aber bisher war immer etwas von ihm erwartet und
verlangt worden. Dadurch war sein Leben ausgefüllt und
gesch.ftig gewesen. Aber nachdem all diese Forderungen
und Erwartungen pl.tzlich wegfielen, blieb nichts übrig,
das der Rede wert gewesen w.re. Tengo hatte kein Ziel im
Leben. Und keinen einzigen Freund. Er blieb in einer Art
Flaute stecken und konnte sich auf nichts mehr richtig
konzentrieren.
W.hrend des Studiums hatte er mehrere Freundinnen
gehabt und auch sexuelle Erfahrungen gemacht. Tengo war
nicht im landl.ufigen Sinne gutaussehend und weder
besonders gesellig noch ein besonders begabter
Unterhalter. Er war stets knapp bei Kasse, und seine
Kleidung konnte man auch nicht gerade als den letzten
Schrei bezeichnen. Aber wie der Duft gewisser Pflanzen
Bienen anlockt, fühlte sich eine bestimmte Art von Frauen
zu ihm hingezogen. Und das sogar ziemlich stark.
Dies entdeckte er mit Anfang zwanzig (etwa um die
gleiche Zeit, als er seine Begeisterung für die
wissenschaftliche Mathematik verlor). Auch wenn er von
sich aus nichts unternahm, suchten die Frauen, die dieses
besondere Interesse an ihm hatten, seine N.he. Sie sehnten
sich danach, von seinen starken Armen umschlungen zu
werden. Oder hatten zumindest nichts dagegen. Beim
ersten Mal verstand er gar nicht, was vorging, und war
ziemlich verwirrt. Aber bald hatte er sozusagen den Dreh
raus und konnte seine F.higkeiten nach Bedarf einsetzen.
Seither hatte es Tengo nie an Frauenbekanntschaften
gemangelt. Doch er verliebte sich nie von sich aus in eine
der Frauen. Er pflegte Umgang mit ihnen und hatte
k.rperliche Beziehungen zu ihnen. Mehr war es nie. Sie
füllten lediglich ihre gegenseitige Leere aus. Es war wei.
Gott seltsam, aber es geschah nicht ein einziges Mal, dass
er sein Herz an eine der Frauen verlor, die sich so sehr zu
ihm hingezogen fühlten.
All das erz.hlte Tengo seinem bewusstlosen Vater.
Anfangs w.hlte er seine Worte z.gernd und mit viel
Bedacht, doch dann sprach er immer flüssiger und zum
Schluss sogar mit einigem Eifer. Selbst sexuelle Dinge
sprach er offen aus. Mittlerweile war es unangebracht, sich
zu genieren, fand er. Sein Vater lag, noch immer in der
gleichen Haltung, das Gesicht nach oben gewandt, in
tiefem Schlaf. Auch seine Atmung hatte sich nicht
ver.ndert.
Gegen drei Uhr erschien eine st.mmige, etwa
drei.igj.hrige Schwester, um den Infusionsbeutel zu
wechseln, den Urinbeh.lter gegen einen neuen
auszutauschen und seine Temperatur zu messen. Sie trug
ihr Haar straff nach hinten gebunden, und ein
Kugelschreiber steckte darin. .Omura. stand auf ihrem
Namensschild.
.Ist irgendetwas Ungew.hnliches passiert?., fragte sie
Tengo, w.hrend sie mit ihrem Kugelschreiber auf einem
Klemmbrett die Werte notierte.
.Nein. Er hat die ganze Zeit geschlafen., sagte Tengo.
.Wenn etwas ist, drücken Sie bitte den Knopf dort.. Die
Schwester zeigte auf einen Schalter am Kopfende und
steckte sich den Kugelschreiber wieder ins Haar.
.Mache ich..
Kurz nachdem sie hinausgegangen war, klopfte es leise,
und die bebrillte Schwester Tamura schob den Kopf ins
Zimmer.
.M.chten Sie vielleicht etwas essen? In der Cafeteria
bekommen Sie etwas..
.Vielen Dank, aber ich habe noch keinen Hunger., sagte
Tengo.
.Wie geht es Ihrem Vater?.
Tengo zuckte die Achseln. .Ich habe die ganze Zeit mit
ihm gesprochen. Aber ich wei. nicht, ob er mich h.ren
kann oder nicht..
.Ansprache ist eine gute Sache., sagte sie und l.chelte
ermutigend. .Keine Sorge, Ihr Vater h.rt Sie bestimmt..
Sie schloss leise die Tür. Tengo und sein Vater waren
wieder allein in dem kleinen Krankenzimmer.
Tengo erz.hlte weiter.
Er machte also das Examen und begann an einer Yobiko
in der Stadt Mathematik zu unterrichten. Nun war er kein
kleines hoffnungsvolles Mathematikgenie und kein
vielversprechender Judo-K.mpfer mehr. Nur noch Lehrer
und nicht einmal fest angestellt. Aber Tengo war glücklich.
Endlich konnte er frei atmen. Zum ersten Mal in seinem
Leben konnte er seinen Alltag gestalten, wie es ihm
beliebte, ohne sich jemandem verpflichtet zu fühlen.
Kurze Zeit sp.ter fing er an zu schreiben. Er verfasste
mehrere Werke und reichte sie bei Verlagen ein, die
Debütpreise ausgeschrieben hatten. Dabei hatte er den
etwas eigenwilligen Redakteur Komatsu kennengelernt und
kürzlich in dessen Auftrag Die Puppe aus Luft überarbeitet,
einen Roman, den ein siebzehnj.hriges M.dchens namens
Fukaeri (Eriko Fukada) verfasst hatte. Fukaeri hatte sich die
Geschichte ausgedacht, aber da sie nicht die F.higkeit
besa., einen zusammenh.ngenden Text zu schreiben, hatte
Tengo dies für sie übernommen. Diese Aufgabe war ihm
gut gelungen. Das M.dchen hatte den Preis für das beste
Erstlingswerk einer Literaturzeitschrift bekommen, die
Geschichte war als Buch erschienen und ein gro.er
Bestseller geworden. Wegen ihrer allzu gro.en Popularit.t
war Die Puppe aus Luft von der Jury für den Akutagawa-
Preis verworfen worden. Aber wie Komatsu, der nie ein
Blatt vor den Mund nahm, sagte, verkaufte das Buch sich
.auch ohne diesen Quatsch..
Tengo bezweifelte, dass sein Vater überhaupt h.rte, was
er ihm erz.hlte. Au.erdem wusste er nicht, ob sein Vater
solche Dinge inhaltlich verstehen konnte. Jedenfalls
reagierte er nicht. Und selbst wenn er es verstand, hatte er
vielleicht gar kein Interesse an so etwas. Vielleicht fühlte er
sich nur bel.stigt. Das Leben von anderen ist mir schnurz,
lass mich in Ruhe schlafen, dachte er wom.glich. Dennoch
erz.hlte Tengo einfach weiter, was ihm in den Kopf kam.
Was h.tte er auch sonst in dem kleinen Zimmer tun sollen?
Sein Vater rührte sich die ganze Zeit über nicht. Seine tief
eingesunkenen Augen blieben fest geschlossen. Es sah aus,
als warteten die H.hlen darauf, dass Schnee fallen und sie
mit seiner Wei.e auffüllen würde.
.Im Augenblick klappt das noch nicht, aber eines Tages
m.chte ich, wenn es geht, vom Schreiben leben. Nicht,
indem ich die Werke von anderen bearbeite, sondern
indem ich aufschreibe, was ich selbst zu sagen habe. Das
Schreiben, insbesondere von Romanen, entspricht, glaube
ich, meiner Pers.nlichkeit. Es ist gut, ein Ziel zu haben.
Endlich hat sich so etwas bei mir entwickelt. Bisher ist noch
nichts, was ich geschrieben habe, unter meinem Namen
gedruckt worden, aber das wird sicher bald der Fall sein.
Vielleicht klingt es ein wenig nach Eigenlob, aber ich finde,
meine F.higkeiten als Schriftsteller sind nicht schlecht.
Auch der Redakteur sch.tzt mich ein wenig. Aber darüber
mache ich mir ohnehin keine gro.en Sorgen..
Eigentlich h.tte er noch hinzufügen müssen, dass er
offenbar eine Veranlagung zum Receiver besa.. Und daher
praktisch in die fiktionale Welt, die er selbst beschrieben
hatte, hineingezogen worden war. Aber es h.tte nichts
gebracht, jetzt mit dieser komplizierten Sache anzufangen.
Das war wieder eine ganz andere Geschichte. Er beschloss,
das Thema zu wechseln.
.Mein gr..tes Problem ist, dass ich bisher nie jemanden
ernsthaft lieben konnte. Seit ich denken kann, hat es
keinen Menschen gegeben, den ich bedingungslos geliebt
h.tte. Ich hatte noch nie das Gefühl, mich jemandem
.ffnen zu k.nnen. Kein einziges Mal..
Tengo fragte sich, ob der arme alte Mann hier vor ihm in
seinem ganzen Leben jemals einen Menschen von ganzem
Herzen geliebt hatte. Vielleicht hatte er Tengos Mutter
ernsthaft geliebt. Und deshalb den kleinen Tengo als sein
eigenes Kind aufgezogen, obwohl er wusste, dass er nicht
von ihm war. Wenn es so war, hatte er ein emotional
ausgefüllteres Leben geführt als Tengo.
.Nur ein M.dchen war so etwas wie eine Ausnahme. Wir
sind vor etwa zwanzig Jahren in Shinagawa zusammen in
die dritte und vierte Klasse gegangen. Ich fühlte mich sehr
stark zu diesem M.dchen hingezogen. Ich habe eigentlich
immer an sie gedacht und tue es auch jetzt noch oft.
Obwohl ich kaum mit ihr gesprochen habe. Irgendwann
hat sie die Schule gewechselt, und seitdem habe ich sie
nicht mehr gesehen. Doch vor kurzem ist etwas Bestimmtes
passiert, und ich habe versucht, sie zu finden. Mir ist
endlich klar geworden, dass ich sie brauche. Ich habe ihr so
viel zu sagen. Doch ich kann einfach nicht herausfinden,
wo sie ist. Ich h.tte viel früher anfangen sollen, nach ihr zu
suchen. Dann w.re wahrscheinlich alles leichter gewesen..
Hier schwieg Tengo einen Moment und wartete, dass das,
was er ihm bis jetzt erz.hlt hatte, sich im Kopf seines
Vaters setzte. Oder besser gesagt, sich in seinem eigenen
Kopf setzte. Dann sprach er weiter.
.Aber ich war einfach zu feige. Aus dem gleichen Grund
habe ich auch nie in unserem Familienregister
nachgeschaut. Wenn ich gewollt h.tte, w.re es so ein
Leichtes gewesen herauszufinden, ob meine Mutter
wirklich gestorben ist. Ich h.tte nur aufs Rathaus gehen
und einen Blick in die Akten werfen müssen, dann h.tte ich
sofort Bescheid gewusst. Tats.chlich hatte ich es auch
immer wieder vor. Ein paar Mal ging ich sogar bis zum
Rathaus. Aber ich schaffte es einfach nicht, die Dokumente
einzusehen. Ich hatte Angst vor den Fakten, die sich mir
pr.sentieren würden. Angst, sie mit eigenen H.nden ans
Licht zu bringen. Also wartete ich, dass sich alles
irgendwann von allein kl.ren würde..
Tengo seufzte.
.Jedenfalls h.tte ich viel früher anfangen sollen, dieses
M.dchen zu suchen. Ich habe einen gro.en Umweg
gemacht. Aber ich konnte mich einfach nicht aufraffen. In
Herzensdingen bin ich ein gro.er Feigling. Das ist ein
fataler Fehler..
Tengo stand von dem Hocker auf, ging ans Fenster und
betrachtete das Kiefernw.ldchen. Der Wind hatte sich
v.llig gelegt. Es war kein Meeresrauschen zu h.ren. Durch
den Garten stolzierte eine gro.e Katze. Sie schien tr.chtig
zu sein, so wie ihr Bauch nach unten hing. Sie streckte sich
unter einem Baum aus und begann ihren Bauch zu lecken.
.Aber abgesehen davon sieht es in letzter Zeit so aus, als
würde sich in meinem Leben endlich etwas .ndern.
Zumindest habe ich das Gefühl. Ehrlich gesagt habe ich
immer einen Groll gegen dich gehegt. Von klein auf fand
ich, dass ich kein Mensch für einen so armseligen
eingeengten Ort war, sondern einer, der in glücklichere
Umst.nde geh.rte. Ich fand es so ungerecht, dass
ausgerechnet mir diese Behandlung zuteilwurde. Alle
meine Mitschüler schienen ein viel glücklicheres, sch.neres
Leben zu führen. Kinder, die mir in F.higkeiten und
Begabung unterlegen waren, hatten es so unvergleichlich
viel lustiger. Ich habe mir damals ernsthaft gewünscht, dass
du nicht mein richtiger Vater w.rst. St.ndig tr.umte ich
davon, dass alles ein Irrtum sei und wir nicht blutsverwandt
w.ren..
Tengo sah wieder aus dem Fenster und beobachtete die
Katze. Sie merkte es nicht und leckte weiter selbstvergessen
ihren gew.lbten Bauch. In ihren Anblick versunken, fuhr
Tengo fort.
.Inzwischen denke ich das nicht mehr. Ich finde, dass ich
eine Umgebung und einen Vater habe, die zu mir passen.
Ich lüge nicht, das ist meine ehrliche Meinung: Ich war
unbedeutend, eine Mensch ohne Verdienste. In gewissem
Sinn habe ich mich selbst heruntergezogen. Mittlerweile
wei. ich das sehr gut. Als Kind war ich tats.chlich ein
kleines Mathematikgenie, hielt mich aber für ein
gro.artiges Talent. Alle beachteten mich und machten
gro.es Aufhebens um mich. Aber es war eine Begabung, die
letzten Endes zu nichts führte. Nichts von Bedeutung
zumindest. Sie war einfach nur da. Genauso wie ich von
Natur aus gro. war und gut im Judo. Bei den
Pr.fekturmeisterschaften kam ich immer auf einen der
oberen Pl.tze. H.tte ich mich jedoch in die weite Welt
hinausgewagt, w.re ich auf jede Menge bessere Judokas
gesto.en. Schon an der Universit.t schaffte ich es nicht in
die Auswahl für die landesweiten Meisterschaften. Das war
ein Schock für mich, und eine Zeit lang wusste ich
überhaupt nicht, wer ich war. Natürlich nicht. Denn
eigentlich war ich ja auch niemand..
Tengo .ffnete den Verschluss der Mineralwasserflasche,
die er mitgebracht hatte, und nahm einen Schluck. Dann
setzte er sich wieder auf den Hocker.
.Wie gesagt, ich bin dir dankbar. Ich glaube nicht, dass
ich tats.chlich dein Sohn bin. Eigentlich bin ich sogar
überzeugt, dass ich es nicht bin. Aber du hast für mich
gesorgt, obwohl du nicht mein leiblicher Vater bist. Es ist
sicher nicht einfach für einen alleinstehenden Mann, ein
kleines Kind gro.zuziehen. Ich erinnere mich mit
Widerwillen und Langeweile daran, dass ich mit dir die
Rundfunkgebühren für NHK kassieren gehen musste. Aber
inzwischen ist das nicht mehr als eine schlechte
Erinnerung. Dir fiel sicher einfach nichts Besseres ein, was
du mit mir unternehmen konntest. Du hast, wie soll ich
sagen, dein Bestes gegeben. Dein Beruf war vermutlich der
einzige Berührungspunkt zwischen dir und der
Gesellschaft. Und den hast du mir zeigen wollen. Jetzt
würde ich das verstehen. Natürlich hast du auch mit
einkalkuliert, dass die Begleitung eines Kindes dir das
Kassieren erleichtern würde. Aber das allein war es sicher
nicht..
Tengo machte eine kurze Pause und lie. die Worte auf
seinen Vater wirken. W.hrenddessen ordnete er seine
eigenen Gedanken.
.Aber als Kind habe ich das natürlich nicht verstanden.
Ich habe mich einfach nur gesch.mt und fürchterlich
gelangweilt. W.hrend meine Mitschüler sich vergnügten,
musste ich sonntags herumlaufen und an fremden Türen
klingeln. Schon das Herannahen des Sonntags war mir ein
Graus. Aber inzwischen kann ich dich zumindest bis zu
einem gewissen Grad verstehen. Ich will nicht behaupten,
dass das, was du getan hast, richtig war. So weit würde ich
nicht gehen. Immerhin habe ich seelisch sehr darunter
gelitten. Für ein Kind ist das schlimm. Aber es ist nun
einmal geschehen. Du brauchst dir keine Sorgen zu
machen. Auf der anderen Seite hat es mich ja auch ein