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作者: 当前章节:15402 字 更新时间:2026-6-19 08:06

dieser behelfen. Andernfalls würde sie vielleicht ganz aus

der Bahn geworfen. Dazu w.re es gut, diesem neuen

Zustand der Welt einen passenden Namen zu geben. Um

diese Welt von der Welt, in der die Polizei noch mit

altmodischen Revolvern herumlief, zu unterscheiden,

brauchte sie einen eigenen Namen. Selbst Hunde und

Katzen hatten Namen. Also brauchte auch diese

verwandelte, neue Welt einen.

1Q84 – so werde ich die neue Welt nennen, entschied

Aomame.

Q für question mark – Fragezeichen.

Sie nickte sich im Gehen zustimmend zu.

Ob es mir gef.llt oder nicht, dachte sie, ich befinde mich

jetzt im Jahr 1Q84. Das mir vertraute Jahr 1984 existiert

nicht mehr, wir haben jetzt 1Q84. Die Atmosph.re hat sich

ver.ndert, und die Szenerie hat sich ver.ndert. Ich muss

mich dieser Welt mit Fragezeichen m.glichst rasch

anpassen. Wie ein Tier, das es in einen fremden Wald

verschlagen hat. Um mich zu schützen und zu überleben,

muss ich die Gesetze meiner neuen Umgebung m.glichst

schnell lernen und ihnen gehorchen.

Aomame betrat ein Schallplattengesch.ft in der N.he des

Bahnhofs Jiyugaoka und suchte nach der Sinfonietta.

Janá.ek war kein ausgesprochen popul.rer Komponist. Die

Auswahl seiner Platten war sehr klein, und sie fand

lediglich eine Aufnahme der Sinfonietta, gespielt vom

Cleveland Orchestra unter der Leitung von George Szell.

Auf der A-Seite war das Konzert für Orchester von Bartók.

Sie wusste nicht, um welche Aufführung es sich handelte,

aber da sie ohnehin keine Alternative hatte, kaufte sie die

LP. Sie fuhr nach Hause, nahm eine Flasche Chablis aus

dem Kühlschrank und entkorkte sie. Sie legte die LP auf

den Plattenteller und setzte die Nadel in die Rille. W.hrend

sie ein Glas von dem gut gekühlten Wein trank, lauschte sie

der Musik. Strahlend erschallte die bekannte Fanfare. Es

war das gleiche Stück, das sie im Taxi geh.rt hatte. Kein

Zweifel. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich ganz

auf die Musik. Die Aufnahme war nicht schlecht. Aber

nichts geschah. Nur die Musik ert.nte. Sie hatte weder das

Gefühl, ausgewrungen zu werden, noch dass sich etwas

verwandelte.

Als das Stück zu Ende war, schob sie die Platte wieder in

die Hülle, lehnte sich, auf dem Boden sitzend, mit dem

Rücken an die Wand und trank ihren Wein. Sie war so in

Gedanken versunken, dass sie kaum etwas von seinem

Geschmack wahrnahm. Sie ging ins Bad und wusch sich das

Gesicht mit Seife. Dann stutzte sie mit einer kleinen Schere

ihre Augenbrauen und reinigte sich mit einem

Wattest.bchen die Ohren.

Was war es nun: Wurde sie verrückt, oder war die Welt

verrückt? Sie wusste es nicht. Topf und Deckel passten

nicht zusammen. Es konnte am Topf liegen, aber auch am

Deckel. Wie auch immer – an der Tatsache, dass sie nicht

zusammenpassten, war nicht zu rütteln.

Aomame .ffnete den Kühlschrank und erforschte seinen

Inhalt. Da sie seit mehreren Tagen nicht eingekauft hatte,

war er ziemlich leer. Sie nahm eine reife Papaya heraus,

zerteilte sie mit dem Küchenbeil und l.ffelte sie aus.

Anschlie.end wusch sie drei kleine Gurken, die sie mit

Mayonnaise verzehrte. Sie nahm sich Zeit beim Kauen. Am

Ende trank sie ein Glas Sojamilch. Das war ihr Abendessen.

Eine einfache Mahlzeit, aber ideal, um Verstopfung

vorzubeugen. Verstopfung geh.rte zu den Dingen, die

Aomame auf dieser Welt am meisten hasste. Fast ebenso

sehr wie feige, gewaltt.tige M.nner, die ihre Familien

prügelten, und engstirnige religi.se Fanatiker.

Nach dem Essen zog Aomame sich aus und nahm eine

hei.e Dusche. Sie trocknete sich ab und betrachtete ihren

nackten K.rper in dem Spiegel, der neben der Tür

angebracht war. Ihren flachen Bauch und ihre straffen

Muskeln. Die ungleichen ovalen Brustwarzen und ihr

Schamhaar, das an einen ungem.hten Fu.ballplatz

erinnerte. Pl.tzlich fiel ihr ein, dass sie in einer Woche

drei.ig wurde. Schon wieder so ein bl.der Geburtstag.

Verdammt, jetzt wird man in dieser d.mlichen Welt auch

noch drei.ig!, dachte Aomame und runzelte die Stirn.

1Q84.

Das war der Ort, an dem sie war.

KAPITEL 10

Tengo

Eine echte Revolution, in der echtes Blut flie.t

.Umsteigen., sagte Fukaeri, kurz bevor die Bahn in

Tachikawa hielt, und griff wieder nach Tengos Hand.

Sie stiegen aus, und w.hrend sie auf dem Weg zu einem

anderen Bahnsteig die Treppen hinauf- und

hinuntergingen, lie. sie seine Hand kein einziges Mal los.

In den Augen der Passanten wirkten die beiden sicherlich

wie ein verliebtes Paar. Der Altersunterschied zwischen

ihnen war recht gro., aber Tengo sah jünger aus, als er war;

allerdings brachte die unterschiedliche K.rpergr..e der

beiden gewiss einige zum Schmunzeln. Ein glückliches

junges Paar an einem Sonntagmorgen im Frühling.

Dennoch ging von Fukaeris Hand keine erotische

Spannung aus, wie sie bei Berührungen zwischen den

Geschlechtern durchaus vorkommt. Der Druck, mit dem sie

Tengos Hand festhielt, war konstant. Er hatte etwas von der

dienstlichen Pr.zision, mit der ein Arzt den Puls eines

Patienten fühlt. Pl.tzlich kam Tengo der Gedanke, dass die

junge Frau vielleicht mittels des Tastsinns ihrer Finger und

Handfl.chen einen Austausch von Informationen suchte,

die sie mit Worten nicht übermitteln konnte. Falls dem

tats.chlich so war, hatte die Sache allerdings .hnlichkeit

mit einer Einbahnstra.e. Vielleicht nahm Fukaeri ja über

ihre Handfl.che etwas von dem auf, was in Tengo vorging;

er jedenfalls konnte nicht in ihrem Inneren lesen. Er

machte sich aber auch keine gro.en Gedanken darüber.

Was auch immer sie zu erspüren vermochte, es gab keine

Informationen oder Gefühle in ihm, von denen Fukaeri

nichts wissen durfte.

Auch wenn die junge Frau Tengo nicht als Angeh.rigen

des anderen Geschlechts wahrnahm, hegte sie offenbar ein

gewisses Ma. an Sympathie für ihn. Nahm er jedenfalls an.

Zumindest machte er keinen unangenehmen Eindruck auf

sie. Andernfalls würde sie wohl nicht so lange seine Hand

halten, welche Absicht auch immer damit verbunden war.

Die beiden wechselten zu einem Gleis der Ome-Linie und

stiegen in den dort wartenden Zug ein. Er war unerwartet

voll. Sonntags waren viele .ltere Leute in

Wanderausrüstung und Familien unterwegs. Tengo und

Fukaeri setzten sich nicht, sondern blieben nebeneinander

in der N.he der Tür stehen.

.Ich komme mir vor wie auf einem Ausflug., sagte Tengo

und schaute sich im Waggon um.

.Darf ich die Hand noch halten., fragte Fukaeri. Auch

nachdem sie eingestiegen waren, hatte sie Tengos Hand

nicht losgelassen.

.Natürlich darfst du., sagte Tengo.

Sichtlich beruhigt umklammerte sie weiter seine Hand.

Ihre Finger und ihre Handfl.che waren unver.ndert glatt

und überhaupt nicht schwitzig. Noch immer schienen sie

etwas in ihm zu suchen oder sich von etwas überzeugen zu

wollen.

.Sie fürchten sich nicht mehr., fragte sie ohne fragende

Intonation.

.Nein, nicht mehr., antwortete Tengo. Es war nicht

gelogen. Die Panik, die ihn sonntagmorgens regelm..ig

anfiel, hatte – vielleicht dadurch, dass Fukaeri seine Hand

hielt – ihre Wucht verloren. Er schwitzte nicht, das harte

H.mmern seines Herzens blieb ebenso aus wie die Vision,

und sein Atem ging wieder leicht und regelm..ig.

.Das ist gut., sagte Fukaeri mit tonloser Stimme.

Ja, gut, dachte auch Tengo.

Es erfolgte die schnell gesprochene kurze Durchsage, dass

der Zug gleich abfahren würde, und die Türen schlossen

sich mit einem lauten Rumpeln, als würde ein riesiges

urtümliches Tier erwachen und sich schütteln. Langsam,

fast unentschlossen, entfernte sich der Zug vom Bahnsteig.

Hand in Hand mit Fukaeri, betrachtete Tengo die

Szenerie vor dem Fenster. Anfangs fuhren sie noch durch

ganz gew.hnliche Wohngebiete. Doch allm.hlich lie.en sie

die flache Landschaft von Musashino hinter sich, und es

wurde bergig. Ab Higashi-Ome war die Strecke nur noch

eingleisig. Nachdem sie dort in einen Zug mit vier Waggons

umgestiegen waren, wurde das Land immer gebirgiger. Aus

dieser Gegend pendelte kaum noch jemand ins

Stadtzentrum. Die Bergh.nge hatten noch die welken

Farben des Winters, aber dazwischen leuchtete Immergrün

auf. Wenn sich an den Haltestellen die Türen .ffneten,

machte sich der ver.nderte Geruch der Luft bemerkbar.

Auch die Ger.usche schienen irgendwie ver.ndert. An die

Bahnlinie grenzten nun Felder, und immer mehr H.user

sahen wie b.uerliche Geh.fte aus. Die Anzahl der

Nutzfahrzeuge nahm gegenüber den Personenwagen zu.

Anscheinend legen wir eine ganz sch.ne Strecke zurück,

dachte Tengo. Wie weit es wohl noch war?

.Keine Sorge, wir sind bald da.. Fukaeri schien seine

Gedanken gelesen zu haben.

Tengo nickte wortlos. Allm.hlich kriege ich das Gefühl,

als sei ich unterwegs, um den Eltern meiner Verlobten

vorgestellt zu werden, dachte er.

Der Bahnhof, an dem die beiden ausstiegen, hie.

Futamatao – .Wegscheide., ein sonderbarer Name. Tengo

erinnerte sich nicht, ihn schon einmal geh.rt zu haben. An

dem kleinen Bahnhof mit dem alten Holzgeb.ude stiegen

au.er den beiden noch etwa fünf Personen aus. Niemand

stieg ein. Nach Futamatao kam man, um in der frischen

Luft der Waldwege spazieren zu gehen. Niemand besuchte

Futamatao wegen einer Aufführung von Der Mann von La

Mancha, einer besonders wilden Diskothek, eines Aston-

Martin-Showrooms oder eines berühmten franz.sischen

Restaurants, in dem man Hummergratin servierte. Das sah

man schon an den Leuten, die dort ausstiegen.

Der Bahnhofsvorplatz war wie ausgestorben, und es gab

nichts, das die Bezeichnung Laden verdient h.tte, aber ein

Taxi stand bereit. Vermutlich passte es die Ankunftszeit des

Zuges ab. Fukaeri klopfte leise ans Fenster. Die Tür ging

auf, und sie stieg ein. Sie bedeutete Tengo, ebenfalls

einzusteigen. Die Tür schloss sich, Fukaeri teilte dem

Fahrer kurz ihr Ziel mit, und dieser nickte.

Die Fahrt im Taxi war nicht sehr lang, aber schwierig. Es

ging steil bergauf und bergab, und sie fuhren schmale

Feldwege entlang, auf denen man nur mit Mühe

aneinander vorbeikam. Es gab massenhaft Kurven und

Biegungen. Allerdings dachte der Fahrer nicht daran, an

solchen Stellen die Geschwindigkeit zu drosseln, sodass

Tengo sich die ganze Zeit wie wahnsinnig am Türgriff

festklammern musste. Schlie.lich fuhren sie einen Hang,

steil wie eine Skipiste, hinauf, und auf dem Gipfel eines

kleinen Berges kam der Wagen endlich zum Stehen.

Tengo hatte sich eher in einer Berg- und Talbahn auf dem

Rummelplatz gew.hnt als in einem Taxi. Er reichte dem

Fahrer zwei Tausend-Yen-Scheine aus seinem

Portemonnaie und erhielt Wechselgeld und eine Quittung.

Vor dem alten Haus in japanischem Stil standen ein

schwarzer Mitsubishi Pajero und ein grüner Jaguar. Der

Pajero war blitzblank poliert, aber der Jaguar, ein .lteres

Modell, war so von wei.em Staub bedeckt, dass man seine

ursprüngliche Farbe kaum erkennen konnte. Die

Windschutzscheibe war ebenso verschmutzt. Anscheinend

hatte den Wagen schon l.nger niemand gefahren. Die Luft

schmeckte prickelnd scharf, und es herrschte eine so tiefe

Stille, dass man sein Geh.r darauf einstellen musste. Aus

einem unendlich klaren und hohen Himmel schien das

milde Sonnenlicht warm auf die ihm ausgesetzten

Hautpartien. Zuweilen ert.nte der ungewohnt grelle Schrei

eines Vogels, der sich aber nicht zu erkennen gab.

Die stilvolle gro.e Villa schien bereits vor l.ngerer Zeit

erbaut worden zu sein, wurde aber sorgf.ltig instand

gehalten. Auch die Pflanzen im Garten waren gepflegt und

zurechtgeschnitten. Einige Büsche hatte man so

gewissenhaft und gleichm..ig gestutzt, dass sie wie

künstlich wirkten. Eine gewaltige Kiefer warf ihren breiten

Schatten auf die Erde. Nichts behinderte die offene

Aussicht auf die Umgebung, aber eine weitere menschliche

Behausung war, so weit das Auge reichte, nicht zu

entdecken. Tengo vermutete, dass ein Mensch, der

freiwillig ein so entlegenes Domizil bezog, keinen Wert auf

den Kontakt zu anderen legte.

Fukaeri schob die unverschlossene Haustür mit einem

klappernden Ger.usch auf, trat ein und hie. Tengo, ihr zu

folgen. Niemand erschien, um die beiden zu begrü.en. In

der ungemütlich weitl.ufigen Eingangshalle entledigten sie

sich ihrer Schuhe und folgten einem spiegelblank

gebohnerten Flur in einen Empfangsraum mit

Panoramablick auf die Berge. Unter ihnen schl.ngelte sich

in der Sonne glitzernd ein Fluss. Die Aussicht war herrlich,

aber Tengo hatte im Moment keinen Sinn dafür und

konnte sich nicht an ihr erfreuen. Nachdem Fukaeri ihm

einen Platz auf dem gro.en Sofa angeboten hatte, verlie.

sie wortlos den Raum. Das Sofa verstr.mte den Geruch

alter Zeiten. Wie alt diese Zeiten genau waren, konnte

Tengo nicht sagen.

In dem erstaunlich schmucklosen Empfangsraum stand

ein niedriger Tisch, dessen dicke Platte v.llig kahl war. Es

gab keinen Aschenbecher und nicht einmal eine

Tischdecke. An den W.nden hingen keine Bilder. Auch

keine Uhr oder ein Kalender. Im ganzen Raum existierte

keine einzige Vase. Kein Sideboard oder .hnliches. Weder

Bücher noch Zeitschriften lagen herum. Der verblichene

alte Teppich mit dem undefinierbaren Muster stammte

wahrscheinlich aus der gleichen Zeit wie die alte

Sitzgruppe, zu der neben dem gro.en Sofa, auf dem Tengo

sa. wie auf einem Flo., noch drei Sessel geh.rten.

Au.erdem gab es einen gro.en offenen Kamin, aber kein

Anzeichen dafür, dass er in jüngerer Zeit beheizt worden

war. Selbst jetzt, mitten im April, war der Raum noch

eiskalt, die durchdringende K.lte des Winters schien sich

darin gehalten zu haben. Offenbar hatte dieses Zimmer

schon vor einer Ewigkeit beschlossen, niemandem mehr

einen freundlichen Empfang zu bereiten. Endlich kehrte

Fukaeri zurück und lie. sich ohne ein Wort neben ihm

nieder.

Lange Zeit sprach keiner von beiden. Fukaeri hatte sich in

ihre eigene r.tselhafte Welt zurückgezogen, und Tengo

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