als würde er eine Tür mit zwei Flügeln .ffnen. Er lie. sich
widerstands- und ger.uschlos weiten. Als habe er nur auf
Tengos H.nde gewartet.
Das weiche schneeige Licht der Puppe aus Luft
beleuchtete weich das Innere. Obwohl es nicht sehr hell
war, vermochte Tengo die Gestalt darin zu erkennen.
Er sah ein sch.nes zehnj.hriges M.dchen.
Das M.dchen schlief. Es trug ein schlichtes wei.es Kleid,
das wie ein Nachthemd aussah. Die kleinen H.nde lagen
übereinander auf der flachen Brust. Tengo wusste auf den
ersten Blick, wer es war. Das schmale Gesicht, die geraden,
wie mit dem Lineal gezogenen Lippen. Die wohlgeformte
glatte Stirn, die ein gerader Pony bedeckte. Die kleine Nase,
die wie suchend leicht nach oben zeigte. Die seitlich
hervorstehenden Wangenknochen. Die Lider waren
geschlossen, aber Tengo wusste genau, wie die Augen
dahinter aussahen. Wie auch nicht? Er hatte die letzten
zwanzig Jahre seines Lebens mit der Erinnerung an sie
verbracht.
Aomame, rief er. Sie lag in festem Schlaf. Er schien endlos
tief und natürlich zu sein. Sie atmete nur ganz sacht. Ihr
Herzschlag war so schwach, dass kein menschliches Ohr
ihn vernehmen konnte. Sie hatte nicht einmal die Kraft, die
Lider aufzuschlagen. Ihre Zeit war noch nicht gekommen.
Ihr Bewusstsein weilte in weiter Ferne. Doch dann versetzte
Tengos Ausruf ihr Trommelfell in eine leichte Schwingung.
Denn es war ihr Name, den er rief.
Aomame h.rte ihn an ihrem weit entfernten Ort. Tengo,
dachte sie seinen Namen. Dann sprach sie ihn laut aus.
Doch die Lippen des M.dchens in der Puppe aus Luft
blieben unbewegt. Auch Tengos Ohren erreichte er nicht.
Er betrachtete unentwegt das Gesicht des M.dchens, das
mechanisch und flach atmete, wie ein Mensch, dem man
die Seele geraubt hatte. Es wirkte sehr friedlich. Keine Spur
von Trauer, Schmerz oder Furcht war darin zu erkennen.
Ganz leicht bewegten sich die kleinen schmalen Lippen, als
wollten sie ein bestimmtes Wort formen. Auch ihre Lider
flatterten, schienen sich .ffnen zu wollen. Tengo betete von
ganzem Herzen, dass es so sein m.ge. Er kannte kein
richtiges Gebet, aber sein Inneres entsandte ein formloses
Flehen in den Raum. Doch es sah nicht so aus, als würde
das M.dchen aus seinem Schlaf erwachen.
Aomame, rief Tengo noch einmal. Er hatte ihr so viel zu
sagen. Er musste ihr seine Gefühle mitteilen. All die Jahre
seines Lebens hatte er sie bewahrt. Doch nun konnte er
wieder nur ihren Namen rufen.
Aomame, rief er wieder.
Entschlossen streckte er die Arme aus und berührte die
H.nde des M.dchens in der Puppe. Legte seine gro.en
Erwachsenenh.nde behutsam darauf. Eine dieser kleinen
H.nde hatte damals die Hand des zehnj.hrigen Tengo
gedrückt. Sie einfach ergriffen und ihm damit so viel Kraft
gegeben. Die H.nde des M.dchens dort im schwachen
Schein der Puppe besa.en unverkennbar die W.rme des
Lebens. Aomame war gekommen, um ihm ihre W.rme zu
übermitteln. Davon war Tengo überzeugt. Darin lag die
Bedeutung des P.ckchens, das sie ihm vor zwanzig Jahren
in jenem Klassenzimmer übergeben hatte. Endlich konnte
er es .ffnen und hineinsehen.
Aomame, sagte Tengo. Ich habe dich gefunden.
Auch nachdem das Leuchten der Puppe allm.hlich
schw.cher geworden und schlie.lich, wie von der
Dunkelheit aufgesogen, zusammen mit der m.dchenhaften
Gestalt Aomames ganz verschwunden war und Tengo nicht
mehr genau wusste, ob all das wirklich stattgefunden hatte,
spürte er an seinen Fingern noch immer die vertraute
W.rme der kleinen H.nde.
Dieses Gefühl wird mich in alle Ewigkeit nicht verlassen,
dachte er, als er wieder im Expresszug in Richtung Tokio
sa.. In den vergangenen zwanzig Jahren hatte Tengo mit
dem Gefühl der Berührung gelebt, das die Hand dieses
M.dchens bei ihm hinterlassen hatte. Von nun an würde er
mit dieser neuen W.rme leben.
In einer der gro.en Kurven der gebirgigen Küste konnte
er die beiden Monde nebeneinander am Himmel sehen.
Den gro.en gelben und den kleinen grünen Mond. Ihre
Umrisse waren klar, aber die Entfernung war nicht zu
sch.tzen. Die kleinen Wellen reflektierten ihr Licht
geheimnisvoll glitzernd wie verstreute Glassplitter. Als der
Zug in die Kurve ging, zogen die beiden Monde langsam am
Fenster vorbei, lie.en als stummes Zeichen diese kleinen
Scherben zurück und waren bald aus seinem Blickfeld
verschwunden.
Als die Monde nicht mehr sichtbar waren, kehrte die
W.rme wieder in Tengos Brust zurück. Es war eine
ermutigende W.rme, die ein fernes, aber festes
Versprechen vermittelte und dem Reisenden wie ein
kleines Licht den Weg wies.
Von nun an werde ich in dieser Welt leben, dachte Tengo
mit geschlossenen Augen. Er wusste noch nicht, wie sie
entstanden war und nach welchen Prinzipien sie sich
bewegte. Was in ihr geschehen würde, lie. sich nicht
vorhersagen. Aber das war ihm gleich. Er brauchte keine
Angst zu haben. Was ihn auch erwartete, er würde auf der
Welt mit den zwei Monden überleben und seinen Weg
finden. Wenn er diese W.rme nicht verga. und den Mut
nicht verlor.
Lange hielt Tengo die Augen geschlossen. Als er sie
endlich aufschlug und in die frühherbstliche Dunkelheit
vor dem Fenster blickte, war das Meer nicht mehr zu sehen.
Ich werde Aomame finden, bekr.ftigte er seinen
Entschluss. Was auch geschieht, wo und wer sie auch sei.
In diesem Roman wurden Begriffe und Formulierungen
verwendet, die im Jahre 1984 eventuell noch nicht üblich
waren.
Die Insel Sachalin von Anton Tschechow wurde zitiert
nach: Anton .echov, Die Insel Sachalin, aus dem
Russischen von Gerhard Dick, hrsg. und mit Anmerkungen
versehen von Peter Urban, Diogenes: Zürich 1976.
Haruki Murakami, 1949 geboren, ist der gefeierte und mit
h.chsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor
zahlreicher Romane und Erz.hlungen, die in rund vierzig
Sprachen übersetzt wurden. 2006 erhielt er den Franz-
Kafka-Preis, 2009 den Jerusalem-Preis für Literatur. Zuletzt
erschienen bei DuMont der Roman .Afterdark., das
Sachbuch .Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.
sowie die von Kat Menschik illustrierte Erz.hlung .Schlaf..
Ursula Gr.fe hat Japanologie und Anglistik studiert. Aus
dem Japanischen übersetzte sie u.a. den Nobelpreistr.ger
Kenzaburo ōe, Yōko Ogawa, Hikaru Okuizumi und Haruki
Murakami.
TN 2010
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