dieser behelfen. Andernfalls würde sie vielleicht ganz aus
der Bahn geworfen. Dazu w.re es gut, diesem neuen
Zustand der Welt einen passenden Namen zu geben. Um
diese Welt von der Welt, in der die Polizei noch mit
altmodischen Revolvern herumlief, zu unterscheiden,
brauchte sie einen eigenen Namen. Selbst Hunde und
Katzen hatten Namen. Also brauchte auch diese
verwandelte, neue Welt einen.
1Q84 – so werde ich die neue Welt nennen, entschied
Aomame.
Q für question mark – Fragezeichen.
Sie nickte sich im Gehen zustimmend zu.
Ob es mir gef.llt oder nicht, dachte sie, ich befinde mich
jetzt im Jahr 1Q84. Das mir vertraute Jahr 1984 existiert
nicht mehr, wir haben jetzt 1Q84. Die Atmosph.re hat sich
ver.ndert, und die Szenerie hat sich ver.ndert. Ich muss
mich dieser Welt mit Fragezeichen m.glichst rasch
anpassen. Wie ein Tier, das es in einen fremden Wald
verschlagen hat. Um mich zu schützen und zu überleben,
muss ich die Gesetze meiner neuen Umgebung m.glichst
schnell lernen und ihnen gehorchen.
Aomame betrat ein Schallplattengesch.ft in der N.he des
Bahnhofs Jiyugaoka und suchte nach der Sinfonietta.
Janá.ek war kein ausgesprochen popul.rer Komponist. Die
Auswahl seiner Platten war sehr klein, und sie fand
lediglich eine Aufnahme der Sinfonietta, gespielt vom
Cleveland Orchestra unter der Leitung von George Szell.
Auf der A-Seite war das Konzert für Orchester von Bartók.
Sie wusste nicht, um welche Aufführung es sich handelte,
aber da sie ohnehin keine Alternative hatte, kaufte sie die
LP. Sie fuhr nach Hause, nahm eine Flasche Chablis aus
dem Kühlschrank und entkorkte sie. Sie legte die LP auf
den Plattenteller und setzte die Nadel in die Rille. W.hrend
sie ein Glas von dem gut gekühlten Wein trank, lauschte sie
der Musik. Strahlend erschallte die bekannte Fanfare. Es
war das gleiche Stück, das sie im Taxi geh.rt hatte. Kein
Zweifel. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich ganz
auf die Musik. Die Aufnahme war nicht schlecht. Aber
nichts geschah. Nur die Musik ert.nte. Sie hatte weder das
Gefühl, ausgewrungen zu werden, noch dass sich etwas
verwandelte.
Als das Stück zu Ende war, schob sie die Platte wieder in
die Hülle, lehnte sich, auf dem Boden sitzend, mit dem
Rücken an die Wand und trank ihren Wein. Sie war so in
Gedanken versunken, dass sie kaum etwas von seinem
Geschmack wahrnahm. Sie ging ins Bad und wusch sich das
Gesicht mit Seife. Dann stutzte sie mit einer kleinen Schere
ihre Augenbrauen und reinigte sich mit einem
Wattest.bchen die Ohren.
Was war es nun: Wurde sie verrückt, oder war die Welt
verrückt? Sie wusste es nicht. Topf und Deckel passten
nicht zusammen. Es konnte am Topf liegen, aber auch am
Deckel. Wie auch immer – an der Tatsache, dass sie nicht
zusammenpassten, war nicht zu rütteln.
Aomame .ffnete den Kühlschrank und erforschte seinen
Inhalt. Da sie seit mehreren Tagen nicht eingekauft hatte,
war er ziemlich leer. Sie nahm eine reife Papaya heraus,
zerteilte sie mit dem Küchenbeil und l.ffelte sie aus.
Anschlie.end wusch sie drei kleine Gurken, die sie mit
Mayonnaise verzehrte. Sie nahm sich Zeit beim Kauen. Am
Ende trank sie ein Glas Sojamilch. Das war ihr Abendessen.
Eine einfache Mahlzeit, aber ideal, um Verstopfung
vorzubeugen. Verstopfung geh.rte zu den Dingen, die
Aomame auf dieser Welt am meisten hasste. Fast ebenso
sehr wie feige, gewaltt.tige M.nner, die ihre Familien
prügelten, und engstirnige religi.se Fanatiker.
Nach dem Essen zog Aomame sich aus und nahm eine
hei.e Dusche. Sie trocknete sich ab und betrachtete ihren
nackten K.rper in dem Spiegel, der neben der Tür
angebracht war. Ihren flachen Bauch und ihre straffen
Muskeln. Die ungleichen ovalen Brustwarzen und ihr
Schamhaar, das an einen ungem.hten Fu.ballplatz
erinnerte. Pl.tzlich fiel ihr ein, dass sie in einer Woche
drei.ig wurde. Schon wieder so ein bl.der Geburtstag.
Verdammt, jetzt wird man in dieser d.mlichen Welt auch
noch drei.ig!, dachte Aomame und runzelte die Stirn.
1Q84.
Das war der Ort, an dem sie war.
KAPITEL 10
Tengo
Eine echte Revolution, in der echtes Blut flie.t
.Umsteigen., sagte Fukaeri, kurz bevor die Bahn in
Tachikawa hielt, und griff wieder nach Tengos Hand.
Sie stiegen aus, und w.hrend sie auf dem Weg zu einem
anderen Bahnsteig die Treppen hinauf- und
hinuntergingen, lie. sie seine Hand kein einziges Mal los.
In den Augen der Passanten wirkten die beiden sicherlich
wie ein verliebtes Paar. Der Altersunterschied zwischen
ihnen war recht gro., aber Tengo sah jünger aus, als er war;
allerdings brachte die unterschiedliche K.rpergr..e der
beiden gewiss einige zum Schmunzeln. Ein glückliches
junges Paar an einem Sonntagmorgen im Frühling.
Dennoch ging von Fukaeris Hand keine erotische
Spannung aus, wie sie bei Berührungen zwischen den
Geschlechtern durchaus vorkommt. Der Druck, mit dem sie
Tengos Hand festhielt, war konstant. Er hatte etwas von der
dienstlichen Pr.zision, mit der ein Arzt den Puls eines
Patienten fühlt. Pl.tzlich kam Tengo der Gedanke, dass die
junge Frau vielleicht mittels des Tastsinns ihrer Finger und
Handfl.chen einen Austausch von Informationen suchte,
die sie mit Worten nicht übermitteln konnte. Falls dem
tats.chlich so war, hatte die Sache allerdings .hnlichkeit
mit einer Einbahnstra.e. Vielleicht nahm Fukaeri ja über
ihre Handfl.che etwas von dem auf, was in Tengo vorging;
er jedenfalls konnte nicht in ihrem Inneren lesen. Er
machte sich aber auch keine gro.en Gedanken darüber.
Was auch immer sie zu erspüren vermochte, es gab keine
Informationen oder Gefühle in ihm, von denen Fukaeri
nichts wissen durfte.
Auch wenn die junge Frau Tengo nicht als Angeh.rigen
des anderen Geschlechts wahrnahm, hegte sie offenbar ein
gewisses Ma. an Sympathie für ihn. Nahm er jedenfalls an.
Zumindest machte er keinen unangenehmen Eindruck auf
sie. Andernfalls würde sie wohl nicht so lange seine Hand
halten, welche Absicht auch immer damit verbunden war.
Die beiden wechselten zu einem Gleis der Ome-Linie und
stiegen in den dort wartenden Zug ein. Er war unerwartet
voll. Sonntags waren viele .ltere Leute in
Wanderausrüstung und Familien unterwegs. Tengo und
Fukaeri setzten sich nicht, sondern blieben nebeneinander
in der N.he der Tür stehen.
.Ich komme mir vor wie auf einem Ausflug., sagte Tengo
und schaute sich im Waggon um.
.Darf ich die Hand noch halten., fragte Fukaeri. Auch
nachdem sie eingestiegen waren, hatte sie Tengos Hand
nicht losgelassen.
.Natürlich darfst du., sagte Tengo.
Sichtlich beruhigt umklammerte sie weiter seine Hand.
Ihre Finger und ihre Handfl.che waren unver.ndert glatt
und überhaupt nicht schwitzig. Noch immer schienen sie
etwas in ihm zu suchen oder sich von etwas überzeugen zu
wollen.
.Sie fürchten sich nicht mehr., fragte sie ohne fragende
Intonation.
.Nein, nicht mehr., antwortete Tengo. Es war nicht
gelogen. Die Panik, die ihn sonntagmorgens regelm..ig
anfiel, hatte – vielleicht dadurch, dass Fukaeri seine Hand
hielt – ihre Wucht verloren. Er schwitzte nicht, das harte
H.mmern seines Herzens blieb ebenso aus wie die Vision,
und sein Atem ging wieder leicht und regelm..ig.
.Das ist gut., sagte Fukaeri mit tonloser Stimme.
Ja, gut, dachte auch Tengo.
Es erfolgte die schnell gesprochene kurze Durchsage, dass
der Zug gleich abfahren würde, und die Türen schlossen
sich mit einem lauten Rumpeln, als würde ein riesiges
urtümliches Tier erwachen und sich schütteln. Langsam,
fast unentschlossen, entfernte sich der Zug vom Bahnsteig.
Hand in Hand mit Fukaeri, betrachtete Tengo die
Szenerie vor dem Fenster. Anfangs fuhren sie noch durch
ganz gew.hnliche Wohngebiete. Doch allm.hlich lie.en sie
die flache Landschaft von Musashino hinter sich, und es
wurde bergig. Ab Higashi-Ome war die Strecke nur noch
eingleisig. Nachdem sie dort in einen Zug mit vier Waggons
umgestiegen waren, wurde das Land immer gebirgiger. Aus
dieser Gegend pendelte kaum noch jemand ins
Stadtzentrum. Die Bergh.nge hatten noch die welken
Farben des Winters, aber dazwischen leuchtete Immergrün
auf. Wenn sich an den Haltestellen die Türen .ffneten,
machte sich der ver.nderte Geruch der Luft bemerkbar.
Auch die Ger.usche schienen irgendwie ver.ndert. An die
Bahnlinie grenzten nun Felder, und immer mehr H.user
sahen wie b.uerliche Geh.fte aus. Die Anzahl der
Nutzfahrzeuge nahm gegenüber den Personenwagen zu.
Anscheinend legen wir eine ganz sch.ne Strecke zurück,
dachte Tengo. Wie weit es wohl noch war?
.Keine Sorge, wir sind bald da.. Fukaeri schien seine
Gedanken gelesen zu haben.
Tengo nickte wortlos. Allm.hlich kriege ich das Gefühl,
als sei ich unterwegs, um den Eltern meiner Verlobten
vorgestellt zu werden, dachte er.
Der Bahnhof, an dem die beiden ausstiegen, hie.
Futamatao – .Wegscheide., ein sonderbarer Name. Tengo
erinnerte sich nicht, ihn schon einmal geh.rt zu haben. An
dem kleinen Bahnhof mit dem alten Holzgeb.ude stiegen
au.er den beiden noch etwa fünf Personen aus. Niemand
stieg ein. Nach Futamatao kam man, um in der frischen
Luft der Waldwege spazieren zu gehen. Niemand besuchte
Futamatao wegen einer Aufführung von Der Mann von La
Mancha, einer besonders wilden Diskothek, eines Aston-
Martin-Showrooms oder eines berühmten franz.sischen
Restaurants, in dem man Hummergratin servierte. Das sah
man schon an den Leuten, die dort ausstiegen.
Der Bahnhofsvorplatz war wie ausgestorben, und es gab
nichts, das die Bezeichnung Laden verdient h.tte, aber ein
Taxi stand bereit. Vermutlich passte es die Ankunftszeit des
Zuges ab. Fukaeri klopfte leise ans Fenster. Die Tür ging
auf, und sie stieg ein. Sie bedeutete Tengo, ebenfalls
einzusteigen. Die Tür schloss sich, Fukaeri teilte dem
Fahrer kurz ihr Ziel mit, und dieser nickte.
Die Fahrt im Taxi war nicht sehr lang, aber schwierig. Es
ging steil bergauf und bergab, und sie fuhren schmale
Feldwege entlang, auf denen man nur mit Mühe
aneinander vorbeikam. Es gab massenhaft Kurven und
Biegungen. Allerdings dachte der Fahrer nicht daran, an
solchen Stellen die Geschwindigkeit zu drosseln, sodass
Tengo sich die ganze Zeit wie wahnsinnig am Türgriff
festklammern musste. Schlie.lich fuhren sie einen Hang,
steil wie eine Skipiste, hinauf, und auf dem Gipfel eines
kleinen Berges kam der Wagen endlich zum Stehen.
Tengo hatte sich eher in einer Berg- und Talbahn auf dem
Rummelplatz gew.hnt als in einem Taxi. Er reichte dem
Fahrer zwei Tausend-Yen-Scheine aus seinem
Portemonnaie und erhielt Wechselgeld und eine Quittung.
Vor dem alten Haus in japanischem Stil standen ein
schwarzer Mitsubishi Pajero und ein grüner Jaguar. Der
Pajero war blitzblank poliert, aber der Jaguar, ein .lteres
Modell, war so von wei.em Staub bedeckt, dass man seine
ursprüngliche Farbe kaum erkennen konnte. Die
Windschutzscheibe war ebenso verschmutzt. Anscheinend
hatte den Wagen schon l.nger niemand gefahren. Die Luft
schmeckte prickelnd scharf, und es herrschte eine so tiefe
Stille, dass man sein Geh.r darauf einstellen musste. Aus
einem unendlich klaren und hohen Himmel schien das
milde Sonnenlicht warm auf die ihm ausgesetzten
Hautpartien. Zuweilen ert.nte der ungewohnt grelle Schrei
eines Vogels, der sich aber nicht zu erkennen gab.
Die stilvolle gro.e Villa schien bereits vor l.ngerer Zeit
erbaut worden zu sein, wurde aber sorgf.ltig instand
gehalten. Auch die Pflanzen im Garten waren gepflegt und
zurechtgeschnitten. Einige Büsche hatte man so
gewissenhaft und gleichm..ig gestutzt, dass sie wie
künstlich wirkten. Eine gewaltige Kiefer warf ihren breiten
Schatten auf die Erde. Nichts behinderte die offene
Aussicht auf die Umgebung, aber eine weitere menschliche
Behausung war, so weit das Auge reichte, nicht zu
entdecken. Tengo vermutete, dass ein Mensch, der
freiwillig ein so entlegenes Domizil bezog, keinen Wert auf
den Kontakt zu anderen legte.
Fukaeri schob die unverschlossene Haustür mit einem
klappernden Ger.usch auf, trat ein und hie. Tengo, ihr zu
folgen. Niemand erschien, um die beiden zu begrü.en. In
der ungemütlich weitl.ufigen Eingangshalle entledigten sie
sich ihrer Schuhe und folgten einem spiegelblank
gebohnerten Flur in einen Empfangsraum mit
Panoramablick auf die Berge. Unter ihnen schl.ngelte sich
in der Sonne glitzernd ein Fluss. Die Aussicht war herrlich,
aber Tengo hatte im Moment keinen Sinn dafür und
konnte sich nicht an ihr erfreuen. Nachdem Fukaeri ihm
einen Platz auf dem gro.en Sofa angeboten hatte, verlie.
sie wortlos den Raum. Das Sofa verstr.mte den Geruch
alter Zeiten. Wie alt diese Zeiten genau waren, konnte
Tengo nicht sagen.
In dem erstaunlich schmucklosen Empfangsraum stand
ein niedriger Tisch, dessen dicke Platte v.llig kahl war. Es
gab keinen Aschenbecher und nicht einmal eine
Tischdecke. An den W.nden hingen keine Bilder. Auch
keine Uhr oder ein Kalender. Im ganzen Raum existierte
keine einzige Vase. Kein Sideboard oder .hnliches. Weder
Bücher noch Zeitschriften lagen herum. Der verblichene
alte Teppich mit dem undefinierbaren Muster stammte
wahrscheinlich aus der gleichen Zeit wie die alte
Sitzgruppe, zu der neben dem gro.en Sofa, auf dem Tengo
sa. wie auf einem Flo., noch drei Sessel geh.rten.
Au.erdem gab es einen gro.en offenen Kamin, aber kein
Anzeichen dafür, dass er in jüngerer Zeit beheizt worden
war. Selbst jetzt, mitten im April, war der Raum noch
eiskalt, die durchdringende K.lte des Winters schien sich
darin gehalten zu haben. Offenbar hatte dieses Zimmer
schon vor einer Ewigkeit beschlossen, niemandem mehr
einen freundlichen Empfang zu bereiten. Endlich kehrte
Fukaeri zurück und lie. sich ohne ein Wort neben ihm
nieder.
Lange Zeit sprach keiner von beiden. Fukaeri hatte sich in
ihre eigene r.tselhafte Welt zurückgezogen, und Tengo