Lenkrad ihres nagelneuen Mercedes gelegt, noch immer
wie gebannt auf Aomame. Sie schien – wie auch die
anderen Leute – die Bedeutung der Waffe in Aomames
Hand nicht zu begreifen. Andernfalls würde sie sicher
beiseite schauen, dachte Aomame. Wenn sich jemand vor
meiner Nase das Hirn wegblasen würde, würde ich
wahrscheinlich den ganzen Tag keinen Bissen mehr
runterkriegen. Also, nichts für ungut, aber sehen Sie lieber
weg, wandte sich Aomame stumm an die Dame. Es ist doch
offensichtlich, dass ich mir nicht die Z.hne putzen will. Ich
stecke mir eine deutsche Automatikpistole, Typ Heckler &
Koch, in den Mund und habe gerade mein letztes Gebet
gesprochen. Was das bedeutet, k.nnen Sie sich ja wohl
denken.
Das ist mein Rat. Es ist ein guter Rat. Schauen Sie weg,
sehen Sie nichts, und fahren Sie mit Ihrem nagelneuen
Mercedes-Coupé schnurstracks nach Hause, in Ihr
hübsches Zuhause, wo Ihr lieber Mann und Ihre lieben
Kinderchen warten, und machen Sie weiter mit Ihrem
friedlichen Leben. Jemand wie Sie sollte so etwas nicht
sehen. Das ist eine echte Pistole. H.sslich und brutal.
Geladen mit sieben h.sslichen Patronen. Wie Anton
Tschechow schon sagte: Wenn in einer Geschichte ein
Gewehr vorkommt, muss es auch irgendwann abgefeuert
werden. Das ist der Sinn von Geschichten.
Aber die Dame wollte den Blick partout nicht abwenden.
Resigniert schüttelte Aomame ein wenig den Kopf. Tut mir
leid, aber l.nger kann ich nicht warten. Time’s up. Die
Vorstellung beginnt.
Der Tiger im Tank.
.Hoho., rief der Zwischenrufer.
.Hoho., stimmten die übrigen sechs Little People ein.
.Tengo., sagte Aomame. Und spannte ihren Finger am
Abzug.
KAPITEL 24
Tengo
Solange es die W.rme noch gibt
Am n.chsten Vormittag nahm Tengo vom Bahnhof Tokio
den Express nach Tateyama. Von dort fuhr er mit dem
Bummelzug nach Chikura. Es war ein sonniger windstiller
Morgen. Das Meer bewegte sich kaum. Der Sommer neigte
sich bereits dem Ende zu, und mit seiner leichten
Baumwolljacke über dem kurz.rmligen Hemd war Tengo
genau richtig angezogen. Es überraschte ihn, wie ruhig es
nun in der kleinen Stadt am Meer war, nachdem die
Badeg.ste verschwunden waren. Man kommt sich ja
wirklich fast vor wie in der Stadt der Katzen, dachte er.
Er begnügte sich mit einer einfachen Mahlzeit am
Bahnhof und nahm dann ein Taxi zum Sanatorium. Es war
kurz nach eins, als er dort ankam. Am Empfang begrü.te
ihn wieder die gleiche Krankenschwester. Sie war es auch
gewesen, die ihn am Abend zuvor angerufen hatte.
Schwester Tamura. Sie erinnerte sich an ihn und verhielt
sich etwas liebenswürdiger als beim ersten Mal. Sie l.chelte
sogar ein bisschen. Vielleicht trug auch Tengos verbesserter
Aufzug dazu bei.
Zun.chst führte sie ihn in die Cafeteria und brachte ihm
einen Kaffee. .Bitte warten Sie einen Moment. Der Herr
Doktor kommt gleich., sagte sie. Nach etwa zehn Minuten
erschien, sich mit einem Handtuch die H.nde abtrocknend,
der zust.ndige Arzt. Er musste um die fünfzig sein, denn
sein starkes Haar war bereits von wei.en Str.hnen
durchzogen. Offenbar hatte er etwas Anderweitiges zu
erledigen gehabt, denn er trug keinen wei.en Kittel. Mit
seiner sportlichen Statur, in dem grauen Sweatshirt mit
passender Hose und den abgetragenen Joggingschuhen
wirkte er nicht so sehr wie ein Arzt an einem Sanatorium,
sondern eher wie der Trainer einer Uni-Mannschaft, die es
nie aus der zweiten Liga herausschaffte.
Noch einmal erkl.rte er Tengo in etwa das Gleiche wie am
Abend zuvor am Telefon. Leider habe er im Augenblick so
gut wie keine medizinische Handhabe mehr. Aus seiner
Miene und seiner Wortwahl zu schlie.en, empfand er
aufrichtiges Bedauern.
.Das einzige Mittel, das uns noch bleibt, ist die direkte
Ansprache. Durch Sie. Vielleicht k.nnen Sie als sein Sohn
seinen Lebenswillen noch einmal wecken..
.Kann mein Vater es h.ren, wenn ich mit ihm spreche?.,
fragte Tengo.
Der Arzt machte ein skeptisches Gesicht und nahm einen
Schluck von seinem lauwarmen grünen Tee. .Ehrlich
gesagt, ich kann Ihnen das auch nicht sagen. Ihr Herr Vater
liegt im Koma. Zumindest reagiert er nicht, wenn man ihn
anspricht. Aber es gibt F.lle, in denen auch Patienten, die
sich in einem tiefen Koma befinden, Stimmen
wahrnehmen. Es soll sogar vorkommen, dass jemand in
eingeschr.nktem Ma. den Inhalt des Gesagten versteht..
.Aber direkt erkennen kann man das nicht, oder?.
.Nein..
.Ich kann bis gegen halb sieben heute Abend bleiben.,
sagte Tengo. .Diese Zeit werde ich bei meinem Vater
verbringen und so viel wie m.glich mit ihm sprechen..
.Sollte sich irgendeine Reaktion zeigen, lassen Sie mich
bitte sofort rufen., sagte der Arzt. .Ich bin immer irgendwo
in der N.he..
Eine junge Schwester – .Adachi. stand auf ihrem
Namensschild – brachte Tengo in das Zimmer, in dem sein
Vater jetzt lag. Man hatte ihn in ein Einzelzimmer in dem
neuen Geb.ude verlegt. Dem für die schwerkranken
Patienten. Das Zahnrad war weitergerückt. Noch weiter
vorrücken konnte es nicht. Das Bett füllte das einfache,
l.ngliche, schmale Zimmer fast zur H.lfte aus. Vor dem
Fenster lag der kleine, zum Schutz gegen den Wind
angepflanzte Kiefernwald. Die dichten B.ume schienen
eine langgestreckte Mauer zu bilden, die das Sanatorium
von der Wirklichkeit der Lebenden trennte. Die
Krankenschwester ging hinaus, und Tengo blieb allein mit
seinem Vater, der, das Gesicht zur Decke gewandt, in
tiefem Schlaf lag. Er setzte sich auf einen h.lzernen
Schemel, der neben dem Bett stand, und sah ihn an.
Am Kopfende befand sich ein Infusionsst.nder. Aus
einem Plastikbeutel tr.ufelte durch einen Schlauch
Flüssigkeit in eine Vene im Arm seines Vaters. Auch Harn
und Exkremente wurden über Schl.uche abgeführt.
Allerdings war die sichtbare Menge der Ausscheidungen
erstaunlich gering. Der Vater wirkte, seit Tengo ihn im
letzten Monat gesehen hatte, wie um eine Kleidergr..e
geschrumpft. Auf seinen hohlen Wangen und dem
eingefallenen Kinn sprossen etwa zwei Tage alte wei.e
Stoppeln. Seine Augen lagen viel tiefer in den H.hlen als
zuvor. So viel tiefer, dass Tengo sich fragte, ob man sie
nicht mit einem Spezialger.t hervorziehen müsse. Die
Augenlider schlossen sich fest über den H.hlen wie
heruntergelassene Rolll.den. Der Mund war ein wenig
ge.ffnet. Sein Vater atmete nicht h.rbar, aber wenn Tengo
sein Ohr ganz nahe an ihn heranbrachte, spürte er einen
schwachen Luftzug. Seine bis auf ein Minimum
herabgesetzten K.rperfunktionen erhielten ihn noch
gerade so am Leben.
Tengo empfand die Bemerkung, die der Arzt am Telefon
gemacht hatte, als schrecklich real: .Wie ein Zug, der seine
Geschwindigkeit drosselt, wenn er auf einen Bahnhof
zuf.hrt.. Dieser Zug hier verlor zusehends an
Geschwindigkeit, wartete, dass der Triebwagen sich
ersch.pfte, um ruhig mitten auf freiem Feld stehen bleiben
zu k.nnen. Das einzig Gute war, dass sich keine Fahrg.ste
mehr im Zug befanden. So konnte sich auch niemand
beschweren, wenn er einfach so anhielt.
Ich muss etwas zu ihm sagen, dachte Tengo. Aber er
wusste nicht, was, wie und in welchem Ton. Es fiel ihm
einfach nichts ein.
.Vater., flüsterte er versuchsweise. Mehr brachte er
vorl.ufig nicht heraus.
Er erhob sich von seinem Hocker, trat ans Fenster und
schaute auf den gepflegten Rasen und den weiten Himmel
über dem Kiefernw.ldchen. Auf einem Antennenmast
sonnte sich eine Kr.he und lie. ihren Blick nachdenklich
über die Landschaft schweifen. Am Kopfende des Bettes
stand ein Transistorradio mit Wecker, obwohl sein Vater
sicher keines von beiden mehr ben.tigte.
.Ich bin’s. Tengo. Ich bin gerade aus Tokio gekommen.
Kannst du mich h.ren?., sagte er und sah, am Fenster
stehend, zu seinem Vater hinunter. Keine Reaktion.
Nachdem seine Stimme die Luft für einen Augenblick in
Schwingungen versetzt hatte, wurden seine Worte restlos
von der Leere geschluckt, die sich im Zimmer festgesetzt
hatte.
Dieser Mann will sterben, dachte Tengo. Man sah es an
seinen eingesunkenen Augen. Er hatte beschlossen, sein
Leben zu beenden. Hatte die Augen zugemacht und war in
tiefen Schlaf gefallen. Alles Gutzureden würde nichts
nutzen, es w.re unm.glich, ihn von seinem Entschluss
abzubringen. Aus klinischer Sicht war er zwar noch am
Leben, aber der Mann selbst hatte willentlich mit allem
abgeschlossen. Für ihn gab es keinen Grund mehr, am
Leben zu bleiben. Tengo konnte nicht mehr tun, als den
Wunsch seines Vaters zu respektieren und ihn in Ruhe
sterben zu lassen. Sein Gesicht wirkte sehr friedlich.
Zumindest schien er zurzeit keine Schmerzen zu
empfinden. Das war das Gute, wie der Arzt am Telefon
gesagt hatte.
Dennoch musste Tengo mit seinem Vater reden. Zum
einen hatte er es dem Arzt versprochen, der sich besonders
fürsorglich um seinen Vater zu kümmern schien. Zum
anderen war es auch – ihm fiel kein passenderer Ausdruck
ein – eine Frage des Anstands. Tengo hatte schon sehr
lange nicht richtig mit seinem Vater gesprochen. Nicht
einmal eine allt.gliche Unterhaltung hatte zwischen ihnen
stattgefunden. Das letzte Mal l.nger miteinander
gesprochen hatten sie wahrscheinlich, als Tengo noch in
der Mittelstufe gewesen war. Danach war er kaum noch
nach Hause gekommen, und wenn doch, hatte er es nach
M.glichkeit vermieden, seinem Vater zu begegnen.
Doch nun lag dieser Mann in einem tiefschlaf.hnlichen
Zustand vor ihm und starb still und leise vor sich hin. Er
hatte Tengo offenbart, dass er nicht sein richtiger Vater
war, und damit endlich eine Last von sich geworfen. Es
schien, als habe ihn dies irgendwie erleichtert. Er hatte sie
beide von dieser Last befreit. Im letzten Moment.
Auch wenn sie vielleicht nicht blutsverwandt waren, hatte
dieser Mann Tengo als seinen Sohn in sein Familienregister
eintragen lassen und sich, bis der Junge für sich selbst
sorgen konnte, um ihn gekümmert. Dafür musste er ihm
dankbar sein. Eigentlich war er verpflichtet, ihm Bericht
darüber zu erstatten, wie er bis jetzt gelebt und empfunden
hatte. Fand Tengo. Oder nein, eine Verpflichtung konnte
man es nicht nennen. Eigentlich war es eher eine Frage des
Anstands. Und hatte nichts damit zu tun, ob das, was er
sagte, bei seinem Vater ankam oder ob es etwas nutzte.
Tengo setzte sich wieder auf den Hocker neben das Bett
und begann in groben Zügen aus seinem Leben zu
erz.hlen. Er setzte ein, als er in die Oberschule gekommen
und in das Wohnheim für Judokas gezogen war. Von da an
hatte es so gut wie keine Berührungspunkte mehr zwischen
seinem Leben und dem seines Vaters gegeben. Keiner von
beiden wusste genau, was der andere tat. Tengo hielt es für
das Beste, zun.chst diese gro.e Lücke so weit wie m.glich
zu füllen.
Allerdings gab es über seine Zeit an der Oberschule nichts
Besonderes zu erz.hlen. Es war eine Privatschule in der
Pr.fektur Chiba gewesen, die für ihre starke Judo-
Mannschaft bekannt war. Er h.tte lieber eine
anspruchsvollere Oberschule besucht, aber diese bot ihm
die günstigsten Bedingungen. Er war vom Schulgeld befreit,
durfte im Wohnheim wohnen und bekam drei Mahlzeiten
am Tag. Mittelpunkt von Tengos Leben an dieser Schule
war die Judo-Mannschaft. In den Trainingspausen lernte er
(obwohl er seine erstklassigen Noten bequem und ohne
besonderen Aufwand halten konnte), und in seiner Freizeit
nahm er mit anderen Jungen aus seiner Mannschaft harte
k.rperliche Arbeiten an, um sich etwas Geld zu verdienen.
Er hatte so viele Verpflichtungen, dass er an manchen
Tagen von morgens bis abends durch die Gegend hetzte. So
gab es über seine Oberschulzeit eigentlich nichts zu
erz.hlen, au.er dass er unheimlich besch.ftigt gewesen
war. Es hatte sich nichts ungew.hnlich Erfreuliches
zugetragen, und gute Freunde hatte er auch nicht
gefunden. An der Schule gab es sehr viele Vorschriften, und
so richtig warm konnte er damit nicht werden. Mit den
anderen Mitgliedern seiner Judo-Mannschaft kam er
einigerma.en gut zurecht, hatte aber im Grunde kaum
etwas mit ihnen zu reden. Wenn Tengo ehrlich war, musste
er zugeben, dass er bei keinem einzigen Judo-Turnier
richtig mit Leib und Seele dabei war. Doch um seinen
Lebensunterhalt zu sichern, musste er mit guten
Ergebnissen aufwarten. Also trainierte er gewissenhaft, um
seine Umgebung nicht zu entt.uschen. Judo war weniger
ein Sport für ihn als ein praktisches Mittel zum überleben.
Man h.tte es fast einen Beruf nennen k.nnen. Seine drei
letzten Schuljahre waren von dem Wunsch beherrscht,
m.glichst bald fertig zu sein, um ein authentischeres Leben
führen zu k.nnen.
Doch als er auf die Universit.t kam, lief sein Leben im
Grunde genauso weiter. Denn wenn er weiter aktiv beim
Judo blieb, konnte er in ein Wohnheim ziehen, das hei.t,
er brauchte sich um Kost und Logis (wenn auch auf
niedrigem Niveau) nicht zu kümmern. Er bekam zwar ein
Stipendium, von dem allein konnte er jedoch nicht leben.
Also musste er Judoka bleiben. Natürlich studierte er
Mathematik. Da er flei.ig lernte, hatte er auch an der
Universit.t gute Noten, und man empfahl ihm ein
Doktorandenstudium. Aber in seinem dritten oder vierten
Studienjahr ging Tengo pl.tzlich die Begeisterung für die
Mathematik als Wissenschaft verloren. An sich machte
Mathematik ihm noch immer Spa., aber sich mit
mathematischer Forschung zu besch.ftigen befriedigte ihn
nicht. Es war wie mit dem Judo. Er war gern Amateur, hatte
aber weder Neigung noch Verlangen, sein ganzes Leben
damit zu verbringen. Das war ihm selbst bewusst.
Als sein Interesse an der Mathematik nachlie. und sein
Examen bevorstand und es damit auch keinen Grund mehr
gab, sich weiter mit Judo zu besch.ftigen, hatte Tengo
nicht die geringste Ahnung, welchen Weg er nun
einschlagen sollte. Seinem Leben schien ein Mittelpunkt zu
fehlen. Es hatte zwar ursprünglich auch keinen gehabt,