ging es gut voran, nur stadteinw.rts gab es diesen
grauenhaften Stau. Um 15 Uhr nachmittags gab es auf der
Nr. 3 in Richtung Stadt normalerweise keine Staus. Nur
deshalb hatte Aomame den Fahrer überhaupt gebeten, die
Stadtautobahn zu nehmen.
.Auf der Autobahn wird nicht nach Zeit abgerechnet.,
sagte der Fahrer mit einem Blick in den Rückspiegel. .Um
den Fahrpreis brauchen Sie sich also keine Sorgen zu
machen. Aber wahrscheinlich ist es unangenehm für Sie,
wenn Sie Ihre Verabredung verpassen?.
.Natürlich ist das unangenehm. Aber es l.sst sich ja wohl
nicht .ndern..
Der Blick des Fahrers streifte Aomame im Spiegel. Er trug
eine leicht get.nte Sonnenbrille. Wegen der
Lichtverh.ltnisse konnte Aomame von ihrem Platz aus
seinen Gesichtsausdruck nicht sehen.
.Also, es g.be da eine M.glichkeit. Im .u.ersten Notfall
k.nnten Sie von hier aus mit der Bahn nach Shibuya
fahren..
.Im Notfall?.
.Eine sozusagen inoffizielle M.glichkeit..
Wortlos und mit zusammengekniffenen Augen wartete
Aomame, dass er fortfuhr.
.Vor uns ist eine Stelle, wo ich ranfahren kann.. Der
Fahrer wies mit dem Finger nach vorn. .Da bei der gro.en
Esso-Reklametafel..
Als Aomame scharf hinsah, bemerkte sie links von der
zweiten Spur eine Haltem.glichkeit für Pannenfahrzeuge.
Da es auf der Stadtautobahn keinen Seitenstreifen gab,
hatte man in gewissen Abst.nden Notparkpl.tze
eingerichtet. Es gab dort einen gelben Kasten mit einem
Notruftelefon, von dem aus man das Stra.enamt
kontaktieren konnte. Im Augenblick parkte dort niemand.
Auf einem Geb.udedach jenseits der Gegenspur war ein
riesiges Werbeschild der .lfirma Esso angebracht. Es zeigte
einen freundlich l.chelnden Tiger mit einem Tankschlauch
in der Pfote.
.Es gibt dort eine Treppe, die nach unten führt. Im Fall
eines Feuers oder Erdbebens k.nnen die Fahrer ihre Wagen
verlassen und über sie auf ebene Erde gelangen.
Normalerweise wird sie nur von den Wartungsarbeitern
und so weiter benutzt. Wenn Sie die Treppe
hinuntersteigen, kommen Sie in der N.he einer Station der
Tokyu-Linie heraus. Damit sind Sie ganz schnell in
Shibuya..
.Ich wusste gar nicht, dass es auf der Stadtautobahn so
eine Treppe gibt., sagte Aomame.
.Das ist im Allgemeinen wenig bekannt..
.Aber bekommt man keine Schwierigkeiten, wenn man
sie ohne zwingenden Grund benutzt?.
Der Fahrer machte eine kurze Pause. .Hm, ja, k.nnte
sein. So genau kenne ich mich mit den Bestimmungen des
Stra.enamts nicht aus. Aber Sie st.ren ja niemanden, also
würde man sicher darüber hinwegsehen, oder? Eigentlich
guckt doch hier niemand so genau hin. Das Stra.enamt hat
zwar jede Menge Angestellte, aber es ist ja bekannt, dass
nur die wenigsten von ihnen tats.chlich etwas tun..
.Was ist das für eine Treppe?.
.So was .hnliches wie eine Feuertreppe. Wie sie oft auf
der Rückseite von .lteren Geb.uden angebracht sind. Nicht
besonders gef.hrlich. Ihre H.he entspricht etwa der eines
zweist.ckigen Geb.udes, aber man kann ganz normal
hinuntergehen. Am Zugang gibt es ein Gitter, aber es ist
nicht hoch, und wer will, kann leicht darübersteigen..
.Haben Sie diese Treppe denn schon einmal benutzt?.
Der Fahrer antwortete nicht. Er l.chelte nur leicht in den
Rückspiegel. Es war ein L.cheln, das vieles hei.en konnte.
.Letztlich liegt es bei Ihnen, junge Frau., sagte der
Fahrer, w.hrend er mit den Fingern leicht zur Musik auf
das Lenkrad trommelte. .Von mir aus k.nnen Sie auch
gern hier sitzen bleiben und sich bei guter Musik aus einer
guten Anlage entspannen. Da wir sowieso l.ngere Zeit hier
festsitzen, k.nnen wir auch gemeinsam ausharren. Aber
wenn Sie einen dringenden Termin haben, gibt es nur diese
eine M.glichkeit..
Mit gerunzelter Stirn warf Aomame einen Blick auf ihre
Armbanduhr. Dann schaute sie auf und musterte die
Wagen um sie herum. Rechts von ihnen stand ein
schwarzer, von einer dünnen Schicht aus hellem Staub
bedeckter Mitsubishi Pajero. Der junge Mann auf dem
Beifahrersitz hatte das Fenster heruntergekurbelt und
rauchte gelangweilt eine Zigarette. Er hatte lange Haare,
war sonnengebr.unt und trug eine weinrote Windjacke.
Der Gep.ckraum war mit mehreren abgenutzten,
schmutzigen Surfbrettern beladen. Davor stand ein grauer
Saab 900. Die get.nten Scheiben waren geschlossen, und
von au.en lie. sich nicht erkennen, wer darin sa.. Der
Wagen war so blank poliert, dass die benachbarten
Fahrzeuge sich darin spiegelten.
Vor Aomames Taxi befand sich ein roter Suzuki Alto mit
einer Nummer des Stadtteils Nerima. Eine junge Mutter
sa. am Steuer. Ihr kleines Kind langweilte sich und turnte
auf dem Sitz herum. Die Mutter ermahnte es mit einem
gereizten Gesichtsausdruck. Man konnte durch die Scheibe
sehen, wie sie den Mund bewegte. Die gleiche Szenerie wie
vor zehn Minuten. In diesen zehn Minuten war der Wagen
keine zehn Meter vorangekommen.
Aomame überdachte die Lage. Im Geiste ordnete sie
verschiedene Punkte nach ihrer Priorit.t. Es dauerte nicht
lange, bis sie zu einem Entschluss kam. Auch das Stück von
Janá.ek erreichte – wie im Einklang mit ihr – den letzten
Satz.
Aomame nahm eine kleine Ray-Ban-Sonnenbrille aus
ihrer Umh.ngetasche. Dann zog sie drei Tausend-Yen-
Scheine aus ihrem Portemonnaie und reichte sie dem
Fahrer.
.Ich steige hier aus., sagte sie. .Ich darf nicht zu sp.t
kommen..
Der Fahrer nickte und nahm das Geld in Empfang.
.Quittung?.
.Nein, danke. Und der Rest ist für Sie..
Der Fahrer bedankte sich. .Es scheint ziemlich windig zu
sein, also nehmen Sie sich in Acht. Nicht dass Sie
ausrutschen..
.Danke., sagte Aomame.
.Also dann., sagte der Fahrer in den Rückspiegel. .Ich
m.chte Ihnen noch etwas mit auf den Weg geben: Die
Dinge sind meist nicht das, was sie zu sein scheinen..
Die Dinge sind nicht, was sie zu sein scheinen,
wiederholte Aomame bei sich. Sie runzelte leicht die Stirn.
.Was meinen Sie damit?.
Der Fahrer sprach sehr nachdrücklich. .Also, Sie werden
jetzt etwas Ungew.hnliches tun, nicht wahr? Am
helllichten Tag über eine Treppe von der Stadtautobahn
hinuntersteigen. Das ist etwas, was normale Menschen
nicht tun. Insbesondere Frauen nicht..
.Wahrscheinlich nicht., sagte Aomame.
.Wenn man so etwas tut, kann es sein, dass einem der
Alltag anschlie.end ein wenig – wie soll ich sagen –
verschoben erscheint. Verglichen mit sonst. Ich habe diese
Erfahrung selbst schon gemacht. Aber man darf sich nicht
vom .u.eren Schein t.uschen lassen. Es gibt immer nur
eine Realit.t..
Aomame dachte über die Worte des Fahrers nach.
Unterdessen endete das Stück von Janá.ek, und Applaus
setzte ein. Wo das Konzert wohl aufgenommen worden
war? Der Beifall war anhaltend und stürmisch. Dazwischen
ert.nten Bravorufe. Aomame stellte sich vor, wie der
Dirigent sich immer wieder l.chelnd vor dem stehenden
Publikum verneigte. Er hob das Gesicht und die H.nde,
schüttelte dem Konzertmeister die Hand, wandte sich nach
hinten und wies mit beiden H.nden lobend auf die
Orchestermitglieder, wandte sich wieder nach vorn und
verbeugte sich abermals tief. Der Beifall im Radio schwoll
an und ab, und sie hatte das Gefühl, einem endlosen
Sandsturm auf dem Mars zu lauschen.
.Es gibt immer nur eine Realit.t., wiederholte der
Taxifahrer langsam, als würde er eine besonders wichtige
Zeile in einem Dokument unterstreichen.
.Natürlich., sagte Aomame. Selbstverst.ndlich. Einen
K.rper, eine Zeit, einen Raum. Einstein hatte es ja
bewiesen. Die Realit.t war ein unendlich rigoroses und
unendlich einsames Ding.
Aomame zeigte auf die Stereoanlage. .Sie hat wirklich
einen guten Klang..
Der Fahrer nickte. .Wie war noch mal der Name des
Komponisten?.
.Janá.ek..
.Janá.ek., wiederholte der Fahrer, als würde er sich ein
wichtiges Passwort merken. Dann zog er an dem Hebel und
.ffnete die automatische hintere Tür. .Seien Sie vorsichtig.
Ich hoffe, Sie schaffen es noch pünktlich zu Ihrem Termin..
Ihre gro.e lederne Umh.ngetasche in der Hand, stieg
Aomame aus. Der Applaus im Radio dauerte noch immer
an. Vorsichtig ging sie auf den Pannenstreifen am Rand der
Schnellstra.e zu, der nur zehn Meter vor ihr lag. Sooft auf
der Gegenfahrbahn ein gro.er Lastwagen vorbeifuhr, bebte
die Stra.e unter ihren hohen Abs.tzen. Eigentlich war es
eher ein Schwanken. Sie fühlte sich wie an Deck eines
Flugzeugtr.gers auf stürmischer See.
Das kleine M.dchen in dem roten Suzuki Alto steckte den
Kopf aus dem Beifahrerfenster und beobachtete Aomame
mit aufgerissenem Mund. Dann wandte es sich an seine
Mutter. .Mama, Mama, was macht die Frau da? Wo geht
die hin? Ich will auch laufen. Mama, ich will raus. Mama!.,
verlangte die Kleine laut und gebieterisch. Die Mutter
schüttelte nur stumm den Kopf. Dann warf sie Aomame
einen vorwurfsvollen Blick zu. Aber das war die einzige
Stimme, die sich in der Umgebung erhob, die einzige
Reaktion, die ihr auffiel. Die anderen Fahrer stie.en nur
den Rauch ihrer Zigaretten aus, hoben leicht die
Augenbrauen und verfolgten, als k.nnten sie ihren Augen
nicht trauen, die Gestalt, die ohne zu z.gern zwischen den
Wagen und der Leitplanke entlangspazierte. Sie schienen
sich ihr Urteil vorzubehalten. Auch wenn der Verkehr
stand, kam es doch nicht alle Tage vor, dass jemand zu Fu.
die Stadtautobahn entlangmarschierte. Man brauchte eine
gewisse Zeit, um dies als realen Anblick wahrzunehmen
und zu akzeptieren. Vor allem, wenn es sich bei der Person
um eine junge Frau in Minirock und St.ckelschuhen
handelte.
Das Kinn eingezogen, den Blick geradeaus und den
Rücken gestrafft, ging Aomame mit festem Schritt vorw.rts,
w.hrend sie die Blicke auf ihrer Haut spürte. Ihre
kastanienbraunen Schuhe von Charles Jourdan klackten
trocken über den Asphalt, und eine Brise lie. den Saum
ihres Mantels flattern. Der junge April wurde von einem
noch kühlen und etwas stürmischen Wind begleitet. über
ihrem leichten grünen Wollkostüm von Junko Shimada
trug sie einen beigefarbenen Frühjahrsmantel. Ihre lederne
Umh.ngetasche war schwarz, ihr schulterlanges Haar gut
geschnitten und gepflegt. Accessoires oder Schmuck trug
sie nicht. Sie war 1,68 Meter gro., hatte kein Gramm Fett
zu viel und war sehr durchtrainiert, aber das konnte man
unter dem Mantel nicht erkennen.
Wenn man ihr schmales Gesicht von vorn betrachtete, fiel
auf, dass ihre Ohren sich etwas voneinander unterschieden.
Das linke Ohr war gr..er als das rechte und unregelm..ig
geformt. Doch das merkte anfangs niemand, da sie ihre
Ohren meist unter den Haaren verbarg. Ihre Lippen waren
zu einem geraden Strich geschlossen und wiesen auf einen
wenig anpassungsf.higen Charakter hin. Die schmale
kleine Nase und die etwas vorstehenden Wangenknochen,
die breite Stirn und auch die langen geraden Augenbrauen
sprachen ebenfalls für diese Veranlagung. Insgesamt jedoch
hatte Aomame ein regelm..iges ovales Gesicht. So etwas
ist zwar Geschmackssache, aber man durfte sie wohl als
eine sch.ne Frau bezeichnen. Ein Minus war die extreme
H.rte in ihrem Ausdruck. über die fest
aufeinandergepressten Lippen kam nie ein L.cheln, wenn
es nicht unbedingt n.tig war. Ihre Augen waren wachsam
und kühl, wie die eines vortrefflichen Deckmatrosen auf
Wache. Aus diesem Grund machte ihr Gesicht nie einen
lebhaften Eindruck auf andere. Die Aufmerksamkeit und
Bewunderung, die eine Person auf sich zieht, hat in den
meisten F.llen eher mit der Natürlichkeit und Anmut ihrer
Mimik zu tun als mit positiven oder negativen Aspekten
der unbewegten Gesichtszüge.
Die meisten Menschen vermochten Aomames Gesicht
nicht richtig zu erfassen. Kaum hatte man den Blick
abgewandt, konnte man schon nicht mehr beschreiben, wie
sie aussah. Obwohl sie ein ausgesprochen individuelles
Gesicht hatte, blieben seine charakteristischen Merkmale
aus irgendeinem Grund nicht im Ged.chtnis haften. In
dieser Hinsicht glich sie einem Insekt mit der ausgepr.gten
F.higkeit zur Mimese. Ihre Farbe und Form zu ver.ndern,
sich dem Hintergrund entsprechend zu wandeln, m.glichst
wenig aufzufallen, nicht so leicht wiedererkannt zu
werden – genau danach trachtete Aomame. Schon seit
frühester Kindheit war das ihr Schutzmechanismus.
Doch wenn irgendetwas Aomame veranlasste, ihr Gesicht
zu verziehen, fand eine dramatische Ver.nderung in ihren
kühlen Zügen statt. Ihre Gesichtsmuskeln verzerrten sich
unkontrolliert in alle Richtungen. Die Unregelm..igkeiten
zwischen linker und rechter Seite traten bis zum .u.ersten
hervor, überall erschienen tiefe Falten, die Augen
versanken pl.tzlich in den H.hlen, Nase und Mund waren
grimmig entstellt, sie verzerrte ihre Kiefer, die
aufgeworfenen Lippen entbl..ten gro.e wei.e Z.hne.
Innerhalb eines Augenblicks konnte sie sich in einen v.llig
anderen Menschen verwandeln, als w.re eine Schnur
durchtrennt worden und eine Maske von ihr abgefallen.
Wer Zeuge dieser entsetzlichen Verwandlung wurde,
erschrak bis ins Mark. Es war ein t.dlicher Sprung aus
v.lliger Normalit.t in einen schwindelerregenden Abgrund.
So hütete Aomame sich auch, diese Fratze Unbekannten zu
zeigen, und beschr.nkte sich darauf, das Gesicht zu
verzerren, wenn sie allein war oder wenn sie M.nner
einschüchtern wollte, die ihr dumm kamen.
Sobald Aomame den Pannenstreifen erreicht hatte, blieb
sie stehen und sah sich nach der Treppe um. Sie entdeckte
sie sofort. Wie der Taxifahrer gesagt hatte, war der Zutritt
von einem wenig mehr als hüfthohen Eisengitter umgeben,
dessen Tür verschlossen war. Es war etwas l.stig, in einem
Minirock darüberzusteigen, aber wenn man nichts auf die
Blicke der Leute gab, bereitete es einem keine besonderen
Schwierigkeiten. Ohne zu z.gern, zog sie ihre hohen
Schuhe aus und verstaute sie in ihrer Tasche.
Wahrscheinlich würde sie sich die Strumpfhose ruinieren.
Aber sie konnte sich ja irgendwo eine neue kaufen.