vor dir ist, dann kannst du Freundschaft mit ihr schlie.en..
.Geben Sie den Schmetterlingen Namen?., fragte
Aomame neugierig. .Also jedem einzelnen, wie man es bei
Hunden oder Katzen tut?.
Die Besitzerin schüttelte leicht den Kopf. .Nein. Ich kann
auch so jeden einzelnen von ihnen an seiner Zeichnung
erkennen. Au.erdem würde es sich nicht lohnen, denn
Schmetterlinge sind nicht sehr langlebig. Sie sind
namenlose Freunde für einen kurzen Augenblick. Ich
komme jeden Tag hierher, begrü.e die Schmetterlinge und
bespreche alles M.gliche mit ihnen. Doch wenn ihre Zeit
gekommen ist, verschwinden sie lautlos irgendwohin.
Gewiss sterben sie, aber ich habe noch nie einen toten
Schmetterling gefunden, auch wenn ich danach gesucht
habe. Es bleibt nicht die geringste Spur von ihnen zurück,
als würden sie in den leeren Raum gesogen. Schmetterlinge
sind .u.erst flüchtige, anmutige Lebewesen. Sie werden
geboren, folgen still ihren begrenzten winzigen
Bedürfnissen und verschwinden unmerklich wieder.
Vielleicht in eine andere Welt..
Die vom Duft der Pflanzen erfüllte Luft im Gew.chshaus
fühlte sich warm und feucht an. überall verbargen sich
Schmetterlinge, hier und da wie verg.ngliche
Markierungen, die einen Bewusstseinsstrom ohne Anfang
und Ende unterteilten. Sooft Aomame das Gew.chshaus
betrat, hatte sie den Eindruck, ihr Gefühl für Zeit zu
verlieren.
Tamaru brachte ein Metalltablett mit zwei Tassen, einer
sch.nen Teekanne aus Seladon und Stoffservietten. Ein
kleiner Teller mit Keksen stand ebenfalls dabei. Der Duft
des Kr.utertees mischte sich mit dem der Blumen.
.Danke, Tamaru. Um alles andere kümmere ich mich.,
sagte seine Herrin.
Tamaru stellte das Tablett auf den Gartentisch, verbeugte
sich und ging auf leisen Sohlen hinaus. Beim Verlassen des
Gew.chshauses bewegte er sich ebenso beh.nde wie beim
Betreten. Die alte Dame hob den Deckel der Teekanne und
atmete den Duft ein. Nachdem sie sich vergewissert hatte,
dass die Bl.tter aufgegangen waren, goss sie abwechselnd
Tee in die Tassen. Dabei achtete sie darauf, dass seine
Konzentration in beiden gleich war.
.Es ist vielleicht eine dumme Frage, aber warum haben
Sie keine Tür aus Fliegengitter?., fragte Aomame.
Die Chefin hob den Kopf und blickte Aomame an.
.Fliegengitter?.
.Ja, wenn Sie von innen eine zweite Tür aus Fliegengitter
anbringen würden, müsste man sich nicht so vorsehen,
dass die Schmetterlinge nicht hinausfliegen..
Den Unterteller in der linken, führte die Chefin die Tasse
mit der rechten Hand zum Mund und nahm lautlos einen
Schluck von ihrem Kr.utertee. Sie sog genie.erisch den
Duft ein und nickte leicht. Sie stellte die Tasse auf den
Unterteller zurück und beides wieder auf das Tablett.
Nachdem sie sich die Mundwinkel betupft hatte, legte sie
sich die Serviette auf den Scho.. Für diese wenigen
Bewegungen brauchte sie mindestens dreimal so lange wie
ein normaler Mensch. Wie eine Fee im Wald, die sich an
duftendem Morgentau labt, dachte Aomame.
Die Chefin r.usperte sich leise. .Ich mag keine Gitter.,
sagte sie.
Aomame wartete schweigend, doch sie sprach nicht
weiter. Es blieb unklar, ob es sich um eine allgemeine
Abneigung handelte, jemandes Freiheit zu beschneiden,
oder um etwas, das sich aus .sthetischen Gesichtspunkten
ergab, oder um eine physiologische Aversion ohne
besonderen Grund. Allerdings war dies keine Frage, die ihr
im Augenblick sonderlich am Herzen lag. Nur etwas, das
ihr pl.tzlich eingefallen war.
Aomame nahm wie die alte Dame ihre Tasse mit dem
Kr.utertee in die Hand und trank ger.uschlos einen
Schluck. Eigentlich hatte sie für Kr.utertee nicht viel übrig.
Sie liebte Kaffee, der hei. und stark war wie ein b.ser Geist
um Mitternacht. Aber ein solcher Kaffee w.re
wahrscheinlich kein passendes Getr.nk für einen frühen
Nachmittag im Gew.chshaus. So hatte Aomame
entschieden, sich immer, wenn sie hier war, den Wünschen
der alten Dame anzuschlie.en. Diese bot ihr nun von den
Keksen an, und Aomame a. einen. Es war ein Ingwerkeks.
Er war knusprig und hatte die frische Sch.rfe von Ingwer.
Aomame erinnerte sich, dass die alte Dame vor dem Krieg
einige Zeit in England verbracht hatte. Auch sie nahm nun
einen von den Keksen und knabberte ein wenig daran. Sie
verhielt sich sehr ruhig, um den seltenen Schmetterling,
der auf ihrer Schulter schlief, nicht zu wecken.
.Wenn Sie gehen, wird Tamaru Ihnen wie üblich einen
Schlüssel übergeben., sagte sie. .Wenn Sie alles erledigt
haben, schicken Sie ihn bitte per Post zurück. Wie immer..
.Jawohl..
Eine Weile herrschte friedliches Schweigen. In das
geschlossene Gew.chshaus drang von au.en kein Laut. Der
Schmetterling schlummerte in aller Ruhe weiter.
.Wir tun nichts Unrechtes., sagte die alte Dame, indem
sie Aomame direkt ins Gesicht sah.
Aomame biss sich leicht auf die Lippen. Dann nickte sie.
.Ich wei...
.Schauen Sie bitte mal in den Umschlag dort., forderte
die alte Dame sie auf.
Aomame nahm den Umschlag vom Tisch und legte die
sieben Polaroid-Fotos, die er enthielt, neben der kostbaren
Seladon-Kanne wie Unheil verhei.ende Tarotkarten aus.
Sie zeigten Nahaufnahmen von K.rperteilen einer jungen
Frau. Rücken, Brüste, Ges.., Oberschenkel. Sogar die
Fu.sohlen. Nur ein Foto von ihrem Gesicht gab es nicht.
Blutergüsse und Striemen zeugten von Misshandlungen.
Anscheinend war irgendein Gürtel benutzt worden. Das
Schamhaar war versengt, in diesem Bereich schienen
Zigaretten ausgedrückt worden zu sein. Aomame verzog
unwillkürlich das Gesicht. Sie hatte schon .hnliche Fotos
gesehen, aber noch nie etwas derart Abscheuliches.
.So etwas sehen Sie zum ersten Mal, nicht wahr?., fragte
die alte Dame.
Aomame nickte wortlos. .Ich habe ja schon viel gesehen,
aber solche Fotos noch nie..
.Das hat dieser Mann getan., sagte die alte Dame. .Sie
hat drei Knochenbrüche und ist auf einem Ohr fast taub.
M.glicherweise wird sie nie wieder richtig h.ren.. Die
Lautst.rke ihrer Stimme ver.nderte sich nicht, aber sie
klang h.rter und k.lter als zuvor. Wie von diesem Wechsel
verst.rt, erwachte der Schmetterling auf ihrer Schulter und
flatterte davon.
Die alte Dame fuhr fort. .Einen Menschen, der sich so
verh.lt, darf man nicht gew.hren lassen. Unter keinen
Umst.nden..
Aomame sammelte die Fotos ein und steckte sie wieder in
den Umschlag.
.Finden Sie nicht?.
.Doch, das finde ich auch., pflichtete Aomame ihr bei.
.Wir tun das Richtige., sagte die Chefin.
Sie erhob sich von ihrem Stuhl und nahm – vielleicht um
sich zu beruhigen – die Gie.kanne, die neben ihr stand.
Aber sie griff danach wie nach einer raffinierten Waffe. Sie
war blass geworden. Ihre Augen waren starr und scharf auf
einen Winkel im Gew.chshaus gerichtet. Aomame folgte
ihrem Blick, konnte aber nichts Ungew.hnliches
entdecken. Nur einen Topf mit einer japanischen Distel.
.Vielen Dank, dass Sie sich herbemüht haben und
natürlich für die gute Arbeit., sagte sie, die leere
Gie.kanne in der Hand. Damit schien das Gespr.ch
beendet.
Aomame stand auf und nahm ihre Tasche. .Vielen Dank
für den Tee..
.Ich habe zu danken., sagte die alte Dame.
Aomame l.chelte schwach.
.Es gibt nichts, worüber Sie sich Sorgen machen
müssten.. Der Tonfall der alten Dame hatte seine übliche
Heiterkeit zurückgewonnen. In ihren Augen leuchtete ein
warmes Licht. Sie berührte Aomames Arm. .Denn wir tun
das Richtige..
Aomame nickte. Ihre Gespr.che endeten stets mit der
gleichen Sentenz. Vielleicht muss sie sich das st.ndig selbst
vorsagen, dachte Aomame. Wie ein Mantra oder ein Gebet.
.Du musst dir keine Sorgen machen. Wir tun das Richtige..
Aomame vergewisserte sich, dass kein Schmetterling in
der N.he war, .ffnete die Tür des Gew.chshauses einen
Spalt und schloss sie hinter sich, als sie drau.en war. Die
alte Dame blieb mit der Gie.kanne in der Hand zurück.
Au.erhalb des Gew.chshauses war die Luft kühl und frisch.
Es roch nach B.umen und Gras. Hier war die wirkliche
Welt. Die Zeit floss wieder in normalen Bahnen. Aomame
sog die Luft der Wirklichkeit tief in ihre Lungen.
Im Eingang wartete Tamaru in seinem Teakstuhl, um ihr
den Schlüssel zu einem Postfach zu übergeben.
.Alles klar?., fragte er.
.Ich glaube schon., erwiderte sie. Sie setzte sich neben
ihn, nahm den Schlüssel in Empfang und verstaute ihn in
einem Fach ihrer Umh.ngetasche.
Schweigend beobachteten die beiden eine Weile die
V.gel, die in den Garten kamen. Die Zweige der Weiden
neigten sich reglos in der v.lligen Windstille. Einige ihrer
Spitzen erreichten fast den Erdboden.
.Geht es der Frau besser?., fragte Aomame.
.Welcher Frau?.
.Der von dem Mann, der in dem Hotel in Shibuya den
Herzanfall hatte..
.Dass es ihr gutgeht, kann man im Moment nicht sagen.,
erkl.rte Tamaru stirnrunzelnd. .Sie hat noch einen Schock
und kann nicht sprechen. So etwas braucht Zeit..
.Wie ist sie?.
.Sie ist etwa Mitte drei.ig, kinderlos. Sie sieht sehr gut
aus und hat Stil. Leider kann sie sich in diesem Sommer
wohl nicht mehr im Badeanzug zeigen, und im n.chsten
vielleicht auch nicht. Hast du die Polaroids gesehen?.
.Ja, gerade eben..
.Scheu.lich, was?.
.Ziemlich., sagte Aomame.
.Ein g.ngiges Muster., sagte Tamaru. .Der Mann gilt in
der .ffentlichkeit als erfolgreich. Ist gesellschaftlich hoch
angesehen, guter Herkunft und hervorragend ausgebildet..
.Aber zu Hause verwandelt er sich total., fuhr Aomame
fort. .Vor allem wenn er betrunken ist, wird er gewaltt.tig.
Jedenfalls der Typ, der sich nur an Frauen vergreift. Er hat
nur die Ehefrau, die er verprügeln kann. Nach au.en hin
gibt er sich anst.ndig, mimt den gütigen, verst.ndnisvollen
Ehemann. Deshalb schenkt man der Ehefrau auch zuerst
keinen Glauben, wenn sie erz.hlt, welche
Abscheulichkeiten ihr angetan werden. Denn der Mann
sucht sich für seine Gewalttaten einen Ort aus, den
niemand einsehen kann. Und er achtet darauf, keine
Spuren zu hinterlassen. So ist es doch?.
Tamaru nickte. .In den meisten F.llen. Der da hat
allerdings nie einen Tropfen Alkohol getrunken. Der hat
das stocknüchtern und am helllichten Tag getan. Unn.tig
b.sartig. Sie wollte sich scheiden lassen. Aber er hat sich
stur geweigert. Vielleicht hat er sie sogar geliebt. Oder er
wollte sein bequemes Opfer nicht verlieren. Oder es gefiel
ihm unheimlich gut, seine Frau zu vergewaltigen..
Tamaru hob leicht die Fü.e und überprüfte den Glanz
seiner Schuhe. Dann fuhr er fort.
.Hat eine Frau Beweise, dass ihr Gewalt angetan wird,
kann sie natürlich die Scheidung einreichen, aber das
kostet Zeit und auch Geld. Und wenn der Mann einen
gewieften Anwalt hat, kann das ziemlich unangenehm
werden. Die Familiengerichte haben alle H.nde voll zu tun,
und Richter gibt es auch nicht genügend. Selbst wenn es
zur Scheidung kommt und eine Abfindung und
Unterhaltszahlungen festgesetzt werden, zahlt kaum ein
Mann wirklich. Weil er sich immer irgendwie herausreden
kann. Zahlungsunwilligkeit ist in Japan kein Grund, einen
Exmann ins Gef.ngnis zu stecken. Zeigt er die Bereitschaft
zu zahlen und überweist pro forma irgendeinen Betrag,
sieht das Familiengericht über alles hinweg. Die japanische
Gesellschaft l.sst gegenüber M.nnern noch immer gro.e
Nachsicht walten..
.übrigens., sagte Aomame, .bekam vor einigen Tagen so
ein gewaltt.tiger Ehemann auf seinem Hotelzimmer in
Shibuya praktischerweise einen Herzanfall..
.Die Formulierung .praktisch. ist mir ein wenig zu
direkt., sagte Tamaru und schnalzte leicht mit der Zunge.
.Durch glückliche Fügung würde mir gefallen. Auf alle
F.lle gibt es keinen Zweifel an der Todesursache, und da
die Versicherungssumme nicht auff.llig hoch ist, wird die
Lebensversicherung auch keinen Verdacht hegen.
Wahrscheinlich zahlt sie anstandslos. Dabei handelt es sich
um eine ganz ordentliche Summe. Mit diesem Geld kann
sie den ersten Schritt in ein neues Leben tun. Au.erdem
spart sie sich jetzt die Zeit und das Geld für eine Scheidung.
Und die komplizierten, sinnlosen gesetzlichen Formalit.ten
und die nervliche Belastung, die sich daran anschlie.en,
kann sie auch umgehen..
.Au.erdem ist dieser Dreckskerl aus der Welt
verschwunden und kann sich nicht irgendwo ein neues
Opfer suchen..
.Eine glückliche Fügung., sagte Tamaru. .Dank eines
Herzanfalls l.st sich alles in Wohlgefallen auf. Ende gut,
alles gut..
.Falls es so etwas wie ein Ende gibt., sagte Aomame.
Ein angedeutetes L.cheln rief kleine Falten in Tamarus
Mundwinkeln hervor. .Irgendwo gibt es ganz bestimmt ein
Ende. Nur dass nicht ausdrücklich dransteht: .Hier ist das
Ende.. An der obersten Sprosse einer Leiter steht ja auch
nicht: .Hier ist die letzte Sprosse. Bitte gehen Sie nicht
weiter., oder?.
Aomame schüttelte den Kopf.
.Das ist das Gleiche., sagte Tamaru.
.Man muss nur über etwas gesunden Menschenverstand
verfügen und die Augen offen halten, dann sieht man das
Ende schon., sagte Aomame.
Tamaru nickte. .Auch wenn man es nicht merkt …. Er
machte eine fallende Geste mit dem Finger. .Das Ende
kommt..
Die beiden schwiegen eine Weile und lauschten dem
Gezwitscher der V.gel. Es war ein heiterer
Aprilnachmittag. Nirgends ein Anzeichen von b.ser
Absicht oder Gewalt.
.Wie viele Frauen halten sich im Moment hier auf?.,
erkundigte sich Aomame.
.Vier., erwiderte Tamaru prompt.
.Alle in ungef.hr der gleichen Lage?.
.In einer .hnlichen., sagte Tamaru. Sein Mund wurde
schmal. .Aber die anderen drei F.lle sind nicht so ernst.
Die M.nner sind die üblichen Feiglinge, aber keiner so
b.sartig, dass es ein Thema w.re. Nichts als aufgeblasene
Schw.chlinge. Dafür müssen wir dich nicht bemühen. Mit
denen werde ich fertig..
.Auf legale Weise..
.Im Gro.en und Ganzen legal. Auch wenn man vielleicht
ein bisschen nachhelfen muss. Selbstverst.ndlich ist ein