Publikumsverkehr gab es kaum. Für gew.hnlich herrschte
absolute Stille, doch dieser Zustand .nderte sich im
Sommer, wenn die Zikaden ohrenbet.ubend schrillten.
Aomame drückte auf die Klingel am Tor und sagte ihren
Namen in die Gegensprechanlage. Sie l.chelte verhalten in
die Kamera über ihrem Kopf. Langsam und automatisch
.ffnete sich das eiserne Tor. Als Aomame eingetreten war,
schlossen sich die Flügel hinter ihr. Wie immer
durchquerte sie den Garten zum Eingangsbereich des
Hauses. Im Wissen, dass sie gefilmt wurde, schritt sie mit
geradem Rücken und eingezogenem Kinn wie ein Model
den Weg entlang. Aomames Aufmachung war heute
sportlich. Sie trug einen dünnen dunkelblauen Anorak, eine
graue Segeljacke, Blue Jeans und wei.e Basketballschuhe.
über ihrer Schulter hing die bewusste Umh.ngetasche.
Ihren Eispick hatte sie heute nicht dabei. Wenn sie ihn
nicht brauchte, lag er in einer Schublade ihrer Kommode.
Vor dem Eingang standen Gartenstühle aus Teakholz. In
einem von ihnen sa. ein sehr aufmerksam wirkender,
kr.ftiger Mann. Er war nicht besonders gro., aber man
konnte erkennen, dass sein Oberk.rper erstaunlich
muskul.s war. Er war um die vierzig, trug die Haare rasiert,
und unter seiner Nase spross ein gepflegter Schnurrbart. Zu
seinem grauen Anzug mit Schulterpolstern trug er ein
schneewei.es Hemd, eine dunkelgraue Seidenkrawatte und
ein makelloses Paar Schuhe aus schwarzem Cordovan.
Silberner Ohrschmuck zierte beide Ohren. Er sah nicht
gerade aus, als sei er Finanzbeamter oder Vertreter für Kfz-
Versicherungen. Auf den ersten Blick wirkte er wie ein
Bodyguard, was auch tats.chlich sein Beruf war. Hin und
wieder übernahm er auch die Rolle des Chauffeurs. Er
besa. einen Schwarzen Gürtel in Karate und konnte, wenn
es n.tig war, auch mit einer Waffe umgehen. Er wusste sich
zu wehren und konnte brutaler werden als jeder andere.
Für gew.hnlich war er jedoch sanft, gelassen und klug. Wer
ihm l.nger in die Augen sah – sofern er dies gestattete –,
konnte ein warmes Licht darin erkennen.
Sein Hobby war es, an allen m.glichen Maschinen
herumzubasteln. Au.erdem sammelte er Progressive-Rock-
Schallplatten der sechziger und siebziger Jahre. Tamaru –
so hie. der Mann – lebte mit seinem gut aussehenden
jungen Freund, einem Visagisten, in der gleichen Gegend
von Azabu. Ob Tamaru sein Vor- oder sein Nachname war,
wusste niemand. Auch nicht, mit welchen Zeichen er sich
schrieb. Doch alle nannten ihn Tamaru.
Tamaru blickte Aomame von seinem Stuhl entgegen und
nickte.
.Hallo., sagte sie und setzte sich auf einen Stuhl ihm
gegenüber.
.In einem Hotel in Shibuya soll ein Mann ums Leben
gekommen sein., sagte Tamaru, w.hrend er den Glanz
seiner Cordovan-Schuhe inspizierte.
.Wusste ich gar nicht., sagte Aomame.
.Es stand auch nicht in der Zeitung. Anscheinend ein
Herzanfall. Traurig, wo er doch gerade mal über vierzig
war..
.Er hat nicht auf sein Herz geachtet..
Tamaru nickte. .Auf seine Lebensgewohnheiten sollte
man achten. Ein unsolides Leben, Stress, Schlafmangel
k.nnen einen Menschen t.ten..
.Irgendetwas t.tet früher oder sp.ter jeden Menschen..
.Theoretisch gesehen ja..
.Ob es eine Obduktion gibt?., fragte Aomame.
Tamaru beugte sich vor und wischte ein mit blo.em Auge
nicht sichtbares St.ubchen von seiner Schuhspitze. .Die
Polizei hat Wichtigeres zu tun, als sich mit unverd.chtigen
Todesf.llen abzugeben, wenn es nicht mal eine Verletzung
gibt. Au.erdem sind ihre finanziellen Mittel begrenzt.
Sicher hat niemand Interesse daran, dass der von seinen
Hinterbliebenen so geliebte, friedlich Verstorbene sinnlos
aufgeschnitten wird..
.Vor allem, wenn man an die Witwe denkt..
Tamaru schwieg eine Weile. Dann streckte er ihr seine
m.chtige Rechte entgegen, die in etwa die Gr..e eines
Baseballhandschuhs hatte. Aomame ergriff sie. Sie
schüttelten sich fest die H.nde.
.Du siehst müde aus. Du solltest dich ein bisschen
ausruhen..
Aomame zog die Mundwinkel leicht auseinander, wie
normale Menschen es tun, wenn sie l.cheln, doch in
Wirklichkeit l.chelte sie nicht. Es sollte nur hei.en, dass sie
l.chelte.
.Wie geht’s Bun?., fragte Aomame.
.Prima., erwiderte Tamaru. Bun war die Sch.ferhündin,
die in der Villa gehalten wurde. Sie war ein kluges Tier mit
einem guten Charakter. Eine etwas seltsame Angewohnheit
hatte sie allerdings.
.Isst sie immer noch Spinat?., fragte Aomame.
.Jede Menge. Wenn die Spinatpreise weiter steigen,
werden wir arm. Bei den Mengen, die sie vertilgt..
.Ich habe noch nie einen Sch.ferhund gesehen, der
Spinat mag..
.Wahrscheinlich h.lt sie sich nicht für einen Hund..
.Für was denn sonst?.
.Vielleicht für ein besonderes Wesen, das nicht in solche
Schubladen passt?.
.Einen überhund?.
.Kann sein..
.Und deshalb bevorzugt sie Spinat?.
.Das hat damit nichts zu tun, sie mag ihn einfach. Soll sie
schon als Welpe getan haben..
.Aber vielleicht brütet sie deshalb gef.hrliche Gedanken
aus..
.K.nnte sein., sagte Tamaru. Dann schaute er auf die
Uhr. .übrigens, dein Termin heute ist doch um halb eins,
oder?.
Aomame nickte. .Ja, ich habe noch ein bisschen Zeit..
Tamaru erhob sich langsam. .Warte einen Moment hier,
bitte. Vielleicht kannst du schon früher zu ihr.. Er
verschwand im Flur.
W.hrend sie wartete, betrachtete Aomame die pr.chtigen
Weiden. Es war windstill, und ihre Zweige hingen ruhig auf
den Boden herab. Sie wirkten wie unaufh.rlich in
Gedanken versunkene Menschen.
Kurz darauf kam Tamaru zurück. .Du kannst reingehen.
Sie m.chte, dass du heute ins Gew.chshaus kommst..
Die beiden gingen durch den Garten, an den Weiden
vorbei, zum Gew.chshaus, das sich auf der Rückseite der
Villa befand. In seiner Umgebung hatte man auf B.ume
verzichtet, um dem Sonnenlicht ungehinderten Zugang zu
gew.hren. Behutsam .ffnete Tamaru die Glastür einen
Spalt, damit die Schmetterlinge darin nicht hinausflogen,
und schob Aomame hinein. Dann schlüpfte er ebenfalls
rasch durch die Tür und zog sie unverzüglich hinter sich
zu. Beweglichkeit ist nicht die St.rke kr.ftiger Menschen.
Immerhin bewegte Tamaru sich genau bemessen und
pr.zise. Nur dass es seine St.rke war, konnte man nicht
behaupten.
In dem gro.en gl.sernen Gew.chshaus herrschte ein
ewiger und vollkommener Frühling. Alle m.glichen Arten
von Blumen blühten wunderhübsch durcheinander. Die
meisten waren nicht ungew.hnlich, auch wenn es aus
Aomames Sicht nur ein unglaubliches Durcheinander
verschiedener Pflanzen war. Gladiolen, Anemonen,
Margeriten, Topfpflanzen, wie man sie überall sieht,
reihten sich auf den Regalen. Kostbare Orchideen, seltene
Rosenarten, polynesische Blumen in leuchtenden Farben
oder .hnliches gab es tats.chlich nicht zu entdecken.
Aomame hatte kein besonderes Interesse an Pflanzen,
dennoch gefiel ihr dieses unpr.tenti.se Gew.chshaus sehr
gut.
Dafür lebte dort eine Vielzahl von Schmetterlingen. Es
schien der Besitzerin ein besonderes Anliegen zu sein, in
ihrem gro.en Glashaus statt seltener Pflanzen seltene
Schmetterlinge zu züchten. Die Blumen waren danach
ausgew.hlt, dass sie m.glichst viel lockenden Nektar für
die Schmetterlinge produzierten. Für die Aufzucht von
Schmetterlingen in einem Glashaus war ein
ungew.hnliches Ausma. von Sorgfalt, Kenntnis und Mühe
erforderlich, aber Aomame hatte keine Ahnung, wie weit
diese Sorgfalt wirklich reichte. Im Hochsommer empfing
die Besitzerin Aomame mitunter im Gew.chshaus, um sich
dort unter vier Augen mit ihr zu unterhalten. In einem
gl.sernen Haus musste man nicht fürchten, heimlich
belauscht zu werden. Die Gespr.che, die dort zwischen den
beiden Frauen stattfanden, waren nicht von der Art, dass
man sie überall h.tte laut führen k.nnen. Au.erdem
beruhigte es die Nerven, von Blumen und Schmetterlingen
umgeben zu sein. Das war Aomame anzusehen. Sie fand es
immer etwas zu warm in dem Gew.chshaus, aber nicht so,
dass es nicht auszuhalten war.
Die Besitzerin der Weidenvilla war eine zierliche .ltere
Dame von Mitte siebzig. Ihr sch.nes wei.es Haar war kurz
geschnitten. Sie trug ein lang.rmliges Arbeitshemd aus
Kattun, eine cremefarbene Baumwollhose, schmutzige
Turnschuhe und wei.e Arbeitshandschuhe. Sie war gerade
dabei, mit einer gro.en Metallgie.kanne die Topfpflanzen
zu bew.ssern. Ihre Kleidung schien eine Nummer zu gro.,
wirkte aber dennoch bequem und passend. Immer wenn
Aomame sie sah, konnte sie nicht umhin, die
ungezwungene natürliche Eleganz der alten Dame zu
bewundern.
Sie stammte aus einer berühmten Familie von
Industriellen und hatte vor dem Krieg einen Adligen
geheiratet; dennoch erschien sie nicht im Geringsten
verw.hnt oder verweichlicht. Nachdem ihr Mann kurz
nach dem Krieg verstorben war, hatte sie die Leitung einer
kleinen Investmentfirma übernommen, die Verwandten
von ihr geh.rte, und sich als sehr begabte B.rsenmaklerin
erwiesen. Jedermann gab zu, dass sie ein Naturtalent war.
Unter ihrer Leitung gelangte die Firma rasch zum Erfolg,
und ihr pers.nliches Verm.gen wuchs. Mit diesem Kapital
erwarb sie mehrere erstklassige Grundstücke in der
Innenstadt, die der kaiserlichen Familie und dem Adel
geh.rten. Vor etwa zehn Jahren hatte sie sich zur Ruhe
gesetzt, ihre Anteile zu einem günstigen Zeitpunkt teuer
verkauft und so ihr Verm.gen weiter vermehrt. Da sie es
nach M.glichkeit vermieden hatte, in der .ffentlichkeit zu
erscheinen, war ihr Name allgemein kaum bekannt, aber in
der Wirtschaftswelt gab es niemanden, der ihn nicht
kannte. Auch zu politischen Kreisen pflegte sie enge
Beziehungen, hie. es. Im pers.nlichen Umgang war sie
eine aufgeschlossene, sehr kluge Frau, die keine Furcht
kannte. Sie vertraute fest auf ihre eigenen Instinkte, und
wenn sie einmal einen Plan gefasst hatte, führte sie ihn
auch durch.
Als sie Aomame sah, stellte sie die Gie.kanne ab, wies auf
einen kleinen Gartenstuhl aus Metall, der in der N.he des
Eingangs stand, und bedeutete ihr, dort Platz zu nehmen.
Dann setzte sie sich auf einen Stuhl ihr gegenüber. Bei
kaum einer ihrer Bewegungen verursachte sie ein Ger.usch.
Sie war wie eine scheue Füchsin, die lautlos einen Wald
durchstreift.
.M.chten Sie etwas zu trinken?., erkundigte sich
Tamaru.
.Einen warmen Kr.utertee., sagte sie und sah Aomame
an. .Und Sie?.
.Das Gleiche., sagte Aomame.
Tamaru nickte kurz und schickte sich an, das
Gew.chshaus zu verlassen. Nachdem er sich umgeschaut
und vergewissert hatte, dass keiner der Schmetterlinge in
der N.he war, .ffnete er die Tür einen Spalt, huschte hastig
nach drau.en und schloss die Tür wieder. Es sah aus, als
vollführe er einen Gesellschaftstanz.
Die alte Dame streifte die Baumwollhandschuhe ab, als
handle es sich um seidene Abendhandschuhe, und legte sie
s.uberlich übereinander auf den Tisch. Mit ihren
strahlenden schwarzen Augen blickte sie Aomame direkt
an. Es waren Augen, die schon vieles gesehen hatten.
Aomame erwiderte den Blick so weit, dass es nicht
respektlos war.
.Leider ist ein Mensch gestorben. Offenbar jemand,
dessen Name im .lgesch.ft ziemlich bekannt war. Er war
noch jung, aber ein einflussreicher Mann..
Die alte Dame sprach immer sehr leise. In einer
Lautst.rke, die unterging, wenn der Wind ein bisschen
st.rker blies. So mussten ihre Gespr.chspartner stets die
Ohren spitzen. Aomame hatte manchmal das Bedürfnis, die
Hand auszustrecken und den Lautst.rkeregler nach rechts
zu drehen. Doch selbstverst.ndlich gab es keinen
Lautst.rkeregler, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als
angestrengt zu lauschen.
.Auch wenn ihn sein Tod recht pl.tzlich ereilte., sagte
Aomame, .kommt er dem Anschein nach nicht v.llig
ungelegen. Die Erde dreht sich weiter..
Die Chefin l.chelte. .Kein Mensch auf dieser Welt ist
unersetzlich. Ganz gleich, wie viel Wissen und Macht er
besitzt, irgendwo gibt es immer einen Nachfolger. W.re die
Welt voller unersetzlicher Menschen, w.ren wir in gro.en
Schwierigkeiten. Natürlich …., fügte sie hinzu und reckte
ihren rechten Zeigefinger in die Luft, wie um ihre Aussage
zu unterstreichen. .… k.nnte ich für Sie nicht so leicht
einen Ersatz finden..
.Aber es dürfte nicht allzu schwierig sein, eine alternative
Methode zu entdecken., bemerkte Aomame.
Die alte Dame musterte sie ruhig. Auf ihren Lippen lag
ein zufriedenes L.cheln. .Mag sein., sagte sie. .Aber selbst
wenn, so etwas wie unsere Zusammenarbeit lie.e sich nie
wieder finden. Sie sind einmalig. Ich bin Ihnen sehr
dankbar. Mehr, als ich mit Worten ausdrücken kann..
Die alte Dame beugte sich vor, streckte die H.nde aus
und legte sie für etwa zehn Sekunden auf Aomames. Dann
nahm sie sie wieder fort und lie. sich mit zufriedener
Miene zurückfallen. Schmetterlinge umflatterten sie, und
ein kleiner wei.er mit tiefrotem Muster lie. sich auf der
Schulter ihres blauen Arbeitskittels nieder und schlief ein,
als würde er keine Furcht kennen.
.So einen Schmetterling haben Sie sicher noch nie
gesehen., sagte die alte Dame mit einem kurzen Blick auf
ihre Schulter. In ihrer Stimme klang ein Anflug von Stolz
mit. .Er stammt aus Okinawa, aber auch dort ist diese Art
nicht leicht zu finden. Sie ern.hren sich ausschlie.lich von
einer bestimmten Blume. Einer Blume, die nur in den
Bergen von Okinawa blüht. Um diese Schmetterlinge zu
halten, muss man zuerst diese Blume hierhertransportieren
und züchten. Das kostet viel Mühe. Und billig ist es
natürlich auch nicht..
.Das Tierchen scheint Ihnen v.llig zu vertrauen..
Die Chefin l.chelte. .Ich glaube, er ist mein Freund..
.Kann man mit Schmetterlingen Freundschaft
schlie.en?.
.Dazu muss man zuerst Teil der Natur werden. Seine
Eigenschaft als Mensch ablegen und sich selbst
unumst..lich als Baum, Gras oder Blume empfinden. Das
braucht Zeit, aber wenn die Natur nicht mehr auf der Hut