meine ganze Kraft.
Das Wort Einsamkeit erinnerte Aomame an Ayumi.
Irgendein Mann hatte sie in einem Love-Hotel mit ihren
eigenen Handschellen ans Bett gefesselt, brutal
vergewaltigt und mit dem Gürtel eines Bademantels
erwürgt. Soweit Aomame wusste, war der T.ter noch nicht
gefasst worden. Obwohl Ayumi eine Familie und Kollegen
gehabt hatte, war sie einsam gewesen. So einsam, dass sie
auf diese grausame Weise hatte sterben müssen. Und ich,
dachte Aomame, habe ihr nicht geben k.nnen, was sie sich
von mir erhoffte. Aber ich hatte ein Geheimnis und musste
für mich bleiben. Ich konnte es doch auf keinen Fall mit ihr
teilen. Warum musste Ayumi sich ausgerechnet mich als
Herzensfreundin aussuchen? Als g.be es nicht massenhaft
andere Leute auf dieser Welt.
Als sie die Augen schloss, tauchte der Gummibaum, den
sie in ihrer leeren Wohnung zurückgelassen hatte, vor ihr
auf.
WARUM MACHTE SIE NUR EIN SOLCHES GEWESE UM
DIESEN GUMMIBAUM?
Aomame begann zu weinen. Was ist nur los mit mir?,
dachte sie mit leichtem Kopfschütteln. Ich heule
neuerdings zu viel. Und auch noch wegen diesem bl.den
Gummibaum. Aber sie konnte ihre Tr.nen nicht
zurückhalten. Sie schluchzte, dass ihre Schultern bebten.
Nichts ist mir geblieben. Nicht einmal ein sch.biger
Gummibaum. Alles, was mir etwas wert ist, verschwindet.
Alle verlassen mich. Nur die Erinnerung an Tengo ist mir
noch geblieben.
Ich muss aufh.ren zu weinen, sagte sie sich. Ich bin jetzt
in Tengos Innerem. Wie dieses .Mikro-
Selbstmordkommando. von Wissenschaftlern – genau, das
war der japanische Titel dieses Films über die phantastische
Reise durch den K.rper eines Menschen. Dass der Titel des
Films ihr wieder eingefallen war, richtete Aomame seelisch
etwas auf. Sie h.rte auf zu weinen. Sie konnte weinen,
soviel sie wollte, es würde nichts helfen. Sie musste wieder
die kaltblütige, harte Aomame werden.
Aber wer verlangte das eigentlich von ihr?
Ich, sagte sie.
Und sah sich um. Am Himmel standen die beiden Monde.
.Das ist das Zeichen. Du musst den Himmel aufmerksam
im Auge behalten., hatte einer der Little People gesagt. Der
mit der leisen Stimme war es gewesen.
.Hoho., sagte der Zwischenrufer.
Pl.tzlich bemerkte sie ihn. Sah, dass sie nicht der einzige
Mensch war, der in diesem Moment zu den Monden
hinaufschaute. Auf dem Spielplatz auf der anderen Seite
der Stra.e war ein junger Mann. Er sa. oben auf der
Rutsche und starrte in die gleiche Richtung wie sie. Der
Mann sieht zwei Monde, genau wie ich. Das war Aomame
sofort klar. Ohne jeden Zweifel. Er sieht das Gleiche wie
ich, dachte sie. Er kann sie sehen. Diese Welt hat
tats.chlich zwei Monde. Aber wenn es stimmt, was der
Leader gesagt hat, k.nnen nicht alle sie sehen.
Aber dass der gro.e junge Mann dort auf der Rutschbahn
die beiden Monde sah, war unverkennbar. Darauf w.re sie
jede Wette eingegangen. Sie wusste es ganz genau. Er sah
einen gro.en gelben Mond und einen kleinen grünen, der
wie mit Moos überwachsen wirkte und asymmetrisch war.
Und er schien zu überlegen, was diese beiden
nebeneinanderstehenden Monde zu bedeuten hatten. Ob
dieser Mann auch eine der Personen war, die unfreiwillig in
die neue Welt des Jahres 1Q84 hinübergedriftet waren?
Vielleicht war er verwundert und verstand nicht, was all das
bedeutete. Ganz sicher war es so. Deshalb war er an diesem
Abend auf die Rutsche im Park geklettert, um ganz für sich
die beiden Monde zu betrachten. Um ausführlich über
verschiedene M.glichkeiten nachzudenken und
Hypothesen anzustellen.
Aber vielleicht t.uschte sie sich auch, und der Mann war
wom.glich ein von den Vorreitern geschickter Verfolger,
der auf seiner Jagd nach ihr bis hierher gelangt war.
Aomames Herz begann zu rasen, und in ihren Ohren
entstand ein hoher Pfeifton. Unwillkürlich tastete sie mit
ihrer rechten Hand nach der Pistole in ihrem Hosenbund
und umklammerte mit aller Kraft den harten Griff.
Doch bei n.herem Hinsehen besa. der Mann nicht die
energische und nachdrückliche Ausstrahlung für so etwas.
Auch vermittelte er überhaupt keinen gewaltt.tigen
Eindruck, wie er, so ganz allein oben auf der Rutschbahn
hockend, den Kopf an das Gel.nder gelehnt, zu den beiden
Monden hinaufsah. Offenbar gab er sich ausgedehnten
Reflexionen hin. Von ihrem Balkonstuhl sp.hte Aomame
durch den Spalt zwischen dem Metallgel.nder und der
Blende aus undurchsichtigem Plastik auf den Mann
hinunter. Er h.tte sie nicht sehen k.nnen, selbst wenn er in
ihre Richtung geblickt h.tte. Au.erdem war der Mann so in
seine Betrachtung des Himmels versunken, dass er
wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen w.re, dass auch
er beobachtet wurde.
Aomame entspannte sich und stie. die angehaltene Luft
aus. Sie lockerte ihren Griff und nahm die Hand von der
Pistole, ohne jedoch den Mann aus den Augen zu lassen.
Aus ihrem Blickwinkel konnte sie nur sein Profil erkennen.
Durch die hohe Laterne im Park war seine Gestalt hell
beleuchtet. Der Mann war gro. und breitschultrig. Sein
dichtes Haar war kurz geschnitten, und er trug ein
lang.rmliges T-Shirt, dessen .rmel er bis zum Ellbogen
hochgeschoben hatte. Er sah nicht besonders gut aus, hatte
aber recht attraktive, markante Züge. Seine Kopfform war
auch nicht schlecht. Etwas .lter und mit weniger Haar w.re
er genau ihr Typ gewesen.
Da wusste Aomame es pl.tzlich.
ES WAR TENGO.
Das kann nicht sein, dachte sie. Sie schüttelte mehrmals
kurz und entschieden den Kopf. Es musste sich um eine
unglaubliche Verwechslung handeln. Wie sollte es je zu so
einem glücklichen Zusammentreffen kommen? Aomame
konnte nicht mehr normal atmen. Ihr Organismus geriet
v.llig in Aufruhr. Denken und Handeln lie.en sich nicht
mehr koordinieren. Sie musste sich den Mann noch einmal
genau ansehen, schaffte es aber aus irgendeinem Grund
nicht, ihre Blickrichtung zu kontrollieren. Ihre Sehkraft
schien pl.tzlich stark beeintr.chtigt.
WAS SOLL ICH TUN?
Sie erhob sich von ihrem Gartenstuhl und sah sich ratlos
um. Ihr fiel das kleine Nikon-Fernglas ein, das in dem
Sideboard im Wohnzimmer lag. Sie suchte es hervor, eilte
damit auf den Balkon zurück und richtete es auf die
Rutschbahn. Der junge Mann sa. noch immer dort. Sogar
in der gleichen Haltung. Schaute, ihr sein Profil zugewandt,
zum Himmel. Mit zitternden Fingern stellte Aomame das
Fernglas ein, um das Profil – konzentriert und mit
angehaltenem Atem – n.her in Augenschein zu nehmen. Es
war Tengo. Zwanzig Jahre waren vergangen; dennoch hatte
er sich seit seinem zehnten Lebensjahr nicht so sehr
ver.ndert. Er schien einfach drei.ig geworden zu sein.
Doch kindlich wirkte er auch nicht. Natürlich war er sehr
gewachsen, sein Nacken war kr.ftig, und auch seine
Gesichtszüge und ihr nachdenklicher Ausdruck waren
eindeutig die eines Erwachsenen. Seine auf den Knien
liegenden H.nde waren gro. und fest, und trotz allem war
er noch der Gleiche wie vor zwanzig Jahren in dem
Klassenzimmer in ihrer Grundschule. Sein robuster, starker
K.rper vermittelte Aomame eine natürliche W.rme und
ein Gefühl von Sicherheit. Wie gern h.tte sie ihr Gesicht an
seiner Brust geborgen. Allein der Gedanke daran beglückte
sie. Und auch der, dass er auf dem Spielplatz vor ihrem
Haus oben auf der Rutsche sa., in den Himmel schaute
und das sah, was sie sah. Die beiden Monde. Ja, sie sahen
beide das Gleiche.
WAS SOLL ICH TUN?
Aomame hatte nicht die geringste Ahnung. Sie legte das
Fernglas in ihren Scho. und ballte mit aller Kraft die
F.uste. So fest, dass die N.gel sich in ihre Handfl.chen
gruben und deutliche Male hinterlie.en. Ihre F.uste
zitterten.
WAS SOLL ICH TUN?
Sie h.rte ihr eigenes heftiges Keuchen. Inzwischen hatte
sie das Gefühl, in zwei H.lften gespalten zu sein. Die eine
Seite wollte glauben, dass es Tengo war, den sie dort sah.
Die andere weigerte sich, dies zu akzeptieren, und dr.ngte
mit aller Gewalt dagegen. Wollte leugnen, dass so etwas
m.glich war. Heftig stritten diese beiden einander
entgegengesetzten Kr.fte in ihr. Jede bemühte sich,
Aomame auf ihre Seite zu zerren. Dabei rissen sie ihr
Fleisch in Fetzen, kugelten ihr die Gelenke aus und brachen
ihr die Knochen.
Am liebsten w.re sie, so wie sie war, in den Park gerannt,
auf die Rutschbahn gestiegen und h.tte Tengo
angesprochen. Aber was sollte sie ihm sagen? Ihre
Sprechmuskeln waren wie gel.hmt. Vielleicht k.nnte sie
trotzdem irgendetwas herauspressen. Hallo, ich bin’s,
Aomame. Ich habe vor zwanzig Jahren in der Grundschule
in Shinagawa mal deine Hand gehalten. Erinnerst du dich
an mich?
Konnte man so etwas sagen?
Da musste es doch eine zumindest etwas bessere
M.glichkeit geben.
.Versteck dich weiter hier auf dem Balkon!., befahl ihr
anderer Teil. .Es gibt nichts, was du tun kannst. Oder? Du
hast gestern Abend einen Pakt mit dem Leader geschlossen.
Du verzichtest auf dein eigenes Leben, dafür wird Tengo
gerettet und kann weiter in dieser Welt leben. So lautet die
Vereinbarung. Der Vertrag ist bereits unterzeichnet. Du
hast den Leader ins Jenseits bef.rdert und zugestimmt,
dein Leben zu opfern. Was soll es also bringen, Tengo
wiederzusehen und über alte Zeiten zu plaudern?
Au.erdem, was machst du, wenn er sich gar nicht oder nur
als .diese Irre mit dem komischen Gebet. an dich erinnert?
Wie willst du es dann auf dich nehmen zu sterben?.
Bei diesem Gedanken verkrampfte sich alles in Aomame,
und sie begann unkontrollierbar zu zittern. Frostschauer
überliefen sie wie bei einer schweren Grippe. Sie fror bis ins
Mark. Bebend legte sie beide Arme um sich. Doch w.hrend
dieser ganzen Zeit lie. sie Tengo, der noch immer auf der
Rutschbahn sa. und in den Himmel schaute, keinen
Moment aus den Augen. Sie hatte das Gefühl, er würde
verschwinden, sobald sie den Blick abwandte.
Sie stellte sich vor, es seien Tengos Arme, die sie
umschlangen. Wie sehr sehnte sie sich danach, von seinen
gro.en H.nden liebkost zu werden. Und überall seine
W.rme zu spüren. In jedem Winkel ihres K.rpers von ihm
berührt und gew.rmt zu werden. Ich will, dachte sie, dass
er diese K.lte vertreibt, die mich bis ins Innerste
durchf.hrt. Dass er in mich eindringt und mich aufrührt.
Wie ich mit dem L.ffel den Kakao verrühre, langsam und
bis auf den Grund. Dann würde es mir nichts ausmachen,
auf der Stelle zu sterben. Wirklich.
Wirklich?, fragte sie sich noch einmal. Nein, wenn das
gesch.he, würde ich bestimmt nicht mehr sterben wollen,
sondern mir wünschen, für immer und ewig mit Tengo
zusammen zu sein. Meine Entschlusskraft würde
verdunsten wie Tau in der Morgensonne. Oder ich würde
ihn mit mir nehmen. Mit der Heckler & Koch zuerst ihn
erschie.en und dann mir selbst das Hirn wegpusten. Es ist
unvorhersehbar, was passieren k.nnte und was ich
vielleicht anrichten würde.
WAS SOLL ICH TUN?
Sie konnte einfach zu keiner Entscheidung gelangen. Ihr
Atem ging heftig. Ein Gedanke nach dem anderen raste ihr
durch den Kopf und verschwand. Keinen konnte sie richtig
zu fassen bekommen. Was war richtig, was war falsch? Sie
wusste nur eines: Sie wollte sich sofort hier und jetzt in
Tengos Arme werfen. Alles andere kam sp.ter. Darüber
sollte von ihr aus Gott oder der Teufel entscheiden.
Aomames Entschluss stand fest. Sie ging ins Bad und
wischte sich mit einem Handtuch die letzten Tr.nenspuren
aus dem Gesicht. Ordnete vor dem Spiegel rasch ihr Haar.
Ihre Miene wirkte abwesend. Ihre Augen waren
blutunterlaufen. Selbst ihre Kleidung war unansehnlich,
und die 9-mm-Automatik im Hosenbund ihres
verwaschenen Trainingsanzugs rief eine sonderbare Beule
an ihrem Rücken hervor. Nicht gerade die ideale
Aufmachung für eine Begegnung mit dem Mann, nach dem
sie sich seit zwanzig Jahren verzehrte. Sie h.tte sich gern
etwas Besseres angezogen. Aber dazu war es jetzt zu sp.t.
Ihr blieb keine Zeit mehr zum Umziehen. Hastig schlüpfte
sie in ihre Turnschuhe und rannte, ohne die Tür hinter sich
abzuschlie.en, über den Notausgang die zwei Stockwerke
hinunter. Sie ging quer über die Stra.e und lief durch den
menschenleeren Park. Aber Tengo war nicht mehr da. Die
vom Licht der Laterne beschienene Plattform der
Rutschbahn war leer. Und abweisender, k.lter und leerer
als die Rückseite des Mondes.
Hatte sie sich alles nur eingebildet?
Nein, auf keinen Fall, dachte sie atemlos. Eben hatte
Tengo noch hier gesessen. Ohne jeden Zweifel. Sie stieg auf
die Rutschbahn und sah sich im Stehen um. Keine
Menschenseele zu sehen. Aber weit konnte er noch nicht
sein, wo er doch gerade noch hier gewesen war. Mehr als
vier oder fünf Minuten konnten nicht vergangen sein.
Wenn sie jetzt loslief, würde sie ihn vielleicht noch
einholen.
Doch sie überlegte es sich anders. Hielt ihren Drang, ihm
zu folgen, mit aller Kraft im Zaum. Nein, das geht nicht.
Das kann ich nicht machen, dachte sie. Ich wei. nicht mal,
in welche Richtung er gegangen ist. Ich werde nicht
versuchen, Tengo zu finden, indem ich ziellos durch die
n.chtlichen Stra.en von Koenji renne. Das darf ich nicht.
Ich sitze in dem Gartenstuhl und überlege hin und her. In
dieser Zeit steigt Tengo von der Rutschbahn und geht weg.
Das ist mein Schicksal. Ich habe zu lange gez.gert, konnte
mich nicht entscheiden, und w.hrenddessen ist Tengo
verschwunden. So was kann auch nur mir passieren.
Am Ende war es vielleicht am besten so, sagte sie sich.
Immerhin bin ich Tengo zuf.llig begegnet. Ich konnte ihn
nur durch eine Stra.e getrennt sehen und davon tr.umen,
dass er mich in die Arme nimmt. Auch wenn es blo. ein
paar Minuten waren, konnte ich doch das Glück und die
Hoffnung mit meinem ganzen Sein genie.en. Die Augen
geschlossen, umklammerte Aomame das Gel.nder der
Rutschbahn. Sie biss sich auf die Lippen.
In der gleichen Haltung wie Tengo schaute sie nun nach