.Und die Lehrer an der Schule, auf der Eri war, wissen
nichts davon?.
.Nein. Es ist eine kleine Dorfschule. Vermutlich haben sie
das Wort Legasthenie noch nie geh.rt. Au.erdem ist sie
nur ganz kurz auf diese Schule gegangen..
.Dann k.nnen wir die Sache vielleicht unter Verschluss
halten..
Einen Moment lang sah es so aus, als würde der Sensei
Tengos Miene absch.tzen.
.Aus irgendeinem Grund scheint Eri Ihnen zu vertrauen.,
sagte er dann. .Warum, wei. ich nicht. Aber ….
Tengo schwieg und wartete darauf, dass der Sensei
fortfuhr.
.Ich wiederum habe Vertrauen zu ihr. Wenn sie also sagt,
man dürfe Ihnen das Werk überlassen, bleibt mir nichts
anderes übrig, als das zu akzeptieren. Wenn Sie allerdings
wirklich die Absicht haben, mit diesem Plan fortzufahren,
gibt es einige Fakten, die Eri betreffen und über die Sie
vorsichtshalber Bescheid wissen sollten.. Der Sensei
bürstete mehrmals mit der Hand über das rechte Knie
seiner Hose, als habe er dort einen winzigen Fussel
entdeckt. .Sie müssen erfahren, wo und wie sie ihre
Kindheit verbracht hat und welche Umst.nde dazu geführt
haben, dass sie bei mir aufgewachsen ist. Allerdings ist das
eine lange Geschichte..
.Ich m.chte sie h.ren., sagte Tengo.
Neben ihm setzte sich Fukaeri zurecht. Noch immer hielt
sie den Kragen ihrer Jacke mit beiden H.nden zusammen.
.Gut., sagte der Sensei. .Die Geschichte beginnt in den
sechziger Jahren. Eris Vater und ich waren lange Zeit sehr
eng befreundet. Er ist etwa zehn Jahre .lter als ich, und wir
unterrichteten das gleiche Fach an der gleichen Universit.t.
Obwohl unsere Charaktere und unsere Weltanschauung
nicht verschiedener h.tten sein k.nnen, waren wir uns aus
irgendeinem Grund sympathisch. Wir haben beide sp.t
geheiratet, und jeder von uns bekam eine Tochter. Wir
wohnten in der gleichen universit.tseigenen Siedlung und
besuchten einander auch mit unseren Familien. Beruflich
kamen wir ebenfalls gut voran. Bei vielen galten wir damals
als junge .scharfsinnige Gelehrte.. Sogar die Massenmedien
berichteten über uns. Für uns war das eine unheimlich
aufregende Zeit.
Mit dem Ende der sechziger Jahre versch.rfte sich die
politische Lage immer mehr. Als 1970 das japanisch-
amerikanische Sicherheitsabkommen verl.ngert wurde,
erreichten die Studentenproteste ihren H.hepunkt. Es kam
zu Blockaden an den Universit.ten, Zusammenst..en mit
den Sicherheitskr.ften, es gab zum Teil blutige innere
Auseinandersetzungen und sogar Tote. Die Lage eskalierte
derart, dass ich beschloss, die Universit.t zu verlassen. Jede
akademische Arbeit war unm.glich geworden, und ich
hatte damals alles gründlich satt. Ob man für oder gegen
das System war, spielte nicht die geringste Rolle.
Letztendlich ging es nur noch um K.mpfe zwischen
Organisationen. Und ich habe absolut kein Vertrauen zu
Organisationen, ob sie nun gro. oder klein sind. Ihrem
.u.eren nach waren Sie damals noch kein Student, nicht
wahr?.
.Als ich an die Uni kam, hatte sich der ganze Aufruhr
schon gelegt..
.Die Party war sozusagen vorbei..
.Genau..
Professor Ebisuno hob für einen Moment die H.nde und
lie. sie dann wieder auf seine Knie fallen. .Also verlie. ich
die Universit.t, und zwei Jahre sp.ter kehrte auch Eris
Vater ihr den Rücken. Er glaubte damals an Maos Ideen
und besch.ftigte sich intensiv mit der Gro.en
Kulturrevolution. Damals gab es ja kaum Informationen
über ihre grausamen und unmenschlichen Seiten, und die
kleine rote Fibel mit Maos Aussprüchen war bei einem Teil
der Intellektuellen richtig in Mode. Eris Vater gründete mit
Studenten, die er um sich geschart hatte, eine radikale
Zelle, eine Art Pseudo-Rote-Garde, und beteiligte sich an
der Bestreikung der Universit.t. Er hatte auch Anh.nger an
anderen Universit.ten, die an ihn glaubten und sich ihm
anschlossen. Zu Zeiten hatte die von ihm geführte Gruppe
gro.en Zulauf. Auf Aufforderung der Universit.tsleitung
drang das überfallkommando in die Universit.t ein und
riss die Barrikaden nieder. Er und seine Studenten wurden
festgenommen und verh.rt. Daraufhin wurde er entlassen.
Eri war damals noch so klein, dass sie sich an diese
Vorkommnisse wohl nicht mehr erinnern kann..
Fukaeri schwieg.
.Eris Vater hei.t Tamotsu Fukada. Nachdem er die
Universit.t verlassen hatte, trat er mit zehn Studenten, die
den harten Kern seiner Roten Garde gebildet hatten, der
.Takashima-Schule. bei. Der Gro.teil seiner Studenten war
von der Universit.t verwiesen worden, und sie brauchten
einen Platz, an dem sie unterkommen konnten. Takashima
war dafür nicht schlecht. Sie war damals schon ein Thema
in den Massenmedien. Haben Sie die Sache verfolgt?.
Tengo schüttelte den Kopf. .Nein..
.Fukadas Familie begleitete ihn. Das hei.t, seine Frau
und Eri. Sie zogen also zu Takashima. Sie wissen, worum es
sich bei dieser Gruppe handelt?.
.So ungef.hr., sagte Tengo. .Eine Art Landkommune, die
ein vollkommenes Gemeinschaftsleben anstrebte und sich
vom eigenen Anbau ern.hrte. Auch ihre Milchwirtschaft
galt landesweit als vorbildlich. Alles geh.rte allen,
Privateigentum wurde nicht anerkannt..
.Richtig. In diesem System versuchte Fukada sein Utopia
zu finden., sagte der Sensei und machte ein
nachdenkliches Gesicht. .Selbstverst.ndlich existiert auf
dieser Welt kein Utopia. Ebenso wenig wie dauerhafte
Solidarit.t und ebenso wenig, wie man Gold machen kann.
Die Takashima-Schule produzierte denkunf.hige Roboter,
wenn ich mal so sagen darf. Sie schaltete das eigene
Denken in den K.pfen ihrer Mitglieder ab. Sie lebten in
einer Welt, die gro.e .hnlichkeit mit der in George
Orwells Roman hatte. Aber wie Ihnen wahrscheinlich
bekannt ist, gibt es auf der Welt nicht wenige, die einen
hirnlosen Zustand wie diesen anstreben. Denn bequem ist
er auf alle F.lle. Niemand braucht sich komplizierte
Gedanken zu machen, es genügt, ohne Widerrede das
auszuführen, was einem von oben gesagt wird. Und das bei
drei Mahlzeiten am Tag. Für Menschen, die so etwas
suchen, war Takashima vermutlich wirklich das Paradies.
Aber Fukada war ganz anders, ein Mann mit eigenem
Kopf, der alles gründlich selbst durchdenken wollte. Ein
Mann, der für die Wissenschaft lebte. Er konnte sich
unm.glich mit den Zust.nden bei Takashima
zufriedengeben. Natürlich w.re Fukada nicht Fukada
gewesen, wenn er das nicht von Anfang an durchschaut
h.tte. Von der Uni vertrieben, mit ein paar
hochintelligenten Studenten im Schlepptau, ohne einen
Ort, an dem sie unterkommen konnten, hatte er die
Landkommune als vorl.ufigen Unterschlupf gew.hlt. Was
er von Takashima wollte, war Know-how. Sowohl Fukada
als auch alle seine Studenten waren in der Stadt
aufgewachsen und besa.en keinerlei Kenntnis von der
Landwirtschaft. Sie hatten ebenso wenig Ahnung davon wie
ich vom Raketenbau. Also musste ihr erster Schritt sein,
praktische F.higkeiten und Techniken zu erwerben. Auch
über die Verteilungsmechanismen, die Grenzen und
M.glichkeiten der Selbstversorgung und die konkreten
Regeln des Gemeinschaftslebens hatten sie eine Menge zu
lernen. Fast zwei Jahre blieb Fukada mit seinen Studenten
bei Takashima. In dieser Zeit lernten sie alles, was es zu
lernen gab. Und sie waren Menschen, die schnell lernten,
wenn sie wollten. Nachdem sie die St.rken und Schw.chen
der Takashima-Schule genaustens analysiert hatten,
verlie.en Fukada und seine Anh.nger sie und gründeten
eine eigene Kommune..
.Bei Takashima war es lustig., sagte Fukaeri.
Der Sensei l.chelte. .Ich glaube, die kleineren Kinder
hatten dort tats.chlich eine sch.ne Zeit. Aber wenn sie in
die Pubert.t kamen und ihr Selbstbewusstsein erwachte,
wurde Takashima für viele Kinder beinahe zu einer H.lle
auf Erden. Jeder natürliche Impuls, selbstst.ndig zu
denken, wurde gewaltsam unterdrückt. Statt der Fü.e
wurde ihnen das Gehirn abgebunden, k.nnte man sagen..
.Statt der Fü.e., fragte Fukaeri.
.Im alten China wurden den kleinen M.dchen die Fü.e
gewaltsam eingebunden, damit sie nicht zu gro. wurden.,
erkl.rte Tengo.
Stumm schien Fukaeri sich vorzustellen, wie das wohl
ausgesehen haben mochte.
.Im Kern bestand Fukadas Fraktion natürlich aus seinen
ehemaligen Studenten, der früheren Roten Garde, aber es
kamen auch unerwartet viele neue Mitglieder hinzu. Seine
Gruppe wuchs geradezu lawinenartig. Nicht wenige seiner
neuen Anh.nger waren Leute aus der Szene, die sich
Takashima aus Idealismus angeschlossen hatten, aber nun
unzufrieden und entt.uscht waren. Darunter befanden sich
Hippies, frustrierte Linksintellektuelle und solche, die aus
allen m.glichen Gründen mit ihrem Leben unzufrieden
gewesen und auf der Suche nach einer neuen Spiritualit.t
bei Takashima gelandet waren. Viele waren ledig, aber es
gab auch Familien wie die von Fukada. Alles in allem ein
ziemlich wild zusammengewürfelter Haufen. Fukada war
der geborene Anführer. Er war so etwas wie Moses für die
Israeliten. Scharfsinnig, redegewandt und mit einer
überlegenen Urteilskraft begabt. Er besa. gro.es Charisma.
Au.erdem ist er sehr gro.. Ja, genau, er hat etwa Ihre
Statur. Die Menschen erkoren ihn ganz selbstverst.ndlich
zum Mittelpunkt ihrer Gruppe und beugten sich seinem
Urteil..
Der Sensei breitete beide Arme aus, um die Gr..e des
Mannes zu demonstrieren. Fukaeris Blick wanderte
zwischen seinen ausgebreiteten Armen und Tengo hin und
her, aber sie sagte nichts.
.Fukada und ich sind charakterlich und k.rperlich v.llig
verschieden. Er ist von Natur aus ein Führer, ich bin ein
einsamer Wolf. Er ist ein politisch denkender Mensch, ich
bin v.llig unpolitisch. Er ist ein gro.er Mann, ich bin klein.
Er ist eine imposante Erscheinung, ich bin ein bescheidener
Gelehrter mit einem seltsam geformten Kopf. Und dennoch
verstanden wir uns als Freunde und Kollegen. Wir
akzeptierten und vertrauten uns gegenseitig. Ich übertreibe
nicht, wenn ich sage, er war der einzige Freund, den ich in
meinem ganzen Leben gehabt habe..
Unter der Führung von Fukada machte die Gruppe in den
Bergen von Yamanashi ein verlassenes Dorf ausfindig, das
ihren Vorstellungen entsprach. Die b.uerliche Jugend war
in die St.dte abgewandert, und allein konnten die
zurückgebliebenen Alten die Felder nicht bestellen. So
hatte sich das Dorf in eine Art Geisterstadt verwandelt.
Fukadas Gruppe konnte die .cker und H.user sozusagen
zum Selbstkostenpreis übernehmen. Auch ein paar
Gew.chsh.user aus Plastik waren vorhanden. Die Beh.rden
gew.hrten ihnen Unterstützung, mit der Auflage, dass die
bestehenden Felder weiter bebaut werden müssten. Fukada
steuerte Kapital aus einer pers.nlichen Quelle bei.
Professor Ebisuno wusste jedoch nicht, woher es
gekommen war. .Fukada hat nie darüber gesprochen. Was
es mit diesem Geld auf sich hatte, blieb sein Geheimnis.
Jedenfalls hat er das Geld, das der Gemeinschaft zum
Aufbau noch fehlte, irgendwo aufgetrieben. Damit konnten
sie das n.tige Baumaterial und die landwirtschaftlichen
Maschinen kaufen sowie ein paar Reserven anlegen. Sie
renovierten die dortigen H.user und schufen Wohnraum
für etwa drei.ig Mitglieder. Das war im Jahr 1974. Die neue
Kommune wurde auf den Namen .Die Vorreiter. getauft..
Die Vorreiter?, dachte Tengo. Den Namen hatte er schon
einmal geh.rt, wusste aber nicht mehr, in welchem
Zusammenhang. Es .rgerte ihn ziemlich, dass sein
Ged.chtnis ihn im Stich lie.. Der Professor fuhr fort.
.Fukada war darauf vorbereitet, dass die Jahre der
Eingew.hnung auf dem Land und die Verwaltung der
Kommune recht hart werden würden, doch alles
entwickelte sich weitaus günstiger, als er erwartet hatte.
Au.erdem spielten ihnen die klimatischen Verh.ltnisse
.fter in die H.nde, und die Einheimischen leisteten ihnen
nützliche Nachbarschaftshilfe. Fukadas aufrechter
Charakter war den Leuten sympathisch, und auch die
jungen Mitglieder der Vorreiter, die im Schwei.e ihres
Angesichts und mit Begeisterung den Boden bestellten,
machten gro.en Eindruck auf sie. Immer wieder kamen sie
vorbei und standen ihnen mit wertvollem Rat zur Seite.
Dadurch eignete sich die Gruppe sehr viel praktisches
Wissen über die Landwirtschaft an und lernte, im Einklang
mit der Erde zu leben. Im Grunde setzten die Vorreiter
zun.chst das bei Takashima gelernte Know-how um, aber
in einigen Dingen beschritten sie neue und eigene Wege.
Zum Beispiel gingen sie vollst.ndig zum organischen
Anbau über. Sie bemühten sich, ausschlie.lich organische
Dünger und keine chemischen Insektizide zu verwenden.
Schlie.lich begannen sie mit dem Verkauf von
Lebensmitteln an wohlhabendere Schichten in den St.dten,
bei denen sie h.here Preise erzielen konnten. Das war
sozusagen der Beginn der .kologischen Landwirtschaft. Der
Zeitpunkt und die Umst.nde waren ideal. Da die meisten
Mitglieder selbst in der Stadt aufgewachsen waren, wussten
sie genau, was eine st.dtische Bev.lkerung wünschte. Die
St.dter waren zunehmend bereit, für unbehandeltes,
frisches Gemüse von guter Qualit.t h.here Preise zu
zahlen. Die Vorreiter schlossen einen Vertrag mit einer
Spedition ab und schufen ein eigenes vereinfachtes
Liefersystem, durch das ihre Waren auf m.glichst
schnellem Weg in die St.dte gelangten. Sie waren die
Ersten, die gegen den allgemeinen Trend .urwüchsige
Gemüse, an denen noch Erde haftet. verkauften..
.Ich habe Fukadas Hof immer wieder besucht und mit
ihm gesprochen., erz.hlte Professor Ebisuno weiter. .Er
schien lebhaft von der Idee in Anspruch genommen, eine
ver.nderte Umwelt zu schaffen und neue M.glichkeiten
auszuprobieren. Vermutlich war es die friedlichste und
hoffnungsvollste Zeit seines Lebens. Auch seine Familie
schien sich an ihr neues Dasein gew.hnt zu haben.
Immer mehr Menschen kam der gute Ruf des Vorreiter-
Hofs zu Ohren, und viele wollten daran mitwirken. Durch
den Lieferservice wurde der Name zunehmend bekannt in