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作者: 当前章节:15406 字 更新时间:2026-6-19 08:06

Die Leute beobachteten stumm, wie sie ihre Schuhe und

dann den Mantel auszog. Im Hintergrund ert.nte aus dem

offenen Fenster eines gerade zum Stehen gekommenen

schwarzen Toyota Celica die hohe Stimme von Michael

Jackson. Als würde ich auf einer Bühne einen Striptease zu

.Billie Jean. hinlegen, dachte sie. Macht nichts. Gucken ist

erlaubt. Im Stau zu stehen muss wirklich todlangweilig

sein. Aber damit hat sich’s auch schon, Leute, Schuhe und

Mantel, mehr gibt’s heut nicht. Tut mir leid.

Aomame schlang sich die Tasche um, damit sie ihr nicht

herunterfiel. Der nagelneue schwarze Toyota Crown Royal

Saloon, in dem sie bis eben noch gesessen hatte, lag weit

hinter ihr. Die Nachmittagssonne fiel auf die

Windschutzscheibe, die blendend hell glei.te wie ein

Spiegel. Das Gesicht des Fahrers war nicht zu erkennen.

Doch er sah sie bestimmt.

Nicht vom .u.eren Schein t.uschen lassen. Es gibt immer

nur eine Realit.t.

Aomame atmete tief ein und aus. Dann kletterte sie, die

Melodie von .Billie Jean. im Ohr, über das Gitter. Ihr

Minirock rutschte ihr fast bis zur Hüfte hoch. Und wenn

schon, dachte sie. Sollen Sie ruhig glotzen. Wer mir unter

den Rock guckt, hat mich noch lange nicht durchschaut.

Au.erdem hielt Aomame ihre sch.nen schlanken Beine für

den weitaus vorteilhaftesten Teil ihres K.rpers.

Auf der anderen Seite des Gitters angelangt, zupfte

Aomame ihren Rocksaum zurecht, wischte sich den Staub

von den H.nden, zog den Mantel wieder an und h.ngte

sich die Tasche über die Schulter. Mit einem Druck auf den

Steg schob sie ihre Sonnenbrille in die richtige Position

zurück. Die Treppe lag vor ihr. Eine grau gestrichene

Eisentreppe. Eine schlichte, unpers.nliche Treppe, die nur

einem funktionalen Zweck diente. Sie war nicht dafür

geschaffen, dass Frauen in Strümpfen und engen

Minir.cken darauf herumturnten. Allerdings sollte man

bedenken, dass das Kostüm von Junko Shimada auch nicht

für Klettertouren entworfen war. Ein gro.er Lastwagen

donnerte auf der Gegenfahrbahn vorbei und lie. die Treppe

vibrieren. Der Wind pfiff durch die eisernen Sprossen.

Doch immerhin gab es eine Treppe. Und nur sie führte auf

die ebene Erde.

Aomame drehte sich ein letztes Mal um und blickte in der

Haltung eines Menschen, der einen Vortrag beendet hat

und nun noch auf dem Podium stehend die Fragen des

Publikums erwartet, von links nach rechts und dann von

rechts nach links auf die dichte Schlange der Wagen auf der

Stra.e. Sie waren kein bisschen vorangekommen. In

Ermangelung einer anderen Besch.ftigung beobachteten

die dort festsitzenden Leute jede einzelne ihrer

Bewegungen. Was macht diese Frau eigentlich?, fragten sie

sich argw.hnisch. Bewundernde, gleichgültige, neidische

oder verachtende Blicke fielen auf Aomame, die über das

Gitter geklettert war. Wie eine instabile Waage schwankten

ihre Gefühle, ohne sich einer Seite zuneigen zu k.nnen,

unruhig hin und her. Schweigen lastete auf der Umgebung.

Niemand hob die Hand, um eine Frage zu stellen (selbst

wenn jemand eine Frage gestellt h.tte, h.tte Aomame sie

natürlich nicht beantwortet). Die Menschen warteten nur

stumm auf eine Gelegenheit, die niemals kommen würde.

Aomame zog leicht das Kinn ein, biss sich auf die

Unterlippe und bedachte sie kurz mit einem absch.tzigen

Blick durch ihre dunkelgrüne Sonnenbrille.

Ihr k.nnt euch bestimmt nicht vorstellen, wer ich bin,

wohin ich jetzt gehe und was ich tun werde, sagte Aomame,

ohne ihre Lippen zu bewegen. Ihr sitzt dort fest und geht

nirgendwohin. K.nnt weder vor noch zurück. Im Gegensatz

zu mir. Auf mich wartet Arbeit, die getan werden muss. Ich

habe eine Mission zu erfüllen. Deshalb gehe ich – mit eurer

gütigen Erlaubnis – schon mal vor.

Zum Schluss h.tte Aomame den Leuten am liebsten eine

Fratze geschnitten. Aber sie bezwang sich. Sie hatte keine

Zeit für Spielereien. Wenn sie einmal das Gesicht verzogen

hatte, würde es sie zu viel Mühe kosten, wieder zu ihrem

ursprünglichen Ausdruck zurückzukehren.

Also kehrte Aomame ihren stummen Zuschauern den

Rücken zu und begann, die K.lte der eisernen Sprossen an

ihren Fu.sohlen spürend, vorsichtig die Treppe

hinunterzusteigen. Der zu Anfang April noch kühle Wind

lie. ihre Haare flattern und entbl..te hin und wieder ihr

unregelm..ig verformtes linkes Ohr.

KAPITEL 2

Tengo

Eine etwas andere Idee

Tengos erste Erinnerung stammte aus der Zeit, als er

anderthalb Jahre alt gewesen war. Seine Mutter hatte ihre

Bluse ausgezogen, ein Tr.ger ihres wei.en Unterkleids war

ihr von der Schulter geglitten, und ein Mann, der nicht sein

Vater war, saugte an ihrer Brust. Im Kinderbett lag ein

Kleinkind, das wahrscheinlich Tengo war. Er sah sich als

dritte Person. Oder handelte es sich um einen

Zwillingsbruder? Nein, das war unwahrscheinlich, es

musste der anderthalbj.hrige Tengo selbst sein. Intuitiv

wusste er das. Das Kind hielt die Augen geschlossen und

atmete leise und regelm..ig im Schlaf. Das also war Tengos

erste Erinnerung. Die etwa zehnsekündige Szene war klar

und deutlich in die W.nde seines Bewusstseins gemei.elt.

Nichts vorher und nichts nachher. Isoliert ragte diese

Erinnerung aus einer trüben Wasserfl.che heraus wie der

Kirchturm einer überfluteten Stadt.

Wenn es sich ergab, hatte Tengo sich bei Bekannten

erkundigt, auf welches Alter ihre ersten Erinnerungen

zurückgingen. Bei den meisten war es das Alter von vier

oder fünf, frühestens drei Jahren. Beispiele für weiter

zurückreichende Erinnerungen gab es nicht. Anscheinend

musste ein Kind mindestens drei Jahre alt sein, um seine

Umgebung bis zu einem gewissen Grad als logisch

zusammenh.ngend wahrnehmen zu k.nnen. In der Phase

davor war ihm die Welt ein unverst.ndliches Chaos, z.h,

formlos und undurchsichtig wie ein klebriger Brei. Alles

zog gleichsam vor dem Fenster vorbei, ohne dass sich im

Gehirn Erinnerungen daran festsetzten.

Natürlich konnte ein Kleinkind von anderthalb Jahren

nicht beurteilen, was es bedeutete, wenn ein Mann, der

nicht sein Vater war, an der Brust seiner Mutter saugte. Das

war klar. Wenn Tengos Erinnerung also nicht trog, hatte

sich diese Szene in seine Netzhaut eingebrannt, ohne dass

er sie bewerten konnte. Wie eine Kamera ein Objekt

lediglich als ein Gemisch aus Licht und Schatten auf einen

Film bannt. Und mit der Entstehung des Bewusstseins war

das gespeicherte, fixierte Abbild nach und nach analysiert

und mit Bedeutung versehen worden. Aber konnte so etwas

wirklich geschehen? Bestand überhaupt die M.glichkeit,

dass das Gehirn eines Kleinkinds ein solches Bild bewahrte?

Oder handelte es sich nur um eine gef.lschte Erinnerung?

Eine durch eigenm.chtige T.uschungsman.ver seines

Bewusstseins im Nachhinein entstandene Fiktion? Tengo

hatte die M.glichkeit, dass es sich bei seiner Erinnerung

um eine F.lschung handelte, ausführlich geprüft. Und war

zu dem Schluss gelangt, dass es unwahrscheinlich war. Für

etwas Erfundenes war die Szene zu lebhaft und deutlich,

verfügte über zu gro.e überzeugungskraft. Das Licht und

die Gerüche darin, ihr Pulsschlag. Alles fühlte sich

überw.ltigend real an. Er konnte sich einfach nicht

vorstellen, dass es sich um eine F.lschung handelte. Zudem

lieferte die Annahme, dass dieses Ereignis wirklich

stattgefunden hatte, eine gute Erkl.rung für vieles andere.

In logischer und emotionaler Hinsicht.

Die etwa zehn Sekunden andauernde, h.chst lebendige

Szene erschien ihm ohne jede Vorwarnung. Ohne

Vorankündigung, ohne Aufschub. Auch kein Anklopfen. Sie

überfiel Tengo aus heiterem Himmel, wenn er in der Bahn

sa., Zahlen an die Tafel schrieb, beim Essen war oder sich

mit jemandem unterhielt (wie zum Beispiel gerade eben).

Unvermittelt schob sie sich j.h vor ihn und l.hmte ihn von

Kopf bis Fu.. Der Fluss der Zeit stand still. Die Luft um ihn

herum wurde dünn, und er konnte nicht mehr richtig

atmen. Die Beziehung zwischen ihm und den ihn

umgebenden Menschen und Dingen l.ste sich auf. Die

flüssigen W.nde verschluckten ihn v.llig. Doch obwohl er

das Gefühl hatte, die Welt würde ins Dunkel gestürzt,

schwanden ihm nicht die Sinne. Nur eine Weiche wurde

umgestellt. Es war sogar eher so, dass sein Bewusstsein

teilweise sch.rfer wurde. Es war keine Angst. Aber er

konnte die Augen nicht .ffnen. Seine Lider blieben fest

geschlossen. Auch die umgebenden Ger.usche entfernten

sich. Und das vertraute Bild wurde immer wieder auf die

Leinwand seines Bewusstseins projiziert. Der Schwei. rann

ihm aus allen Poren. Er wusste, dass sein Hemd unter den

Armen v.llig durchn.sst war. Er begann am ganzen K.rper

zu zittern. Sein Herz schlug immer schneller und lauter.

Falls jemand neben ihm sa., tat Tengo, als sei ihm

schwindlig. Tats.chlich hatte sein Zustand .hnlichkeit mit

einem Schwindelanfall. Nach einer gewissen Zeit

normalisierte sich alles wieder. Er zog ein Taschentuch

hervor und presste es sich auf den Mund. Er hob eine

Hand, um seinem Gegenüber zu signalisieren, dass er die

Lage im Griff habe und man sich nicht zu beunruhigen

brauche. Mal war nach drei.ig Sekunden alles vorbei, mal

dauerte es über eine Minute. W.hrenddessen spulte sich

die Szene automatisch wie ein Videoband in Endlosschleife

immer wieder ab. Seine Mutter l.ste den Tr.ger des

Unterkleids, und der fremde Mann saugte an ihrer steifen

Brustwarze. Sie schloss die Augen und gab einen tiefen

Seufzer von sich. Der Duft der Brust seiner Mutter

umschwebte Tengo und erfüllte ihn mit Sehnsucht. Für

kleine Kinder ist der Geruchssinn das sch.rfste Instrument.

Er teilt ihnen das meiste mit. Manchmal sogar alles.

Ger.usche waren nicht zu h.ren. Die Luft wurde z.h,

dickflüssig. Der einzige Laut, den er wahrnahm, waren die

sachten Schl.ge seines eigenen Herzens.

Schau dir das an, sagten sie. Sieh nur, sagten sie. Hier bist

du und kannst nirgendwo anders hin. Diese Botschaft

wiederholte sich unabl.ssig.

Diesmal dauerte der .Anfall. ziemlich lange. Tengo

schloss die Augen, stopfte sich wie üblich sein Taschentuch

in den Mund und biss fest zu. Wie lange, wusste er nicht.

Als alles vorbei war, verspürte er nur eine v.llige

k.rperliche Ersch.pfung. Er war absolut erledigt. So müde

war er noch nie gewesen. Es dauerte ewig, bis er überhaupt

die Lider .ffnen konnte. Sein Bewusstsein strebte nach

einem raschen, abrupten Erwachen, das seine Muskeln und

Organe jedoch verweigerten. Es war wie bei einem Tier, das

zur falschen Jahreszeit gewaltsam aus dem Winterschlaf

gerissen wurde.

.He, Tengo., rief jemand ihn von vorn an. Die Stimme

klang dumpf und fern, wie aus einem tiefen Tunnel. Tengo

registrierte, dass es sein Name war, den sie rief. .Was ist

los? Wieder diese Sache? Alles in Ordnung?., sagte die

Stimme, diesmal ein bisschen n.her.

Endlich schlug Tengo die Augen auf und konzentrierte

seinen Blick auf seine rechte Hand, die die Tischkante

umklammerte. Er vergewisserte sich, dass die Welt intakt

war und er sich noch als derselbe auf ihr befand. Ein

gewisses Taubheitsgefühl war geblieben, besonders in der

rechten Hand. Es roch auch nach Schwei.. Es war ein

seltsam wilder Geruch, wie man ihm vor den K.figen

mancher Tiere im Zoo begegnet. Doch er war es, der ihn

verstr.mte.

Tengo hatte Durst. Er streckte die Hand aus und griff

nach dem Glas, das vor ihm auf dem Tisch stand.

Vorsichtig, um nichts zu verschütten, trank er das Wasser

zur H.lfte aus. Er setzte kurz ab, sch.pfte Atem und trank

dann den Rest. Sein Bewusstsein kehrte allm.hlich dorthin

zurück, wo es sein sollte, und sein K.rpergefühl

normalisierte sich. Er stellte das leere Glas ab und wischte

sich mit dem Taschentuch über den Mund.

.Entschuldigung. Alles wieder in Ordnung., sagte er und

vergewisserte sich, dass es sich bei dem Mann, der ihm

gerade gegenübersa., wirklich um Komatsu handelte. Sie

hatten sich in einem Café in der N.he des Bahnhofs

Shinjuku getroffen. Das um sie herum herrschende

Stimmengewirr war jetzt auch wieder normal zu h.ren. Die

beiden G.ste am Nebentisch argw.hnten, dass etwas

passiert war, und sahen zu ihnen hinüber. Eine Kellnerin

stand mit verst.rter Miene in der N.he. M.glicherweise

fürchtete sie, er würde sich auf seinem Platz übergeben.

Tengo schaute auf und nickte ihr l.chelnd zu: Keine Sorge,

alles in Ordnung.

.Hattest du einen Anfall?., fragte Komatsu.

.Nichts Ernstes. Mir war nur ein bisschen schwindlig.

Einfach nicht gut., sagte Tengo. Seine Stimme klang noch

immer nicht ganz wie seine eigene. Aber immerhin schon

.hnlich.

.W.re ziemlich bl.d, wenn dir so was beim Autofahren

passieren würde.. Komatsu sah Tengo in die Augen.

.Ich fahre kein Auto..

.Umso besser. Ich habe einen Bekannten, der leidet an

einer Allergie gegen Zedernpollen. Einmal bekam er im

Auto einen Niesanfall und knallte gegen einen Strommast.

Dein Niesen ist übrigens auch nicht von Pappe. Als ich es

das erste Mal geh.rt habe, bin ich richtig erschrocken.

Mittlerweile habe ich mich etwas daran gew.hnt..

.Tut mir leid..

Tengo griff nach seiner Kaffeetasse und trank den Rest

mit einem Zug aus. Er schmeckte nichts. Es floss nur eine

warme Flüssigkeit durch seine Kehle.

.M.chtest du noch Wasser?., fragte Komatsu.

Tengo schüttelte den Kopf. .Nein, danke. Es geht schon

wieder..

Komatsu zog ein P.ckchen Marlboro aus seinem Jackett,

steckte sich eine in den Mund und zündete sie mit einem

Streichholz aus einer Schachtel mit dem Werbeaufdruck

des Cafés an. Dann warf er einen kurzen Blick auf seine

Uhr.

.Also, worüber sprachen wir gerade?., fragte Tengo. Er

musste schnellstens wieder zu sich kommen.

..h, ja, worüber sprachen wir?. Komatsu schaute in die

Luft und dachte kurz nach. Oder tat zumindest so. Tengo

wusste nicht, was von beidem. Komatsus Gesten und seine

Art zu sprechen hatten immer etwas von einer Darbietung.

.Ach so, ja, wir haben über dieses M.dchen gesprochen,

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