum
die Augen von den Fischen lassen konnte. Weshalb hatte
sie pl.tzlich so stark empfunden? Vielleicht, weil sie
Tsubasa beneidete? Noch nie hatte jemand Aomame
abends auf ein Schreinfest mitgenommen, geschweige denn
ihr dort etwas gekauft. Ihre Eltern, die eifrigen und
bibeltreuen Zeugen Jehovas, verachteten und mieden alle
weltlichen Festlichkeiten.
Also hatte Aomame einen Discounter in der N.he des
Bahnhofs Jiyugaoka aufgesucht, um sich einen Goldfisch
und ein Goldfischglas zu kaufen. Wenn ihr niemand etwas
kaufte, blieb ihr eben nichts anderes übrig, als es selbst zu
tun. Es reicht, dachte sie. Ich bin drei.ig Jahre alt und lebe
allein. Mein Bankschlie.fach ist voller Geldbündel, dick
und hart wie Backsteine. Ich brauche niemanden zu fragen,
wenn ich mir einen Goldfisch kaufe.
Aber als sie in die Tierabteilung kam und die echten
Goldfische sah, deren Flossen sich zart flatternd wie
Spitzenborten im Wasser des Aquariums bewegten, war sie
au.erstande, einen davon zu kaufen. So ein Goldfisch war
winzig, nur ein alberner Fisch, ohne Bewusstsein und ohne
F.higkeit zur Reflexion, dennoch war er ein vollkommener
lebendiger Organismus. Es kam Aomame unpassend vor,
dieses Leben k.uflich zu erwerben und zu ihrem
pers.nlichen Besitz zu machen. Die Goldfische erinnerten
sie an sich selbst in ihrer Kindheit. Hilflose Wesen, die in
ein enges Glas eingesperrt waren und nicht entkommen
konnten. Die Goldfische wirkten allerdings nicht, als
machte ihnen das im Mindesten etwas aus. Wahrscheinlich
war es ihnen tats.chlich egal, und sie hegten gar nicht den
Wunsch, sich woandershin zu begeben. Doch Aomame
hatte das damals unbedingt gewollt.
Die Goldfische im Salon der alten Dame hatten keine
derartigen Gefühle in ihr ausgel.st. Anmutig und fr.hlich
waren sie in ihrem Glas herumgeschwommen, in dessen
Wasser sich die Strahlen des sommerlichen Lichts brachen.
Die Vorstellung, mit einem Goldfisch zusammenzuleben,
war Aomame wundervoll erschienen. Doch die Goldfische
in der Zooabteilung des Billigkaufhauses am Bahnhof übten
eine stark beklemmende Wirkung auf sie aus. Nachdem sie
die Fischlein in dem Aquarium eine Weile betrachtet hatte,
presste sie die Lippen fest aufeinander. Es geht nicht,
dachte sie. Ich kann auf keinen Fall einen Goldfisch halten.
Damals war ihr Blick auf den Gummibaum in der
hintersten Ecke des Ladens gefallen. Man hatte ihn an
einen unauff.lligen Platz ger.umt, und dort kauerte er nun
wie ein ausgesetztes Waisenkind. Zumindest sah es in
Aomames Augen so aus. Obwohl er so unscheinbar war
und es ihm an Symmetrie fehlte, kaufte sie ihn, ohne richtig
darüber nachzudenken. Nicht weil er ihr gefiel. Sie konnte
einfach nicht anders. Und tats.chlich würdigte sie ihn,
nachdem sie ihn in ihrer Wohnung aufgestellt hatte, kaum
eines Blickes, au.er wenn sie ihm hin und wieder Wasser
gab.
Doch nun, wo sie ihn zurückgelassen hatte und wusste,
dass sie ihn nie wiedersehen würde, konnte Aomame nicht
umhin, sich um ihn zu sorgen. Sie verzog ihr Gesicht, wie
so h.ufig, wenn sie verst.rt war und nicht herausschreien
wollte. Ihre Züge verzerrten sich bis zum Extrem, sodass ihr
Gesicht sich in das eines anderen Menschen verwandelte.
Erst nachdem sie ihre Gesichtsmuskeln in s.mtliche
Richtungen zu allen m.glichen Grimassen verzerrt hatte,
entspannten sich ihre Züge, und sie sah aus wie immer.
Warum machte sie nur ein solches Gewese um diesen
Gummibaum?
Tamaru behandelt den Gummibaum bestimmt gut,
dachte Aomame. Bestimmt viel besser und fürsorglicher als
ich. Schlie.lich ist er – im Gegensatz zu mir – daran
gew.hnt, sich um lebendige Wesen zu kümmern und
liebevoll mit ihnen umzugehen. Den Hund hat er wie sein
eigenes Fleisch und Blut behandelt. Selbst für die Pflanzen
in der Weidenvilla hat er ein Herz. Sobald er etwas Zeit hat,
geht er durch den Garten, um sie gründlich in Augenschein
zu nehmen. Und im Waisenhaus hat er diesen armen
dusseligen Jungen unter seine Fittiche genommen und
beschützt. Unter Einsatz seines Lebens. Ich k.nnte so
etwas nie. Mir fehlen die Reserven, um Verantwortung für
andere Menschen zu übernehmen. Die Last meines eigenen
Lebens und meiner Einsamkeit zu tragen kostet mich schon