manche Menschen das absolute Geh.r haben oder die
F.higkeit, unterirdische Wasseradern zu entdecken,
vermochte Aomame mit ihren Fingern sofort die
winzigsten Punkte zu erspüren, die unsere
K.rperfunktionen kontrollieren. Sie beherrschte diese
Kunst, die man nicht lernen kann, von Natur aus.
Sooft Aomame und die alte Dame das Training und die
Massage beendet hatten, tranken sie noch ein Weilchen
zusammen Tee und plauderten. Stets servierte Tamaru
ihnen den Tee auf dem silbernen Tablett. Da er im ersten
Monat vor Aomame niemals den Mund aufmachte, musste
sie die alte Dame fragen, ob er m.glicherweise stumm sei.
Einmal erkundigte sich die alte Dame, ob Aomame in der
Praxis schon einmal jemandem in die Hoden getreten habe,
um sich zu schützen.
Nur einmal, hatte Aomame geantwortet.
.Und hatten Sie Erfolg?., fragte die alte Dame.
.Es war sehr wirkungsvoll., erwiderte Aomame wachsam
und wortkarg.
.Glauben Sie, es würde bei unserem Tamaru klappen?.
Aomame schüttelte den Kopf. .Wahrscheinlich nicht.
Tamaru kennt sich in diesen Dingen sehr gut aus. Wenn
die Bewegung von einem, der sich auskennt, erkannt wird,
hat man keine Chance. Der Tritt in die Hoden funktioniert
nur bei Anf.ngern, die nicht an Schl.gereien gew.hnt
sind..
.Es ist Ihnen also aufgefallen, dass Tamaru kein
.Anf.nger. ist?.
Aomame w.hlte ihre Worte mit Bedacht. .Tja, wie soll
ich sagen? Er macht einen anderen Eindruck als
gew.hnliche Menschen..
Die alte Dame goss Sahne in ihren Tee und rührte ihn
langsam mit ihrem L.ffel um.
.Demnach war der Mann, mit dem Sie es damals zu tun
hatten, ein Anf.nger? War er gro.?.
Aomame nickte, sagte aber nichts. Der Mann war
k.rperlich fit gewesen und offenbar auch kr.ftig. Aber er
war eingebildet und lie. sich überrumpeln, weil sein
Gegner eine Frau war und er sie untersch.tzte. Bis dahin
hatte Aomame noch nie jemandem in die Hoden getreten
und auch nicht damit gerechnet, dass sie einmal in die
Verlegenheit kommen würde.
.Haben Sie den Mann ernsthaft verletzt?.
.Nein, es tat ihm nur für eine Weile ziemlich weh..
Die alte Dame schwieg einen Moment. Dann stellte sie
eine weitere Frage. .Haben Sie davor schon einmal einen
Mann angegriffen? Ihm nicht nur Schmerz zugefügt,
sondern ihn mit Absicht verwundet?.
.Ja., sagte Aomame. Lügen war nicht ihre St.rke.
.K.nnen Sie darüber reden?.
Aomame schüttelte kurz den Kopf. .Tut mir leid, das geht
nicht so einfach..
.Das macht nichts. Natürlich ist es nicht so leicht, über so
etwas zu sprechen. Es muss auch nicht sein., sagte die alte
Dame.
Schweigend tranken die beiden ihren Tee und hingen
ihren jeweiligen Gedanken nach.
Bald ergriff die alte Dame wieder das Wort. .Aber sollten
Sie irgendwann einmal das Gefühl haben, darüber sprechen
zu k.nnen, würden Sie mir dann erz.hlen, was geschehen
ist?.
.Ja, vielleicht. Aber m.glicherweise werde ich es nie
k.nnen. Ehrlich gesagt, ich wei. es selbst nicht..
Die alte Dame blickte Aomame ins Gesicht. .Ich frage
nicht aus Neugier., sagte sie dann.
Aomame schwieg.
.Ich kann sehen, dass Sie eine Last mit sich herumtragen.
Eine ziemlich schwere Last. Ich habe es gleich gespürt, als
wir uns das erste Mal begegnet sind. Sie haben einen
entschlossenen, starken Blick. Offen gesagt habe auch ich
eine solche Erfahrung. Etwas Schweres, das ich mit mir
herumtrage. Darum wei. ich Bescheid. Wir haben keine
Eile. Dennoch ist es besser, so etwas irgendwann
herauszulassen. Ich bin sehr verschwiegen und verfüge
über einige praktische Mittel. Wenn alles gutgeht, kann ich
Ihnen vielleicht nützlich sein..
Als Aomame es sp.ter wagte, der alten Dame ihre
Geschichte zu offenbaren, stie. sie damit eine neue Tür in
ihrem Leben auf.
.Was trinken Sie denn da?., sagte jemand dicht neben
Aomames Ohr. Es war die Stimme einer Frau.
Aomame kam zu sich und blickte auf. Eine junge Frau mit
einem Pferdeschwanz im Stil der fünfziger Jahre hatte sich
auf den Hocker neben ihr gesetzt. Sie trug ein zierlich
geblümtes Kleid, und über ihrer Schulter hing eine kleine
Umh.ngetasche von Gucci. Ihre N.gel waren gepflegt und
hellrosa lackiert. Sie war nicht dick, hatte aber ein etwas
pausb.ckiges, ausgesprochen liebenswürdiges Gesicht und
einen üppigen Busen.
Aomame war leicht perplex, denn sie hatte nicht erwartet,
von einer Frau angesprochen zu werden. Dies war ein Ort,
an dem M.nner Frauen ansprachen.
.Tom Collins., sagte Aomame.
.Schmeckt der?.
.Es geht, aber er ist nicht sehr stark, und man kann sich
über l.ngere Zeit daran festhalten..
.Warum hei.t er .Tom Collins.?.
.Keine Ahnung., sagte Aomame. .Vielleicht war das der
Name des Typen, der ihn zuerst gemacht hat. Allerdings
kann ich mir nicht vorstellen, dass das eine so besonders
erstaunliche Erfindung war..
Die Frau winkte den Barkeeper herbei und bestellte
ebenfalls einen Tom Collins. Sie bekam ihn sofort.
.Darf ich mich neben Sie setzen?., fragte die Frau.
.Natürlich, der Platz ist frei.. Und au.erdem sitzt du ja
schon, dachte Aomame, sagte aber nichts.
.Sie warten sicher auf jemanden?., fragte die Frau.
Aomame musterte sie schweigend, ohne zu antworten.
Die Frau war ungef.hr drei oder vier Jahre jünger als sie.
.übrigens habe ich kein Interesse an so was, Sie brauchen
sich also keine Sorgen zu machen., offenbarte die Frau ihr
flüsternd. .Ich sage es mal vorsichtshalber. Mir sind auch
M.nner lieber. Wie Ihnen..
.Wie mir?.
.Sie sind allein hier, um einen attraktiven Mann
kennenzulernen, oder nicht?.
.Sieht man das?.
Die andere kniff die Augen zusammen. .Das wei. man
doch. Diese Bar ist doch dafür da. Au.erdem sind wir keine
Professionellen..
.Natürlich nicht., sagte Aomame.
.Also, wenn es Ihnen recht ist, k.nnten wir ein Team
bilden. M.nnern f.llt es leichter, zwei Frauen anzusprechen
als eine, die allein ist. Zu zweit ist es auch lustiger, und man
fühlt sich irgendwie sicherer. Wir würden kein schlechtes
Team abgeben, ich bin mehr der weibliche Typ, und Sie
haben etwas Knabenhaftes an sich..
Knabenhaft, dachte Aomame. Es war das erste Mal, dass
jemand ihr das sagte.
.Wir kommen einander bestimmt nicht in die Quere,
auch wenn wir zusammen auftreten. Das würde bestimmt
gut klappen..
Die Frau kr.uselte die Lippen. .Ach, was hei.t bestimmt,
ganz sicher würde das klappen. Welchen Typ Mann
bevorzugen Sie?.
.Wenn m.glich jemanden in mittlerem Alter.,
antwortete Aomame. .Für junge M.nner habe ich nicht viel
übrig. Und er sollte schütteres Haar haben..
.Sie m.gen also .ltere Typen., sagte die Frau sichtlich
beeindruckt. .Also, mir gefallen ja vor allem junge,
gutaussehende, temperamentvolle M.nner, andere
interessieren mich nicht. Aber wenn Sie es sagen, sollte ich
es vielleicht auch mal mit so einem versuchen. Es geht doch
nichts über Erfahrungen. Die in mittleren Jahren sind gut,
sagen Sie? Also im Bett, meine ich..
.Das h.ngt wohl von der Person ab., erwiderte Aomame.
.Natürlich., sagte die Frau und kniff die Augen
zusammen, als würde sie eine Theorie überprüfen. .Man
kann natürlich nicht verallgemeinern. Aber k.nnten Sie
doch zusammenfassend etwas sagen?.
.Sie sind nicht schlecht. Die H.ufigkeit spielt für sie keine
Rolle. Au.erdem nehmen sie sich mehr Zeit. Haben keine
Eile. Und man kann es sich mehrmals von ihnen machen
lassen..
Die andere dachte einen Moment nach. .Bei Ihrer
Beschreibung kriege ich richtig Lust. Ich werde es auf alle
F.lle mal versuchen..
.Das liegt bei Ihnen., sagte Aomame.
.Haben Sie schon mal Sex zu viert ausprobiert? Mit
Partnertausch?.
.Nein..
.Ich auch nicht. H.tten Sie Interesse?.
.Ich glaube nicht., sagte Aomame. .Wir k.nnen ein
Team bilden, aber dann müsste ich noch etwas mehr über
Sie wissen. Sonst widersprechen wir uns vielleicht..
.Stimmt. Da haben Sie recht. Was m.chten Sie denn
wissen?.
.Also zum Beispiel … welchen Beruf Sie ausüben..
Die Frau nahm einen Schluck von ihrem Tom Collins und
stellte das Glas wieder auf den Deckel. Dann tupfte sie sich
den Mund mit der Papierserviette ab und inspizierte die
Flecken, die ihr Lippenstift darauf hinterlassen hatte.
.Schmeckt gut, oder?., sagte sie. .Die Basis ist Gin, nicht
wahr?.
.Gin, Zitronensaft und Soda..
.Nicht direkt eine sensationelle Erfindung, aber schmeckt
nicht übel..
.Freut mich..
.Ja, also, was bin ich von Beruf? Das ist eine etwas
schwierige Frage. Ehrlich gesagt, Sie werden es mir
wahrscheinlich nicht glauben..
.Sagen Sie es mir erst mal., sagte Aomame. .Ich arbeite
als Trainerin in einem Sportstudio. Haupts.chlich
Kampfsport. Und Stretching..
.Kampfsport., sagte die Frau bewundernd. .So ungef.hr
wie Bruce Lee?.
.So ungef.hr..
.Sind Sie gut?.
.Es reicht..
Die Frau l.chelte und hob ihr Glas. .Wenn es hart auf
hart kommt, sind wir auf jeden Fall ein unschlagbares
Team. Ich habe ziemlich lange Aikido gemacht. Um die
Wahrheit zu sagen, ich bin bei der Polizei..
.Bei der Polizei., wiederholte Aomame. Ihr blieb der
Mund leicht offen stehen, und sie war sprachlos.
.Ja, ich bin Polizistin. Sieht man mir gar nicht an, oder?.,
sagte die Frau.
.Wirklich nicht., sagte Aomame.
.Aber es stimmt. Ehrlich. Ich hei.e Ayumi..
.Ich bin Aomame..
.Aomame – Erbse. Ist das Ihr richtiger Name?.
Aomame nickte ernst. .Wenn Sie bei der Polizei sind,
dann tragen Sie Uniform und eine Pistole und fahren in
einem Streifenwagen?.
.Ich bin Polizistin geworden, weil ich genau das tun
wollte, aber so richtig lassen sie mich nicht., sagte Ayumi
und knabberte ger.uschvoll an einer Salzbrezel aus der
Schale, die vor ihnen stand. .Im Augenblick besteht meine
Aufgabe haupts.chlich darin, eine l.cherliche Uniform zu
tragen und in einem Ministreifenwagen Parksünder zu
jagen. Eine Pistole darf ich natürlich nicht tragen.
Schlie.lich muss man wegen harmloser Bürger, die ihren
Toyota Corolla vor einem Hydranten geparkt haben, keine
Warnschüsse abgeben. Meine Ergebnisse beim
Schie.training sind ziemlich gut, aber das interessiert
niemanden. Ich bin ja nur eine Frau. Die kann ruhig Tag für
Tag ihre Runde machen und mit Kreide Uhrzeiten und
Nummern auf den Asphalt schreiben..
.Wenn Sie Pistole sagen, meinen Sie dann eine
halbautomatische Beretta?.
.Genau. Inzwischen haben wir nur noch solche. Die
Beretta ist etwas zu schwer für mich. Wenn sie geladen ist,
wiegt sie fast ein Kilogramm..
.Sie hat 850 Gramm Eigengewicht., sagte Aomame.
Ayumi sah Aomame an wie einen Pfandleiher, der eine
Armbanduhr sch.tzt. .Warum wissen Sie das so genau?.
.Ich habe mich schon immer für Waffen interessiert.,
sagte Aomame. .Natürlich habe ich noch nie mit so einer
geschossen..
.Aha., sagte Ayumi verst.ndnisvoll. .Ich schie.e
eigentlich gern. Die Beretta ist zwar schwer, aber weil ihr
Rücksto. nicht so stark ist wie bei den alten Polizeiwaffen,
kann auch eine kleine Frau sie problemlos handhaben,
wenn sie genug übt. Aber so denken die da oben nicht. Sie
bezweifeln, dass Frauen überhaupt mit Waffen umgehen
k.nnen. Bei der Polizei sitzen nur Chauvis in
Führungspositionen. Beim Schlagstocktraining war ich so
gut, dass die meisten m.nnlichen Kollegen nichts gegen
mich ausrichten konnten. Aber anerkannt wurde das von
niemandem. Das Einzige, was dabei herauskam, waren
anzügliche Bemerkungen. ,Dich würde ich jederzeit meinen
Schlagstock halten lassen. Sag nur Bescheid, wenn du mal
üben willst. – solches Zeug. Da hat sich seit hundertfünfzig
Jahren nichts ge.ndert..
Ayumi nahm ein P.ckchen Virginia Slims aus der Tasche,
zog mit geübtem Griff eine heraus, steckte sie zwischen die
Lippen und zündete sie mit einem schmalen goldenen
Feuerzeug an. Langsam stie. sie den Rauch nach oben aus.
.Warum bist du überhaupt zur Polizei gegangen? Ich darf
doch du sagen?., fragte Aomame.
.Klar. Ursprünglich wollte ich gar nicht zur Polizei, aber
einen normalen Bürojob wollte ich nicht machen. Und
gro.e Lust zu studieren hatte ich auch nicht. Entsprechend
begrenzt war die Auswahl. Also machte ich im vierten
Studienjahr die Aufnahmeprüfung für die Polizeischule.
Au.erdem sind ein paar Verwandte von mir bei der Polizei.
Mein Vater, mein .lterer Bruder und auch ein Onkel von
mir. Und weil bei der Polizei im Prinzip alles von
Seilschaften abh.ngt, hat man bessere Chancen auf eine
Einstellung, wenn man dort Verwandte hat..
.Aha, eine richtige Polizistenfamilie..
.Genau. Aber bevor ich zur Polizei kam, h.tte ich nie
gedacht, dass Frauen dort derart diskriminiert werden.
Wei.t du, Polizistinnen sind Menschen zweiter Klasse. Du
kriegst nur die spannendsten Aufgaben: Verkehrssünder
schnappen, am Schreibtisch hocken und Protokolle
ausfüllen, weibliche Verd.chtige durchsuchen oder die
Verkehrserziehung an Grundschulen übernehmen. Und
eindeutig unf.higere M.nner bekommen einen
spannenden Fall nach dem anderen. Die Vorgesetzten
reden vornherum munter von Chancengleichheit, aber in
Wirklichkeit ist das nicht so einfach. Da vergeht einem
jeder Ehrgeiz und jede Motivation. Verstehst du?.
Aomame pflichtete ihr bei.
.Das macht mich echt wütend!.
.Hast du keinen Freund oder so was?.
Ayumi runzelte die Stirn und starrte bitter auf die
schlanke Zigarette zwischen ihren Fingern. .Als Polizistin
eine Beziehung zu haben ist total kompliziert. Der Dienst
ist so unregelm..ig, dass ich mich kaum mit jemandem
treffen kann, der normale Arbeitszeiten hat. Und selbst
wenn ich es irgendwie schaffe, machen die .normalen.
M.nner einen flotten Rückzieher, sobald sie erfahren, dass
ich Polizistin bin. Wie Krebse, die sich an den Strand
flüchten. Gr.sslich, oder?.
Aomame nickte zustimmend.
.Das Einzige, was einem übrig bleibt, w.re die Beziehung
zu einem Kollegen, aber die meisten von denen sind das