entspannte sich, indem er ruhig ein- und ausatmete. Au.er
den gelegentlichen Vogelrufen aus der Ferne drang lange
kein Laut in diesen Raum. Tengo lauschte der Stille, und es
kam ihm vor, als verfüge sie über mehrere Nuancen. Diese
Stille bestand nicht nur aus der Abwesenheit von
Ger.uschen. Es war, als würde sie etwas über sich erz.hlen.
Tengo warf einen sinnlosen Blick auf seine Armbanduhr.
Dann hob er das Gesicht und schaute aus dem Fenster auf
die Landschaft, dann noch einmal auf die Uhr. Es war kaum
Zeit vergangen. Sonntagmorgens verging die Zeit immer
sehr langsam.
Nach etwa zehn Minuten .ffnete sich ohne
Vorankündigung ganz pl.tzlich die Tür, und ein hagerer
Mann betrat mit hastigen Schritten den Empfangsraum. Er
war Mitte sechzig und etwa einen Meter sechzig gro.,
machte aber wegen seiner strammen Haltung keinen
mickrigen Eindruck. Sein Rücken war so gerade, als habe er
eine Eisenstange verschluckt, und selbst die Ausrichtung
seines Kinns hatte etwas Schneidiges. Er hatte dichte
Augenbrauen und trug eine dicke Brille mit
pechschwarzem Rahmen, wie geschaffen, um seine
Mitmenschen einzuschüchtern. Seine Art, sich zu bewegen,
erinnerte an eine in allen Einzelteilen kompakt
konstruierte, ausgefeilte Maschine. Keine Bewegung war
überflüssig, alle Teile korrespondierten in effektivem
Einklang miteinander. Tengo wollte aufstehen, um den
Mann zu begrü.en, aber der bedeutete ihm mit einer
kurzen Geste, Platz zu behalten. Als Tengo sich der
Weisung entsprechend wieder auf seinen Sitz sinken lie.,
setzte der andere sich rasch, als bef.nden sie sich in einem
Wettlauf, auf einen der Sessel gegenüber. Der Mann
musterte ihn eine Weile, ohne etwas zu sagen. Sein Blick
war nicht gerade durchdringend, aber seine Augen glitten
flink von Kopf bis Fu. über Tengo hinweg. Mitunter kniff
er sie ein wenig zusammen, dann weiteten sie sich wieder.
Wie ein Fotograf, der die Brennweite seiner Linse einstellt.
Der Mann trug einen tiefgrünen Pullover über einem
wei.en Hemd, dazu eine dunkelgraue Wollhose. Die
Kleidungsstücke sa.en wie angegossen, sahen aber aus, als
habe er sie ungef.hr zehn Jahre lang jeden Tag angehabt,
und waren schon recht abgetragen. Wahrscheinlich war er
ein Mensch, der sich nicht viel aus seiner Garderobe
machte. Dafür legte er sicher bei anderen auch keinen
gro.en Wert auf .u.erlichkeiten. Sein schütteres Haar
betonte seine insgesamt eher l.ngliche Kopfform. Er hatte
eingefallene Wangen, ein kantiges Kinn und einen kleinen,
fast kindlichen Schmollmund, der nicht so recht zum
Gesamteindruck seiner Erscheinung passen wollte. Hier
und da schienen beim Rasieren Barthaare stehengeblieben
zu sein, was aber vielleicht wegen der Lichtverh.ltnisse nur
so aussah. Das Sonnenlicht der Berge, das durchs Fenster
drang, war anders als das Licht, an das Tengo gew.hnt war.
.Entschuldigen Sie, dass ich Sie in solcher Eile habe
kommen lassen.. Der Mann sprach mit einer besonderen
Intonation. Seine Redeweise war die eines Menschen, der
seit langem daran gew.hnt ist, vor
Menschenansammlungen unbestimmter Gr..e zu
sprechen. Und zwar logisch und strukturiert. .Da meine
Situation es mir augenblicklich nicht erlaubt, mich von hier
zu entfernen, blieb mir nichts anderes übrig, als Sie
hierherzubemühen..
Das mache überhaupt nichts, entgegnete Tengo. Er
nannte seinen Namen und entschuldigte sich dafür, keine
Visitenkarte dabeizuhaben.
.Ich hei.e Ebisuno., sagte der andere, .und habe auch
keine Visitenkarte..
.Ah, Herr Ebisuno., wiederholte Tengo.
.Alle nennen mich Sensei. Sogar meine eigene Tochter..
.Wie schreibt sich Ihr Name?.
.Er kommt ziemlich selten vor. Eri, schreib mal die
Zeichen!.
Fukaeri nickte. Sie nahm einen Notizblock und schrieb
langsam mit Kugelschreiber auf ein wei.es Blatt. Es wirkte,
als würde sie die Zeichen mit einer Nadel in einen
Backstein ritzen.
.Auf Englisch bedeutet er Field of Savages – Feld der
Wilden. Früher habe ich mich mit Kulturanthropologie
besch.ftigt. Durchaus ein passender Name für diese
Wissenschaft., sagte der Sensei, und so etwas wie ein
L.cheln erschien auf seinem Gesicht. Doch an der
Ruhelosigkeit seines Blicks .nderte sich nichts. .Allerdings
habe ich die Forschung schon lange an den Nagel geh.ngt.
Was ich momentan mache, hat gar nichts damit zu tun. Ich
habe mich auf ein anderes wildes Feld begeben..
Es war wirklich ein seltener Name, aber Tengo erinnerte
sich, ihn schon geh.rt zu haben. Ende der sechziger Jahre
hatte es einen bekannten Wissenschaftler namens Ebisuno
gegeben. Er hatte mehrere Bücher ver.ffentlicht, die
damals ziemlich gesch.tzt wurden. Er wusste nichts
Genaueres über ihren Inhalt, nur der Autorenname war in
einem Winkel seines Ged.chtnisses haften geblieben. Aber
in letzter Zeit hatte er ihn nicht mehr geh.rt.
.Ich glaube, ich kenne Ihren Namen., sagte Tengo
vorsichtig.
.Das kann sein., sagte der Sensei, den Blick in die Ferne
gerichtet, als sei von einem Abwesenden die Rede.
.Jedenfalls ist das alles sehr lange her..
Tengo spürte Fukaeris ruhigen Atem neben sich. Sie
atmete langsam und tief ein und aus.
.Tengo Kawana., sagte der Sensei, als würde er den
Namen ablesen.
.Genau., sagte Tengo.
.Sie haben Mathematik studiert und arbeiten jetzt als
Lehrer an einer Yobiko in Yoyogi., sagte der Sensei.
.Nebenher schreiben Sie. Hat mir Eri erz.hlt. Stimmt
doch?.
.Ja, natürlich., sagte Tengo.
.Sie sehen weder aus wie ein Mathematiklehrer noch wie
ein Schriftsteller..
Tengo l.chelte etwas bekümmert. .Das bekomme ich in
letzter Zeit immer wieder zu h.ren. Es muss an meinem
K.rperbau liegen..
.Ich habe es in keinem negativen Sinn gemeint., sagte
der Sensei und tippte mit dem Finger an den Steg seiner
schwarzen Brille. .Es ist absolut kein Nachteil, nicht nach
etwas Bestimmtem auszusehen. So wird man auch in keine
Schublade gesteckt..
.Danke für das Kompliment. Ein Schriftsteller bin ich
übrigens noch l.ngst nicht. Ich versuche nur, einen Roman
zu schreiben..
.Sie versuchen es ….
.Das hei.t, ich arbeite nach dem Trial-and-error-
Prinzip..
.Ich verstehe., sagte der Sensei und rieb sich leicht die
H.nde, als würde er erst jetzt bemerken, wie eiskalt es in
dem Zimmer war. .Nach allem, was ich geh.rt habe,
redigieren Sie die Geschichte, die Eri geschrieben hat. Sie
wollen, dass sie den Preis für das beste Erstlingswerk
bekommt, den diese Literaturzeitschrift vergibt. Und Eri
wollen Sie der .ffentlichkeit als die Autorin verkaufen.
Habe ich das richtig verstanden?.
Tengo w.hlte seine Worte mit Bedacht. .Im Grunde trifft
das zu. Ein Redakteur des Verlags, Herr Komatsu, hat es so
geplant. Ob sein Plan wirklich durchführbar ist, wei. ich
nicht. Auch nicht, ob er moralisch vertretbar ist. Meine
Aufgabe bestünde lediglich darin, den Text von .Die Puppe
aus Luft. zu überarbeiten. Ich bin sozusagen nur der
Techniker. Für alle anderen Bereiche ist Herr Komatsu
verantwortlich..
Der Sensei dachte eine Weile konzentriert nach. In der
Stille, die nun wieder in den Raum eingekehrt war, konnte
man f.rmlich h.ren, wie sein Verstand arbeitete. Dann
sagte er: .Dieser Herr Komatsu hat also die Sache geplant,
und Sie werden die technische Seite übernehmen..
.So ist es..
.Ich war immer Wissenschaftler und bin, offen
gestanden, nicht unbedingt ein begeisterter Leser von
Romanen. Daher kenne ich mich mit den Gepflogenheiten
im Literaturbetrieb auch nicht so besonders gut aus, aber
für mich klingt das, was Sie da vorhaben, nach einer Art
Schwindel. Oder t.usche ich mich da etwa?.
.Nein, Sie t.uschen sich nicht. Für mich klingt es
genauso., sagte Tengo.
Der Sensei verzog leicht das Gesicht. .Aber Sie wollen
trotz moralischer Bedenken von sich aus mitmachen?.
.Von mir aus kann ich nicht sagen, aber mitmachen will
ich..
.Und warum?.
.Das ist eine Frage, die ich mir seit einer Woche immer
wieder stelle., sagte Tengo unverblümt.
Schweigend warteten der Sensei und Fukaeri, dass Tengo
fortfuhr.
.Würde ich meiner Vernunft, meinem gesunden
Menschenverstand und meinem Instinkt gehorchen, dann
lie.e ich sofort die Finger von der Sache. Eigentlich bin ich
von Natur aus ein sehr rationaler Mensch. Ich finde keinen
Geschmack an Glücksspiel und abenteuerlichen
Machenschaften. Man k.nnte mich auch einen Feigling
nennen. Doch diesmal konnte ich einfach nicht Nein sagen,
obwohl der Vorschlag, den Herr Komatsu mir gemacht hat,
ziemlich riskant ist. Und zwar aus dem einzigen Grund,
dass .Die Puppe aus Luft. eine unwiderstehliche
Anziehungskraft auf mich ausübt. Bei jedem anderen Werk
h.tte ich abgelehnt, ohne zu z.gern..
Der Sensei musterte Tengo neugierig. .Das hei.t, Sie
haben kein Interesse an dem betrügerischen Teil des Plans,
aber gro.es Interesse, das Werk zu überarbeiten. Habe ich
recht?.
.Genau. Mehr als gro.es Interesse. Wenn ich .Die Puppe
aus Luft. nicht überarbeiten darf, dann soll es auch kein
anderer tun. Ich würde diese Aufgabe nie jemand anderem
überlassen..
.So, so., sagte der Sensei. Er machte ein Gesicht, als habe
er sich irrtümlich etwas Saures in den Mund gesteckt. .Ich
glaube, ich verstehe ungef.hr, was Sie empfinden. Und was
ist das Ziel dieses Herrn Komatsu? Geld? Oder geht es ihm
auch um den Ruhm?.
.Was Herr Komatsu empfindet, wei. ich, ehrlich gesagt,
nicht so genau., sagte Tengo. .Aber ich habe das Gefühl,
ihn treibt etwas Gr..eres an als der Wunsch, reich oder
berühmt zu werden..
.Zum Beispiel?.
.Herr Komatsu ist sich dessen vielleicht selbst nicht
bewusst, aber er ist besessen von Literatur. So jemand hat
nur einen Wunsch: Er will, und sei es nur einmal in seinem
Leben, etwas ganz Echtes entdecken. Und es dann der Welt
auf dem Pr.sentierteller darreichen..
Der Sensei sah Tengo einen Moment lang ins Gesicht.
.Das hei.t also, Sie haben verschiedene Beweggründe.,
sagte er dann. .Aber um Reichtum und Ruhm geht es
keinem von Ihnen beiden..
.So verh.lt es sich wohl..
.Doch egal was die Beweggründe sind, der Plan ist h.chst
riskant. Sie sagen es ja selbst. Sollte irgendwann die
Wahrheit ans Licht kommen, wird es zweifellos einen
Skandal geben. Und die Vorwürfe der .ffentlichkeit
werden nicht nur an Ihnen beiden h.ngenbleiben. Eri ist
erst siebzehn, und so eine Sache k.nnte ihr für ihr ganzes
Leben schaden. Das ist es, was mich an der ganzen Sache
am meisten beunruhigt..
.Es ist ganz natürlich, dass Sie sich Sorgen machen..
Tengo nickte. .Sie haben v.llig recht..
Die Lücke zwischen den pechschwarzen dichten
Augenbrauen verringerte sich auf etwa einen Zentimeter.
.Dennoch wollen Sie, auch wenn Eri dadurch in Gefahr
ger.t, .Die Puppe aus Luft. eigenh.ndig umarbeiten..
.Wie ich schon sagte, hat mein Drang nichts mit
Vernunft oder gesundem Menschenverstand zu tun.
Selbstverst.ndlich ist es auch mein Wunsch, Eri so gut wie
m.glich zu schützen. Aber dass sie nicht dennoch in Gefahr
ger.t, kann ich nicht garantieren. Ich würde lügen, wenn
ich es t.te..
.Ich verstehe., sagte der Sensei und r.usperte sich, wie
um das Thema abzuschlie.en. .Auf jeden Fall scheinen Sie
ein ehrlicher Mensch zu sein..
.Ich bemühe mich, so offen wie m.glich zu sein..
Der Sensei betrachtete seine H.nde, die auf seinen Knien
ruhten, als sehe er sie zum ersten Mal. Er blickte auf die
Handrücken, drehte sie um und starrte dann auf seine
Handfl.chen. Schlie.lich hob er den Kopf. .Und dieser
Redakteur, Komatsu hei.t er wohl – er glaubt, sein Plan
wird tats.chlich funktionieren?.
.Sein Motto lautet .Alles hat zwei Seiten.., sagte Tengo.
..Eine gute und eine, die gar nicht so schlecht ist...
Der Sensei lachte. .Eine originelle Ansicht. Dieser
Komatsu muss ein unverbesserlicher Optimist sein oder ein
gewaltiges Selbstvertrauen haben..
.Keins von beidem. Er ist nur ein Zyniker..
Der Sensei schüttelte leicht den Kopf. .Zyniker sind
entweder Optimisten oder überm..ig selbstbewusst. Ist es
bei ihm nicht so?.
.Er hat so eine Neigung..
.Er ist wohl ein recht schwieriger Mensch?.
.Ja, ziemlich., sagte Tengo. .Aber er ist nicht dumm..
Der Sensei stie. einen langen Seufzer aus. Dann wandte
er sich an Fukaeri. .Was meinst du, Eri? Was h.ltst du von
dem Plan?.
Fukaeri schaute eine Weile auf einen undefinierbaren
Punkt im Raum. .In Ordnung., sagte sie dann.
Der Sensei erg.nzte Fukaeris einfache Ausdrucksweise.
.Das hei.t also, es würde dir nichts ausmachen, wenn er
.Die Puppe aus Luft. überarbeitet?.
.Nein., sagte Fukaeri.
.Es k.nnte sein, dass du deshalb Schwierigkeiten
bekommst..
Darauf gab Fukaeri keine Antwort. Sie zog nur den
Kragen ihrer Jacke noch enger um sich. Doch mit dieser
Bewegung demonstrierte sie ganz unverhohlen die
Unerschütterlichkeit ihres Entschlusses.
.Vielleicht hat sie recht., sagte der Sensei ergeben.
Tengo blickte auf Fukaeris kleine zu F.usten geballte
H.nde.
.Aber es gibt da noch ein Problem., sagte der Sensei zu
Tengo. .Sie und dieser Komatsu wollen .Die Puppe aus
Luft. gro. herausbringen und Eri als Schriftstellerin
pr.sentieren. Aber sie leidet an einer Leseschw.che. Sie ist
Legasthenikerin. Das wissen Sie schon, oder?.
.Sie hat mir in der Bahn davon erz.hlt..
.Wahrscheinlich ist ihre Legasthenie angeboren. Deshalb
hat man in der Schule immer geglaubt, sie sei irgendwie
zurückgeblieben, dabei ist sie in Wirklichkeit ein sehr
intelligentes M.dchen. Sie verfügt über tiefe Weisheit. Aber
dass sie trotz allem Legasthenikerin ist, wird sich wohl,
gelinde ausgedrückt, nicht gerade positiv auf den Plan
auswirken, den Sie sich da ausgedacht haben..
.Wie viele Menschen wissen davon?.
.Au.er ihr selbst noch drei., sagte der Sensei. .Ich und
meine Tochter Azami. Und jetzt noch Sie. Sonst niemand..