den Little People zu trinken geben. Wenn es regnete, stellte
es den Eimer unter das Regenrohr und fing das Wasser auf,
denn das Regenwasser mochten die Little People noch
lieber als das aus dem Bach, auch wenn es das gleiche
natürliche Wasser war. Sie waren dem M.dchen dankbar
für seine Freundlichkeit.
Tengo merkte, dass es ihm schwerfiel, sich zu
konzentrieren. Kein gutes Zeichen. Vielleicht lag es daran,
dass heute Sonntag war. Eine gewisse Art der Verwirrung
breitete sich in ihm aus. Irgendwo auf der Ebene seiner
Gefühle braute sich ein gef.hrlicher Sandsturm zusammen.
An Sonntagen kam das mitunter vor.
.Was ist denn., fragte Fukaeri ohne Fragezeichen. Sie
schien Tengos Anspannung zu spüren.
.Ob alles gutgeht?., fragte Tengo.
.Was denn..
.Das Gespr.ch..
.Das Gespr.ch., fragte Fukaeri. Anscheinend begriff sie
nicht, wovon die Rede war.
.Mit dem Sensei., sagte Tengo.
.Ob das Gespr.ch mit dem Sensei gutgeht., wiederholte
sie.
Tengo z.gerte kurz und sprach dann seine Bedenken aus.
.Im Grunde habe ich das Gefühl, dass alle m.glichen Dinge
nicht richtig ineinandergreifen und alles schiefgeht..
Fukaeri wandte sich Tengo zu und blickte ihm direkt ins
Gesicht. .Angst., fragte sie.
.Ob ich mich vor etwas fürchte?., formulierte Tengo ihre
Frage aus.
Fukaeri nickte stumm.
KAPITEL 9
Aomame
Mit der Szenerie .ndern sich die Regeln
Aomame begab sich von ihrer Wohnung in die
n.chstgelegene Bibliothek und erbat an der Theke Einsicht
in die Zeitungen von September bis November 1981, die in
verkleinerten Ausgaben archiviert wurden. .Welche
m.chten Sie denn? Wir haben Asahi, Yomiuri, Mainichi
und Nikkei., erkundigte sich die Bibliotheksangestellte. Sie
war mittleren Alters und trug eine Brille. Sie erweckte eher
den Anschein einer Hausfrau, die zur Aushilfe dort
arbeitete, als den einer richtigen Bibliothekarin. Obwohl sie
nicht besonders dick war, hatte sie kr.ftige, speckige
Handgelenke.
.Egal welche., sagte Aomame. .Steht sowieso überall das
Gleiche drin..
.Da m.gen Sie recht haben, aber Sie müssen sich schon
für eine entscheiden., sagte die Frau in einem leiernden
Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Aomame hatte
nicht vor zu widersprechen und entschied sich ohne
besonderen Grund für die Mainichi Shimbun. Sie setzte
sich an einen der abgeteilten Tische, schlug ihr Notizbuch
auf und überflog mit einem Kugelschreiber in der Hand die
Artikel.
Im Frühherbst des Jahres 1981 war nicht viel passiert. Im
Juli jenes Jahres hatten Charles und Diana geheiratet, und
in den Zeitungsartikeln wirkte dieses Ereignis noch immer
nach. Wohin sie fuhren, was sie machten, was für Kleidung
und welchen Schmuck Diana trug. Die Hochzeit von
Charles und Diana hatte Aomame natürlich mitbekommen,
auch wenn sie sich nicht sonderlich dafür interessiert hatte.
Sie konnte überhaupt nicht begreifen, weshalb die Welt
derartigen Anteil am Schicksal des englischen Prinzen und
seiner Braut nahm. Vor allem, wo dieser Charles so gar
nicht wie ein Prinz aussah, sondern eher wie ein
Physiklehrer mit gastrischen Beschwerden.
In Polen versch.rfte sich der Konflikt zwischen Walesa,
dem Führer der Solidarno.., und der Regierung. Die
Sowjets .u.erten sich .h.chst besorgt., was im Klartext
hie., sie drohten mit einem milit.rischen Einmarsch gleich
dem im Prager Frühling von 1968, falls die polnische
Regierung die Situation nicht in den Griff bek.me. An all
das konnte sich Aomame ungef.hr erinnern. Ebenso wie sie
wusste, dass die Sowjets schlie.lich aus verschiedenen
Gründen vorl.ufig auf eine Intervention verzichtet hatten.
Es war überflüssig, diese Artikel gründlich durchzulesen.
Nur bei einer Sache stutzte sie. Der amerikanische
Pr.sident Reagan hatte, vielleicht mit dem Ziel, einer
sowjetischen Intervention entgegenzuwirken, deutlich
ge.u.ert: .Ich hoffe, die Spannungen in Polen werden zu
keiner Verz.gerung des amerikanisch-sowjetischen
Projekts führen, gemeinsam eine Basis auf dem Mond zu
errichten.. Die Errichtung einer gemeinsamen Mondbasis?
Davon hatte sie noch nie geh.rt. Aber jetzt, wo sie es las,
kam es ihr so vor, als sei neulich in den Fernsehnachrichten
auch die Rede davon gewesen. An dem Abend, als sie in
dem Hotel in Akasaka mit dem nicht mehr ganz jungen
Mann aus Kansai geschlafen hatte, dessen Haar so sch.n
licht gewesen war.
Am 20. September wurde in Jakarta das weltgr..te
Drachenflugfest er.ffnet, und über zehntausend Menschen
lie.en dort ihre Drachen steigen. Auch davon hatte
Aomame nichts gewusst. Was allerdings nicht besonders
verwunderlich war – wer erinnerte sich schon an ein
Drachenfest, das drei Jahre zurücklag?
Am 6. Oktober 1981 war der .gyptische Pr.sident Sadat
von einem islamischen Extremisten ermordet worden.
Aomame erinnerte sich an das Attentat, und wieder einmal
tat es ihr leid um Pr.sident Sadat. Seine Stirnglatze hatte
ihr sehr gut gefallen, au.erdem hegte sie eine konsequente
und starke Abneigung gegen religi.se Fundamentalisten.
Allein der Gedanke an die Engstirnigkeit dieser Leute, ihr
arrogantes überlegenheitsgetue und ihre Gefühllosigkeit
gegenüber anderen erregten einen Zorn in ihr, den sie nur
schwer beherrschen konnte. Aber das hatte nichts mit
ihrem gegenw.rtigen Problem zu tun. Nachdem Aomame
sich durch mehrmaliges Durchatmen wieder beruhigt
hatte, ging sie zur n.chsten Seite über.
Am 12. Oktober war in einem Wohngebiet im Tokioter
Bezirk Itabashi ein NHK-Gebühreneintreiber (56) mit
einem Studenten in Streit geraten, der sich weigerte, die
Gebühren zu entrichten, hatte ein Küchenmesser gezückt,
das er in seiner Aktenmappe bei sich trug, und den jungen
Mann schwer verletzt. Die Polizei war sofort zur Stelle und
nahm den Gebühreneinsammler fest. Der Mann stand
benommen mit dem blutverschmierten Messer in der Hand
da und leistete keinerlei Widerstand. Einer seiner Kollegen
berichtete, der Mann sei seit sechs Jahren fest angestellt
gewesen, er habe seinen Dienst sehr ernst genommen und
stets die besten Ergebnisse erzielt.
An diesen Vorfall konnte Aomame sich nicht erinnern. Sie
selbst hatte die Yomiuri-Zeitung abonniert und las sie jeden
Tag genau von vorn bis hinten durch. Sie durchforstete den
Gesellschaftsteil, wobei sie ihr Augenmerk vor allem auf die
Verbrechen richtete. Der Artikel nahm fast die H.lfte des
Gesellschaftsteils der Abendausgabe ein. Unm.glich, dass
sie einen Artikel von dieser Gr..e übersehen hatte. Oder
hatte sie ihn doch überlesen? Das war zwar nicht sehr
wahrscheinlich, aber ganz ausschlie.en konnte sie es nicht.
Sie legte die Stirn in Falten und dachte eine Weile über
diese M.glichkeit nach. Dann schrieb sie das Datum und
eine kurze Zusammenfassung der Fakten in ihr Heft.
Der Name des Kassierers lautete Shinnosuke Akutagawa.
Ein eindrucksvoller Name. Wie der gro.e Dichter. Ein Foto
war nicht dabei. Nur eines von dem niedergestochenen
Akira Takawa (21). Herr Takawa studierte im sechsten
Semester Jura an der Japan-Universit.t und hatte den
zweiten Dan in Kendo. H.tte er ein Bambusschwert gehabt,
w.re er wohl nicht so leicht niedergestochen worden, aber
kein normaler Mensch tritt einem Gebühreneintreiber von
NHK mit einem Bambusschwert in der Hand entgegen.
Und kein normaler Gebühreneinsammler l.uft mit einem
Küchenmesser in der Aktenmappe herum. Aomame
durchsuchte aufmerksam die Berichte der darauffolgenden
Tage, entdeckte aber keinen Artikel, der vom Tod des
niedergestochenen Studenten berichtete. Vermutlich hatte
er überlebt.
Am 16. Oktober hatte sich in einem Kohlebergwerk auf
Hokkaido ein schreckliches Unglück ereignet. In einem
Schacht tausend Meter unter der Erdoberfl.che war durch
eine Gasexplosion ein Feuer ausgebrochen. Mehr als fünfzig
der Bergleute, die dort arbeiteten, erstickten. Der Brand
breitete sich bis nach oben aus, und zehn weitere
Menschen kamen ums Leben. Um die Ausbreitung des
Feuers zu verhindern, zündete die Firma eine Bombe, ohne
sich zu vergewissern, ob die Bergleute noch lebten, und
flutete die Grube. Die Zahl der Toten stieg auf
dreiundneunzig. Eine fürchterliche Trag.die. Kohle war
eine .schmutzige. Energiequelle, und es war gef.hrlich, sie
abzubauen. Die Bergbauunternehmen investierten nur
ungern in verbesserte Techniken, und die
Arbeitsbedingungen waren hart. Es kam h.ufig zu Unf.llen,
und eine Sch.digung der Lungenflügel lie. sich kaum
vermeiden. Aber Kohle war billig und wurde deshalb
weiterhin genutzt. Aomame konnte sich noch gut an dieses
Unglück erinnern.
Das Ereignis, nach dem sie suchte, hatte am 19. Oktober
stattgefunden, als auch das Grubenunglück noch ganz
aktuell war. Bis Tamaru ihr vor wenigen Stunden davon
erz.hlt hatte, war Aomame ahnungslos gewesen. Die
Schlagzeile ging über die ganze Seite der
Vormittagsausgabe, und zwar in so gro.en Lettern, dass
man sie einfach nicht übersehen konnte. Es war
ausgeschlossen, dass ihr dieser Vorfall entgangen war, ganz
gleich, wie lange er zurücklag.
DREI POLIZISTEN BEI FEUERGEFECHT MIT
EXTREMISTEN IN DEN BERGEN VON YAMANASHI
GET.TET
Auch ein gro.es Foto von dem Flugfeld, an dem der
Zwischenfall stattgefunden hatte, war abgedruckt. Es lag in
der Gegend des Motosu-Sees. Sogar eine einfache Karte war
beigefügt. Der Schauplatz der Ereignisse lag tief in den
Bergen, weit entfernt von der als Feriengebiet
erschlossenen Region. Auch die drei get.teten Beamten der
Pr.fekturpolizei Yamanashi waren abgebildet. Und die
Spezialeinheit der Selbstverteidigungsstreitkr.fte, die mit
dem Hubschrauber eingetroffen war. Die Soldaten trugen
Kampfanzüge in Tarnfarben und waren mit kurzl.ufigen
Automatik- und Scharfschützengewehren mit Zielfernrohr
ausgestattet.
Aomame verzerrte einen Moment lang ihr Gesicht zu
einer furchtbaren Grimasse. Ihre Gefühle brachen sich
Bahn, indem sie jeden Muskel bis zum .u.ersten
anspannte. Glücklicherweise war der Tisch zu beiden Seiten
abgeteilt, wodurch niemand Zeuge der grauenhaften
Ver.nderung wurde, die in Aomames Gesichtszügen vor
sich ging. Schlie.lich atmete sie tief durch, indem sie die
Luft mit aller Kraft einsog und mit ebensolcher Gewalt
ausstie.. Es h.rte sich an, als würde ein Wal aus dem Meer
auftauchen und die Luft in seinen riesigen Lungen
austauschen. Eine Schülerin, die mit dem Rücken zu ihr sa.
und lernte, fuhr bei diesem Ger.usch entsetzt zu Aomame
herum. Natürlich sagte sie nichts. Sie war nur erschrocken.
Nachdem Aomame ihr Gesicht eine Weile so verzerrt
hatte, fasste sie sich. Ihre Muskeln entspannten sich, und
ihr Gesicht nahm wieder seinen normalen Ausdruck an.
W.hrend sie mit dem Kugelschreiber gegen ihre
Vorderz.hne klopfte, versuchte sie, ihre Gedanken zu
ordnen. Für all das gab es doch sicher einen Grund. Es
musste einen Grund geben.
Wie konnte ich einen so schwerwiegenden Vorfall, der
ganz Japan erschüttert hat, verpassen?, fragte sie sich. Aber
es ist ja nicht der einzige. Dass der NHK-Typ den
Studenten niedergestochen hat, habe ich auch nicht
mitgekriegt. Sehr sonderbar. Mir kann doch nicht gleich
zweimal hintereinander etwas so Auff.lliges entgangen
sein. Ich bin ein systematisch denkender und
aufmerksamer Mensch, da kann man sagen, was man will.
Die kleinste Abweichung im Millimeterbereich f.llt mir auf.
Auf mein Ged.chtnis kann ich mich hundertprozentig
verlassen. Ich habe, ohne einen einzigen Schnitzer zu
machen, ein paar Leute ins Jenseits bef.rdert und überlebt.
Ich lese jeden Tag gründlich die Zeitung, und mit
.gründlich. meine ich, dass mir nichts entgeht.
Natürlich bestimmten die Ereignisse am Motosu-See auch
noch mehrere Tage danach die Schlagzeilen.
Selbstverteidigungsstreitkr.fte und Pr.fekturpolizei
hetzten auf einer gro. angelegten Verfolgungsjagd zehn
flüchtige Mitglieder der Extremistengruppe durch die
Berge, drei Menschen wurden get.tet, zwei schwer verletzt,
vier (darunter eine Frau) festgenommen. Der Verbleib einer
weiteren Person blieb unklar. S.mtliche Zeitungen
überboten sich nur so mit Hintergrundberichten. Der Fall
des Gebühreneinsammlers, der den Studenten
niedergestochen hatte, war v.llig an den Rand gedr.ngt
worden.
NHK war darüber zweifellos erleichtert – auch wenn man
es dort natürlich nicht zugab. Denn ohne die Schie.erei in
den Bergen h.tten die Massenmedien gewiss lautstarke
Vorwürfe gegen die Rundfunkgebühren erhoben oder
gegen den Mangel an Organisation bei NHK polemisiert.
Anfang jenes Jahres hatte sich die Liberaldemokratische
Partei in die Planung einer Sendung von NHK über den
Lockheed-Skandal eingemischt und eine .nderung des
Inhalts veranlasst. NHK hatte mehrere Politiker der
regierenden Partei vor der Sendung ausführlich über deren
Inhalt informiert und quasi demütig um die Erlaubnis der
Ausstrahlung nachgesucht. Das klang erstaunlich, war aber
ein ganz allt.glicher Vorgang. NHK war von staatlichen
Zuwendungen abh.ngig, und in den oberen Etagen des
Senders fürchtete man sich vor Vergeltungsma.nahmen,
falls man es sich mit der regierenden Partei verdarb.
Dementsprechend lebte die LDP in der Vorstellung, NHK
sei nicht mehr als ihr eigenes PR-Organ. Die Enthüllungen
über das, was hinter den Kulissen vor sich ging, hatten
natürlich bei gro.en Teilen der Bev.lkerung Misstrauen
gegenüber der Ausgewogenheit der Programmpolitik von
NHK und seiner politischen Neutralit.t an sich geweckt
und Initiativen gegen die Rundfunkgebühren Auftrieb
verliehen.
Abgesehen von den Vorf.llen am Motosu-See und der Tat
des NHK-Kassierers erinnerte sich Aomame an alles, was
sich in diesem Zeitraum ereignet hatte. Keine der anderen
Nachrichten war ihr entgangen. Sie erinnerte sich auch,
welche Artikel sie damals gelesen hatte. Nur von der
Schie.erei und der Sache mit dem NHK-Angestellten war
nichts in ihrem Ged.chtnis haften geblieben. Woran das