Aomame wollte. Sie trug die gleiche Garderobe, war auf der
gleichen Stra.e und steckte an der gleichen Stelle im Stau.
Schade, dass im Radio nicht die Sinfonietta von Janá.ek lief
und die Stereoanlage einem Vergleich mit der in dem
Toyota Crown Royal Saloon nicht standhalten konnte. Aber
das w.re wohl zu viel verlangt gewesen.
Zwischen Lastwagen eingekeilt, kroch das Taxi vorw.rts.
Sie standen ewig an einer Stelle, bis es endlich wieder ein
Stückchen vorw.rts ging. Der jugendliche Fahrer eines
Kühllasters auf der Spur neben ihnen las die ganze Zeit
inbrünstig in einem Mangaheft. Ein Ehepaar mittleren
Alters in einem cremefarbenen Toyota Corona Mark II
starrte mürrisch nach vorn, und keiner von beiden machte
den Mund auf. Wahrscheinlich hatten sie sich nichts zu
sagen. Oder ihr Schweigen war das Resultat von etwas, das
sie gesagt hatten. Tief in die Rückbank des Taxis gelehnt,
hing Aomame ihren Gedanken nach. Der Fahrer h.rte
Radio.
Irgendwann zeigte ein Schild nach Komazawa, und sie
krochen weiter im Schneckentempo auf Sangenjaya zu. Ab
und zu schaute Aomame auf und betrachtete die Szenerie
vor dem Fenster. Dieses Viertel sehe ich nun auch zum
letzten Mal, dachte sie. Ich werde weit fort gehen. Aber
selbst dieser Gedanke weckte keine besondere Zuneigung
für Tokio in ihr. S.mtliche H.user an der Autobahn waren
h.sslich, schmutzig verf.rbt von den Abgasen der Autos,
und überall schrien einem grelle Reklametafeln entgegen.
Ein deprimierender Anblick. Wieso schufen die Menschen
sich solche bedrückenden Orte? Das hie. ja nicht, dass die
Welt bis in den letzten Winkel sch.n sein sollte. Aber
wieso musste etwas derart h.sslich sein?
Endlich kam die bewusste Stelle in Sicht. Die Stelle, an
der Aomame das Taxi verlassen hatte, nachdem der
geheimnisvolle Taxifahrer sie auf die Nottreppe dort
hingewiesen hatte. Vor ihnen stand die riesige Reklametafel
von Esso mit dem freundlichen Tiger, der den Schlauch in
der Pfote hielt. Die gleiche Tafel wie damals.
Der Tiger im Tank.
Aomame bekam pl.tzlich Durst. Sie hustete kurz und
kramte eine Dose Hustenbonbons mit Zitronengeschmack
aus ihrer Umh.ngetasche. Sie steckte sich eins in den
Mund und packte die Dose wieder in die Tasche. Als
N.chstes umklammerte sie den Griff der Heckler & Koch.
Versicherte sich ihrer H.rte und ihres Gewichts. Ja, so ist es
gut, dachte sie. Der Wagen kam ein Stück vorw.rts.
.Wechseln Sie auf die linke Spur., befahl Aomame dem
Fahrer.
.Aber flie.t der Verkehr nicht besser auf der rechten?.,
wandte dieser vorsichtig ein.
Aomame ignorierte den Einwand. .Fahren Sie auf die
linke..
Er streckte die Hand aus dem Fenster, gab dem Kühllaster
hinter ihnen ein Zeichen und f.delte sich, nachdem er sich
vergewissert hatte, dass der andere es gesehen hatte, in die
linke Spur ein. Nach fünfzig Metern kamen sie wieder zum
Stillstand.
..ffnen Sie die Tür, ich steige hier aus..
.Was?., sagte der Fahrer v.llig überrumpelt. .Hier?.
.Ja, hier. Ich habe hier etwas zu erledigen..
.Aber wir sind mitten auf der Autobahn. Das ist
gef.hrlich. Hier kann man nicht aussteigen..
.Kein Problem, gleich da vorn ist eine Treppe für
Notf.lle..
.Was für eine Treppe?. Der Fahrer schüttelte den Kopf.
.Davon wei. ich nichts. Aber wenn rauskommt, dass ich
Fahrg.ste mitten auf der Autobahn aussteigen lasse, kriege
ich Riesen.rger mit meinem Chef. Und mit der für die
Autobahn zust.ndigen Beh.rde. Bitte ersparen Sie mir
das..
.Ich muss hier aussteigen. Die Umst.nde machen es
unumg.nglich.. Aomame nahm noch einen Zehntausend-
Yen-Schein aus ihrem Portemonnaie, gl.ttete ihn und
streckte ihn dem Fahrer entgegen. .Hier, als Entsch.digung
für Ihre Unannehmlichkeiten. Also halten Sie jetzt den
Mund und lassen Sie mich hier raus. Bitte..
Der Fahrer nahm den Zehntausend-Yen-Schein nicht an.
Ergeben bet.tigte er die Automatik und .ffnete die linke
hintere Tür.
.Ich will Ihr Geld nicht. Was Sie mir vorhin gegeben
haben, genügt vollauf. Aber bitte passen Sie wirklich auf
sich auf. Es gibt hier keinen Seitenstreifen, und zu Fu.
unterwegs zu sein ist auch im Stau gef.hrlich..
.Danke., sagte Aomame. Nachdem sie ausgestiegen war,
klopfte sie auf der Beifahrerseite ans Fenster und bedeutete
ihm, die Scheibe herunterzulassen. Sie beugte sich in den
Wagen und drückte dem Fahrer den Zehntausend-Yen-
Schein in die Hand.
.Bitte nehmen Sie ihn an, und denken Sie sich nichts
dabei. Ich habe zu viel Geld..
Der Fahrer blickte zwischen dem Schein und Aomames
Gesicht hin und her.
.Sollten Sie wegen mir Probleme mit der Polizei oder
Ihrer Firma bekommen, sagen Sie, ich h.tte Sie mit einer
Pistole bedroht, und Sie h.tten nichts tun k.nnen..
Der Fahrer schien nicht richtig zu begreifen, wovon sie
sprach. Zu viel Geld? Pistole? Dennoch nahm er die
zehntausend Yen. Wahrscheinlich fürchtete er, etwas
Unvorhersehbares zu provozieren, falls er sich weigerte.
Wie beim letzten Mal ging Aomame zwischen der
Leitplanke und den Autos auf der linken Spur in Richtung
Shibuya. Die Entfernung betrug nur etwa fünfzig Meter.
Die Leute in den Wagen beobachteten sie mit ungl.ubigen
Blicken. Doch Aomame schritt, ohne sie zu beachten, auf
langen Beinen und mit geradem Rücken wie ein
Mannequin auf einem Pariser Laufsteg an ihnen vorbei. Ihr
Haar wehte in dem Luftzug, den die gro.en Wagen
erzeugten, die mit hoher Geschwindigkeit auf der freien
Gegenfahrbahn vorbeirauschten. Die Esso-Tafel wurde
gr..er, und bald war Aomame an dem ihr bekannten
Pannenstreifen angelangt.
Die Szenerie hatte sich nicht ver.ndert. Da war das
Eisengitter und daneben die gelbe Box mit dem
Notruftelefon.
Hier hat für mich das Jahr 1Q84 begonnen, dachte
Aomame.
Seit ich die Treppe auf die Nationalstra.e 246
hinuntergestiegen bin, hat sich meine Welt ver.ndert. Also
werde ich sie jetzt noch einmal hinuntersteigen. Damals
hatte der April gerade begonnen. Ich trug meinen
beigefarbenen Mantel. Jetzt haben wir Anfang September,
und es ist zu warm dafür. Aber abgesehen von dem Mantel
habe ich genau die gleichen Sachen an wie damals. Als ich
in dem Hotel in Shibuya diesen Idioten von der
.lgesellschaft aus dem Weg ger.umt habe. Das Kostüm
von Junko Shimada und die Charles-Jourdan-Schuhe. Die
wei.e Bluse, eine Strumpfhose und den wei.en
Drahtbügel-BH. Ich habe meinen Rock hochgeschoben, bin
über das Gitter geklettert und dann die Treppe
hinuntergegangen.
Jetzt versuche ich das Gleiche noch einmal. Eigentlich aus
reiner Neugier. Ich will nur wissen, was passiert, wenn ich
am gleichen Ort in den gleichen Klamotten das Gleiche tue
wie damals. Nicht, dass ich auf Rettung hoffe. Ich fürchte
mich nicht vor dem Tod. Wenn die Zeit gekommen ist,
werde ich nicht z.gern. Ich werde mit einem L.cheln auf
den Lippen sterben, dachte sie. Dennoch wollte Aomame
nicht sterben, ohne etwas zu erfahren. Mehr als den
Versuch, hinter den Ablauf der Dinge zu kommen, konnte
sie nicht machen. Wenn er fehlschlug, konnte sie aufgeben.
Aber sie würde bis zum Schluss, bis zuallerletzt, ihr
M.glichstes tun, so wie es ihrer ganzen Art zu leben
entsprach.
Aomame beugte sich über das Gitter und suchte den
Notabstieg. Aber da war keine Treppe. Sie schaute und
schaute, aber das Ergebnis blieb das gleiche. Die Treppe
war verschwunden.
Aomame biss sich auf die Lippe und verzog das Gesicht.
Es war ausgeschlossen, dass sie sich in der Stelle geirrt
hatte. Da war der Pannenstreifen, und die Esso-Tafel war
auch direkt vor ihr. Alles sah genauso aus wie vor ein paar
Monaten. In der Welt des Jahres 1984 war hier eine Treppe
gewesen, die sie nach der Beschreibung des sonderbaren
Taxifahrers ganz leicht hatte finden k.nnen. Sie war über
das Gitter geklettert und hinuntergestiegen. Aber hier im
Jahr 1Q84 existierte dieser Notabstieg nicht mehr.
DER AUSGANG WAR VERSPERRT.
Nachdem Aomame ihr verzerrtes Gesicht wieder
entspannt hatte, schaute sie sich aufmerksam um und sah
noch einmal zu der Reklametafel von Esso hinauf. Der
Tiger l.chelte vergnügt und warf ihr, den Tankschlauch in
der Pfote, den Schwanz schwungvoll nach oben geringelt,
einen neckischen Seitenblick zu. Als ob es kein gr..eres
Glück g.be und er niemals zufriedener gewesen sei.
Natürlich, dachte Aomame.
Sie hatte es von Anfang an gewusst. Der Leader hatte es
ihr ja deutlich genug gesagt, bevor er in der Suite des
Hotels Okura von ihrer Hand gestorben war. Es gab keinen
Weg, der aus dem Jahr 1Q84 in das Jahr 1984 zurückführte.
Die Tür ging nur in eine Richtung auf. Genau wie er es
gesagt hatte.
Dennoch hatte sie sich mit eigenen Augen vergewissern
müssen. Das lag in ihrer Natur. Jetzt hatte sie sich
überzeugt. Ende. Der Beweis war erbracht. Quod erat
demonstrandum.
Gegen das Gitter gelehnt, blickte Aomame nach oben. Ein
makellos sch.ner Tag. Am tiefblauen Himmel zogen ein
paar zarte l.ngliche Wolken dahin. Durch seine Weite
wirkte er gar nicht wie ein Gro.stadthimmel. Von den
Monden war jedoch nichts zu sehen. Wo waren sie? Egal,
dachte sie. Monde sind Monde. Ich bin ich. Jeder von uns
hat seine eigene Art zu leben, seine eigenen Absichten.
Faye Dunaway würde jetzt wohl eine schlanke Zigarette
hervorziehen und sie sich mit ihrem Feuerzeug anzünden.
Und dabei cool und sexy die Augen zukneifen. Aber
Aomame rauchte nicht, und auch ein Feuerzeug hatte sie
nicht bei sich. Nur Hustenbonbons mit
Zitronengeschmack. Plus eine 9-mm-Automatik und den
Eispick, den sie schon mehreren M.nnern in den Nacken
gesto.en hatte. Beides t.dlicher als Zigaretten.
Sie betrachtete die Wagen, die in dem Stau standen. Die
meisten Leute darin sahen neugierig zu ihr herüber.
Natürlich. Dass eine gew.hnliche Passantin auf der
Stadtautobahn spazieren ging, bekam man schlie.lich
nicht jeden Tag zu sehen. Schon gar nicht eine junge Frau.
Und auch noch im Minirock, in St.ckelschuhen, mit einer
grünen Sonnenbrille und einem L.cheln auf den Lippen.
Wer würde da nicht hingucken?
Viele der stehenden Wagen waren gro.e Transporter, die
Güter aus allen Teilen des Landes nach Tokio bef.rderten.
Einige waren vielleicht die ganze Nacht unterwegs gewesen
und nun in den unvermeidlichen Vormittagsstau geraten.
Die ersch.pften Fahrer d.sten gelangweilt vor sich hin.
Ihre einzige Sehnsucht bestand darin, ein Bad zu nehmen,
sich zu rasieren und auszustrecken und zu schlafen. Sie
glotzten Aomame nur abwesend an, wie man ein Tier
betrachtet, dessen Anblick einem nicht vertraut ist. Zu
aktiver Anteilnahme waren sie viel zu müde. Zwischen den
Lastern stand ein silberfarbenes Mercedes-Coupé. Es wirkte
wie eine grazile Antilope, die versehentlich in eine Herde
massiger Nash.rner geraten ist. Offenbar war es ganz neu,
und seine elegante Karosserie glitzerte nur so in der
Morgensonne. Selbst die Radkappen waren auf die Farbe
des Wagens abgestimmt. Die gutaussehende Dame
mittleren Alters auf dem Fahrersitz hatte die Scheibe
heruntergelassen und beobachtete Aomame durch ihre
Givenchy-Sonnenbrille. An der Hand, die auf dem Lenkrad
lag, funkelte ein Ring.
Die Dame sah sympathisch aus. Sie schien besorgt um
Aomame. Was tat eine so attraktive junge Frau allein und
zu Fu. auf der Stadtautobahn? Offenbar ahnte sie, dass da
etwas nicht stimmte, und schien im Begriff, Aomame
anzusprechen. Sie h.tte sie sicher bereitwillig irgendwohin
mitgenommen.
Aomame nahm ihre Ray Ban ab und steckte sie in die
Brusttasche ihrer Kostümjacke. Geblendet von der grellen
Morgensonne, rieb sie sich die Nasenwurzel, wo die Brille
einen Abdruck hinterlassen hatte. Sie fuhr sich mit der
Zungenspitze über die trockenen Lippen. Sie schmeckten
leicht nach Lippenstift. Aomame schaute in den klaren
Himmel hinauf und dann zur Sicherheit noch einmal nach
unten.
Sie .ffnete ihre Umh.ngetasche und nahm vorsichtig die
Heckler & Koch heraus. Um beide H.nde frei zu haben, lie.
sie die Tasche zu Boden fallen. Sie entsicherte die Pistole
mit der linken Hand, zog den Schlitten nach hinten und
bef.rderte eine Patrone in die Kammer. Ihre Bewegungen
waren rasch und pr.zise, und es entstand ein mehrmaliges
scharfes Klacken dabei. Sie drehte die Waffe leicht und wog
sie in der Hand. Ihr Eigengewicht betrug nur 480 Gramm,
dazu kam das Gewicht von sieben Patronen. Alles klar, die
Waffe war geladen. Sie spürte den Unterschied am
Gewicht.
Aomames gerader Mund l.chelte noch immer. Die Leute
beobachteten sie bei ihrem Tun. Niemand schien
überrascht, als sie die Pistole aus ihrer Tasche nahm.
Zumindest malte sich keinerlei Erstaunen auf die Gesichter
der Zuschauer. Vielleicht glaubten sie, die Waffe sei nicht
echt. Aber sie ist echt, dachte Aomame.
Sie richtete den Lauf nach oben und schob sich die
Mündung in den Mund, zielte geradewegs auf ihr Gehirn.
Auf die graue Masse, die ihr Bewusstsein beherbergte.
über ein Gebet musste sie nicht nachdenken, die Worte
stellten sich automatisch ein. Den Pistolenlauf im Mund,
sagte Aomame sie rasch auf. Niemand h.rte, was sie sagte.
Aber das war ihr egal. Solange Gott es h.ren konnte. Die
kleine Aomame hatte den Inhalt der Worte, die sie sprach,
auch nie richtig verstanden. Aber ihre gesamte Abfolge
hatte sie bis in ihr Innerstes durchdrungen. In der Schule
hatte sie immer vor dem Essen beten müssen. Allein, aber
mit lauter Stimme. Ohne sich um die neugierigen Blicke
und den Hohn der anderen zu kümmern. Das Wichtige ist,
dass Gott dich sieht. Niemand kann seinen Augen
entkommen.
Der Gro.e Bruder sieht dich.
Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein
K.nigreich komme. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir
unseren Schuldnern vergeben haben. Sei mit uns durch
deinen Segen, sei um uns auf unseren Wegen. Amen.
Die gutaussehende Dame starrte, die H.nde um das