der .ffentlichkeit, und auch die Medien erkoren die
Kommune zum leuchtenden Beispiel und berichteten über
sie. Nicht wenige Menschen in unserer Gesellschaft
m.chten ihrem Alltag entkommen, auf Geld und
Informationen verzichten und stattdessen im Schwei.e
ihres Angesichts in der freien Natur arbeiten. Gerade sie
fühlten sich zu den Vorreitern hingezogen. Alle Bewerber
wurden eingehend befragt und geprüft. Wer einsetzbar
war, wurde aufgenommen, das waren jedoch beileibe nicht
alle. Qualit.t und Moral der Mitgliederschaft mussten auf
hohem Niveau gehalten werden. Gesucht wurden gesunde
Menschen, die Kenntnisse in der Landwirtschaft besa.en
und harte k.rperliche Arbeit verrichten konnten. Man
strebte ein ausgewogenes Zahlenverh.ltnis der
Geschlechter an, und so waren auch Frauen sehr
willkommen. Mit den Mitgliederzahlen stieg auch der
Bedarf an Raum; da es jedoch in der n.heren Umgebung
noch genügend überz.hlige Felder und H.user gab, war es
nicht schwer, die Anlagen zu erweitern. Anfangs hatte die
Kommune haupts.chlich aus jungen Unverheirateten
bestanden, doch allm.hlich schlossen sich ihr auch immer
mehr Familien an. Zu den Neuank.mmlingen geh.rten
viele Akademiker und Leute mit einer Fachausbildung, wie
.rzte, Ingenieure, Lehrer oder Buchhalter. Auch sie waren
natürlich .u.erst willkommen. Denn Fachleute braucht
man immer, nicht wahr?.
.Hatten die Vorreiter das ursprüngliche kommunistische
System von Takashima übernommen?., fragte Tengo.
Der Sensei schüttelte den Kopf. .Nein, Fukada schaffte
das System des gemeinsamen Eigentums ab. Er war zwar
politisch radikal, aber auch ein kühler Realist. Sein Ziel war
eine mildere Form der Gemeinschaft. Er hatte keinen
Ameisenstaat im Sinn. Wenn man mit dem Kollektiv, zu
dem man geh.rte, unzufrieden war, gab es die M.glichkeit,
in eine andere Einheit überzuwechseln, und es stand jedem
frei, die Vorreiter ganz zu verlassen. In seiner Zeit bei
Takashima hatte er gelernt, dass der frische Wind, den ein
System wie dieses mit sich bringt, die Effektivit.t der Arbeit
steigert..
Die Verwaltung des Vorreiter-Hofs unter Fukadas Leitung
lief günstig und nach Plan. Dennoch zerfiel die
Gemeinschaft bald in zwei deutlich getrennte Fraktionen.
Bei Fukadas System der lockeren durchl.ssigen Einheiten
war eine Spaltung eigentlich ohnehin unvermeidlich. Die
eine – militante und revolution.re – Gruppe rekrutierte
sich aus dem harten Kern der von Fukada selbst ins Leben
gerufenen Roten Garde. Ihre Angeh.rigen betrachteten das
Leben in der Landkommune letztlich als eine
Vorbereitungsphase für die Revolution. Die Landwirtschaft
war eine Art Hinterhalt, und wenn die Zeit gekommen war,
würden sie zu den Waffen greifen – das war ihre
unerschütterliche überzeugung.
Die andere, gem..igtere Gruppe teilte zwar den
antikapitalistischen Standpunkt der Militanten, propagierte
aber als Ideal, sich aus der Politik zurückzuziehen und ein
selbstgenügsames Gemeinschaftsleben im Einklang mit der
Natur zu führen. Zahlenm..ig überwog diese Gruppe.
Gem..igte und Militante waren wie Wasser und .l. Da sie
durch die Landarbeit st.ndig besch.ftigt waren, kam es zu
keinen besonderen Problemen, aber wenn Entscheidungen
gef.llt werden mussten, die die gesamte Kommune
betrafen, gingen die Meinungen stets auseinander.
Mitunter reichte es nicht für einen Kompromiss. Dann
flammten heftige Auseinandersetzungen auf, und es wurde
deutlich, dass eine endgültige Spaltung der Kommune nur
eine Frage der Zeit war.
Nach und nach wurde der Raum für neutrale Positionen
immer enger. Bald musste sich auch Fukada für eine Seite
entscheiden. Auch ihm war damals einigerma.en bewusst,
dass das Japan der siebziger Jahre keinen Raum dafür bot,
eine Revolution anzuzetteln. Was er im Sinn hatte, war die
Revolution als M.glichkeit oder anders gesagt als Gleichnis
oder Hypothese. Er glaubte, die Entwicklung
zerst.rerischer, gegen das System gerichteter Absichten sei
unerl.sslich für eine gesunde Gesellschaft. Sozusagen als
gesunde Würze. Aber die Studenten, die ihm gefolgt waren,
wollten eine echte Revolution, in der echtes Blut floss.
Dafür trug natürlich Fukada die Verantwortung. Er hatte
sie mit dem damaligen Zeitgeist infiziert, sie angestachelt
und diesen sinnlosen Mythos von der Revolution in ihre
K.pfe gepflanzt. Nie hatte er gesagt: .Die Revolution ist
blo. eine Modeerscheinung.. Er war ein aufrechter Mann
und sehr scharfsinnig. Auch als Wissenschaftler war er
brillant. Doch er neigte leider dazu, sich an seiner allzu
gro.en Beredsamkeit und seinen eigenen Worten zu
berauschen. So betrachtet, fehlte es ihm an tieferer Einsicht
und Erfahrung.
Die Gemeinschaft war nun also in zwei Lager gespalten.
Die Gem..igten blieben als Vorreiter in dem
ursprünglichen Dorf, die Militanten zogen in ein anderes
Dorf, das nur etwa fünf Kilometer entfernt lag, und
errichteten dort eine revolution.re Basis. Die Familie
Fukada beschloss, wie auch die anderen Familien, auf dem
Vorreiter-Hof zu bleiben. Die Trennung ging einigerma.en
freundschaftlich vonstatten. Offenbar hatte wieder Fukada
das für den Aufbau einer separaten Kommune notwendige
Kapital beschafft. Auch nach der Trennung gab es noch
eine oberfl.chliche Zusammenarbeit zwischen den H.fen.
So tauschten sie notwendige Ger.te und Materialien aus.
Aus wirtschaftlichen Gründen benutzten sie weiterhin die
gleichen Vertriebswege. Um überleben zu k.nnen, waren
die beiden kleinen Kooperativen aufeinander angewiesen.
Doch mit der Zeit kam der Verkehr zwischen den
Mitgliedern der alten Vorreiter und denen der neuen
Splittergruppe praktisch zum Erliegen, da beide inzwischen
v.llig verschiedene Ziele verfolgten. Nur Fukada hielt auch
nach der Spaltung noch Kontakt zu den klugen Studenten,
die er selbst angeführt hatte. Er fühlte sich stark für sie
verantwortlich. Schlie.lich hatte er sie organisiert und nach
Yamanashi in die Berge geführt. Jetzt konnte er sie nicht
einfach so im Stich lassen. Vor allem, da die
Splitterkommune auf seine geheime Geldquelle angewiesen
war.
.Man k.nnte sagen, dass Fukada selbst in gewisser Weise
gespalten war., erkl.rte der Sensei. .Er glaubte nicht
wirklich an die M.glichkeit einer Revolution. Er war
schlie.lich kein Romantiker. Auf der anderen Seite konnte
er auch nicht v.llig darauf verzichten. Die Revolution zu
leugnen h.tte bedeutet, sein bisheriges Leben zu leugnen
und vor aller Welt seinen Irrtum zu bekennen. Das konnte
er nicht. Dafür war er zu stolz. Au.erdem fürchtete er
vielleicht, die Studenten, die er selbst geworben hatte, in
Verwirrung zu stürzen. Denn in dieser Phase besa. Fukada
noch immer genügend Macht, um seine Studenten unter
Kontrolle zu halten. Deshalb hatte er beschlossen, sich
zwischen den Vorreitern und der abgespaltenen Kommune
hin- und herzubewegen. Fukada war der Anführer der
Vorreiter und gleichzeitig Berater der militanten
Kommune. Ein Mann, der selbst schon nicht mehr an die
Revolution glaubte, fuhr fort, anderen revolution.re
Theorien zu erkl.ren. Neben der Landarbeit widmete sich
die neue Gruppe intensiv ihrer milit.rischen und
ideologischen Ausbildung. Politisch traten sie in immer
radikaleren Gegensatz zu Fukadas Ideen. Au.erdem
schotteten sie sich v.llig ab und lie.en keine
Au.enstehenden mehr zu. Irgendwann gerieten sie sogar
als verfassungsfeindliche Organisation, die zur bewaffneten
Revolution aufrief, ins Visier der Nachrichtendienste..
Der Sensei starrte wieder auf die Knie seiner Hose. Dann
hob er das Gesicht.
.Die Spaltung der Vorreiter fand im Jahr 1976 statt. Im
Jahr darauf verlie. Eri die Gemeinschaft und kam zu uns.
Damals gab sich die Splittergruppe den neuen Namen
.Akebono...
Tengo blickte auf und kniff die Augen zusammen. .Einen
Moment mal., sagte er. Akebono. Er erinnerte sich ganz
deutlich, diesen Namen schon einmal geh.rt zu haben.
Aber seine Erinnerung war nur vage und verschwommen.
Er bekam nur ein paar ungewisse Fragmente zu fassen,
scheinbare Fakten. .Hat es nicht vor kurzem einen
aufsehenerregenden Vorfall gegeben, der mit der Akebono-
Gruppe zusammenhing?.
.Richtig., sagte Professor Ebisuno und ma. Tengo mit
einem au.ergew.hnlich ernsten Blick. .Es handelt sich um
die bekannte Gruppe Akebono, die sich in der N.he des
Motosu-Sees in den Bergen ein Feuergefecht mit der Polizei
geliefert hat..
Eine Schie.erei, dachte Tengo. Jetzt erinnerte er sich.
Eine gro.e Sache. Aber aus irgendeinem Grund waren ihm
die Einzelheiten entfallen. Er brachte durcheinander, was
davor und danach geschehen war. Er versuchte
angestrengt, sich zu erinnern, und hatte dabei das Gefühl,
sein gesamter K.rper würde verdreht. Als würden sein
Oberk.rper und sein Unterleib in entgegengesetzte
Richtungen geschraubt. In seinem Kopf h.mmerte es
dumpf, die Luft um ihn herum wurde j.h dünner. Alle
Ger.usche waren pl.tzlich ged.mpft, als bef.nde er sich
unter Wasser. Offenbar bekam er ausgerechnet jetzt einen
seiner .Anf.lle..
.Was haben Sie denn?., fragte der Sensei besorgt. Seine
Stimme klang wie aus weiter Ferne.
Tengo schüttelte den Kopf. .Geht schon. Gleich vorbei.,
stie. er mühsam hervor.
KAPITEL 11
Aomame
Der K.rper ist ein Tempel
Vermutlich gab es nur wenige Menschen, die es zu einer
solchen Meisterschaft darin gebracht hatten, einem Mann
in die Hoden zu treten, wie Aomame. Tagt.glich hatte sie
den Ablauf dieses Tritts genau studiert und es nicht an
praktischen übungen fehlen lassen. Um Treffsicherheit zu
erreichen, war das Wichtigste, dass man jegliches Gefühl
von Zaghaftigkeit ablegte. Es galt, den Gegner an seinem
schw.chsten Punkt erbarmungslos, mit voller Wucht und
m.glichst unerwartet zu attackieren. Genau wie Hitler,
indem er, die Neutralit.t Hollands und Belgiens
ignorierend, in diese L.nder einfiel, die Maginot-Linie
durchstie. und damit Frankreich zu Fall brachte. Man
durfte nicht z.gern. Ein Augenblick des Z.gerns war
t.dlich.
Aomame war fest überzeugt, dass es kein geeigneteres
Mittel gab, mit dem eine Frau einen Mann, der gr..er und
st.rker war als sie, in einer direkten Konfrontation au.er
Gefecht setzen konnte. Dieser K.rperteil war der
empfindlichste Schwachpunkt, der der Gattung Mann –
sozusagen – anhing. Und in den meisten F.llen war der
Mann nicht in der Lage, ihn wirkungsvoll zu schützen.
Ausgeschlossen, diesen Vorteil nicht zu nutzen.
Welchen Schmerz ein solcher mit voller Wucht
ausgeführter Tritt in die Hoden verursachte, konnte
Aomame als Frau natürlich nicht konkret nachvollziehen.
Nicht einmal erraten. Aber Reaktion und Gesichtsausdruck
des Getretenen vermittelten ihr eine hinl.ngliche
Vorstellung, wie extrem dieser Schmerz sein musste. Selbst
die st.rksten, widerstandsf.higsten M.nner schienen dieser
Pein, mit der offenbar auch ein gro.er Verlust an
Selbstachtung verbunden war, nicht gewachsen.
Einmal bat Aomame einen Mann, ihr diesen Schmerz zu
beschreiben. .Es fühlt sich an, als würde im n.chsten
Moment die Welt untergehen., sagte er, nachdem er lange
nachgedacht hatte. .Dieser Schmerz ist mit nichts zu
vergleichen. Es ist etwas anderes als einfach nur Schmerz..
Aomame hatte l.nger über diese Analogie nachgedacht. Ein
Schmerz, als würde die Welt untergehen?
.Umgekehrt ausgedrückt hie.e das also, der
Weltuntergang fühlt sich an, als würde einem mit voller
Wucht in die Hoden getreten?., fragte Aomame.
.Keine Ahnung, ich habe noch keinen Weltuntergang
erlebt, aber es k.nnte schon sein., sagte der Mann und
starrte abwesend in die Luft. .Es herrscht nur noch tiefe
Ohnmacht. Alles ist düster und erdrückend, und es gibt
keine Rettung..
Irgendwann sp.ter sah Aomame zuf.llig im
Sp.tprogramm den amerikanischen Film Das letzte Ufer,
gedreht um 1960. Zwischen Amerika und der Sowjetunion
bricht ein globaler Krieg aus, und die Nuklearraketen
sausen wie Schw.rme fliegender Fische zwischen den
Kontinenten hin und her, in null Komma nichts ist die Erde
zerst.rt, und der gr..te Teil der Menschheit stirbt.
Aufgrund einer bestimmten Luftstr.mung jedoch hat der
t.dliche Fallout die südliche Hemisph.re mit Australien
noch nicht erreicht. Dennoch ist seine Ankunft nur eine
Frage der Zeit und die endgültige Vernichtung der
Menschheit unabwendbar. Der Film handelte davon, wie
einige der überlebenden in jenem Teil der Erde – den
sicheren Tod vor Augen – ihre letzten Tage verbrachten. Es
war ein düsterer Film voller Hoffnungslosigkeit (aber
w.hrend Aomame ihn anschaute, war sie wieder einmal
überzeugt, dass jeder im Grunde seines Herzens das Ende
der Welt herbeisehnte). Aha, so fühlt es sich also an, wenn
einem mit voller Wucht in die Eier getreten wird, dachte
sie.
Nach ihrem Sportstudium arbeitete Aomame etwa vier
Jahre bei einem Hersteller von Fitnessgetr.nken und
Gesundheitskost. Sie war die Topwerferin und die beste
Schl.gerin in der Softball-Frauenmannschaft ihrer Firma.
Das Team war ziemlich erfolgreich und schaffte es bei
landesweiten Turnieren mehrmals unter die acht besten.
Einen Monat nach Tamaki Otsukas Tod reichte Aomame
jedoch ihre Kündigung ein und setzte damit auch einen
Schlusspunkt unter ihre Softball-Karriere. Sie hatte nicht
mehr die geringste Lust auf diesen Sport und wollte ihr
Leben drastisch und vollst.ndig umkrempeln. Ein etwas
.lterer Bekannter aus ihrer Studienzeit vermittelte ihr eine
Stelle als Trainerin in einem Sportstudio in Hiroo.
Dort unterrichtete sie haupts.chlich Muskeltraining und
Kampfsport. Es war ein sehr exklusives Studio mit hohen
Aufnahmegebühren und Beitr.gen, das zahlreiche
prominente Mitglieder hatte. Aomame gab mehrere
Selbstverteidigungskurse für Frauen, dies war ihr
Spezialgebiet. Sie fertigte eine gro.e Puppe aus Leinen an,
der sie als Hoden einen schwarzen Arbeitshandschuh in