gewissen Kommune (oder etwas .hnlichem) in den Bergen,
und man hatte ihm die Aufgabe erteilt, eine blinde Ziege zu
hüten. Jedes Kind hatte eine bestimmte Aufgabe. Die Ziege
war schon alt, besa. aber eine besondere Bedeutung für die
Gemeinschaft, und es durfte ihr auf keinen Fall ein Leid
geschehen. Dem M.dchen hatte man befohlen, sie nicht
einen Moment aus den Augen zu lassen. Aber es passte
nicht auf, und die Ziege starb. Das M.dchen wurde dafür
bestraft, indem man es gemeinsam mit dem toten Tier in
einen Speicher sperrte. Zehn Tage lang war es v.llig isoliert
und durfte den Speicher nicht verlassen. Ebenso war es ihm
verboten, mit irgendjemandem zu sprechen.
Die Ziege diente den .Little People. als Zugang zu dieser
Welt. Ob die Little People gut oder b.se waren, wusste das
M.dchen nicht. (Und Tengo selbstverst.ndlich auch nicht.)
Wenn es Nacht wurde, kamen die Little People durch das
Maul der toten Ziege in diese Welt. Sobald der Morgen
kam, kehrten sie in die andere Welt zurück. Das M.dchen
konnte mit den Little People sprechen. Sie brachten ihm
bei, wie man eine Puppe aus Luft spinnt.
Tengo war beeindruckt, wie konkret und bis ins kleinste
Detail die Gewohnheiten und Bewegungen der blinden
Ziege geschildert waren. Diese Einzelheiten verliehen der
Geschichte gro.e Lebendigkeit. Hatte Fukaeri tats.chlich
schon einmal eine blinde Ziege gehütet? Und wirklich in
einer Kommune in den Bergen gelebt? Tengo nahm es an.
Falls Fukaeri all dies nicht selbst erlebt hatte, war ihr ein
au.ergew.hnliches erz.hlerisches Talent in die Wiege
gelegt worden.
Tengo nahm sich vor, Fukaeri das n.chste Mal, wenn er
sie sah (und das würde am Sonntag sein), nach der Ziege
und der Kommune zu fragen. Natürlich wusste er nicht, ob
er eine Antwort erhalten würde. Nach ihrem ersten
Gespr.ch zu schlie.en, beantwortete sie anscheinend nur
Fragen, auf die sie auch antworten wollte. Die anderen
ignorierte sie einfach. Beinahe als h.tte sie sie nicht geh.rt.
Wie Komatsu. Darin konnten sie sich die Hand reichen.
Tengo war ganz anders. Ihn konnte man fragen, was man
wollte, er gab gewissenhaft und aufrichtig Antwort.
Vielleicht war so etwas angeboren.
Gegen halb sechs bekam er einen Anruf von seiner
verheirateten Freundin.
.Was hast du heute gemacht?., fragte sie.
.Ich habe den ganzen Tag geschrieben., erwiderte Tengo,
was nur zum Teil der Wahrheit entsprach. Denn er hatte ja
nicht an seinem Roman geschrieben, wie seine Antwort
suggerierte. Aber er sah keinen Grund, ihr das ausführlich
zu erkl.ren.
.Kommst du voran?.
.Einigerma.en..
.Tut mir leid, dass ich heute so pl.tzlich absagen musste.
N.chste Woche k.nnen wir uns bestimmt sehen..
.Ich freue mich schon., sagte Tengo.
.Ich mich auch., sagte sie.
Dann sprach sie mit ihm über ihre Kinder. Das tat sie oft.
Sie hatte zwei kleine T.chter. Tengo hatte keine
Geschwister und natürlich auch keine Kinder. Deshalb
kannte er sich auf diesem Gebiet nicht so gut aus, aber das
st.rte sie nicht. Tengo war kein Mensch, der von sich aus
viel redete, aber er h.rte stets interessiert zu. Das .ltere
M.dchen war in der zweiten Klasse und wurde, wie Tengos
Freundin erz.hlte, in der Schule geh.nselt. Das Kind selbst
hatte ihr nichts davon gesagt, aber sie hatte es von anderen
Müttern erfahren. Natürlich kannte Tengo die Kleine nicht,
er hatte nur einmal ein Foto von ihr gesehen. Sie hatte
kaum .hnlichkeit mit ihrer Mutter.
.Warum wird sie geh.nselt?., fragte Tengo.
.Sie bekommt Asthmaanf.lle und kann beim Turnen
nicht richtig mitmachen. Vielleicht deshalb. Sie ist ein
schüchternes, braves Kind und auch nicht schlecht in der
Schule..
.Nicht zu fassen., sagte Tengo. .Ein Kind, das Asthma
hat, sollte man beschützen, statt es zu qu.len..
.In der Welt der Kinder geht es nicht so einfach zu.,
sagte sie und seufzte. .Meist genügt es schon, anders zu
sein als die anderen, um ausgeschlossen zu werden. Ganz
.hnlich wie in der Welt der Erwachsenen, aber bei Kindern
tritt das in viel direkterer Form zutage..
.In welcher Form konkret?.
Sie gab einige Beispiele. Jedes für sich war keine gro.e
Sache, aber wenn so etwas t.glich passierte, litt ein Kind
bestimmt darunter. Die anderen versteckten ihre Sachen.
Sprachen nicht mit ihr. .fften sie nach.
.Bist du als Kind auch mal gepiesackt geworden?.
Tengo dachte an seine Kindheit und überlegte. .Ich
glaube nicht. Und wenn, habe ich es nicht bemerkt..
.Wenn du nichts gemerkt hast, bist du bestimmt nicht
geh.nselt worden. Schlie.lich ist es von vornherein das
Ziel, den anderen spüren zu lassen, dass er nicht erwünscht
ist. Dass jemand gequ.lt wird, ohne es zu merken, ist
unm.glich..
Tengo war schon als Kind ziemlich gro. und stark
gewesen. Er wurde immer sofort respektiert.
Wahrscheinlich war er auch aus diesem Grund nie gemobbt
worden. Allerdings hatte Tengo damals ernstere Probleme
gehabt als die H.nseleien von Mitschülern.
.Und du?.
.Nein., sagte sie entschieden. Doch dann z.gerte sie.
.Aber ich habe jemanden schikaniert..
.Gemeinsam mit anderen?.
.Ja. Als ich in der fünften Klasse war. Wir hatten einen
Jungen in der Klasse, und es sollte keiner mehr mit ihm
reden. Ich kann mich nicht erinnern, warum wir das
gemacht haben. Wahrscheinlich gab es einen Grund, aber
da ich ihn nicht mehr wei., kann er nicht besonders
schwerwiegend gewesen sein. Auf alle F.lle tut mir das jetzt
sehr leid. Ich sch.me mich dafür. Warum habe ich so etwas
getan? Ich verstehe es selbst nicht..
In diesem Zusammenhang fiel Tengo ein eigenes Erlebnis
ein. Es lag weit in der Vergangenheit, aber die Erinnerung
daran stieg immer wieder in ihm auf. Er hatte es nie
vergessen. Dennoch erw.hnte er es nicht. Die Geschichte
zu erz.hlen h.tte auch zu lange gedauert. Au.erdem
handelte es sich um eines jener Erlebnisse, die, wenn man
sie einmal in Worte fasste, ihre entscheidende Nuance
verloren. Er hatte noch nie jemandem davon erz.hlt und
würde es wohl auch niemals tun.
.Jedenfalls., sagte seine Freundin, .kann man froh sein,
wenn man zur Mehrheit derer geh.rt, die andere
ausschlie.t, statt zu den wenigen, die ausgeschlossen
werden. Man kann sich wirklich glücklich sch.tzen, nicht
an ihrer Stelle zu sein. Im Grunde ist das in jeder Epoche
und in jeder Gesellschaft das Gleiche, aber wenn man Teil
der Mehrheit ist, denkt man nicht genug über solche
l.stigen Dinge nach..
.Wenn man allerdings zur Minderheit geh.rt, bleibt
einem nichts anderes übrig, als daran zu denken..
.Stimmt., erwiderte sie in niedergeschlagenem Ton.
.Aber vielleicht sollte man wenigstens in der Lage sein, den
eigenen Kopf zu gebrauchen..
.Man gebraucht ihn ohnehin meist nur, um über
unangenehme Dinge nachzudenken..
.Stimmt, das ist auch ein Problem..
.Du solltest dir nicht zu viele Gedanken machen., sagte
Tengo. .Am Ende ist es vielleicht gar nicht so schlimm.
Sicher gibt es in ihrer Klasse auch eine Menge Kinder, die
ihren Verstand vernünftig gebrauchen..
.Du hast sicher recht., erwiderte sie und schwieg eine
Weile nachdenklich. Den H.rer ans Ohr gedrückt, wartete
Tengo geduldig, bis sie ihre Gedanken geordnet hatte.
.Danke. Es hat mich schon etwas beruhigt, mit dir zu
sprechen., sagte sie kurz darauf. Es schien, als sei ihr etwas
eingefallen.
.Ich bin auch ruhiger geworden., sagte Tengo.
.Warum?.
.Weil ich mit dir gesprochen habe..
.Bis n.chsten Freitag., sagte sie.
Nachdem Tengo aufgelegt hatte, ging er in einen
Supermarkt in der N.he, um einzukaufen. Er kam mit einer
Papiertüte im Arm zurück und r.umte die einzeln
verpackten Gemüse und den Fisch in den Kühlschrank. Als
er anschlie.end sein Abendessen vorbereitete und dabei
Musik aus dem Radio h.rte, klingelte das Telefon. Dass
Tengo an einem Tag viermal angerufen wurde, kam .u.erst
selten vor. So selten, dass er die Male, die das in einem Jahr
passierte, abz.hlen konnte. Diesmal war es Fukaeri.
.Wegen Sonntag., sagte sie übergangslos.
Im Hintergrund ert.nte unausgesetztes Gehupe. Ein
Autofahrer schien einen Wutanfall zu haben. Sie rief wohl
von einem .ffentlichen Telefon an einer gro.en Stra.e aus
an.
.Am Sonntag, also übermorgen, treffen wir uns, und ich
werde jemanden kennenlernen., formulierte Tengo ihre
.u.erung aus.
.Neun Uhr morgens, Bahnhof Shinjuku, im vordersten
Richtung Tachikawa., sagte sie, indem sie drei Fakten
aneinanderreihte.
.Das hei.t, ich warte im vordersten Wagen am Gleis der
Chuo-Linie stadtausw.rts auf dich, ja?.
.Ja..
.Bis wohin soll ich die Fahrkarte l.sen?.
.Egal..
.Ich kaufe einfach eine Fahrkarte und l.se dann bei der
Ankunft nach, ja?., erg.nzte Tengo den Satz seiner
Vermutung entsprechend. Das Ganze hatte .hnlichkeit mit
der Arbeit an .Die Puppe aus Luft.. .Demnach haben wir
also einen ziemlich weiten Weg vor uns?.
.Was haben Sie gerade gemacht?., fragte Fukaeri, Tengos
Frage ignorierend.
.Abendessen..
.Was denn?.
.Nur für mich, nichts Gro.artiges. Ich brate getrockneten
Hecht, dazu gibt es geriebenen Rettich und Misosuppe mit
kleinen Miesmuscheln und Frühlingszwiebeln. Dann esse
ich noch etwas Tofu, Reis und eingelegten Chinakohl. Das
war’s..
.Klingt lecker..
.Na ja, so etwas Besonderes ist das nun auch wieder
nicht. Eigentlich esse ich immer so .hnlich., sagte Tengo.
Fukaeri schwieg. L.ngere Gespr.chspausen schienen sie
nicht sonderlich zu st.ren. Bei Tengo war das etwas
anderes.
.Ach ja, heute habe ich mit der überarbeitung von .Die
Puppe aus Luft. angefangen., sagte er. .Zwar noch ohne
deine endgültige Erlaubnis, aber wir k.nnen es uns nicht
leisten, einen ganzen Tag zu vergeuden..
.Das klingt nach Herrn Komatsu..
.Stimmt. Er hat gesagt, ich soll schon mal anfangen..
.Sie sind gut mit Herrn Komatsu befreundet..
.Kann sein.. Wahrscheinlich gab es nirgendwo auf der
ganzen Welt einen Menschen, der gut mit Komatsu
befreundet war. Aber es h.tte zu lange gedauert, ihr das zu
erkl.ren.
.Die Arbeit geht gut voran..
.Im Augenblick ja. Einigerma.en..
.Freut mich., sagte Fukaeri. Es schien nicht einfach nur
so dahingesagt, sondern h.rte sich an, als würde sie sich
wirklich darüber freuen, dass er mit der Bearbeitung gut
vorankam. Soweit ihre eingeschr.nkte F.higkeit, ihre
Gefühle auszudrücken, dies gestattete.
.Hoffentlich gef.llt dir, was ich gemacht habe., sagte
Tengo.
.Keine Sorge., erwiderte Fukaeri prompt.
.Warum bist du dir so sicher?., fragte Tengo.
Statt einer Antwort schwieg Fukaeri nur in den H.rer. Es
war eine Art absichtsvolles Schweigen, vielleicht, um Tengo
zu veranlassen, etwas Bestimmtes zu denken. Aber auch
wenn er seine ganze Weisheit bemühte, hatte Tengo nicht
die geringste Ahnung, warum sie ein so starkes Vertrauen
zu ihm hatte.
Um das Schweigen zu brechen, sagte er: .übrigens gibt es
etwas, das ich dich gern fragen würde. Hast du etwa
wirklich in einer Kommune gelebt und diese Ziege gehütet?
Deine Beschreibung dieser Dinge ist unheimlich
lebensecht. Ich würde gern wissen, ob das wirklich passiert
ist..
Fukaeri r.usperte sich leise. .Ich spreche nicht über die
Ziege..
.Das ist v.llig in Ordnung., sagte Tengo. .Du musst
nicht darüber sprechen, wenn du nicht willst. Es war nur
eine Frage. Mach dir keine Gedanken. Für Schriftsteller ist
ihr Werk alles. Sie brauchen keine zus.tzlichen
Erkl.rungen abzugeben. Wir sehen uns am Sonntag. Gibt
es etwas, das ich beachten sollte, wenn ich dieser Person
begegne?.
.Was denn zum Beispiel?.
.Also … wie ich mich am besten verhalten soll oder ob ich
ein kleines Geschenk mitbringen soll – so was eben. Ich
habe ja nicht die leiseste Ahnung, um wen es sich handelt..
Wieder schwieg Fukaeri. Doch diesmal lag keine Absicht
in ihrem Schweigen. Für sie war das Ziel von Tengos Frage
oder die Vorstellung dahinter einfach nicht fassbar. Seine
Frage hatte sozusagen keinen Landeplatz in ihrem
Bewusstsein. Sie schoss über ihren Horizont hinaus und
wurde ins ewige Nichts gesogen. Wie eine einsame
Raumsonde, die an Pluto vorbeigesaust war.
.Kein Problem. Ist nicht wichtig., sagte Tengo ergeben.
Es war ein Fehler gewesen, Fukaeri diese Frage überhaupt
zu stellen. Er konnte ja noch irgendwo unterwegs ein
bisschen Obst als Gastgeschenk kaufen.
.Also dann, Sonntag um neun Uhr., sagte Tengo.
Nach ein paar Sekunden h.ngte Fukaeri wortlos auf.
Nicht mal .Auf Wiedersehen. oder .Bis Sonntag. hatte sie
gesagt. Einfach aufgelegt.
Oder vielleicht hatte sie auch erst aufgelegt, nachdem sie
zustimmend genickt hatte. Leider zeigte K.rpersprache am
Telefon wenig Wirkung.
Tengo legte den H.rer auf die Gabel, atmete zweimal tief
durch und wandte sich wieder substantielleren Dingen zu.
Wie der Zubereitung seines bescheidenen Abendessens.
KAPITEL 7
Aomame
So sacht, dass man einen schlafenden Schmetterling
nicht weckt
Am Samstagnachmittag gegen ein Uhr besuchte Aomame
die .Weidenvilla.. Das Geb.ude war dicht von alten
Weiden umstanden, die die Mauer überragten und bei
jeder Brise lautlos hin und her schwankten wie eine Schar
von Geistern, die nicht wussten, wohin sie geh.rten. Daher
nannten die Nachbarn das alte, im westlichen Stil erbaute
Anwesen von jeher ganz selbstverst.ndlich die Weidenvilla.
Sie lag am oberen Ende eines steilen Hangs in Azabu. In
den Kronen der Weiden sa.en zierliche V.gel. An einem
sonnigen Fleckchen auf dem Dach nahm eine gro.e Katze
mit halb geschlossenen Augen ein Sonnenbad. Die
umgebenden Stra.en waren so eng und kurvig, dass kaum
je ein Auto hindurchfuhr. überall standen gro.e B.ume
und Str.ucher, sodass es dort selbst um die Mittagszeit
schattig war. Sobald man diesen Winkel betrat, hatte man
das Gefühl, der Lauf der Zeit verlangsame sich ein wenig. In
diesem Viertel hatten mehrere Botschaften ihren Sitz, aber