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作者: 当前章节:15404 字 更新时间:2026-6-19 08:06

sich oft, einfach tot umzufallen. Dann würde der Vater

vielleicht über sein Verhalten nachdenken. Würde

einsehen, dass er vielleicht zu streng zu seinem Kind

gewesen war. Doch glücklicher- und zugleich

unglücklicherweise war Tengo mit einer robusten

Gesundheit gesegnet. Ob Fieber, Magenschmerzen oder

Erbrechen, er begleitete seinen Vater auf seinen langen

Rundg.ngen von Haus zu Haus, ohne je umzukippen oder

die Besinnung zu verlieren. Es muss nicht erw.hnt werden,

dass er dabei niemals auch nur eine Tr.ne vergoss.

Tengos Vater war ein Jahr nach Kriegsende v.llig

mittellos aus der Mandschurei zurückgekehrt. Als dritter

Sohn einer Bauernfamilie in Tohoku, im nord.stlichen

Japan, hatte er sich mit gleichgesinnten Freunden den

Pionieren angeschlossen, die die japanische Besiedlung der

Mandschurei und der Mongolei vorantreiben sollten. Nicht

dass sie die Regierungspropaganda über die Mandschurei

als weites fruchtbares Arkadien geschluckt h.tten, das

jedem Reichtum bringen würde, der sich dort ans.ssig

machte. Dass es ein solches Arkadien nicht gab, war ihnen

von Anfang an klar. Aber sie waren bitterarm und fristeten,

auch wenn sie auf dem Land lebten, ein Dasein am Rande

des Hungertodes. Durch die Weltwirtschaftskrise quoll

Japan über von Arbeitslosen, und so h.tten sie, auch wenn

sie in die St.dte gezogen w.ren, niemals Arbeit gefunden.

Die überfahrt in die Mandschurei war daher für sie der

einzige Weg, um zu überleben. Nachdem sie eine

notdürftige Grundausbildung als bewaffnete

Siedlungspioniere und ein paar sp.rliche Informationen

über die Landwirtschaft in der Mandschurei erhalten

hatten, wurden sie mit dreimaligem .Banzai. losgeschickt.

Sie lie.en die Heimat hinter sich und wurden von Dalian –

im Westen besser als Port Arthur bekannt – mit der

Eisenbahn in die N.he der mandschurisch-mongolischen

Grenze verfrachtet. Dort erhielten Tengos Vater und seine

Kameraden ein Stück Ackerland, Ger.tschaften und ein

kleines Gewehr und sollten nun Landwirtschaft betreiben.

Doch alles, was sie auf dem kargen, steinigen Boden

anpflanzten, erfror im Winter, und um nicht zu

verhungern, a.en sie sogar streunende Hunde. Nach

einigen sehr schweren Anfangsjahren bekamen sie mehr

Hilfe von der Regierung und schafften es, eher schlecht als

recht dort zu überleben.

Im August 1945 – ihr Leben war endlich etwas leichter

geworden – fiel die Sowjetunion entgegen ihrem 1941 mit

Japan geschlossenen Neutralit.tsabkommen in

Mandschukuo ein. Gro.e Teile der von der europ.ischen

Front abgezogenen Sowjetarmee wurden mit der

Sibirischen Eisenbahn in den Fernen Osten verlegt und

überschritten die chinesische Grenze. Ein Beamter, mit

dem Tengos Vater sich angefreundet hatte, erz.hlte ihm

unter der Hand von der bedrohlichen Lage und dem

bevorstehenden Einmarsch der Sowjets. Die geschw.chte

japanische Kwantung-Armee habe dieser kaum etwas

entgegenzusetzen, teilte ihm der Beamte heimlich mit, und

er solle sich darauf einstellen, Hals über Kopf zu flüchten.

Je schneller, desto besser. Sobald Tengos Vater die

Nachricht vom Grenzübertritt der Sowjetarmee erhielt, ritt

er auf einem Pferd, das er zu diesem Zweck bereitgehalten

hatte, zum Bahnhof und erreichte gerade noch den

vorletzten Zug in Richtung Russland. In seinem

Freundeskreis war er der Einzige, der in jenem Jahr

unbeschadet nach Japan zurückkehrte.

Nach dem Krieg ging der Vater nach Tokio und versuchte

sich im Schwarzhandel und als Zimmermannsgehilfe, hatte

aber mit keinem von beidem Erfolg und konnte sich kaum

über Wasser halten. Als er im Herbst 1947 eine Kneipe in

Asakusa belieferte, traf er zuf.llig einen alten Bekannten

aus der Mandschurei. Es war jener Beamte, der ihn vor dem

bevorstehenden Kriegsausbruch zwischen Japan und der

Sowjetunion gewarnt hatte. Der Mann war für das

mandschurische Postsystem zust.ndig gewesen und hatte

nach seiner Rückkehr nach Japan wieder in seinem alten

Ressort im Ministerium für Kommunikation und Transport

Fu. gefasst. Er schien sich seine Sympathie für Tengos

Vater bewahrt zu haben und lud ihn zum Essen ein: Sie

seien doch alte Kameraden, und au.erdem kenne er ihn als

überaus flei.igen Arbeiter.

Er wisse, wie schwer es dieser Tage für Tengos Vater sei,

eine richtige Arbeit zu finden. Ob er Interesse habe, es als

Gebühreneinsammler für NHK zu versuchen. Er k.nne bei

einem guten Freund in der entsprechenden Abteilung ein

gutes Wort für ihn einlegen. Dafür w.re er sehr dankbar,

sagte Tengos Vater. Er wusste nicht genau, was dieses NHK

war, aber solange er dort Arbeit und ein festes Einkommen

bekam, sollte es ihm recht sein. Der Beamte verfasste ein

Empfehlungsschreiben und verbürgte sich für ihn, und

Tengos Vater bekam ohne Schwierigkeiten eine Stelle als

Gebührenkassierer bei NHK. Nach einem kurzen Lehrgang

erhielt er eine Uniform und einen Zust.ndigkeitsbereich.

Die Menschen erholten sich allm.hlich vom Schock der

Kapitulation und suchten Vergessen und Ablenkung von

ihrem .rmlichen Dasein. Damals geh.rten Musik-,

Unterhaltungs- und Sportsendungen aus dem Radio zu den

einfachsten und erschwinglichsten Vergnügungen. Im

Vergleich zur Vorkriegszeit waren Radioger.te nun sehr

viel weiter verbreitet, und NHK bedurfte einer gro.en

Anzahl von Mitarbeitern, die die Rundfunkgebühren vor

Ort einsammelten.

Tengos Vater erfüllte seine Aufgabe mit

bemerkenswertem Eifer. Er war k.rperlich robust und

verfügte über gro.e Ausdauer. Vor allem hatte er sich nie

zuvor in seinem Leben richtig sattessen k.nnen. Jemand

wie er empfand das Einsammeln von Gebühren nicht als

schwere Arbeit. Auch die gelegentlich damit verbundenen

Demütigungen waren ihm nicht unbekannt. Au.erdem

erfüllte es ihn mit gro.er Befriedigung, einer so riesigen

Organisation anzugeh.ren, und sei es nur als winziges

R.dchen. Nachdem er ein Jahr lang auf Honorarbasis

gearbeitet hatte, wurde er aufgrund seiner hervorragenden

Erfolgsrate und Arbeitsmoral fest angestellt. Dies entsprach

nicht den Gepflogenheiten bei NHK und war eine

ungew.hnliche Auszeichnung, die sich vor allem dem

Umstand verdankte, dass Tengos Vater selbst in Gegenden,

die als hochgradig problematisch galten,

überdurchschnittliche Ergebnisse erzielte. Darüber hinaus

hatte auch sein Bürge, der Beamte im

Kommunikationsministerium, seinen Einfluss spielen

lassen. Ein Grundgehalt wurde festgesetzt, und Tengos

Vater erhielt alle dazugeh.rigen Vergünstigungen, zum

Beispiel eine Dienstwohnung und eine

Krankenversicherung. Hierin bestand ein himmelweiter

Unterschied zur Behandlung gew.hnlicher Hilfskr.fte, die

im Grunde nach Bedarf angestellt und wieder entlassen

wurden. Dies war das gr..te Glück, das Tengos Vater je in

seinem Leben widerfahren war. Seine Position war eine am

untersten Ende der Leiter, doch damit konnte er sie

immerhin zementieren.

Diese Geschichte hatte Tengo bis fast zum Erbrechen

geh.rt. Statt ihm abends vor dem Schlafengehen etwas

vorzusingen oder vorzulesen, erz.hlte sein Vater ihm

wieder und wieder von seinen Erlebnissen. Dass er in einer

armen Bauernfamilie in Tohoku zur Welt gekommen und

unter Mühsal und Plagen aufgewachsen war; dass man ihn

geschlagen hatte wie einen Hund, ehe er als Pionier in die

Mandschurei gezogen war. Er erz.hlte von der Erde dort,

die so kalt war, dass der Strahl beim Pinkeln zu Eis

erstarrte. Das .de Land hatte er urbar gemacht und

Pferdediebe und W.lfe gejagt. Dann war er vor den

sowjetischen Panzern geflüchtet und hatte unbeschadet,

ohne in einem sibirischen Lager zu landen, das heimatliche

Japan erreicht. Mit leerem Magen hatte er sich durch die

bitterarme Nachkriegszeit geschlagen, bis er durch einen

glücklichen Zufall fest angestellter Gebührenkassierer bei

NHK wurde. An dieser Stelle erreichte die Geschichte ihr

ultimatives Happy End. Und wenn sie nicht gestorben sind,

dann leben sie noch heute …

Sein Vater erz.hlte seine Geschichte gut. Tengo würde

wohl nie erfahren, inwieweit sie den Tatsachen entsprach,

aber ihr Verlauf war ziemlich schlüssig. Man konnte nicht

behaupten, dass sie gro.e Tiefe hatte, aber sein Vater

erz.hlte detailgetreu, lebendig und farbig. Es gab lustige,

ernste und gewaltt.tige Begebenheiten. Manche Episoden

versetzten Tengo in sprachloses Erstaunen, andere

wiederum konnte er nicht begreifen, ganz gleich, wie oft er

sie h.rte. Betrachtete man das Leben als eine Vielfalt von

Episoden, lie. sich durchaus sagen, dass das Leben seines

Vaters an sich reich gewesen war.

Allerdings verlor die Erz.hlung, als sie den Punkt

erreichte, an dem Tengos Vater bei NHK fest angestellt

wurde, pl.tzlich ihre lebendige Farbigkeit. Es fehlte ihr an

Details und Zusammenh.ngen. Es war, als sei die

Fortsetzung für ihn nicht erz.hlenswert. Er lernte eine Frau

kennen, heiratete, und sie bekamen ein Kind – das war

natürlich Tengo. Wenige Monate nach seiner Geburt wurde

Tengos Mutter schwer krank und starb. Sein Vater heiratete

nicht wieder und zog den Jungen allein auf, w.hrend er

weiter seiner T.tigkeit als Gebühreneinsammler bei

NHK nachging. Bis heute. Ende der Geschichte.

Wie er Tengos Mutter kennengelernt und geheiratet

hatte, was für ein Mensch sie gewesen war, woran sie

gestorben war (ob ihr Tod etwas mit Tengos Geburt zu tun

hatte), ob ihr Tod vergleichsweise friedlich gewesen war

oder qualvoll, all das erw.hnte der Vater mit keinem Wort.

Auf Tengos Fragen antwortete er stets ausweichend. Oft

bekam er schlechte Laune und schwieg. Nicht ein einziges

Bild war von Tengos Mutter geblieben. Es existierte nicht

einmal ein Hochzeitsfoto. Sie h.tten nicht genug Geld für

eine Feier gehabt und auch keinen Fotoapparat besessen,

behauptete der Vater.

Doch im Grunde glaubte Tengo ihm nicht. Sein Vater

verheimlichte ihm die Wahrheit und hatte seine Geschichte

entsprechend zurechtgebogen. In Wirklichkeit war Tengos

Mutter gar nicht ein paar Monate nach seiner Geburt

gestorben. Seiner Erinnerung nach hatte sie noch gelebt, als

er anderthalb Jahre alt war. Und neben dem schlafenden

Tengo einen anderen Mann umarmt.

Seine Mutter zog ihre Bluse aus, streifte den Tr.ger ihres

wei.en Unterkleids hinunter und lie. den Mann, der nicht

sein Vater war, an ihrer Brustwarze saugen. Tengo lag ruhig

atmend daneben und schlief. Doch zugleich schlief er auch

nicht. Er beobachtete seine Mutter.

Tengos einziges Erinnerungsfoto von seiner Mutter. Diese

Szene, die nur etwa zehn Sekunden andauerte, hatte sich

tief in sein Gehirn eingebrannt. Sie war der einzige

konkrete Hinweis, den er besa.. Durch dieses Bild war

Tengo wie durch eine hypothetische Nabelschnur mit

seiner Mutter verbunden. Sein Geist schwebte über dem

Fruchtwasser der Erinnerung und lauschte auf ein Echo aus

der Vergangenheit. Doch sein Vater hatte nicht die

geringste Ahnung von dieser Szene, die sich Tengo so

deutlich eingepr.gt hatte. Er wusste nicht, dass der Junge

diesen Fetzen Erinnerung wiederk.ute wie eine Kuh auf der

Weide und daraus seine wichtigste Nahrung zog. Jeder der

beiden – Vater und Sohn – hütete ein tiefes und düsteres

Geheimnis.

Es war ein angenehmer, sonniger Sonntagmorgen. Doch

der kühle Wind kündete davon, dass das Wetter, obschon

Mitte April, leicht noch einmal umschlagen konnte. über

seinem dünnen schwarzen Pullover mit rundem Ausschnitt

trug Tengo das Fischgr.tenjackett, das er seit seiner

Schulzeit kaum abgelegt hatte, dazu beigefarbene Chinos

und braune Hush Puppies. Die Schuhe waren noch

verh.ltnism..ig neu. Sie waren das Neuste an ihm. Mehr

konnte er sich nicht leisten.

Als Tengo ganz vorn am Gleis der Chuo-Linie

stadtausw.rts in Richtung Tachikawa ankam, war Fukaeri

schon dort. Sie sa. reglos auf einer Bank und blickte mit

halb geschlossenen Augen in die Luft. über einem nicht

anders als sommerlich zu bezeichnenden Kleid aus

bedruckter Baumwolle trug sie eine dicke grasgrüne

Winterstrickjacke und an den nackten Fü.en graue

verwaschene Turnschuhe. Eine für diese Jahreszeit etwas

seltsame Zusammenstellung. Das Kleid war zu dünn und

die Jacke zu dick. Aber da sie sich so angezogen hatte,

empfand sie ihre Aufmachung wohl nicht als verfehlt.

Vielleicht drückte sie durch dieses Missverh.ltnis sogar

eine pers.nliche Weltsicht aus. So konnte man es auch

sehen. Aber vielleicht hatte sie die Sachen schlicht zuf.llig

gew.hlt, ohne sich etwas dabei zu denken.

Sie sa. einfach nur da, ohne in einer Zeitung oder in

einem Buch zu lesen oder Walkman zu h.ren, und starrte

mit ihren gro.en schwarzen Augen vor sich hin. Vielleicht

beobachtete sie etwas, vielleicht auch nicht. Beides war

m.glich. Vielleicht dachte sie nach, oder sie dachte an gar

nichts. Aus der Ferne wirkte sie wie eine sehr realistisch

gearbeitete Skulptur aus einem besonderen Material.

.Wartest du schon lange?., fragte Tengo.

Fukaeri sah ihn an, dann legte sie den Kopf ein wenig zur

Seite. Ihre Augen schimmerten wie Seide, doch wie bei

ihrer ersten Begegnung konnte er keinen Ausdruck darin

erkennen. Im Augenblick schien sie mit niemandem reden

zu wollen. Daher verzichtete Tengo auf die Bemühung, die

Unterhaltung fortzuführen, und setzte sich stumm neben

sie auf die Bank.

Als der Zug kam, stand Fukaeri wortlos auf. Die beiden

stiegen ein. Sonntags fuhren offenbar nur wenige Leute mit

dem Schnellzug nach Takao. Tengo und Fukaeri setzten

sich nebeneinander und blickten schweigend aus

gegenüberliegenden Fenstern auf die drau.en

vorüberziehende Stadtlandschaft. Da Fukaeri noch immer

nichts sagte, schwieg auch Tengo. Wie um sich gegen eine

bevorstehende K.lte zu wappnen, zog sie den Kragen ihrer

Jacke fest zu und blickte mit zusammengepressten Lippen

nach vorn.

Tengo holte das Taschenbuch hervor, das er mitgebracht

hatte, und fing an zu lesen. Doch dann z.gerte er. Er

klappte das Buch zu und packte es wieder in die Tasche,

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