aus dem Fenster. Aber die Monde waren nicht zu sehen.
Nur Strommasten und h.ssliche Elektroleitungen.
.Braucht man besondere Eigenschaften, um die Rolle des
Receivers zu übernehmen?., fragte Tengo.
Fukaeri bewegte das Kinn ein wenig zur Seite. Das hie.
Ja.
.Aber Die Puppe aus Luft ist doch ursprünglich deine
Geschichte. Du hast sie geschaffen. Sie stammt von dir. Von
null an. Ich hatte nur zuf.llig den Auftrag, sie formal zu
überarbeiten. Ich bin nicht mehr als ein einfacher
Techniker..
.Weil wir beide das Buch geschrieben haben.,
wiederholte Fukaeri.
Unwillkürlich presste Tengo die Fingerkuppen an seine
Schl.fen. .Hei.t das, dass ich damals, ohne es zu wissen,
die Rolle des Receivers übernommen habe?.
.Schon davor., sagte Fukaeri. .Ich bin die .Persiewa. und
Sie der .Risiewa... Sie deutete mit ihrem rechten
Zeigefinger auf sich und dann auf Tengo.
..Perceiver. und .Receiver.., berichtigte Tengo. .Du
nimmst also etwas wahr, und ich nehme es auf. So ist es,
oder?.
Fukaeri nickte kurz.
Tengo verzog ein wenig das Gesicht. .Das hei.t also, du
wusstest, dass ich ein Receiver bin beziehungsweise diese
Eigenschaft besitze, und hast mich deshalb dein
Manuskript überarbeiten lassen. Du hast die Dinge, die du
wahrgenommen hast, durch mich in die Form eines Buches
gebracht. War es so?.
Fukaeri antwortete nicht.
Tengos Züge gl.tteten sich. .Ich kann den konkreten
Zeitpunkt nicht bestimmen., sagte er mit einem Blick in
Fukaeris Augen, .aber irgendwann früher oder sp.ter muss
ich die Welt mit den beiden Monden betreten haben. Weil
ich mir aber nachts nie den Himmel ansehe, ist mir
entgangen, dass da noch ein Mond ist. Stimmt’s?.
Fukaeri schwieg weiter. Lautlos wie feiner Staub schwebte
ihr Schweigen im Raum. Wie Flügelstaub, den ein
Mottenschwarm aus einer besonderen Sph.re gerade
verstreut hatte. Eine Weile betrachtete Tengo die Formen,
die dieser Staub in der Luft beschrieb. Er fühlte sich wie die
Abendzeitung von gestern. Seine Informationen waren
überholt. T.glich kamen neue hinzu, nur ihm hatte man
nichts davon mitgeteilt.
.Als w.ren Ursache und Wirkung
durcheinandergeraten., sagte Tengo. Er riss sich
zusammen. .Ich wei. nicht mehr, was vorher und was
nachher war. Nur dass wir in dieser neuen Welt sind..
Fukaeri hob das Gesicht und sah ihm in die Augen.
Vielleicht bildete er es sich ein, aber in ihre Augen schien
ein warmes Leuchten eingekehrt zu sein.
.Auf alle F.lle sind wir nicht mehr in unserer
ursprünglichen Welt., sagte Tengo.
Fukaeri zuckte leicht mit den Schultern. .Wir leben jetzt
hier..
.In der Welt mit den beiden Monden?.
Fukaeri antwortete nicht. Stattdessen presste das sch.ne
siebzehnj.hrige M.dchen die Lippen fest aufeinander und
schaute ihm direkt in die Augen. Genauso wie ihm, als er
zehn Jahre alt gewesen war, Aomame in dem
Klassenzimmer in die Augen geschaut hatte. In ihrem Blick
lag eine so tiefe und kraftvolle geistige Erkenntnis, dass
Tengo das Gefühl bekam, zu Stein zu erstarren. Zu Fels zu
werden und sich in einen neuen Mond zu verwandeln. In
einen kleinen, unregelm..ig geformten Mond. Endlich
wandte Fukaeri ihren Blick ab. Sie hob die rechte Hand und
legte sie sich an die Schl.fe. Als würde sie versuchen, ihre
eigenen geheimen Gedanken zu lesen.
.Sie haben sie gesucht., fragte sie.
.Ja..
.Aber nicht gefunden..
.Nein., antwortete Tengo.
Er hatte Aomame nicht gefunden, stattdessen aber
entdeckt, dass es zwei Monde gab. Weil er auf Fukaeris Rat
sein Ged.chtnis durchforstet und deshalb Ausschau nach
dem Mond gehalten hatte.
Das M.dchen griff nach ihrem Weinglas. Sie behielt den
Wein einen Moment im Mund und schluckte ihn dann
vorsichtig hinunter, wie ein Insekt, das Tau trinkt.
.Du hast gesagt, sie h.lt sich irgendwo versteckt. Wie soll
ich sie denn dann finden?.
.Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen., sagte
Fukaeri.
.Keine Sorgen., wiederholte er.
Fukaeri nickte nachdrücklich.
.Hei.t das, dass ich sie finden werde?.
.Sie wird Sie finden., sagte Fukaeri ruhig. Ihre Stimme
war wie eine Brise, die über weiche Wiesen streicht.
.Hier in Koenji..
Fukaeri legte den Kopf schr.g. Das hie., sie wusste es
nicht. .Irgendwo., sagte sie.
.Aus irgendeinem Grund glaube ich dir., sagte Tengo
ergeben, nachdem er eine Weile überlegt hatte.
.Ich bin die, die wahrnimmt, und Sie sind der, der
empf.ngt., sagte Fukaeri weise.
.Du bist die, die wahrnimmt, ich bin der, der empf.ngt.,
sagte Tengo, indem er die Personalpronomen wechselte.
Fukaeri nickte.
Deshalb haben wir uns auch vereinigt. Gestern Nacht bei
dem Unwetter. Tengo h.tte sie gern gefragt, was das alles
zu bedeuten hatte. Aber er tat es nicht. Es w.re vielleicht
unpassend gewesen. Au.erdem h.tte sie sowieso nicht
geantwortet. Das wusste er.
Was einer ohne Erkl.rung nicht versteht, versteht er auch
nicht, wenn man es ihm erkl.rt, hatte sein Vater gesagt.
.Du bist die, die wahrnimmt, ich bin der, der empf.ngt.,
sagte Tengo noch einmal. .Die gleiche Situation wie in Die
Puppe aus Luft..
Fukaeri schüttelte den Kopf, strich sich das Haar zurück
und legte eines ihrer hübschen kleinen Ohren frei. Als
würde sie die Antenne eines Funkger.ts ausfahren.
.Nein, nicht die gleiche., sagte Fukaeri. .Sie haben etwas
ver.ndert..
.Ich habe etwas ver.ndert., wiederholte er.
Fukaeri nickte.
.Inwiefern?.
Fukaeri schaute lange in das Weinglas in ihrer Hand. Als
sei etwas Bedeutsames darin zu sehen.
.Sie werden es erfahren, wenn Sie in die Stadt der Katzen
kommen., sagte das sch.ne M.dchen mit dem entbl..ten
Ohr und nahm einen Schluck Wein.
KAPITEL 23
Aomame
Der Ritt auf dem Tiger
Aomame wachte kurz nach sechs Uhr auf. Es war ein
sch.ner, klarer Morgen. Sie schaltete die Kaffeemaschine
ein und machte sich Toast und ein gekochtes Ei. Die
Nachrichten im Fernsehen erw.hnten den Tod des Leaders
noch immer nicht. Offenbar hatten die Vorreiter die Leiche
wirklich heimlich beiseite geschafft, ohne die Polizei oder
die .ffentlichkeit zu informieren. Es machte nicht viel aus.
Er war tot, und wie man mit einem Toten umging, war
keine bedeutsame Frage. Es .nderte nichts daran, dass er
tot war.
Um acht nahm sie eine Dusche, k.mmte sich vor dem
Spiegel im Bad gründlich die Haare und trug etwas
Lippenstift auf. Er war kaum sichtbar. Sie streifte die
Nylonstrumpfhosen über und zog dann ihre wei.e
Baumwollbluse und ihr schickes Kostüm von Junko
Shimada an, die beide im Schrank gehangen hatten. Sie
drehte und wendete sich, w.hrend sie ihren gepolsterten
Drahtbügel-BH zurechtrückte, und dachte zum
zweiundsiebzigtausendsten Mal, wie gut es w.re, wenn sie
einen etwas gr..eren Busen h.tte. Na und, dann war es
eben das zweiundsiebzigtausendste Mal. Zumindest
solange ich noch am Leben bin, dachte Aomame, denke
ich, was mir gef.llt, und zwar, so oft ich es will. Ich lasse
mir von keinem etwas sagen. Schlie.lich schlüpfte sie in
ihre Charles-Jourdan-St.ckelschuhe.
Aomame stellte sich vor den lebensgro.en Spiegel, der im
Flur hing, und vergewisserte sich, dass es an ihrer
Garderobe nichts auszusetzen gab. Sie zog eine Schulter
leicht in die H.he und fand, dass sie eine gewisse
.hnlichkeit mit Faye Dunaway in dem Film Thomas Crown
ist nicht zu fassen hatte, wo diese eine messerscharfe,
kaltblütige Versicherungsdetektivin spielte, die coole, sexy
Businesskostüme trug, in denen sie einfach klasse aussah.
Natürlich hatte Aomame keine direkte .hnlichkeit mit
Faye Dunaway, aber sie hatte eine .hnliche Ausstrahlung.
Zumindest hatte sie etwas von ihr. Von der besonderen
Ausstrahlung, die nur den erstklassigen Profi umgibt.
Au.erdem befand sich in ihrer Umh.ngetasche eine echte
Pistole aus hartem kaltem Stahl.
Sie setzte ihre kleine Ray-Ban-Sonnenbrille auf und
verlie. die Wohnung. Noch einmal ging sie auf den kleinen
Spielplatz gegenüber ihrem Apartment, blieb an der
Rutschbahn stehen, auf der Tengo gesessen hatte, und lie.
die Szene vom Abend Revue passieren. Vor kaum zw.lf
Stunden war Tengo wirklich hier gewesen – nur durch eine
Stra.e von ihr getrennt. Hatte ganz still dort gesessen und
lange zu den Monden hinaufgeschaut. Zu den beiden
Monden, die auch Aomame sah.
Es erschien Aomame wie ein Wunder, dass sie Tengo
zuf.llig begegnet war, ja wie eine Art Offenbarung.
Irgendetwas hatte Tengo in ihre N.he gebracht. Und dieses
Ereignis schien eine starke Ver.nderung in ihrer
Konstitution bewirkt zu haben. Seit sie am Morgen erwacht
war, hatte Aomame unabl.ssig ein Knirschen im ganzen
K.rper gespürt. Er ist wie aus dem Nichts aufgetaucht und
wieder verschwunden, dachte sie, ohne dass ich mit ihm
sprechen oder ihn berühren konnte. Doch in dieser kurzen
Zeit hat er mich seelisch und k.rperlich aufgerührt. Wie
man mit einem L.ffel eine Tasse Kakao umrührt. Bis in
meine inneren Organe und meine Geb.rmutter.
Aomame hielt sich etwa fünf Minuten an der Rutschbahn
auf, legte eine Hand auf die Stufen und klopfte, das Gesicht
leicht verzogen, mit dem schmalen Absatz eines Schuhs auf
den Boden. Genussvoll lie. sie ihren aufgewühlten Zustand
auf sich wirken. Dann verlie. sie entschlossen den Park
und winkte sich an der Hauptstra.e ein Taxi heran.
.Zuerst bitte nach Yoga, dann bis zur Ausfahrt Ikejiri an
der Stadtautobahn 3 auf dieser Seite., wies Aomame den
Fahrer an.
Natürlich verstand er sie nicht sofort.
.Und was ist Ihr endgültiges Ziel, meine Dame?., fragte
er in gleichgültig gem.chlichem Ton.
.Die Ausfahrt Ikejiri. Vorl.ufig..
.Es w.re viel n.her, wenn wir von hier aus direkt nach
Ikejiri fahren. Wenn ich zuerst nach Yoga fahre, mache ich
einen gro.en Umweg, und vormittags um diese Zeit ist die
3 stadteinw.rts so total verstopft, dass man kaum vom
Fleck kommt. Heute am Mittwoch ist das nicht anders als
sonst..
.Das ist egal. Ob Donnerstag, Freitag oder Tennos
Geburtstag ist, interessiert mich nicht. Fahren Sie bitte von
Yoga auf die Stadtautobahn. Die Zeit spielt keine Rolle..
Der Fahrer war Anfang drei.ig. Er hatte ein schmales,
l.ngliches Gesicht. Er erinnerte an ein wachsames Reh. Sein
Kinn war so ausgepr.gt wie das einer der Steinfiguren auf
der Osterinsel. Er musterte Aomame durch den
Rückspiegel. Offenbar versuchte er einzusch.tzen, ob sein
Fahrgast nicht ganz richtig im Kopf war oder ein normaler
Mensch, der mit schwierigen Umst.nden zu k.mpfen hatte.
Aber so etwas ist nicht leicht zu erkennen. Insbesondere
über einen kleinen Spiegel.
Aomame nahm ihr Portemonnaie aus der Umh.ngetasche
und hielt dem Fahrer einen Zehntausend-Yen-Schein unter
die Nase, der aussah wie frisch gedruckt.
.Ich will weder Wechselgeld noch eine Quittung., sagte
Aomame kurz angebunden. .Also sparen Sie sich Ihre
Kommentare und machen Sie einfach, was ich Ihnen sage.
Zuerst nach Yoga und von dort auf die Stadtautobahn bis
Ikejiri. Zehntausend sollten reichen, auch wenn wir in
einen Stau kommen..
.Natürlich reicht das., sagte der Fahrer, aber sein Ton
war noch immer skeptisch. .Haben Sie etwas Bestimmtes
auf der Stadtautobahn zu erledigen?.
Aomame schwenkte den Zehntausend-Yen-Schein hin
und her wie ein F.hnchen. .Wenn Sie jetzt nicht fahren,
steige ich aus und nehme ein anderes Taxi. Also
entscheiden Sie sich, und zwar schnell..
Der Taxifahrer schaute etwa zehn Sekunden mit
zusammengezogenen Brauen auf den Schein. Dann nahm
er ihn Aomame entschlossen aus der Hand. Nachdem er
ihn gegen das Licht gehalten und sich vergewissert hatte,
dass er echt war, steckte er ihn in seine Dienstb.rse.
.Einverstanden. Fahren wir. Stadtautobahn 3. Aber der
Verkehr dort ist wirklich fürchterlich. Und zwischen Yoga
und Ikejiri gibt es keine Ausfahrt. Auch keine .ffentliche
Toilette. Falls Sie also noch mal zur Toilette gehen
m.chten, sollten Sie das jetzt tun..
.Kein Problem, fahren Sie jetzt endlich..
Sie verlie.en das Wohnviertel, fuhren auf die Ringstra.e
8 und dann durch verstopfte Stra.en in Richtung Yoga. Der
Fahrer h.rte die ganze Zeit einen Nachrichtensender.
Aomame überlie. sich ihren Gedanken. Als sie an die
Auffahrt zur Stadtautobahn kamen, drehte der Fahrer die
Lautst.rke herunter.
.Entschuldigen Sie die Frage, vielleicht bin ich zu
neugierig, aber haben Sie beruflich hier zu tun?., fragte er.
.Ich bin Versicherungsdetektivin., sagte Aomame ohne
Z.gern.
.Versicherungsdetektivin!., wiederholte der Fahrer, als
würde er eine Speise kosten, die er noch nie zuvor gegessen
hatte.
.Ich untersuche einen Fall von Versicherungsbetrug.,
sagte Aomame.
.Oh., sagte er beeindruckt. .Und dieser Fall hat etwas
mit der Stadtautobahn 3 zu tun?.
.So ist es..
.Das ist ja wie in diesem Film..
.In welchem Film?.
.Ach, so ein ganz alter mit Steve McQueen. Ich habe
vergessen, wie er hei.t..
.Thomas Crown ist nicht zu fassen., sagte Aomame.
.Ja, ja, genau der. Faye Dunaway spielt darin eine
Versicherungsdetektivin, Expertin für Diebstahl. Und Steve
McQueen ist ein Reicher, der sich mit Bankraub die Zeit
vertreibt. Ein ziemlich guter Film. Ich habe ihn in meiner
Oberschulzeit gesehen. Die Musik hat mir gefallen.
Irgendwie l.ssig..
.Sie ist von Michel Legrand..
Der Fahrer summte leise die ersten vier Takte. Dann
musterte er Aomames Gesicht noch einmal genau durch
den Spiegel.
.Also, ich finde, Sie haben sogar eine .hnliche
Ausstrahlung wie Faye Dunaway in dem Film..
.Vielen Dank., sagte Aomame. Sie musste sich direkt
anstrengen, um ihr L.cheln zu verbergen.
Auf der Nr. 3 stadteinw.rts gab es, wie der Fahrer
vorausgesagt hatte, einen handfesten Stau. Sie waren noch
keine hundert Meter von der Auffahrt entfernt, als der
Verkehr schon stockte. Was dort herrschte, war geradezu
der Inbegriff eines Staus. Und damit genau das, was