Aomame h.ngte sich die auf dem Hocker neben ihr
liegende Tasche über die Schulter, nahm ihr Whiskyglas
und setzte sich zwei Pl.tze weiter neben den Mann. Er
schien ein wenig erstaunt, aber bemüht, sich seine
überraschung nicht anmerken zu lassen.
.Ich bin hier mit einer ehemaligen Schulkameradin
verabredet, aber sie hat mich wohl versetzt., sagte
Aomame mit einem Blick auf ihre Armbanduhr. .Sie
kommt nicht, und gemeldet hat sie sich auch nicht..
.Vielleicht hat Ihre Freundin sich im Tag geirrt?.
.K.nnte sein. Sie war schon immer etwas unzuverl.ssig.,
sagte Aomame. .Ich werde noch kurz warten. K.nnten wir
uns in der Zeit ein wenig unterhalten? Oder m.chten Sie
lieber für sich sein?.
.Nein, nein, ganz und gar nicht., sagte der Mann in
wenig überzeugtem Ton. Er runzelte die Stirn und musterte
Aomame mit einem forschenden Blick. Offenbar fragte er
sich, ob sie wom.glich doch eine Prostituierte auf
Kundenfang war. Aber Aomame erweckte nicht diesen
Anschein. Sie hatte überhaupt nichts von einer
Prostituierten an sich. Seine Nervosit.t lie. ein wenig nach.
.Wohnen Sie in diesem Hotel?., fragte er.
Aomame schüttelte den Kopf. .Nein, ich lebe in Tokio.
Ich warte hier nur auf meine Freundin. Und Sie?.
.Ich bin auf Dienstreise., sagte er. .Ich komme aus Osaka
und bin wegen einer Konferenz hier. Eine ziemlich .de
Sache, aber da der Stammsitz der Firma in Osaka ist, w.re
es ungeh.rig, wenn von uns keiner teilnimmt..
Aomame l.chelte h.flich. Wei.t du, dachte sie, deine
Arbeit interessiert mich ungef.hr so viel wie Taubendreck.
Ich mag nur deine Kopfform. Doch natürlich sagte sie
nichts dergleichen.
.Einen Termin habe ich hinter mir. Darauf wollte ich
einen trinken. Morgen Vormittag habe ich noch eine
Sitzung, und dann fahre ich nach Osaka zurück..
.Ich habe auch gerade einen wichtigen Auftrag beendet.,
sagte Aomame.
.Oh? Worum ging es denn dabei?.
.Ich m.chte eigentlich nicht über meine Arbeit sprechen,
aber es war so was wie ein Spezialauftrag..
.Ein Spezialauftrag., wiederholte der Mann. .Also etwas,
das nicht jeder kann. Sie haben einen Beruf, der
Fachkenntnisse und Erfahrung erfordert..
Du bist ja ein wandelndes Lexikon, dachte Aomame. Aber
sie behielt auch das für sich und l.chelte nur. .Ja, so k.nnte
man es sagen..
Der Mann nahm wieder einen Schluck von seinem
Highball und fischte eine Nuss aus der Schale. .Es würde
mich interessieren, was Sie machen, aber Sie m.chten ja
nicht darüber sprechen..
Aomame nickte. .Im Moment nicht..
.Sie haben nicht zuf.llig einen Beruf, der mit Sprache zu
tun hat? Redakteurin oder Universit.tsdozentin?.
.Wie kommen Sie darauf?.
Der Mann nestelte an seinem Krawattenknoten herum
und zog ihn wieder fest. Auch den Hemdknopf schloss er.
.Nur so. Wahrscheinlich, weil sie die ganze Zeit so eifrig
in dem dicken Buch gelesen haben..
Aomame strich sanft mit dem Fingernagel am Rand ihres
Glases entlang. .Ich lese blo. gern. Mit meiner Arbeit hat
das nichts zu tun..
.Danebengeraten. Ich gebe mich geschlagen..
.Ja, daneben., sagte Aomame. Da kommst du im Leben
nicht drauf, fügte sie bei sich hinzu.
Der Mann musterte unauff.llig Aomames Figur. Sie tat,
als sei ihr etwas heruntergefallen, bückte sich und gew.hrte
ihm einen Einblick in ihr Dekolleté. So müsste etwas von
der Form ihrer Brüste zu sehen sein. Sie trug wei.e
Spitzenunterw.sche. Sie richtete sich auf und trank von
ihrem Cutty Sark on the rocks. Die gro.en runden
Eiswürfel in ihrem Glas klirrten.
.Nehmen Sie noch einen? Ich schon., sagte der Mann.
.Ja, gern., sagte Aomame.
.Sie sind recht trinkfest, nicht wahr?.
Aomame l.chelte unverbindlich. Dann wurde sie pl.tzlich
ernst. .Ach, mir f.llt gerade was ein. Kann ich Sie etwas
fragen?.
.Was denn?.
.Hat die Polizei kürzlich ihre Uniformen ge.ndert? Und
die Waffen, die sie tragen?.
.Was meinen Sie mit kürzlich?.
.Vor etwa einer Woche oder so..
Der Mann machte ein interessiertes Gesicht. .Die
Uniform und die Waffen bei der Polizei wurden wirklich
ge.ndert, aber das ist schon ein paar Jahre her. Statt dieser
steifen Uniformjacke tragen die Beamten jetzt eine Art
sportlichen Anorak. Au.erdem wurden sie damals auch mit
einem neuen Automatikmodell ausgestattet. Danach gab
es, soweit ich wei., keine gr..eren Ver.nderungen mehr..
.Die japanische Polizei hatte doch diese altmodischen
Revolver. Bis letzte Woche noch..
Der Mann schüttelte den Kopf. .Nein, da irren Sie sich.
Die japanische Polizei verwendet schon l.nger
automatische Waffen..
.K.nnen Sie das mit Gewissheit sagen?.
Bei ihrem Ton fuhr der Mann leicht zusammen. Zwischen
seinen Augen bildete sich eine Falte, und er versuchte
ernsthaft, sich zu erinnern. .Ja, also, wenn Sie mich so
direkt fragen, bin ich unsicher. Es hat nur in der Zeitung
gestanden, dass alle Waffen der Polizei durch neuere
Modelle ersetzt wurden. Damals gab es irgendein Problem.
Die Durchschlagskraft der neuen Waffen sei zu hoch, hie.
es, und wie üblich protestierte eine Bürgerinitiative bei der
Regierung..
.Wie viele Jahre ist das her?., fragte Aomame.
Der Mann rief den schon etwas .lteren Barkeeper herbei.
.Wann war das, als die Uniformen und Waffen der Polizei
erneuert wurden?., fragte er ihn.
.Vor zwei Jahren im Frühjahr., antwortete der Barkeeper
prompt.
.Donnerwetter, das nenne ich ein erstklassiges Hotel! Der
Barkeeper wei. alles., sagte der Mann und lachte.
Der Barkeeper lachte ebenfalls. .Nein, nein. Ich erinnere
mich nur so gut daran, weil mein jüngerer Bruder zuf.llig
bei der Polizei ist. Er konnte sich nicht an die neue Uniform
gew.hnen und beklagte sich dauernd darüber. Auch die
Waffe sei zu schwer, meinte er. Er beschwert sich sogar
jetzt noch darüber. Die neue ist eine Beretta 9 mm
Automatik, aber man kann sie auch auf Halbautomatik
umstellen. Momentan hat wohl Mitsubishi die Lizenz für
die japanische Produktion. Hier bei uns kommt es nur
selten zu Feuergefechten, deshalb w.ren so schwere Waffen
nicht unbedingt n.tig. Man hat eher die Sorge, dass sie
gestohlen werden. Aber es war die Absicht der Regierung,
die Schlagkraft der Polizei zu st.rken und zu verbessern..
.Was wurde aus den alten Revolvern?. Aomame
kontrollierte ihren Tonfall, so gut sie konnte.
.Sie wurden wohl demontiert und entsorgt., sagte der
Barkeeper. .Ich habe in den Nachrichten im Fernsehen
gesehen, wie sie zerlegt wurden. Allein das und die
Vernichtung der Munition nahm eine Menge Zeit in
Anspruch..
.Man h.tte sie doch ins Ausland verkaufen k.nnen.,
sagte der Gesch.ftsmann mit dem schütteren Haar.
.Der Export von Waffen ist verfassungsrechtlich
verboten., erkl.rte der Barkeeper bescheiden.
.Donnerwetter, die Barkeeper in diesen erstklassigen
Hotels –.
.Das hei.t also, die japanische Polizei verwendet seit
zwei Jahren keine Revolver mehr. Stimmt das?., fragte
Aomame den Barkeeper, indem sie dem Mann das Wort
abschnitt.
.Soweit ich wei., ja..
Aomame verzog leicht das Gesicht. Werde ich allm.hlich
verrückt? Ich habe doch gerade erst heute Morgen einen
Polizisten in der alten Uniform und mit einem Revolver
gesehen. Dass die alten Modelle s.mtlich entsorgt wurden,
davon habe ich noch nie geh.rt. Aber ich kann mir kaum
vorstellen, dass dieser Mann und der Barkeeper sich beide
falsch erinnern oder lügen. Also bin ich im Irrtum.
.Vielen Dank, das war sehr aufschlussreich., sagte
Aomame zum Barkeeper. Er schenkte ihr ein
professionelles, genau bemessenes L.cheln und ging wieder
an seine Arbeit.
.Interessieren Sie sich für die Polizei?., fragte der Mann
neben ihr.
.Nein, eigentlich nicht., antwortete Aomame vage. .Ich
konnte mich nur nicht mehr genau erinnern..
Die beiden nippten an ihren frisch servierten Drinks – er
an seinem Cutty Sark Highball, sie an ihrem Cutty Sark on
the rocks. Der Mann erz.hlte, er habe im Hafen von
Nishinomiya eine eigene kleine Yacht liegen. An freien
Tagen segle er damit aufs Meer hinaus. Begeistert
schw.rmte er, wie herrlich es sei, allein auf dem Meer zu
sein und den Wind auf seinem K.rper zu spüren. Aomame
wollte die Geschichten über seine bl.de Yacht nicht h.ren.
Da w.ren ihr die Geschichte des Kugellagers oder die
Verteilung der ukrainischen Mineralvorkommen oder so
noch lieber gewesen. Sie schaute auf ihre Armbanduhr.
.Es ist sp.t, darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen?.
.Aber bitte doch..
.Es ist aber, wie soll ich sagen, etwas Pers.nliches..
.Gern – wenn ich sie beantworten kann..
.Haben Sie einen gro.en Schwanz?.
Der Mann .ffnete leicht den Mund, kniff die Augen
zusammen und starrte Aomame an. Wahrscheinlich traute
er seinen Ohren nicht. Aber sie machte ein sehr ernstes
Gesicht. Sie scherzte nicht. Das wusste man, wenn man ihr
in die Augen sah.
.Nun, also., antwortete der Mann todernst, .ich wei.
nicht genau. Wahrscheinlich ungef.hr normal. Was soll
man sagen, wenn man pl.tzlich so etwas gefragt wird ….
.Wie alt sind Sie?., fragte Aomame.
.Ich bin im letzten Monat einundfünfzig geworden.,
sagte der Mann unsicher.
.Sie sind normal intelligent und haben über fünfzig Jahre
gelebt, üben einen respektablen Beruf aus, besitzen sogar
eine Yacht und k.nnen nicht beurteilen, ob Ihr Penis im
allgemeinen Weltdurchschnitt gro. oder klein ist?.
..h, ja, also, es k.nnte sein, dass er ein bisschen gr..er
als normal ist., brachte der Mann nach kurzer überlegung
gequ.lt hervor.
.Ach, wirklich?.
.Was kümmert Sie das überhaupt?.
.Kümmert? Wer sagt, dass es mich kümmert?.
..h, nein, das sagt ja niemand, aber …., sagte der Mann,
w.hrend er leicht auf seinem Hocker zurückwich. .Weil
das jetzt auf einmal ein Problem geworden zu sein
scheint..
.Das ist kein Problem, nicht im Geringsten., erwiderte
Aomame nachdrücklich. .Nur dass ich pers.nlich eine
Vorliebe für gr..ere Penisse habe. Vom Visuellen her. Es ist
nicht so, dass ich nichts fühle oder so, wenn er nicht gro.
ist. Es geht nicht um je gr..er, desto besser. Nur dass mir
gr..ere eben gefühlsm..ig ziemlich gut gefallen. Ist das
verboten? Hat nicht jeder seine Vorlieben? Aber l.cherlich
gro. soll er auch nicht sein. Das tut nur weh. Verstehen
Sie?.
.Tja, in dem Fall würde Ihnen meiner wahrscheinlich
gefallen. Er ist ein bisschen gr..er als der Durchschnitt,
aber von l.cherlich gro. kann wirklich nicht die Rede sein.
Das hei.t, eigentlich ist er genau richtig ….
.Sie schwindeln mich jetzt aber nicht an?.
.Was h.tte es für einen Zweck, bei so etwas zu
schwindeln?.
.Dürfte ich dann wohl mal einen Blick darauf werfen?.
.Hier?.
Aomame beherrschte ihre Miene. .Hier? Was ist los mit
Ihnen? Wie kann man in Ihrem Alter auf so eine Idee
kommen? Sie tragen Anzug und Krawatte und sind
leitender Angestellter. Haben Sie denn gar kein Gefühl für
Anstand? Wie wollen Sie mir denn hier bittesch.n Ihren
Penis zeigen? überlegen Sie doch mal. Was sollen die Leute
denken! Wir gehen jetzt auf Ihr Zimmer, Sie ziehen die
Hose aus und lassen mich einen Blick darauf werfen. Nur
wir zwei. Einverstanden?.
.In Ordnung, und was machen wir dann?., fragte der
Mann nerv.s.
.Was wir dann machen?. Aomame hielt den Atem an
und verzog ziemlich verwegen das Gesicht. .Sex – das ist
doch klar. Was denn sonst? Denken Sie, ich gehe extra mit
Ihnen auf Ihr Zimmer, gucke mir Ihren Pimmel an, sage
.Vielen Dank, sehr freundlich, dass Sie mir etwas so
Sch.nes zeigen. Gute Nacht. und gehe nach Hause? Sind
Sie eigentlich noch bei Trost?.
Der Mann schluckte angesichts der dramatischen
Ver.nderung von Aomames Gesicht. Wenn sie es verzog,
wichen die meisten M.nner zurück. Ein kleines Kind h.tte
sich wahrscheinlich in die Hose gemacht. Ihre Grimasse
hatte etwas Furchterregendes. Sie überlegte, ob sie es
vielleicht übertrieben hatte. Sie durfte den Mann nicht so
in Angst versetzen. Denn es gab etwas, das sie vorher
erledigen musste. Hastig brachte sie ihre Miene wieder
unter Kontrolle und zwang sich zu einem L.cheln.
.Kurz gesagt., wandte sie sich wieder an ihr Gegenüber,
.wir gehen auf Ihr Zimmer, ins Bett und haben Sex. Sie sind
ja wohl nicht schwul oder impotent oder so was?.
..h, nein, ich glaube nicht. Ich habe ja zwei Kinder ….
.Wie viele Kinder Sie haben, interessiert hier niemanden.
Verschonen Sie mich mit Einzelheiten, schlie.lich machen
wir hier keine Volksz.hlung. Alles, was ich frage, ist, ob Ihr
Penis steht, wenn Sie mit einer Frau ins Bett gehen. Mehr
nicht..
.Bisher hat er in keinem entscheidenden Moment
versagt., antwortete der Mann. .Aber Sie sind doch eine
Professionelle …? Das hei.t, eine Frau, die so etwas
berufsm..ig macht, oder?.
.Nein, bin ich nicht. Ich bin weder eine Nutte noch
pervers. Nur eine ganz gew.hnliche Bürgerin. Diese
gew.hnliche Bürgerin wünscht sich schlichten, ehrlichen
Geschlechtsverkehr mit einem Mitglied des anderen
Geschlechts. Nichts Au.ergew.hnliches. Nur die ganz
normale Sache. Wo ist das Problem? Ich habe einen
schwierigen Auftrag hinter mir, es ist Abend, ich m.chte
mich bei ein paar Drinks und Sex mit einem Unbekannten
entspannen. Meine Nerven beruhigen. Das brauche ich. Sie
als Mann müssten das doch eigentlich verstehen..
.Natürlich verstehe ich das, aber ….
.Es kostet Sie keinen einzigen Yen. Wenn Sie mich v.llig
befriedigen, kann sogar ich Ihnen Geld geben. Wir
benutzen ein Kondom, also brauchen Sie auch keine Angst
vor Krankheiten zu haben. Verstanden?.
.Ja, habe ich, aber ….
.Sie wirken irgendwie unzufrieden. Gefalle ich Ihnen
nicht?.
.Nein, das ist es nicht. Aber ich verstehe das nicht. Sie
sind jung und sch.n, und ich k.nnte wahrscheinlich Ihr
Vater sein ….
.H.ren Sie doch auf mit dem abgedroschenen Zeug. Egal,
wie gro. der Altersunterschied ist, ich bin nicht Ihre
verdammte Tochter, und Sie sind nicht mein d.mlicher