bisschen h.rter gemacht. Das Leben auf dieser Welt ist
nicht unbedingt ein Zuckerschlecken. Wie ich am eigenen
Leib erfahren habe..
Tengo spreizte die H.nde und betrachtete eine Weile
seine Handfl.chen.
.Ich werde jetzt irgendwie weiterleben. Vielleicht besser
als bisher und vielleicht auch ohne sinnlose Umwege. Was
du jetzt machen willst, Vater, wei. ich nicht. Vielleicht
willst du einfach nur ruhig schlafen. Und nicht mehr
aufwachen. Wenn es so ist, finde ich das in Ordnung. Und
werde dich nicht st.ren. Ich werde dich einfach schlafen
lassen. Aber ich wollte dir wenigstens einmal erz.hlen, was
inzwischen aus mir geworden ist und wie ich denke.
Vielleicht wolltest du das ja gar nicht h.ren. In diesem Fall
entschuldige ich mich, dass ich dich bel.stigt habe. Mehr
habe ich nicht zu sagen. Ich habe dir so ziemlich alles
erz.hlt, was du meiner Ansicht nach wissen solltest. Jetzt
werde ich dich nicht mehr st.ren. Du kannst nach
Herzenslust schlafen..
Kurz nach fünf kam noch einmal die Krankenschwester
mit dem Kugelschreiber im Haar und überprüfte die
Infusionsmenge. Die Temperatur nahm sie diesmal nicht.
.Ist irgendeine Ver.nderung aufgetreten?.
.Nein. Er schl.ft nur die ganze Zeit., sagte Tengo.
Die Schwester nickte. .Der Herr Doktor kommt gleich.
Wie lange k.nnen Sie heute bleiben, Herr Kawana?.
Tengo sah auf die Uhr. .Ungef.hr bis halb sieben, um
kurz vor sieben f.hrt mein Zug..
Als die Krankenschwester mit ihren Eintragungen fertig
war, steckte sie sich den Stift wieder ins Haar.
.Ich habe seit Mittag mit ihm gesprochen, aber
anscheinend kann er mich nicht h.ren., sagte Tengo.
.W.hrend meiner Ausbildung zur Krankenschwester
habe ich gelernt, dass lebhaftes Sprechen die Menschen
aufheitert. Von heiteren Worten gehen positive
Schwingungen aus. Ob der Angesprochene versteht, was im
Einzelnen gesagt wird, macht physikalisch keinen
Unterschied. Daher hat man uns beigebracht, die
Patienten, ob sie uns nun h.ren oder nicht, immer laut und
gut gelaunt anzusprechen. Es nutzt auf alle F.lle etwas,
Vernunft hin oder her. Meine Erfahrungen best.tigen es..
Tengo dachte einen Moment nach. .Danke., sagte er.
Schwester Omura nickte kurz und verlie. mit raschen
Schritten das Zimmer.
Tengo und sein Vater bewahrten danach ein langes
Schweigen. Tengo hatte nichts mehr zu sagen. Aber es war
keine unbehagliche Stille. Das nachmitt.gliche Licht
schwand immer mehr, und Abendstimmung senkte sich
über den Raum. Lautlos und fast unmerklich verblassten
die letzten Strahlen der Sonne.
Pl.tzlich fand Tengo, dass er seinem Vater von den
beiden Monden erz.hlen sollte. Er hatte ihm ja noch nicht
gesagt, dass er inzwischen in einer Welt mit zwei Monden
lebte. .Man kann hinschauen, soviel man will, es bleibt ein
ungewohnter Anblick., wollte er sagen. Aber dann spürte
er, dass es fruchtlos w.re, jetzt noch mit dieser Geschichte
anzufangen. Für seinen Vater war es egal, wie viele Monde
am Himmel standen. Mit diesem Problem musste Tengo
allein zurechtkommen.
Und ob es nun auf dieser (beziehungsweise jener Welt)
einen, zwei oder drei Monde gab, Tengo blieb immer nur
eine Person. Wo war also der Unterschied? Ganz gleich, wo
er war, Tengo war einfach Tengo. Er hatte pers.nliche
Probleme und eine pers.nliche Begabung, er war noch
immer derselbe. Genau, der springende Punkt waren gar
nicht die Monde, sondern er selbst war es.
Nach einer halben Stunde kam noch einmal Schwester
Omura. Aus irgendeinem Grund steckte der Kugelschreiber
nicht mehr in ihrem Haar. Was wohl aus ihm geworden
war? Diese Frage besch.ftigte Tengo sehr. Zwei Pfleger
schoben gemeinsam ein Rollbett ins Zimmer. Beide waren
st.mmig und dunkelh.utig. Sie sprachen kein Wort.
Wahrscheinlich stammten sie aus einem anderen Land.
.Herr Kawana, wir müssen Ihren Vater ins
Untersuchungszimmer bringen. Würden Sie bitte so lange
hier warten?., sagte die Schwester.
Tengo schaute auf die Uhr. .Ist irgendetwas nicht in
Ordnung?.
Die Krankenschwester schüttelte den Kopf. .Nein, nein.
Wir bringen ihn nur rüber, weil wir hier nicht die n.tigen
Ger.te haben. Das ist nichts Au.ergew.hnliches. Sie
k.nnen sp.ter noch einmal mit dem Doktor sprechen..
.Gut. Dann warte ich hier..
.In der Cafeteria k.nnten Sie einen hei.en Tee trinken.
Sie sollten sich ein bisschen entspannen..
.Danke., sagte Tengo.
W.hrend einer von ihnen den Infusionsschlauch hielt,
hoben die beiden M.nner den ausgemergelten K.rper
seines Vaters vorsichtig auf das Rollbett und fuhren ihn
samt Infusionsst.nder in den Flur. Sie wirkten sehr
routiniert. Dabei sagten sie von Anfang bis Ende kein Wort.
.Es wird nicht lange dauern., sagte die
Krankenschwester.
Aber es dauerte doch ziemlich lange. Das Tageslicht, das
von drau.en durch das Fenster schien, wurde immer
schw.cher, aber Tengo schaltete die Lampe nicht an. Ihm
war, als h.tte er dadurch etwas Wichtiges im Zimmer
besch.digt.
Der K.rper seines Vaters hatte einen leichten Abdruck
auf dem Bett hinterlassen. Viel konnte er eigentlich nicht
mehr wiegen, aber dennoch war seine Form deutlich zu
erkennen. Diese Einbuchtung gab Tengo das Gefühl, v.llig
allein auf dieser Welt zurückgelassen worden zu sein. Fast
fürchtete er, wenn die Sonne einmal untergegangen w.re,
würde es nie wieder Tag werden.
Lange sa. er reglos und in Gedanken versunken auf dem
Hocker, w.hrend die Vorboten der Dunkelheit alles in ihre
ged.mpften Farben tauchten. Pl.tzlich fiel ihm auf, dass er
eigentlich gar nichts dachte. Dass er statt in Gedanken nur
in bodenloser Leere versank. Langsam stand er auf und
ging ins Bad, um sich zu erleichtern. Er wusch sich das
Gesicht mit kaltem Wasser, trocknete es mit seinem
Taschentuch ab und schaute in den Spiegel. Den Rat der
Schwester beherzigend, ging er hinunter in die Cafeteria,
um einen hei.en grünen Tee zu trinken.
Als er nach etwa zwanzig Minuten wieder das
Krankenzimmer betrat, hatte man seinen Vater noch
immer nicht zurückgebracht. Stattdessen lag in der von
ihm hinterlassenen Einbuchtung ein wei.er Gegenstand,
der vorher nicht dort gewesen war.
Er hatte eine Gesamtl.nge von etwa 1,40 oder 1,50 Meter.
Beim ersten Hinsehen erinnerte seine sch.ne glatte
geschwungene Form an eine Erdnussschale. Die Oberfl.che
wirkte wie von kurzen weichen Daunen überzogen und
hatte einen ebenm..igen ged.mpften Schimmer. Sie
leuchtete schwach und zartgrün in der sich stetig
vertiefenden Dunkelheit. Das flaumige Ding lag reglos auf
dem Bett, wie um die zeitweise Leere zu füllen, die der
K.rper seines Vaters zurückgelassen hatte. Die Hand am
Türknauf, blieb Tengo im Türrahmen stehen und musterte
den seltsamen Gegenstand eine Weile. Seine Lippen
bewegten sich, aber es kamen keine Worte.
Was in aller Welt ist das?, fragte Tengo sich, w.hrend er
wie angewurzelt dort stand und die Augen zusammenkniff.
Wieso lag anstelle seines Vaters jetzt dieses Ding hier? Er
wusste sofort, dass es nichts war, was der Arzt oder die
Schwestern gebracht hatten. Es war von einer besonderen
Atmosph.re umgeben, die sich au.erhalb realer
Schwingungsphasen befand.
Pl.tzlich wusste Tengo es, obwohl er noch nie eine
gesehen hatte: Das Ding war eine .Puppe aus Luft..
In Fukaeris Roman hatte er sie in allen Einzelheiten
beschrieben, aber selbstverst.ndlich nie eine mit eigenen
Augen gesehen. Es w.re ihm gar nicht in den Sinn
gekommen, dass so etwas tats.chlich existierte. Doch das
Gespinst, das da vor ihm lag, entsprach genau seiner
Vorstellung von der Puppe aus Luft. So hatte er sie selbst
geschildert. Er hatte ein heftiges Gefühl von Déjà-vu, als
würde ihm mit einer Zange der Magen zusammengepresst.
Dennoch betrat er den Raum und schloss die Tür hinter
sich. Er schluckte den Speichel, der sich in seinem Mund
gesammelt hatte. In seiner Kehle entstand ein
unnatürlicher Laut.
Langsam n.herte er sich dem Bett. Etwa einen Meter
davon entfernt blieb er stehen und nahm die Puppe
aufmerksam in Augenschein. Er musste zugeben, dass sie
genauso aussah wie auf der einfachen Bleistiftzeichnung,
die er angefertigt hatte, bevor er das Gebilde mit Worten
beschrieb. Er hatte seine Vorstellung damals zun.chst
visualisiert, ehe er sie in Text umwandelte. Die Skizze war
w.hrend der gesamten Zeit, in der er Fukaeris Manuskript
bearbeitet hatte, an die Wand vor seinem Schreibtisch
gepinnt gewesen. Die Form des Gespinstes .hnelte eher
einem Kokon als einer Puppe. Aber für Fukaeri (und damit
auch für ihn) war nur die Bezeichnung .Puppe aus Luft. in
Frage gekommen.
Die meisten .u.eren Merkmale der Puppe hatte Tengo
ausgearbeitet. Zum Beispiel die anmutige Wespentaille in
der Mitte und die weiche, schmeichelnde W.lbung an
beiden Enden. All das waren Tengos Erfindungen, die in
Fukaeris ursprünglicher Geschichte nicht vorkamen. Für
Fukaeri war die Puppe aus Luft eben einfach die Puppe aus
Luft gewesen, sozusagen ein Mittelding zwischen
Verk.rperung und Idee. Sie hatte keine Notwendigkeit
verspürt, sie sprachlich detailliert auszugestalten. Das hatte
Tengo übernehmen müssen. Und jetzt war die Puppe, die
vor ihm lag, tats.chlich in der Mitte verjüngt und zu beiden
Seiten hübsch gerundet.
Eine Puppe aus Luft, wie ich sie gezeichnet und
beschrieben habe, dachte Tengo. Es war wie bei den beiden
Monden. Etwas, das er geschildert hatte, war aus
irgendeinem Grund bis ins Detail Wirklichkeit geworden.
Realit.t und Phantasie, Ursache und Wirkung hatten sich
verkehrt.
Die seltsame Empfindung, dass seine Nerven verdreht
wurden, breitete sich in seinen Gliedma.en aus, und es
überlief ihn kalt. Er konnte nicht mehr unterscheiden, bis
wohin die Wirklichkeit reichte und wo die Fiktion begann.
Bis wohin Fukaeri reichte und wo er selbst begann. Und an
welchem Punkt sie sich zu einem .Wir. vereinigten.
über den Kamm der Puppe verlief ein gerader vertikaler
Riss. Sie schien im Begriff, aufzubrechen, und ein etwa zwei
Zentimeter breiter Spalt war entstanden. Tengo h.tte sich
wahrscheinlich nur ein wenig vorbeugen müssen, um
hineinsp.hen zu k.nnen. Aber dazu fehlte ihm der Mut.
Ohne die Puppe aus den Augen zu lassen, setzte er sich auf
den Hocker neben dem Bett und versuchte regelm..ig
durchzuatmen, indem er seine Schultern leicht hob und
senkte. Wei. und diffuses Licht verstr.mend, lag die Puppe
vor ihm. Reglos.
Wartete in aller Ruhe, dass Tengo sich ihr wie einer ihm
gestellten mathematischen Aufgabe n.herte.
Was sich wohl darin verbarg?
Was die Puppe ihm wohl zeigen wollte?
Im Roman entdeckte die junge Heldin darin ein anderes
Ich, ein Ebenbild ihrer selbst. Die Daughter. Sie l.sst sie
jedoch zurück und flieht allein aus der Gemeinschaft. Aber
was sich wohl in Tengos Puppe aus Luft befand (Tengo
nahm intuitiv an, dass es sich um seine Puppe aus Luft
handelte)? Etwas Gutes? Oder etwas B.ses? Etwas, das ihn
irgendwohin führen oder Schaden von ihm abwenden
würde? Und wer hatte diese Puppe aus Luft überhaupt
hierhergebracht?
Tengo wusste genau, dass er handeln musste. Aber er
brachte einfach nicht den Mut auf, aufzustehen und
nachzuschauen, was sich innerhalb der Puppe befand. Er
fürchtete sich. Vielleicht würde das, was sich darin
verpuppt hatte, ihn verletzen. Vielleicht eine gro.e
Ver.nderung in seinem Leben herbeiführen. Tengo war wie
erstarrt. Er fühlte sich wie ein Mensch, dem jede Zuflucht
abhandengekommen war. Es war die gleiche Art von
Furcht, die ihn daran gehindert hatte, im Familienregister
nach seiner Mutter zu forschen und nach Aomame zu
suchen. Er wollte nicht wissen, was die Puppe enthielt, die
man hier für ihn deponiert hatte. Davonzukommen, ohne
etwas zu erfahren, w.re ihm sehr recht gewesen. Am
liebsten h.tte er auf der Stelle das Zimmer verlassen und
w.re sofort in den Zug gestiegen und nach Tokio
zurückgefahren. H.tte die Augen geschlossen, sich die
Ohren verstopft und w.re in seine kleine bescheidene Welt
geflüchtet.
Aber Tengo wusste, dass er das nicht konnte. Wenn ich
jetzt gehe, dachte er, ohne gesehen zu haben, was in dem
Ding ist, werde ich es zweifellos mein ganzes Leben lang
bereuen. Sollte ich jetzt die Augen vor diesem
Etwas verschlie.en, werde ich mir das wohl niemals
verzeihen.
Lange blieb Tengo ratlos und unentschlossen auf dem
Hocker sitzen. Er konnte weder vor noch zurück. Die
H.nde im Scho. gefaltet, starrte er auf das Bett mit der
Puppe. Mitunter warf er einen Blick zum Fenster, als k.nne
er durch es hindurch entfliehen. Die Sonne war nun
untergegangen, und die leichte D.mmerung hüllte das
Kiefernw.ldchen langsam ein. Noch immer war es
windstill. Auch die Wellen rauschten nicht. Es herrschte
eine wundersame Stille. Mit zunehmender Dunkelheit
wurde das Licht, das das wei.e Gespinst aussandte,
intensiver und lebhafter. Tengo spürte, dass die Puppe ein
Eigenleben hatte. Sie verstr.mte das heitere Leuchten des
Lebens. Sie hatte eine eigentümliche W.rme und einen
feinen Klang.
Endlich fasste sich Tengo ein Herz, verlie. den Hocker
und beugte sich über das Bett. Er konnte nicht l.nger
fliehen. Er konnte nicht leben, indem er die Augen vor
diesem Gegenstand verschloss wie ein ver.ngstigtes Kind.
Nur der Wille zur Wahrheit gab einem Menschen die
n.tige Kraft. Wie auch immer diese Wahrheit beschaffen
war, er musste sie kennen.
Der Spalt hatte sich nicht ver.ndert, war weder gr..er
noch kleiner geworden. Er sp.hte mit
zusammengekniffenen Augen hinein, konnte aber nicht
erkennen, ob sich im Inneren der Puppe etwas befand. Es
war dunkel darin, und auf etwa halber H.he spannte sich
eine Art dünne Membran. Tengo atmete tief durch und
vergewisserte sich, dass seine Finger nicht zitterten. Nun
führte er sie in den etwa zwei Zentimeter breiten Spalt ein
und zog ihn behutsam nach rechts und links auseinander,