erkl.rte Komatsu in ernstem Ton. .Es w.re gut, wenn wir
die Zahl der Leute, die das Geheimnis kennen, m.glichst
gering halten k.nnten. Im Augenblick wissen auf der
ganzen Welt nur drei Leute von unserem Plan. Du, ich und
Fukaeri. Das sollte m.glichst so bleiben. Verstehst du?.
.Theoretisch ja., sagte Tengo.
Komatsus Stimme wurde wieder weicher. .Wie dem auch
sei – Hauptsache, Fukaeri ist einverstanden, dass du das
Manuskript redigierst. Alles Weitere wird sich finden..
Tengo wechselte den H.rer in die linke Hand und presste
den rechten Zeigefinger nachdenklich gegen die Schl.fe.
.Wissen Sie, Herr Komatsu, ich bin irgendwie unsicher.
Es gibt keinen eindeutigen Grund dafür, aber momentan
habe ich das Gefühl, dass wir im Begriff sind, in etwas ganz
Ungew.hnliches verwickelt zu werden. Als ich diesem
M.dchen gegenübersa., habe ich es nicht so deutlich
gespürt, aber seit ich mich von ihr verabschiedet habe und
wieder für mich bin, hat dieses Gefühl sich zunehmend
verst.rkt. Man k.nnte es eine Vorahnung oder eine Art
Vorgefühl nennen. Auf alle F.lle stimmt hier etwas nicht.
Etwas ist nicht normal. Das spüre ich, nicht im Kopf,
sondern im Bauch..
.Du hast dich mit Fukaeri getroffen und dich dann so
gefühlt?.
.Ja. Fukaeri ist wahrscheinlich authentisch. Aber auch das
ist natürlich nur meine Intuition..
.Meinst du, sie hat echtes Talent?.
.Das wei. ich noch nicht. Ich habe sie ja gerade erst
kennengelernt., antwortete Tengo. .Nur sieht sie vielleicht
etwas, das wir nicht sehen. Hat vielleicht irgendetwas
Besonderes. Das besch.ftigt mich irgendwie..
.Ist sie verrückt?.
.Sie hat etwas Exzentrisches, aber ich glaube nicht, dass
sie richtig verrückt ist. Was sie sagt, klingt im Gro.en und
Ganzen sinnvoll., sagte Tengo. Er machte eine kurze Pause.
.Nur ist da irgendetwas, das mich irritiert..
.Wie dem auch sei, menschlich ist sie jedenfalls an dir
interessiert., sagte Komatsu.
Tengo suchte nach passenden Worten, aber er fand keine.
.So weit reicht meine Kenntnis nicht., erwiderte er.
.Sie trifft sich mit dir, und du hast zumindest die
Erlaubnis, .Die Puppe aus Luft. zu überarbeiten. Das hei.t
doch letztendlich, dass sie dich mag. Wirklich, eine gute
Leistung, Tengo, alter Freund. Was jetzt kommt, wei. ich
auch nicht. Natürlich ist es ein Risiko. Aber Gefahr ist die
Würze des Lebens. Du machst dich jetzt sofort an die
Bearbeitung von .Die Puppe aus Luft.. Die Zeit dr.ngt. Wir
müssen das redigierte Manuskript so schnell wie m.glich in
den Stapel der eingereichten zurücklegen. Mit dem
Original vertauschen. Meinst du, du schaffst es in zehn
Tagen?.
Tengo st.hnte. .Das ist hart..
.Es muss ja keine endgültige Version sein. In der
n.chsten Phase kannst du immer noch ein bisschen daran
feilen. Es reicht, wenn du eine vorl.ufige Fassung erstellst..
Tengo überschlug grob im Kopf, wie lange er brauchen
würde. .In zehn Tagen müsste ich es eigentlich schaffen
k.nnen. Auch wenn es schwer wird..
.Also dann los, ans Werk!., rief Komatsu aufger.umt.
.Du betrachtest die Welt mit ihren Augen. Du wirst der
Mittler, du verknüpfst Fukaeris Welt mit der wirklichen
Welt. Du kannst das, Tengo. Ich –.
An dieser Stelle gingen Tengo die Zehn-Yen-Münzen aus.
KAPITEL 5
Aomame
Ein Beruf, für den man Fachkenntnisse
und Erfahrung braucht
Nachdem Aomame ihren Auftrag ausgeführt hatte, ging
sie ein Stück zu Fu.. Schlie.lich winkte sie ein Taxi heran
und fuhr in ein Hotel in Akasaka. Ehe sie nach Hause
zurückkehrte, um zu schlafen, musste sie ihre
angespannten Nerven mit einem Drink beruhigen.
Immerhin hatte sie gerade einen Mann ins Jenseits
bef.rdert. Er war zwar eine Ratte, die sich nicht
beschweren konnte, wenn sie ermordet wurde, aber ein
Mensch blieb doch ein Mensch. Unter ihren H.nden war
ein Leben erloschen, und dieses Gefühl haftete ihnen noch
an. Ein letztes Aushauchen, und die Seele hatte den K.rper
verlassen.
Aomame war schon mehrmals in dieser Hotelbar
gewesen. Sie lag im obersten Stockwerk eines Hochhauses,
hatte eine gro.artige Aussicht und eine angenehme
Atmosph.re.
Als sie die Bar betrat, war es kurz nach sieben. Ein junges
Duo an Klavier und Gitarre spielte .Sweet Lorraine.. Sie
orientierten sich h.rbar an einer alten Aufnahme von Nat
King Cole, machten ihre Sache aber gar nicht schlecht. Wie
immer setzte Aomame sich an die Bar und bestellte einen
Gin Tonic und ein Sch.lchen Pistazien. Noch konnte sie die
G.ste z.hlen. Ein junges Paar, das in die Aussicht
versunken seine Cocktails trank. Vier M.nner in Anzügen,
offenbar bei einer gesch.ftlichen Besprechung. Ein
ausl.ndisches Ehepaar mittleren Alters, beide hielten
Martini-Gl.ser in der Hand. Aomame lie. sich Zeit mit
ihrem Gin Tonic. Sie wollte nicht gleich betrunken werden.
Die Nacht war noch lang.
Sie nahm ein Buch aus ihrer Umh.ngetasche und begann
zu lesen. Es handelte von der Mandschurischen Eisenbahn
in den drei.iger Jahren. Die Mandschurische Eisenbahn
(eigentlich die Südmandschurische Eisenbahn-
Aktiengesellschaft) war 1906 nach dem Ende des Russisch-
Japanischen Krieges gegründet worden. Der südliche Teil
der Eisenbahnstrecke befand sich seither unter japanischer
Kontrolle. Die russische Spurweite wurde den japanischen
Bedürfnissen entsprechend umgestellt, die Schienenstrecke
rapide ausgebaut. Die Südmandschurische
Eisenbahngesellschaft, die sozusagen die Speerspitze des
japanischen Kaiserreichs bei der Besetzung Chinas gewesen
war, wurde 1945 von der Sowjetarmee aufgel.st. Bis
Deutschland im Jahr 1941 den Krieg gegen Russland
er.ffnete, war die Strecke mit der Sibirischen Eisenbahn
verbunden, und man konnte in dreizehn Tagen von
Shimonoseki nach Paris reisen.
Eine junge Frau im Kostüm, die, eine gro.e
Umh.ngetasche neben sich, in einer Hotelbar einen Drink
nahm und ein (gebundenes) Buch über die Mandschurische
Eisenbahn las, würde wahrscheinlich nicht so leicht für
eine bestellte Edelprostituierte gehalten werden, auch
wenn sie allein war. Dachte Aomame. Allerdings wusste sie
nicht genau, wie eine echte Edelprostituierte aussah.
Diejenigen, deren Kundschaft aus erfolgreichen
Gesch.ftsm.nnern bestand, bemühten sich vermutlich
auch um ein seri.ses .u.eres, um nicht aus der Bar
geworfen zu werden oder die Freier nicht zu verunsichern.
Trugen vielleicht ein Kostüm von Junko Shimada mit einer
wei.en Bluse, kein Make-up, hatten eine gro.e praktische
Umh.ngetasche bei sich und lasen in Büchern über die
Mandschurische Eisenbahn. Wenn man es so betrachtete,
unterschied sich Aomames Verhalten nicht substantiell von
dem einer Prostituierten, die auf Kundschaft wartete.
Mit der Zeit fanden sich immer mehr G.ste ein.
Unversehens erfüllte Stimmengewirr den Raum. Doch der
Typ Gast, nach dem Aomame Ausschau hielt, hatte sich
noch nicht blicken lassen. Aomame nahm einen weiteren
Gin Tonic, bestellte in Streifen geschnittene Rohkost (sie
hatte noch nicht zu Abend gegessen) und las weiter in
ihrem Buch. Wenig sp.ter erschien ein Mann und setzte
sich an die Bar. Er war nicht in Begleitung. Seine Haut war
leicht gebr.unt, und er trug einen teuren blaugrauen
Ma.anzug. Die Krawatte war auch nicht schlecht gew.hlt.
Nicht zu auff.llig, nicht zu schlicht. Er mochte um die
fünfzig Jahre alt sein und hatte ziemlich schütteres Haar.
Eine Brille trug er nicht. Wahrscheinlich war er auf
Gesch.ftsreise in Tokio, hatte seine Termine erledigt und
wollte sich vor dem Schlafengehen noch ein Glas
genehmigen. Wie Aomame. Dem K.rper genügend Alkohol
zuführen, um die angespannten Nerven zu beruhigen.
Der gr..te Teil der Gesch.ftsleute, die dienstlich nach
Tokio kamen, übernachtete nicht in Luxushotels wie
diesem, sondern in den preisgünstigeren Business-Hotels in
Bahnhofsn.he, in denen die Zimmer so klein waren, dass
das Bett fast den ganzen Raum einnahm. Durch das Fenster
sah man auf die Mauer des Nachbargeb.udes, und man
konnte nicht duschen, ohne sich ungef.hr zwanzigmal die
Ellbogen anzusto.en. In jedem Stockwerk standen
Getr.nkeautomaten und solche für Kosmetikartikel auf
dem Gang. Diese Leute bekamen entweder von Anfang an
nur diesen Spesenbetrag, oder sie wollten durch die
übernachtung in einem Billighotel einen Teil der Spesen
sparen und in die eigene Tasche stecken. Sie tranken in
einer benachbarten Kneipe ein Bier und gingen schlafen.
Zum Frühstück a.en sie im Gyudonya nebenan eine Schale
Rindfleisch auf Reis.
Die G.ste in diesem Hotel geh.rten jedoch einer ganz
anderen Kategorie an. Wenn sie nach Tokio kamen, reisten
sie nur in der Ersten Klasse, im Green Car und dem
Superexpress und übernachteten in teuren Hotels. Nach
der Arbeit gingen sie zur Entspannung in die Hotelbar und
g.nnten sich edle Getr.nke. Die meisten hatten eine
leitende Position in einer gro.en, erfolgreichen Firma.
Oder sie waren selbstst.ndige Unternehmer, .rzte,
Anw.lte. Sie hatten das mittlere Alter erreicht und waren
einen recht freien Umgang mit Geld gewohnt. Auf diesen
Typ hatte Aomame es abgesehen.
Schon als sie kaum zwanzig Jahre alt war, hatte sie sich zu
.lteren M.nnern mit schütterem Haar hingezogen gefühlt –
warum, h.tte sie selbst nicht zu sagen gewusst. Besser als
vollst.ndige Kahlheit gefiel es ihr, wenn ihnen noch etwas
Haar geblieben war. Es genügte allerdings nicht, wenn das
Haar einfach nur schütter war. Hatte der Mann keine
sch.ne Kopfform, ging gar nichts. Ihr Ideal war Sean
Connery. Sie fand seinen zurückweichenden Haaransatz
und die Form seines Kopfes unglaublich sch.n und sexy.
Allein dieser Anblick verursachte ihr Herzklopfen. Die
Kopfform des Mannes, der zwei Hocker von ihr entfernt an
der Bar Platz genommen hatte, war auch nicht übel.
Natürlich kein Vergleich zu Sean Connery, aber immerhin
hatte er eine gewisse Ausstrahlung. Sein Haaransatz war
weit hinter die Stirn zurückgewichen, und das verbliebene
Haar erinnerte an eine reifbedeckte Wiese im Sp.therbst.
Aomame schaute kurz von ihrem Buch auf, um den Kopf
des Mannes in Augenschein zu nehmen. Sein Gesicht war
nicht sonderlich beeindruckend. Er war nicht dick, aber die
Kinnpartie war schon etwas erschlafft. Unter den Augen
hatte er leichte Tr.nens.cke. Ein Mann in mittleren Jahren,
wie man ihn überall findet. Dennoch gefiel ihr die Form
seines Kopfes.
Als der Barkeeper ihm die Speisekarte und ein feuchtes
Tuch reichte, bestellte er, ohne einen Blick auf die Karte zu
werfen, einen Scotch Highball. .Welche Marke bevorzugen
der Herr?., erkundigte sich der Barkeeper. .Keine
besondere. Nehmen Sie irgendeinen., sagte der Mann. Er
hatte eine ruhige, entspannte Stimme. Sie erkannte den
weichen Tonfall, den die Menschen aus Kansai haben. Als
sei es ihm gerade erst eingefallen, fragte der Mann
pl.tzlich, ob es Cutty Sark g.be. Der Barkeeper bejahte.
Nicht schlecht, dachte Aomame. Dass der Mann sich nicht
für einen Chivas Regal oder einen exklusiven Single Malt
entschieden hatte, nahm Aomame für ihn ein. Sie vertrat
die pers.nliche Ansicht, dass Leute, die in Bars ein gro.es
Brimborium um ausgefallene Alkoholmarken
veranstalteten, in sexueller Hinsicht Nieten waren. Der
Grund war ihr nicht klar.
Aomame mochte seinen weichen westjapanischen
Akzent. Das war doch etwas ganz anderes als diese Leute,
die in Kansai geboren und aufgewachsen waren und die,
wenn sie in die Hauptstadt kamen, mit Gewalt versuchten,
wie Tokioter zu klingen. Sie fand die fremde Betonung, mit
der er ihr bekannte Worte aussprach, .u.erst reizvoll. Der
eigentümliche Tonfall beruhigte sie auf seltsame Weise. Sie
beschloss, mit diesem Mann mitzugehen. Eigentlich nur,
um nach Herzenslust mit den Fingern durch sein lichtes
Haar zu fahren. Als der Barkeeper dem Mann seinen Cutty
Sark Highball servierte, bestellte sie absichtlich so, dass der
Mann es h.ren konnte, einen Cutty Sark mit Eis. .Kommt
sofort., antwortete der Barkeeper ausdruckslos.
Der Mann .ffnete seinen obersten Hemdknopf und
lockerte die klein gemusterte blaue Krawatte. Das Hemd
war von einem sehr üblichen Hellblau. Aomame las,
w.hrend sie auf ihren Cutty Sark wartete. Dabei .ffnete sie
beil.ufig einen Knopf ihrer Bluse. Die Kapelle spielte .It’s
Only a Paper Moon.. Der Pianist sang nur einen Chorus.
Als Aomame ihren Drink bekam, nippte sie daran. Sie
merkte, dass der Mann verstohlen in ihre Richtung sah.
Aomame schaute von ihrem Buch auf und sah zu ihm
hinüber. Nonchalant und wie zuf.llig. Als sie seinem Blick
begegnete, l.chelte sie kaum wahrnehmbar. Dann sah sie
sofort wieder weg und tat, als schaue sie aus dem Fenster in
die Nacht.
Es war der ideale Augenblick für einen Mann, eine Frau
anzusprechen. Sie hatte die Situation absichtlich
herbeigeführt. Aber der Mann tat nichts dergleichen.
Verdammt, dachte Aomame, das darf doch nicht wahr sein!
Das ist doch das Mindeste, was man erwarten kann. Er ist
doch kein grüner Junge mehr.
Aomame mutma.te, dass dem Mann die Courage fehlte.
Wahrscheinlich fürchtete er, Hohn und Spott zu ernten
und sich als alter Glatzkopf zum Narren zu machen, wenn
er mit seinen fünfzig Jahren eine junge Frau in den
Zwanzigern ansprach. Du liebe Güte, dachte sie, manche
hatten aber auch gar keine Ahnung.
Sie klappte das Buch zu und packte es in ihre Tasche. Und
sprach den Mann von sich aus an.
.M.gen Sie Cutty Sark?., fragte sie.
Der Mann blickte sie erstaunt an. Seine ratlose Miene
zeigte, dass er nicht wusste, was er gefragt worden war.
Dann ver.nderte sich sein Ausdruck. ..hm, ja, Cutty Sark,
genau., sagte er, als erinnerte er sich. .Das Etikett hat mir
schon immer gefallen, und ich habe die Marke oft
getrunken. Weil ein Segelschiff drauf ist..
.Sie m.gen wohl Schiffe?.
.Ja. Segelschiffe eigentlich..
Aomame erhob ihr Glas. Auch der Mann hob sein
Highball-Glas leicht in die H.he. Wie um ihr zuzuprosten.