sich mit der Bedienung vertraut und begann mit der
überarbeitung von .Die Puppe aus Luft..
über etwas, das man einen klar umrissenen Plan h.tte
nennen k.nnen, verfügte er nicht. Er hatte nur
verschiedene Ideen zu einigen Details im Kopf, aber
beileibe keine in sich geschlossene Methode oder ein
einheitliches Prinzip. Tengo war sich nicht sicher, ob es
m.glich war, einen empfindsamen und phantastischen
Roman wie .Die Puppe aus Luft. überhaupt mit logischen
Mitteln zu überarbeiten. Wie Komatsu sagte, war es
unvermeidlich, drastisch in den Stil einzugreifen, aber lie.
sich das machen, ohne die eigene Atmosph.re und das
Wesen des Werkes zu besch.digen? W.re es nicht, wie
einem Schmetterling ein Skelett zu geben? Diese Gedanken
brachten ihn ins Wanken, und seine Verunsicherung nahm
zu. Nun war die Sache aber schon ins Rollen gekommen.
Und seine Zeit war zu begrenzt, um sich unt.tigen
überlegungen hinzugeben. Ihm blieb nichts anderes übrig,
als die Probleme einzeln anzugehen und nacheinander
auszur.umen. Vielleicht würde sich aus der
handwerklichen Bearbeitung von Details am Ende doch ein
organisches Gesamtbild ergeben.
.Tengo, mein Freund, du kannst das. Ich wei. es., hatte
Komatsu vertrauensvoll erkl.rt. Und Tengo – er wusste
nicht, warum – hatte diese Worte annehmen k.nnen.
Komatsu war ein Mensch mit problematischer Haltung und
Sprache, und im Grunde dachte er nur an sich selbst. Wenn
n.tig, würde er Tengo zweifellos bereitwillig fallenlassen.
Ohne sich nur einmal nach ihm umzudrehen. Aber wie er
selbst sagte, hatte er als Redakteur einen nahezu
unfehlbaren Instinkt. Komatsu kannte kein Z.gern. Er
urteilte und entschied stets innerhalb eines Augenblicks
und setzte seine Entscheidung dann unverzüglich in die Tat
um. Das, was seine Umgebung zu sagen hatte, kümmerte
ihn nicht im Geringsten. Er war der geborene Feldherr. Und
das war eine Eigenschaft – da konnte man sagen, was man
wollte –, mit der Tengo nicht ausgestattet war.
Als Tengo mit der überarbeitung begann, war es bereits
halb eins. Er tippte die ersten Seiten des
Originalmanuskripts von .Die Puppe aus Luft. bis zu einer
geeigneten Stelle in das Textverarbeitungsger.t ein. Nun
bearbeitete er diesen ersten Block, bis er einigerma.en
überzeugt davon war. Dabei nahm er sich erst einmal
gründlich die Grammatik und den Stil vor, ohne in den
Inhalt an sich einzugreifen. Wie man ein Zimmer in einem
Haus umr.umt und renoviert. Das konkrete Geb.ude blieb
erhalten, denn die Struktur an sich stellte kein Problem
dar. Auch den Verlauf der Wasserrohre .nderte er nicht.
Was man sonst auswechseln konnte – Bodendielen,
Decken, Mauern und Zwischenw.nde –, wurde eingerissen
und ersetzt. Ich bin der Zimmermann, dessen geschickten
H.nden man alles anvertraut hat, sagte sich Tengo. So
etwas wie einen festen Plan hatte er nicht. Er konnte nur
mit Hilfe seines Instinkts und seiner Erfahrung vorgehen.
Er las den Text einmal durch, fügte schwer verst.ndlichen
Stellen Erkl.rungen hinzu und gl.ttete den Fluss des
Textes. überflüssiges und Wiederholungen wurden
gestrichen, Fehlendes erg.nzt. An manchen Stellen .nderte
er die Reihenfolge von S.tzen oder Abs.tzen. Adjektive und
Adverbien waren von vorneherein sehr sp.rlich vorhanden,
und er fügte passende Worte ein, wenn es ihm notwendig
erschien, bemühte sich dabei aber, die besondere
Schlichtheit des Textes zu respektieren. Da bei Fukaeris
insgesamt sehr einfachem Text gute und schlechte Stellen
sehr deutlich hervortraten, nahm die Entscheidung
darüber, was stehenbleiben und was getilgt werden sollte,
weniger Zeit in Anspruch, als er gedacht hatte. Einige
Abschnitte waren aufgrund ihrer Schlichtheit schwer zu
verstehen, andere hingegen waren gerade dadurch
verblüffend frisch im Ausdruck. Den Ersteren rückte er
resolut zu Leibe, die anderen lie. er, wie sie waren.
Unterdessen dachte Tengo immer wieder daran, dass
Fukaeri nicht geschrieben hatte, um ein literarisches Werk
zu hinterlassen. Sie hatte nur die Geschichte, die in ihr
war – etwas, das sie nach ihren eigenen Worten tats.chlich
erlebt hatte – schriftlich niedergelegt. Die Worte selbst
spielten keine besondere Rolle, sie hatte nur kein
passenderes Ausdrucksmittel gefunden. Das war alles. Von
Anfang an war es nicht um literarischen Ehrgeiz gegangen.
Weil sie au.erdem nicht vorgehabt hatte, das fertige
Objekt zu vermarkten, hatte keine Notwendigkeit
bestanden, besser auf Stil und Ausdruck zu achten. Bildlich
gesprochen war es so, als erwarte man von einem Haus
lediglich, dass es W.nde und ein Dach habe und vor Regen
und Wind schütze. Deshalb spielte es für Fukaeri auch
keine Rolle, wie stark Tengo in ihren Text eingriff, hatte sie
ihr Ziel doch bereits erreicht. Sicher hatte sie es
vollkommen aufrichtig gemeint, als sie ihm sagte, er k.nne
nach Belieben damit verfahren. Dennoch vermittelten ihm
die S.tze, aus denen .Die Puppe aus Luft. bestand,
keinesfalls den Eindruck, als w.re sie zufrieden gewesen,
solange nur sie selbst sie verstehen konnte. W.re es
Fukaeris alleiniges Ziel gewesen, das Erlebte oder etwas, das
ihr vorschwebte, einfach festzuhalten, h.tten Stichworte
ausgereicht. Es w.re nicht n.tig gewesen, sich zu bemühen,
etwas Lesbares hervorzubringen. Die Geschichte war auf
jeden Fall unter der Pr.misse verfasst worden, dass ein
anderer sie zur Hand nehmen und lesen würde. Deshalb
hatte .Die Puppe aus Luft. diese mitrei.ende und
ergreifende Kraft, auch wenn es nicht als literarisches Werk
geschrieben worden und stilistisch ungelenk war.
Allerdings hatte Tengo den Eindruck, dass dieser
andere sich von der Mehrheit der von der klassischen
modernen Literatur gepr.gten .allgemeinen Leserschaft.
unterschied. Dieses Gefühls konnte Tengo sich beim Lesen
nicht erwehren.
Welche Art von Leser hatte man sich also vorzustellen?
Das wusste Tengo natürlich nicht.
Was er jedoch wusste, war, dass es sich bei .Die Puppe
aus Luft. um ein einzigartiges Stück Literatur handelte, das
hohe Qualit.t und gro.e M.ngel in sich vereinte, und dass
sich eine besondere Absicht dahinter verbarg.
Als Folge seiner Bearbeitung war das Manuskript bereits
auf ungef.hr das Zweieinhalbfache seines Umfangs
angewachsen. Die Stellen, an denen der Stil unzul.nglich
war, überwogen die anderen, also würde der Text insgesamt
an Umfang zunehmen, wenn er konsequent arbeitete. Der
Anfang war jetzt jedenfalls klar. Dieser Teil war nun
einigerma.en leicht lesbar, mit vernünftigen und sauberen
S.tzen und einer deutlichen Perspektive. Aber der Fluss des
Ganzen war irgendwie ins Stocken geraten. Die Logik war
zu stark in den Vordergrund getreten, und die Sch.rfe des
anf.nglichen Manuskripts hatte gelitten.
Seine n.chste Aufgabe war es, Stellen, .die man nicht
brauchte., aus dem umfangreichen Manuskript zu
streichen. Jedes überflüssige Gramm Fett eliminieren.
Streichen war sehr viel einfacher als erg.nzen. Dabei
reduzierte er den Text ungef.hr auf siebzig Prozent. Es war
wie eine Art Denksportaufgabe. In einem bestimmten
zeitlichen Rahmen erg.nzte er, was zu erg.nzen war, und
als N.chstes strich er ebenfalls in einer bestimmten Zeit so
viel wie m.glich. Indem er sich stur an diese Aufgabe hielt,
verringerte sich die Textmenge allm.hlich und pendelte
sich auf einen angemessenen Umfang ein. Schlie.lich kam
der Punkt, an dem sie sich weder vergr..ern noch
verkleinern lie.. Er hatte sein Ego reduziert, hatte
überflüssige Schn.rkel entfernt und allzu transparente
Logik in den Hintergrund verbannt. Tengo hatte eine
natürliche Begabung für diese T.tigkeit. Er war der
geborene Ingenieur. Er folgte den Spielregeln unbestechlich
mit dem Scharfblick und der Konzentration eines
Raubvogels, der am Himmel kreisend seine Beute aussp.ht,
und der Ausdauer eines Esels, der Wasser schleppt.
Tengo arbeitete atemlos, wie in Trance. Als er eine kurze
Pause machte und auf die Wanduhr blickte, war es schon
drei Uhr. Ihm fiel ein, dass er noch nicht zu Mittag
gegessen hatte. Also ging er in die Küche und setzte Wasser
auf. Bis es kochte, mahlte er die Kaffeebohnen und a. ein
paar K.secracker und einen Apfel. W.hrend er seinen
Kaffee aus einem gro.en Becher trank, dachte er, um sich
abzulenken, ein Weilchen an seine Freundin. Eigentlich
würden sie es jetzt gerade tun. Tengo schloss die Augen,
legte den Kopf in den Nacken und tat einen tiefen Seufzer,
der schwer war von den M.glichkeiten und Vorstellungen
dessen, was er oder sie dabei genau tun würden.
Dann kehrte er an seinen Schreibtisch zurück, schaltete
seinen Verstand wieder ein und las auf dem Bildschirm des
Textverarbeitungsger.ts noch einmal die Eingangspassage
von .Die Puppe aus Luft., die er gerade überarbeitet hatte.
Er kam sich vor wie der General, der in der Anfangsszene
aus Wege zum Ruhm von Stanley Kubrick die
Schützengr.ben inspiziert. Er war zufrieden mit dem, was
er sah. Nicht schlecht. Der Text hatte sich definitiv
verbessert. Es ging voran. Aber all das reichte nicht aus. Es
gab noch sehr viel zu tun. überall brachen die Sands.cke
ein. Es mangelte an Munition für die Maschinengewehre.
Au.erdem entdeckte er ein paar Stellen, an denen noch
Stacheldraht fehlte.
Er druckte die entsprechenden Textpassagen aus,
speicherte das Dokument ab und schaltete das Ger.t aus.
Er schob es an den Rand des Schreibtischs und las den
Ausdruck noch einmal gründlich mit einem Bleistift in der
Hand durch. Wieder strich er, was er für überflüssig hielt.
Was ihm zu knapp und unzul.nglich erschien, erg.nzte er.
Stellen, die nicht richtig passten, überarbeitete er so lange,
bis sie ihn überzeugten. Er w.hlte die Worte mit der
gleichen Sorgfalt, mit der man einen Haarriss einer
Badezimmerkachel ausfüllt, und überprüfte ihr Gefüge von
allen erdenklichen Seiten. Passten sie schlecht, formte er
sie um. Winzige Unterschiede in den Nuancen belebten
den Text, ohne ihm zu schaden.
Tengo war überrascht, dass derselbe Text auf der Anzeige
des Wortprozessors einen so g.nzlich anderen Eindruck
erweckte als auf Papier. Die Worte wirkten ganz anders, je
nachdem, ob er sie mit Bleistift auf Papier schrieb oder in
das Textverarbeitungsger.t eintippte. Man musste sie aus
beiden Perspektiven prüfen. Tengo schaltete das Ger.t
wieder ein und gab seine mit Bleistift in den Ausdruck
eingetragenen Korrekturen einzeln in den Text auf dem
Bildschirm ein. Dann las er das korrigierte Manuskript
noch einmal auf dem Bildschirm. Nicht übel, dachte Tengo.
Jeder Satz hatte genau das passende Gewicht, und es war
ein natürlicher Rhythmus entstanden.
Tengo streckte sich auf seinem Stuhl, schaute zur Decke
und atmete tief ein. Natürlich war das alles noch l.ngst
nicht fertig. Ganz gleich, wie oft er den Text lesen würde, er
würde immer wieder Stellen entdeckten, die er bearbeiten
musste. Aber für den Augenblick reichte es. Er war an die
Grenzen seiner Konzentrationsf.higkeit gelangt. Er
brauchte eine Abkühlungsphase. Der Zeiger der Uhr ging
auf fünf zu, und es begann bereits zu d.mmern. Morgen
würde er sich den n.chsten Abschnitt vornehmen. Die
ersten Seiten zu redigieren hatte fast einen vollen Tag
gedauert. Er brauchte l.nger, als er gedacht hatte. Aber
wenn die Weichen erst einmal gestellt waren und er sich
einen festen Rhythmus geschaffen hatte, würde die Arbeit
rascher vorw.rtsgehen. Der Anfang war immer am
schwersten und zeitaufwendigsten. Sobald er die erste
Hürde einmal genommen hatte …
Tengo rief sich Fukaeris Gesicht ins Ged.chtnis und
überlegte, was sie wohl empfinden würde, wenn sie das
redigierte Manuskript las. Aber natürlich hatte er keine
Ahnung, was und wie Fukaeri empfand oder was sie
überhaupt für ein Mensch war. Sie war siebzehn, in der
zw.lften Klasse, hatte keinerlei Interesse an den
Aufnahmeprüfungen für die Universit.t, eine sonderbare
Art zu sprechen und ein so sch.nes Gesicht, dass es die
Herzen der Menschen verwirrte. Und sie trank Wei.wein.
Mehr wusste er nicht von ihr. Aber in Tengo war es zu einer
Art chemischer Reaktion gekommen, die ihn die
Beschaffenheit der Welt, die Fukaeri in .Die Puppe aus
Luft. zu beschreiben (oder aufzuzeichnen) versucht hatte,
genauestens verstehen lie.. Die Szenen, die Fukaeri in ihrer
eigentümlichen begrenzten Sprache beschrieben hatte,
traten durch Tengos gründliche und aufmerksame
überarbeitung sogar frischer und klarer hervor. Tengo
stellte fest, dass ein harmonischer Fluss entstanden war. Er
hatte den Text vor allem von der technischen Seite
gestützt, aber das Ergebnis war so natürlich und organisch
ausgefallen, als habe er ihn von Anfang an selbst
geschrieben. Und dennoch dr.ngte die Geschichte von der
.Puppe aus Luft. an die Oberfl.che.
Dies beglückte Tengo mehr als alles andere. Sich so lange
zu konzentrieren hatte ihn auch k.rperlich ersch.pft, aber
dennoch fühlte er sich in Hochstimmung. Selbst als er das
Ger.t schon ausgeschaltet und den Schreibtisch verlassen
hatte, beherrschte ihn der Wunsch, mit der überarbeitung
fortzufahren, noch eine ganze Weile. Er hatte die Arbeit an
der Geschichte von ganzem Herzen genossen. Vielleicht
genügte schon dieser Teil, um Fukaeri nicht zu
entt.uschen. Allerdings konnte er sich nicht recht
vorstellen, wie Fukaeri aussah, wenn sie entt.uscht war
oder sich freute. Auch dass sie in ein spontanes L.cheln
ausbrach oder ihre Züge sich verfinsterten, konnte er sich
nicht vorstellen. Ihr Gesicht war immer so ausdruckslos.
Tengo war sich nicht im Klaren, ob es daran lag, dass sie
von vornherein keine Gefühle hatte, oder ob es sich so
verhielt, dass sie zwar Gefühle hatte, diese jedoch nicht
durch ihre Mimik zum Ausdruck brachte. Jedenfalls ist sie
ein sonderbares M.dchen, dachte Tengo zum
soundsovielten Mal.
Die Heldin von .Die Puppe aus Luft. war m.glicherweise
Fukaeri selbst. Das zehnj.hrige M.dchen lebte in einer