Die Leute beobachteten stumm, wie sie ihre Schuhe und
dann den Mantel auszog. Im Hintergrund ert.nte aus dem
offenen Fenster eines gerade zum Stehen gekommenen
schwarzen Toyota Celica die hohe Stimme von Michael
Jackson. Als würde ich auf einer Bühne einen Striptease zu
.Billie Jean. hinlegen, dachte sie. Macht nichts. Gucken ist
erlaubt. Im Stau zu stehen muss wirklich todlangweilig
sein. Aber damit hat sich’s auch schon, Leute, Schuhe und
Mantel, mehr gibt’s heut nicht. Tut mir leid.
Aomame schlang sich die Tasche um, damit sie ihr nicht
herunterfiel. Der nagelneue schwarze Toyota Crown Royal
Saloon, in dem sie bis eben noch gesessen hatte, lag weit
hinter ihr. Die Nachmittagssonne fiel auf die
Windschutzscheibe, die blendend hell glei.te wie ein
Spiegel. Das Gesicht des Fahrers war nicht zu erkennen.
Doch er sah sie bestimmt.
Nicht vom .u.eren Schein t.uschen lassen. Es gibt immer
nur eine Realit.t.
Aomame atmete tief ein und aus. Dann kletterte sie, die
Melodie von .Billie Jean. im Ohr, über das Gitter. Ihr
Minirock rutschte ihr fast bis zur Hüfte hoch. Und wenn
schon, dachte sie. Sollen Sie ruhig glotzen. Wer mir unter
den Rock guckt, hat mich noch lange nicht durchschaut.
Au.erdem hielt Aomame ihre sch.nen schlanken Beine für
den weitaus vorteilhaftesten Teil ihres K.rpers.
Auf der anderen Seite des Gitters angelangt, zupfte
Aomame ihren Rocksaum zurecht, wischte sich den Staub
von den H.nden, zog den Mantel wieder an und h.ngte
sich die Tasche über die Schulter. Mit einem Druck auf den
Steg schob sie ihre Sonnenbrille in die richtige Position
zurück. Die Treppe lag vor ihr. Eine grau gestrichene
Eisentreppe. Eine schlichte, unpers.nliche Treppe, die nur
einem funktionalen Zweck diente. Sie war nicht dafür
geschaffen, dass Frauen in Strümpfen und engen
Minir.cken darauf herumturnten. Allerdings sollte man
bedenken, dass das Kostüm von Junko Shimada auch nicht
für Klettertouren entworfen war. Ein gro.er Lastwagen
donnerte auf der Gegenfahrbahn vorbei und lie. die Treppe
vibrieren. Der Wind pfiff durch die eisernen Sprossen.
Doch immerhin gab es eine Treppe. Und nur sie führte auf
die ebene Erde.
Aomame drehte sich ein letztes Mal um und blickte in der
Haltung eines Menschen, der einen Vortrag beendet hat
und nun noch auf dem Podium stehend die Fragen des
Publikums erwartet, von links nach rechts und dann von
rechts nach links auf die dichte Schlange der Wagen auf der
Stra.e. Sie waren kein bisschen vorangekommen. In
Ermangelung einer anderen Besch.ftigung beobachteten
die dort festsitzenden Leute jede einzelne ihrer
Bewegungen. Was macht diese Frau eigentlich?, fragten sie
sich argw.hnisch. Bewundernde, gleichgültige, neidische
oder verachtende Blicke fielen auf Aomame, die über das
Gitter geklettert war. Wie eine instabile Waage schwankten
ihre Gefühle, ohne sich einer Seite zuneigen zu k.nnen,
unruhig hin und her. Schweigen lastete auf der Umgebung.
Niemand hob die Hand, um eine Frage zu stellen (selbst
wenn jemand eine Frage gestellt h.tte, h.tte Aomame sie
natürlich nicht beantwortet). Die Menschen warteten nur
stumm auf eine Gelegenheit, die niemals kommen würde.
Aomame zog leicht das Kinn ein, biss sich auf die
Unterlippe und bedachte sie kurz mit einem absch.tzigen
Blick durch ihre dunkelgrüne Sonnenbrille.
Ihr k.nnt euch bestimmt nicht vorstellen, wer ich bin,
wohin ich jetzt gehe und was ich tun werde, sagte Aomame,
ohne ihre Lippen zu bewegen. Ihr sitzt dort fest und geht
nirgendwohin. K.nnt weder vor noch zurück. Im Gegensatz
zu mir. Auf mich wartet Arbeit, die getan werden muss. Ich
habe eine Mission zu erfüllen. Deshalb gehe ich – mit eurer
gütigen Erlaubnis – schon mal vor.
Zum Schluss h.tte Aomame den Leuten am liebsten eine
Fratze geschnitten. Aber sie bezwang sich. Sie hatte keine
Zeit für Spielereien. Wenn sie einmal das Gesicht verzogen
hatte, würde es sie zu viel Mühe kosten, wieder zu ihrem
ursprünglichen Ausdruck zurückzukehren.
Also kehrte Aomame ihren stummen Zuschauern den
Rücken zu und begann, die K.lte der eisernen Sprossen an
ihren Fu.sohlen spürend, vorsichtig die Treppe
hinunterzusteigen. Der zu Anfang April noch kühle Wind
lie. ihre Haare flattern und entbl..te hin und wieder ihr
unregelm..ig verformtes linkes Ohr.
KAPITEL 2
Tengo
Eine etwas andere Idee
Tengos erste Erinnerung stammte aus der Zeit, als er
anderthalb Jahre alt gewesen war. Seine Mutter hatte ihre
Bluse ausgezogen, ein Tr.ger ihres wei.en Unterkleids war
ihr von der Schulter geglitten, und ein Mann, der nicht sein
Vater war, saugte an ihrer Brust. Im Kinderbett lag ein
Kleinkind, das wahrscheinlich Tengo war. Er sah sich als
dritte Person. Oder handelte es sich um einen
Zwillingsbruder? Nein, das war unwahrscheinlich, es
musste der anderthalbj.hrige Tengo selbst sein. Intuitiv
wusste er das. Das Kind hielt die Augen geschlossen und
atmete leise und regelm..ig im Schlaf. Das also war Tengos
erste Erinnerung. Die etwa zehnsekündige Szene war klar
und deutlich in die W.nde seines Bewusstseins gemei.elt.
Nichts vorher und nichts nachher. Isoliert ragte diese
Erinnerung aus einer trüben Wasserfl.che heraus wie der
Kirchturm einer überfluteten Stadt.
Wenn es sich ergab, hatte Tengo sich bei Bekannten
erkundigt, auf welches Alter ihre ersten Erinnerungen
zurückgingen. Bei den meisten war es das Alter von vier
oder fünf, frühestens drei Jahren. Beispiele für weiter
zurückreichende Erinnerungen gab es nicht. Anscheinend
musste ein Kind mindestens drei Jahre alt sein, um seine
Umgebung bis zu einem gewissen Grad als logisch
zusammenh.ngend wahrnehmen zu k.nnen. In der Phase
davor war ihm die Welt ein unverst.ndliches Chaos, z.h,
formlos und undurchsichtig wie ein klebriger Brei. Alles
zog gleichsam vor dem Fenster vorbei, ohne dass sich im
Gehirn Erinnerungen daran festsetzten.
Natürlich konnte ein Kleinkind von anderthalb Jahren
nicht beurteilen, was es bedeutete, wenn ein Mann, der
nicht sein Vater war, an der Brust seiner Mutter saugte. Das
war klar. Wenn Tengos Erinnerung also nicht trog, hatte
sich diese Szene in seine Netzhaut eingebrannt, ohne dass
er sie bewerten konnte. Wie eine Kamera ein Objekt
lediglich als ein Gemisch aus Licht und Schatten auf einen
Film bannt. Und mit der Entstehung des Bewusstseins war
das gespeicherte, fixierte Abbild nach und nach analysiert
und mit Bedeutung versehen worden. Aber konnte so etwas
wirklich geschehen? Bestand überhaupt die M.glichkeit,
dass das Gehirn eines Kleinkinds ein solches Bild bewahrte?
Oder handelte es sich nur um eine gef.lschte Erinnerung?
Eine durch eigenm.chtige T.uschungsman.ver seines
Bewusstseins im Nachhinein entstandene Fiktion? Tengo
hatte die M.glichkeit, dass es sich bei seiner Erinnerung
um eine F.lschung handelte, ausführlich geprüft. Und war
zu dem Schluss gelangt, dass es unwahrscheinlich war. Für
etwas Erfundenes war die Szene zu lebhaft und deutlich,
verfügte über zu gro.e überzeugungskraft. Das Licht und
die Gerüche darin, ihr Pulsschlag. Alles fühlte sich
überw.ltigend real an. Er konnte sich einfach nicht
vorstellen, dass es sich um eine F.lschung handelte. Zudem
lieferte die Annahme, dass dieses Ereignis wirklich
stattgefunden hatte, eine gute Erkl.rung für vieles andere.
In logischer und emotionaler Hinsicht.
Die etwa zehn Sekunden andauernde, h.chst lebendige
Szene erschien ihm ohne jede Vorwarnung. Ohne
Vorankündigung, ohne Aufschub. Auch kein Anklopfen. Sie
überfiel Tengo aus heiterem Himmel, wenn er in der Bahn
sa., Zahlen an die Tafel schrieb, beim Essen war oder sich
mit jemandem unterhielt (wie zum Beispiel gerade eben).
Unvermittelt schob sie sich j.h vor ihn und l.hmte ihn von
Kopf bis Fu.. Der Fluss der Zeit stand still. Die Luft um ihn
herum wurde dünn, und er konnte nicht mehr richtig
atmen. Die Beziehung zwischen ihm und den ihn
umgebenden Menschen und Dingen l.ste sich auf. Die
flüssigen W.nde verschluckten ihn v.llig. Doch obwohl er
das Gefühl hatte, die Welt würde ins Dunkel gestürzt,
schwanden ihm nicht die Sinne. Nur eine Weiche wurde
umgestellt. Es war sogar eher so, dass sein Bewusstsein
teilweise sch.rfer wurde. Es war keine Angst. Aber er
konnte die Augen nicht .ffnen. Seine Lider blieben fest
geschlossen. Auch die umgebenden Ger.usche entfernten
sich. Und das vertraute Bild wurde immer wieder auf die
Leinwand seines Bewusstseins projiziert. Der Schwei. rann
ihm aus allen Poren. Er wusste, dass sein Hemd unter den
Armen v.llig durchn.sst war. Er begann am ganzen K.rper
zu zittern. Sein Herz schlug immer schneller und lauter.
Falls jemand neben ihm sa., tat Tengo, als sei ihm
schwindlig. Tats.chlich hatte sein Zustand .hnlichkeit mit
einem Schwindelanfall. Nach einer gewissen Zeit
normalisierte sich alles wieder. Er zog ein Taschentuch
hervor und presste es sich auf den Mund. Er hob eine
Hand, um seinem Gegenüber zu signalisieren, dass er die
Lage im Griff habe und man sich nicht zu beunruhigen
brauche. Mal war nach drei.ig Sekunden alles vorbei, mal
dauerte es über eine Minute. W.hrenddessen spulte sich
die Szene automatisch wie ein Videoband in Endlosschleife
immer wieder ab. Seine Mutter l.ste den Tr.ger des
Unterkleids, und der fremde Mann saugte an ihrer steifen
Brustwarze. Sie schloss die Augen und gab einen tiefen
Seufzer von sich. Der Duft der Brust seiner Mutter
umschwebte Tengo und erfüllte ihn mit Sehnsucht. Für
kleine Kinder ist der Geruchssinn das sch.rfste Instrument.
Er teilt ihnen das meiste mit. Manchmal sogar alles.
Ger.usche waren nicht zu h.ren. Die Luft wurde z.h,
dickflüssig. Der einzige Laut, den er wahrnahm, waren die
sachten Schl.ge seines eigenen Herzens.
Schau dir das an, sagten sie. Sieh nur, sagten sie. Hier bist
du und kannst nirgendwo anders hin. Diese Botschaft
wiederholte sich unabl.ssig.
Diesmal dauerte der .Anfall. ziemlich lange. Tengo
schloss die Augen, stopfte sich wie üblich sein Taschentuch
in den Mund und biss fest zu. Wie lange, wusste er nicht.
Als alles vorbei war, verspürte er nur eine v.llige
k.rperliche Ersch.pfung. Er war absolut erledigt. So müde
war er noch nie gewesen. Es dauerte ewig, bis er überhaupt
die Lider .ffnen konnte. Sein Bewusstsein strebte nach
einem raschen, abrupten Erwachen, das seine Muskeln und
Organe jedoch verweigerten. Es war wie bei einem Tier, das
zur falschen Jahreszeit gewaltsam aus dem Winterschlaf
gerissen wurde.
.He, Tengo., rief jemand ihn von vorn an. Die Stimme
klang dumpf und fern, wie aus einem tiefen Tunnel. Tengo
registrierte, dass es sein Name war, den sie rief. .Was ist
los? Wieder diese Sache? Alles in Ordnung?., sagte die
Stimme, diesmal ein bisschen n.her.
Endlich schlug Tengo die Augen auf und konzentrierte
seinen Blick auf seine rechte Hand, die die Tischkante
umklammerte. Er vergewisserte sich, dass die Welt intakt
war und er sich noch als derselbe auf ihr befand. Ein
gewisses Taubheitsgefühl war geblieben, besonders in der
rechten Hand. Es roch auch nach Schwei.. Es war ein
seltsam wilder Geruch, wie man ihm vor den K.figen
mancher Tiere im Zoo begegnet. Doch er war es, der ihn
verstr.mte.
Tengo hatte Durst. Er streckte die Hand aus und griff
nach dem Glas, das vor ihm auf dem Tisch stand.
Vorsichtig, um nichts zu verschütten, trank er das Wasser
zur H.lfte aus. Er setzte kurz ab, sch.pfte Atem und trank
dann den Rest. Sein Bewusstsein kehrte allm.hlich dorthin
zurück, wo es sein sollte, und sein K.rpergefühl
normalisierte sich. Er stellte das leere Glas ab und wischte
sich mit dem Taschentuch über den Mund.
.Entschuldigung. Alles wieder in Ordnung., sagte er und
vergewisserte sich, dass es sich bei dem Mann, der ihm
gerade gegenübersa., wirklich um Komatsu handelte. Sie
hatten sich in einem Café in der N.he des Bahnhofs
Shinjuku getroffen. Das um sie herum herrschende
Stimmengewirr war jetzt auch wieder normal zu h.ren. Die
beiden G.ste am Nebentisch argw.hnten, dass etwas
passiert war, und sahen zu ihnen hinüber. Eine Kellnerin
stand mit verst.rter Miene in der N.he. M.glicherweise
fürchtete sie, er würde sich auf seinem Platz übergeben.
Tengo schaute auf und nickte ihr l.chelnd zu: Keine Sorge,
alles in Ordnung.
.Hattest du einen Anfall?., fragte Komatsu.
.Nichts Ernstes. Mir war nur ein bisschen schwindlig.
Einfach nicht gut., sagte Tengo. Seine Stimme klang noch
immer nicht ganz wie seine eigene. Aber immerhin schon
.hnlich.
.W.re ziemlich bl.d, wenn dir so was beim Autofahren
passieren würde.. Komatsu sah Tengo in die Augen.
.Ich fahre kein Auto..
.Umso besser. Ich habe einen Bekannten, der leidet an
einer Allergie gegen Zedernpollen. Einmal bekam er im
Auto einen Niesanfall und knallte gegen einen Strommast.
Dein Niesen ist übrigens auch nicht von Pappe. Als ich es
das erste Mal geh.rt habe, bin ich richtig erschrocken.
Mittlerweile habe ich mich etwas daran gew.hnt..
.Tut mir leid..
Tengo griff nach seiner Kaffeetasse und trank den Rest
mit einem Zug aus. Er schmeckte nichts. Es floss nur eine
warme Flüssigkeit durch seine Kehle.
.M.chtest du noch Wasser?., fragte Komatsu.
Tengo schüttelte den Kopf. .Nein, danke. Es geht schon
wieder..
Komatsu zog ein P.ckchen Marlboro aus seinem Jackett,
steckte sich eine in den Mund und zündete sie mit einem
Streichholz aus einer Schachtel mit dem Werbeaufdruck
des Cafés an. Dann warf er einen kurzen Blick auf seine
Uhr.
.Also, worüber sprachen wir gerade?., fragte Tengo. Er
musste schnellstens wieder zu sich kommen.
..h, ja, worüber sprachen wir?. Komatsu schaute in die
Luft und dachte kurz nach. Oder tat zumindest so. Tengo
wusste nicht, was von beidem. Komatsus Gesten und seine
Art zu sprechen hatten immer etwas von einer Darbietung.
.Ach so, ja, wir haben über dieses M.dchen gesprochen,