Südwesten, wo nebeneinander der gro.e und der kleine
Mond schienen. Dann blickte sie zu ihrem Balkon im
zweiten Stock des Apartmenthauses hinüber. In der
Wohnung brannte Licht. Gerade noch hatte sie Tengo von
dort aus auf der Rutschbahn gesehen. Noch immer schien
dem Balkon etwas von ihrer tiefen Verunsicherung
anzuhaften.
1Q84 – so habe ich diese Welt genannt. Erst vor einem
halben Jahr habe ich sie betreten, und bald werde ich sie
wieder verlassen. Unabsichtlich bin ich hierhergekommen,
absichtlich werde ich gehen. Tengo wird bleiben, auch
wenn ich fort bin. Natürlich wei. ich nicht, wie diese Welt
sich für ihn entwickeln wird. Und habe auch kein Mittel, es
zu erfahren. Aber das macht nichts. Ich bin bereit, für ihn
zu sterben. Mein eigenes Leben kann ich nicht führen.
Diese M.glichkeit wurde mir von vornherein geraubt.
Immerhin kann ich stattdessen für Tengo sterben. Das
genügt mir. Ich gehe l.chelnd in den Tod.
Das ist keine Lüge.
Aomame bemühte sich, zumindest ein wenig von Tengos
Pr.senz in sich aufzunehmen. Doch an den kalten Stangen
der Rutschbahn war nicht die geringste W.rme
zurückgeblieben. Der Nachtwind, der schon eine Ahnung
von Herbst in sich trug, fegte durch das Laub des
Keyakibaums, wie um jede Spur auszul.schen. Dennoch
blieb Aomame lange sitzen und schaute zu den beiden
Monden hinauf. Badete in ihrem seltsamen Licht, dem
jedes Gefühl fehlte. Umgeben vom L.rm der Gro.stadt, der
sich aus allen m.glichen Ger.uschen zu einem Basso
continuo verband. Aomame musste an die Spinnchen
denken, die ihre Netze an der Treppe der Stadtautobahn
gesponnen hatten. Ob sie noch lebten und weiter ihre
Netze spannen?
Aomame l.chelte.
Ich bin bereit, dachte sie.
Aber zuvor musste sie noch eine bestimmte Stelle
aufsuchen.
KAPITEL 22
Tengo
Solange es zwei Monde gibt
Tengo kletterte von der Rutsche, verlie. den Park und
ging ziellos durch die Stra.en. Er achtete kaum auf den
Weg und bemühte sich, Ordnung in seine wirren Gedanken
zu bringen. Doch es half nichts, er konnte einfach nicht
mehr klar denken. Wahrscheinlich hatte er sich dort auf
der Rutschbahn schon zu vielen Grübeleien hingegeben:
über die beiden Monde, über Blutsbande, über einen
Neuanfang, über seinen schwindelerregenden Tagtraum,
über Fukaeri und Die Puppe aus Luft, über Aomame, die
sich irgendwo in der N.he versteckte. In seinem Kopf
herrschte ein furchtbares Durcheinander, die Grenzen
seiner Konzentrationsf.higkeit waren erreicht. Er wollte
m.glichst schnell ins Bett und schlafen. Morgen früh
konnte er weiter nachdenken. Es würde sowieso nichts
dabei herauskommen, wenn er sich jetzt weiter den Kopf
zerbrach.
Als Tengo in die Wohnung kam, sa. Fukaeri an seinem
Schreibtisch und spitzte eifrig mit einem kleinen
Taschenmesser einen Bleistift. Tengo hatte meistens
ungef.hr zehn in seinem Bleistiftst.nder, doch nun hatte
ihre Zahl sich verdoppelt. Fukaeri hatte sie
bewundernswert pr.zise gespitzt. Noch nie hatte Tengo so
sch.n gespitzte Bleistifte gesehen. Sie waren spitz wie
N.hnadeln.
.Es hat jemand angerufen., sagte sie, eine Bleistiftspitze
mit dem Daumen prüfend. .Aus Chikura..
.Du solltest doch nicht abheben!.
.Aber es war ein wichtiger Anruf..
Das hatte sie vermutlich am Klingeln erkannt.
.Worum ging es denn?., fragte Tengo.
.Haben sie nicht gesagt..
.Der Anruf kam aus dem Sanatorium in Chikura, oder?.
.Sie sollen zurückrufen..
.Haben sie das gesagt?.
.Ja. Egal, wie sp.t es ist..
Tengo seufzte. .Ich habe die Nummer nicht..
.Ich wei. sie..
Sie hatte die Nummer einfach so behalten. Tengo notierte
sie sich auf einem Zettel. Dann warf er einen Blick auf die
Uhr. Halb neun.
.Gegen wie viel Uhr kam der Anruf?.
.Eben erst..
Tengo ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Er
stützte sich mit beiden H.nden auf dem Rand des
Spülbeckens ab und schloss die Augen. Nachdem er sich
vergewissert hatte, dass sein Kopf wieder einigerma.en
normal arbeitete, ging er zum Telefon und w.hlte die
Nummer. Vielleicht war sein Vater gestorben. Zumindest
ging es um Leben und Tod. Sonst h.tte das Sanatorium
bestimmt nicht so sp.t noch angerufen.
Eine Frau hob ab. Tengo nannte seinen Namen und sagte,
er sei um Rückruf gebeten worden.
.Sie sind Herrn Kawanas Sohn, nicht wahr?., sagte sie.
Tengo bejahte.
.Sie haben Ihren Vater doch vor einigen Tagen besucht.,
sagte die Frau.
Vor Tengos innerem Auge tauchte das Bild der
Krankenschwester mit der goldger.nderten Brille auf. An
ihren Namen konnte er sich nicht erinnern.
Er begrü.te sie kurz. .Sie hatten angerufen …?., fragte er.
.Ja, einen Moment bitte. Ich verbinde Sie mit dem
behandelnden Arzt. Es ist besser, Sie sprechen direkt mit
ihm..
Den H.rer ans Ohr gepresst, wartete Tengo. Es dauerte.
Endlos schien sich die simple Melodie des Volkslieds auf
dem Band zu wiederholen. Tengo schloss die Augen und
dachte an die Landschaft der Boso-Küste, an der das
Sanatorium lag, an das dichte Kiefernw.ldchen und den
Wind vom Meer, der sich darin verfing. Die unaufh.rlich
an den Strand schlagenden Wellen des Stillen Ozeans. Die
ruhige, menschenleere Eingangshalle. Das Ger.usch, das
die Rollen der mobilen Betten machten, wenn sie durch die
Flure geschoben wurden. Die sonnengebleichten Vorh.nge.
Die sauber gebügelte wei.e Tracht der Krankenschwestern.
Den ziemlich üblen dünnen Kaffee in der Kantine.
Kurze Zeit sp.ter meldete sich der Arzt.
.Ah, entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen.
Ich war gerade bei einem Notfall..
.Das ist doch kein Problem., sagte Tengo und versuchte,
sich das Gesicht des Arztes vorzustellen. Doch dann fiel
ihm ein, dass er diesen Arzt ja noch nie gesehen hatte. Sein
Verstand arbeitete anscheinend doch nicht ganz richtig.
.Ist etwas mit meinem Vater?.
Der Arzt lie. einen Moment verstreichen. .Heute ist
eigentlich nicht direkt etwas passiert. Allerdings hat sich
sein Befinden seit einer Weile chronisch verschlechtert. Er
ist unterdessen in einen komat.sen Zustand gefallen..
.Komat.s?., sagte Tengo.
.Er schl.ft die ganze Zeit fest..
.Er ist also nicht bei Bewusstsein?.
.So ist es..
Tengo überlegte. Er musste sein Hirn auf Trab bringen.
.Hat eine Erkrankung dieses Koma verursacht?.
.Nein, eigentlich nicht.. In der Stimme des Arztes
schwang eine gewisse Verlegenheit mit.
Tengo wartete.
.Es ist schwierig, das am Telefon zu erkl.ren. Sein
Zustand ist gar nicht so besonders schlecht. Er hat kein
Leiden, das man eindeutig beim Namen nennen kann, wie
Krebs oder Lungenentzündung. Vom medizinischen
Standpunkt aus k.nnen wir keine spezifische Krankheit
diagnostizieren. Allerdings l.sst bei Ihrem Herrn Vater die
natürliche Lebensenergie, die die K.rperfunktionen in
Gang h.lt, zusehends nach. Was der Ausl.ser ist, wissen
wir nicht. Somit k.nnen wir ihn auch nicht behandeln. Er
wird künstlich ern.hrt, aber das ist letzten Endes nur eine
Symptombehandlung, die nicht die Ursache bek.mpft..
.Darf ich Sie ganz direkt etwas fragen?., sagte Tengo.
.Selbstverst.ndlich., sagte der Arzt.
.Hei.t das, dass mein Vater nicht mehr lange zu leben
hat?.
.Wenn sein augenblicklicher Zustand andauert, müssen
wir mit allem rechnen..
.Ist es so etwas wie Altersschw.che?.
.Ihr Vater ist erst in den Sechzigern., sagte der Arzt in
skeptischem Ton. .Das ist eigentlich noch zu früh für
Altersschw.che. Au.erdem ist er im Grunde ein recht
gesunder Mensch. Abgesehen von seiner Demenz haben
wir nichts Konkretes festgestellt. Bei den regelm..igen
Untersuchungen, die wir hier durchführen, waren seine
Ergebnisse immer recht gut. Wir haben nicht den
geringsten Hinweis auf eine ernsthafte Erkrankung
gefunden..
Hier schwieg der Arzt kurz.
.Allerdings., fuhr er fort, .hat der Zustand, in dem er
sich in den letzten paar Tagen befindet, tats.chlich
.hnlichkeit mit Altersschw.che, wie Sie es genannt haben.
Die Werte s.mtlicher K.rperfunktionen sind stark
abgesunken, und sein Lebenswille scheint immer
schw.cher zu werden. Im Allgemeinen tritt ein derartiger
Zustand erst bei Menschen auf, die .lter als Mitte achtzig
sind. Etwa in diesem Alter ermüdet bei den meisten die
Lebenskraft, und es kommt durchaus vor, dass der
Organismus seinen Dienst verweigert. Aber im Augenblick
verstehe ich noch nicht, warum das bei Ihrem Vater
passiert. Er ist ja, wie gesagt, noch zu jung dazu..
Tengo biss sich nachdenklich auf die Lippe.
.Wann hat dieses Koma eingesetzt?., fragte er.
.Vor drei Tagen., sagte der Arzt.
.Also ist er seit drei Tagen kein einziges Mal
aufgewacht?.
.Nein..
.Und seine K.rperfunktionen werden immer schw.cher..
.Die Lage ist nicht dramatisch, aber seine Lebenskraft
schwindet langsam, aber sicher dahin., sagte der Arzt. .Es
ist wie bei einem Zug, der seine Geschwindigkeit drosselt,
wenn er auf einen Bahnhof zuf.hrt, wenn Sie mir den
Vergleich erlauben..
.Wie viel Zeit, meinen Sie, hat er noch?.
.Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Aber wenn sein
Zustand sich nicht bessert, im schlimmsten Fall vielleicht
nur noch eine Woche., sagte der Arzt.
Tengo biss sich wieder auf die Lippe und wechselte den
H.rer in die andere Hand.
.Ich komme morgen., sagte Tengo. .Ich wollte ohnehin
bald zu Ihnen hinausfahren. Vielen Dank, dass Sie mich
benachrichtigt haben..
Der Arzt schien erleichtert. .Tun Sie das. Ich würde es
auch für das Beste halten, wenn Sie m.glichst rasch nach
ihm sehen würden. Wahrscheinlich k.nnen Sie nicht mit
ihm sprechen, aber Ihr Herr Vater wird sich gewiss freuen..
.Aber er ist doch gar nicht bei Bewusstsein?.
.Nein..
.Meinen Sie, er hat Schmerzen?.
.Im Augenblick vermutlich nicht. Er hat Glück im
Unglück, er schl.ft einfach tief und fest..
.Haben Sie vielen Dank., sagte Tengo.
.Herr Kawana., sagte der Arzt. .Ihr Vater war – wie soll
ich sagen – immer ein sehr pflegeleichter Patient. Ein
Mensch, der niemandem zur Last f.llt..
.So war er schon immer., sagte Tengo, bedankte sich
noch einmal und legte auf.
Tengo machte sich einen Kaffee und setzte sich Fukaeri
gegenüber an den Tisch, um ihn zu trinken.
.Sie fahren morgen weg., fragte sie.
Tengo nickte. .Morgen früh muss ich noch mal in den
Zug steigen und in die Stadt der Katzen fahren..
.Die Stadt der Katzen., sagte Fukaeri tonlos.
.Du wartest hier., fragte Tengo. Seit Fukaeri bei ihm
wohnte, hatte er es sich angew.hnt, hin und wieder wie sie
ohne Fragezeichen zu sprechen.
.Ich warte hier..
.Ich fahre allein in die Stadt der Katzen.. Tengo nahm
einen Schluck Kaffee. Erst dann fiel ihm ein, dass er Fukaeri
nichts angeboten hatte. .M.chtest du etwas trinken.,
fragte er.
.Wenn Sie Wei.wein haben..
Tengo .ffnete den Kühlschrank und entdeckte eine
Flasche Chardonnay, die er vor einiger Zeit im
Sonderangebot gekauft hatte. Auf dem Etikett war ein
Wildschwein abgebildet. Er entkorkte die Flasche, schenkte
ein und stellte Fukaeri das Glas hin. Nach einigem Z.gern
goss er sich selbst ein Glas ein. Er hatte tats.chlich mehr
Lust auf Wein als auf Kaffee. Der Wein war etwas zu kalt
und zu sü., aber der Alkohol half ihm, sich zu entspannen.
.Sie fahren morgen in diese Stadt., wiederholte Fukaeri.
.Mit einem frühen Zug., sagte Tengo.
W.hrend er seinen Wein trank, musste er daran denken,
dass er im K.rper dieses sch.nen jungen M.dchens
ejakuliert hatte. Auf einmal erschien ihm die vergangene
Nacht wie etwas, das sich in ferner Vergangenheit
zugetragen hatte. Fast wie ein historisches Ereignis. Doch
die sinnliche Empfindung war noch sehr lebendig in ihm.
.Es ist ein zweiter Mond hinzugekommen., er.ffnete
Tengo ihr, w.hrend er sein Glas langsam in der Hand
drehte. .Als ich eben zum Himmel sah, waren es auf einmal
zwei Monde. Ein gro.er gelber und ein kleiner grüner.
Vielleicht ist das schon l.nger so, und ich habe es blo.
nicht gemerkt..
Fukaeri .u.erte sich nicht zu dieser Er.ffnung. Sie schien
nicht erstaunt zu sein. Sie verzog keine Miene, zuckte nicht
einmal mit den Schultern. Offenbar war die Vermehrung
des Mondes keine besondere Neuigkeit für sie.
.Ich brauche es dir nicht zu sagen, aber das ist wie in Die
Puppe aus Luft, oder? Darin hat die Welt doch auch zwei
Monde..
Fukaeri schwieg. Sie antwortete nicht auf überflüssige
Fragen.
.Was ist der Grund dafür? Wie kann so etwas sein?.
Natürlich keine Antwort.
Tengo formulierte seine Frage so direkt, wie er konnte.
.Hei.t das, dass wir in die Welt geraten sind, die in Die
Puppe aus Luft beschrieben wird?.
Fukaeri inspizierte aufmerksam die Form ihrer zehn
Fingern.gel. .Das kommt, weil wir beide das Buch
geschrieben haben., sagte sie nach einer Weile.
Tengo stellte sein Glas auf den Tisch. .Du und ich., sagte
er, .haben zusammen Die Puppe aus Luft geschrieben und
ver.ffentlicht. Das Buch ist ein Bestseller geworden, und
die Informationen über die Little People und diese Mother-
und-Daughter-Geschichte sind an die .ffentlichkeit
gedrungen. Deshalb sind wir beide zusammen in diese neue
andere Welt gekommen. Stimmt das?.
.Sie sind der Risiewa..
.Receiver., wiederholte Tengo. .Ich habe in Die Puppe
aus Luft ja wirklich etwas über den Receiver geschrieben.
Aber was das ist, habe ich nicht richtig verstanden. Welche
Rolle erfüllt dieser Receiver eigentlich konkret?.
Fukaeri schüttelte leicht den Kopf. Das konnte sie nicht
erkl.ren.
Was einer ohne Erkl.rung nicht versteht, versteht er auch
nicht, wenn man es ihm erkl.rt, hatte sein Vater gesagt.
.Wir bleiben besser zusammen., sagte Fukaeri. .Bis Sie
sie finden..
Tengo sah Fukaeri eine Weile schweigend ins Gesicht und
versuchte darin zu lesen. Aber es war wie üblich v.llig
ausdruckslos. Spontan wandte er den Kopf ab und schaute