Letzte. Irgendwelche impotenten Typen, die nichts als
dreckige Witze machen k.nnen. Entweder sie sind dumm
geboren oder sie denken nur an ihre Bef.rderung oder
beides. Und solche Kerle tragen die Verantwortung für die
Sicherheit unserer Gesellschaft. Düstere Aussichten für
Japans Zukunft..
.Aber du bist so hübsch. Das f.llt doch bestimmt vielen
M.nnern auf., sagte Aomame.
.Das bringt mir auch nur etwas, solange ich ihnen
meinen Beruf nicht verrate. Deshalb habe ich beschlossen,
mich hier immer als Versicherungsangestellte auszugeben..
.Kommst du oft her?.
.Oft würde ich nicht sagen. Ab und zu.. Ayumi überlegte
kurz. .Manchmal habe ich das Bedürfnis nach Sex., gab sie
dann zu. .Deutlich ausgedrückt: Ich brauche einen Mann.
Hat wohl was mit dem Zyklus zu tun. Ich ziehe mir sexy
Unterw.sche an, komme hierher, trinke was und suche mir
einen passenden Typen für eine Nacht. Dann habe ich
wieder eine Weile Ruhe. Ich habe ganz normale
Bedürfnisse, keine ausgefallenen Gelüste oder sexuellen
Manien. Mir genügt es, mich ab und an zu entladen. Ohne
dass sich daraus irgendwelche Folgen ergeben. Am
n.chsten Morgen gehe ich dann wieder auf die Jagd nach
Falschparkern. Und du?.
Aomame griff nach ihrem Tom Collins und nippte
langsam daran. .Tja. Im Grunde ist es bei mir das Gleiche..
.Keine feste Beziehung?.
.Ich habe mich dagegen entschieden. Zu umst.ndlich..
.Ein fester Freund macht eben Umst.nde..
.So ist es wohl..
.Aber manchmal will ich es so sehr, dass ich es nicht
mehr aushalten kann., sagte Ayumi.
.Das Wort, das du benutzt hast – entladen –, gef.llt mir.
Es passt genau..
.Es mal richtig krachen lassen?.
.Ist auch nicht schlecht..
.Jedenfalls eine Sache für eine Nacht, die keine Folgen
hat..
Aomame nickte.
Die Wange in die Hand gestützt, dachte Ayumi nach.
.Wir haben eine Menge gemeinsam, oder?.
.Scheint so., gab Aomame zu. Nur dass du Polizistin bist
und ich Menschen t.te, dachte sie. Du stehst innerhalb und
ich au.erhalb des Gesetzes. Das ist ein ziemlich gro.er
Unterschied, was?
.Lass es uns so machen., sagte Ayumi. .Also: Wir
arbeiten bei der gleichen Schadensversicherung. Der Name
der Firma bleibt geheim. Du bist meine Vorgesetzte, ich die
etwas jüngere Untergebene. Heute war es in der Firma so
stinklangweilig, dass wir uns zur Abwechslung hier einen
hinter die Binde gie.en wollen. Dabei haben wir
vergleichsweise gute Laune bekommen. Wie findest du
das?.
.Nicht schlecht, aber ich habe so gut wie keine Ahnung
von Schadensversicherungen..
.Das kannst du mir überlassen. Geschichten erfinden ist
meine gr..te St.rke..
.Ich überlasse alles dir., sagte Aomame.
.übrigens sitzen an dem Tisch direkt hinter uns zwei
mittelalte Knaben. Die werfen schon die ganze Zeit mit
hungrigen Blicken um sich., flüsterte Ayumi. .Dreh dich
doch mal ganz unauff.llig um und schau sie dir an..
Aomame wandte sich beil.ufig in diese Richtung. Am
übern.chsten Tisch sa.en zwei M.nner mittleren Alters in
Anzug und Krawatte. Offenbar Angestellte, die ihren
Feierabend hier verbrachten. Ihre Anzüge wirkten nicht
abgetragen und auch die Krawatten nicht geschmacklos.
Jedenfalls sahen sie nicht ungepflegt aus. Der eine musste
etwa Mitte vierzig sein, der andere Ende drei.ig.
Der .ltere war sehr schlank. Er hatte ein schmales
Gesicht und einen zurückweichenden Haaransatz. Der
Jüngere war ein Typ, der früher wahrscheinlich in der
Rugbymannschaft seiner Universit.t gespielt, aber
inzwischen durch mangelnde Bewegung Speck angesetzt
hatte. Auch wenn sein Gesicht sich etwas Jungenhaftes
bewahrt hatte, bekam er bereits ein Doppelkinn. Die
beiden sa.en in freundschaftlichem Gespr.ch bei einem
Whisky Soda und lie.en dabei hin und wieder ihre Blicke
interessiert durch den Raum schweifen.
Ayumi analysierte die Lage. .Wie es aussieht, besuchen
sie Bars wie diese nicht gewohnheitsm..ig. Sie wollen sich
amüsieren, wissen aber nicht, wie man M.dchen anspricht.
Wahrscheinlich sind beide verheiratet. Sie haben so etwas
Verstohlenes an sich..
Aomame bewunderte Ayumis pr.zise Beobachtungsgabe.
Offenbar hatte die junge Polizistin, w.hrend sie sich
unterhielten, all dies herausgefunden, ohne dass Aomame
etwas davon gemerkt hatte. Dazu musste man wohl aus
einer Polizistenfamilie stammen.
.Du magst doch M.nner mit wenig Haaren, Aomame?
Dann würde ich den Kr.ftigen nehmen. Macht dir das was
aus?.
Aomame drehte sich noch einmal um. Die Kopfform des
Mannes mit den schütteren Haaren ging so einigerma.en.
Lichtjahre von Sean Connery entfernt, natürlich, aber die
Mindestpunktzahl erreichte er. Was konnte man schon an
einem Abend erwarten, an dem man unentwegt mit Queen
und ABBA beschallt wurde. Luxusklasse jedenfalls nicht.
.In Ordnung. Aber wie schaffen wir es, dass sie uns an
ihren Tisch bitten?.
.Bis zum Morgengrauen k.nnen wir nicht warten. Wir
müssen sie von uns aus ansprechen. Freundlich l.cheln,
liebenswürdig, sch.n positiv., sagte Ayumi.
.Im Ernst?.
.Natürlich. Ich gehe hin und beginne eine leichte
Unterhaltung, überlass das mir. Du kannst hier warten.,
erkl.rte Ayumi. Sie nahm einen kr.ftigen Schluck von
ihrem Tom Collins und rieb sich die H.nde. Dann h.ngte
sie sich entschlossen ihre Gucci-Tasche über die Schulter
und l.chelte charmant. .Na dann. Zeit für etwas
Schlagstocktraining..
KAPITEL 12
Tengo
Dein K.nigreich komme
Professor Ebisuno wandte sich an Fukaeri. .Eri, k.nntest
du uns bitte einen Tee machen?.
Die junge Frau stand auf und verlie. den Empfangsraum.
Leise schloss sie die Tür. Der Professor wartete wortlos
darauf, dass der auf dem Sofa sitzende Tengo zu Atem kam
und seine Lebensgeister wieder erwachten. W.hrenddessen
nahm er seine schwarz ger.nderte Brille ab, putzte sie mit
einem nicht ganz reinlich wirkenden Taschentuch und
setzte sie wieder auf. Irgendwo fern am Himmel vor dem
Fenster zog etwas kleines Schwarzes vorüber. Vielleicht ein
Vogel. Oder jemandes Seele, die ans Ende der Welt geweht
wurde.
.Entschuldigen Sie., sagte Tengo. .Alles wieder in
Ordnung. Es ist nichts. Bitte fahren Sie fort..
Professor Ebisuno nickte und begann zu sprechen. .Das
Feuergefecht im Jahr 1981 führte zur Zerschlagung der
Splitterkommune Akebono. Das war also vor drei Jahren
und damit vier Jahre nachdem Eri zu uns gekommen war.
Aber das mit Akebono tut vorl.ufig nichts zur Sache. Eri
war zehn Jahre alt, als sie damals v.llig unerwartet vor
unserer Tür stand. Sie war nicht mehr das M.dchen, das ich
gekannt hatte. Aus ihr war ein schweigsames, sehr
zurückhaltendes, gegenüber Fremden fast .ngstliches Kind
geworden. Auch mir gegenüber war sie scheu, obwohl sie
mich von klein auf kannte und wir viel miteinander
gesprochen hatten. Aber damals befand sie sich in einem
Zustand, in dem sie mit niemandem reden konnte. Es war,
als habe sie die Sprache verloren. Auch wenn man sie
ansprach, nickte sie nur oder schüttelte den Kopf..
Der Sensei sprach nun immer schneller, und der Klang
seiner Stimme wurde klarer. Er schien die Geschichte
vorantreiben zu wollen, solange Fukaeri nicht im Raum
war.
.Offenbar hatte es sie gro.e Mühe gekostet, hier
heraufzufinden. Sie hatte etwas Geld und einen Brief mit
unserer Adresse bei sich, aber sie war ja in v.lliger
Abgeschiedenheit aufgewachsen und konnte überdies nicht
richtig sprechen. Dennoch war sie mit dem Zettel in der
Hand von einem .ffentlichen Verkehrsmittel ins andere
gestiegen und hatte sich bis vor unsere Tür
durchgeschlagen. Man sah auf den ersten Blick, dass Eri
etwas Schlimmes zugesto.en war. Die Frau, die uns im
Haushalt hilft, und Azami kümmerten sich um sie. Als sie
sich nach einigen Tagen etwas beruhigt zu haben schien,
rief ich bei den Vorreitern an. Ich wollte Fukada sprechen.
Mir wurde mitgeteilt, Fukada befinde sich in einer
Verfassung, in der er nicht telefonieren k.nne. Auf meine
Frage, was das für eine Verfassung sei, erhielt ich keine
Antwort. Ich verlangte, seine Frau zu sprechen. Auch sie
k.nne nicht ans Telefon kommen, hie. es. Am Ende
musste ich unverrichteter Dinge aufgeben..
.Haben Sie diesen Leuten damals gesagt, dass Sie Eri bei
sich aufgenommen haben?.
Der Professor schüttelte den Kopf. .Ich hatte das Gefühl,
es w.re besser, das zu verschweigen, solange ich nicht mit
Fukada pers.nlich gesprochen hatte. Natürlich habe ich
seither auf alle m.glichen Arten immer wieder versucht,
mich mit ihm in Verbindung zu setzen. Aber es ist mir nie
gelungen..
Tengo runzelte die Stirn. .Das hei.t, Sie konnten in
diesen ganzen sieben Jahren nicht einmal mit Eris Eltern
sprechen?.
Der Sensei nickte. .Sieben Jahre lang kein Kontakt..
.Und Eris Eltern haben sieben Jahre lang nicht versucht,
herauszufinden, was aus ihrer Tochter geworden ist?.
.Ja, das ist für mich das gr..te R.tsel. Die Fukadas
liebten Eri über alles. Aber wenn sie ihre Tochter
jemandem anvertrauen wollten, kam als Anlaufstelle nur
ich in Frage. Die Fukadas hatten jeden Kontakt zu ihren
Familien abgebrochen. Eri ist aufgewachsen, ohne ihre
Gro.eltern zu kennen. Au.er mir gibt es niemanden, zu
dem sie sie h.tten schicken k.nnen. Au.erdem hatten sie
Eri eingesch.rft, sich im Notfall an mich zu wenden. Ich
kann einfach nicht verstehen, warum wir kein Wort von
ihnen geh.rt haben..
.Sie haben vorhin erw.hnt, die Vorreiter seien eine
liberale Kommune gewesen., sagte Tengo.
.Genau. Die Vorreiter hatten sich von Anfang an immer
ziemlich liberal verhalten. Doch kurz vor Eris Flucht
begannen sie, sich mehr und mehr von der Au.enwelt
abzuschotten. Das erste Anzeichen für mich war der
nachlassende Kontakt zu Fukada. Er war immer ein
begeisterter Briefschreiber gewesen und schickte mir lange
Episteln, in denen er mir die inneren Angelegenheiten der
Kommune, seine eigene geistige Verfassung und alles
m.gliche andere darlegte. Doch ab einem gewissen
Zeitpunkt blieben diese Berichte aus. Auf meine Briefe
erhielt ich keine Antwort mehr. Auch telefonisch konnte
ich ihn kaum erreichen. Und wenn ich ihn ausnahmsweise
mal an den Apparat bekam, waren die Gespr.che sehr kurz.
Fukada drückte sich so knapp aus, als werde er abgeh.rt..
Der Sensei faltete die H.nde im Scho..
.X-mal bin ich hingefahren. Ich wollte unbedingt wegen
Eri mit Fukada sprechen, und da Briefe und Anrufe keinen
Erfolg brachten, blieb mir nichts anderes übrig, als ihn
pers.nlich aufzusuchen. Aber ich erhielt nicht einmal
Zutritt zum Gel.nde. Buchst.blich weggejagt haben sie
mich. Ich verhandelte, ich flehte, aber sie lie.en mich
einfach nicht hinein. Mittlerweile ist das gesamte Vorreiter-
Gel.nde von einem hohen Zaun umgeben, und alle
Au.enstehenden werden am Tor abgefertigt.
Die .ffentlichkeit hat keine Ahnung, was im Inneren der
Kommune vorgeht. Ich kann ja verstehen, wenn eine
radikale Gruppierung wie Akebono Geheimhaltung übt. Ihr
Ziel war ein gewaltsamer Umsturz, also hatten sie eine
Menge zu verbergen. Aber die Vorreiter waren friedlich und
betrieben nur organische Landwirtschaft. Von Anfang an
hatten sie sich Au.enstehenden gegenüber konsequent
aufgeschlossen und freundlich verhalten. Deshalb konnten
sie ja auch die Einheimischen so für sich einnehmen. Heute
ist das Gel.nde der Vorreiter eine Festung. Aussehen und
Verhalten der Mitglieder haben sich offenbar v.llig
ver.ndert. Die Nachbarn sind ebenso bestürzt wie ich.
Wenn ich nur daran denke, was den Fukadas zugesto.en
sein k.nnte, mache ich mir die gr..ten Sorgen. Damals
konnte ich nichts weiter tun, als mich liebevoll ihrer
Tochter Eri anzunehmen. Inzwischen sind sieben Jahre
vergangen, ohne dass sich das Geringste gekl.rt h.tte..
.Also wissen Sie noch nicht einmal, ob die Fukadas noch
leben?., fragte Tengo.
Professor Ebisuno schüttelte den Kopf. .Sie sagen es. Ich
habe nicht den geringsten Anhaltspunkt. Ich bemühe mich,
nicht das Schlimmste zu befürchten. Aber ich kann es nicht
normal finden, dass mich seit sieben Jahren keine
Nachricht von den Fukadas erreicht. Was bleibt mir übrig,
als anzunehmen, dass ihnen etwas zugesto.en ist.. Hier
senkte er die Stimme. .Vielleicht werden sie gewaltsam
festgehalten. Oder vielleicht Schlimmeres..
.Schlimmeres?.
.Ja, man muss mit dem Schlimmsten rechnen. Die
Vorreiter sind nicht mehr die friedliche b.uerliche
Gemeinschaft, die sie einmal waren..
.Diese sogenannten Vorreiter haben sich also in eine
gef.hrliche Richtung entwickelt?.
.Das vermute ich. Den dortigen Nachbarn zufolge ist die
Zahl der Personen, die bei den Vorreitern ein und aus
gehen, stark angestiegen. Unentwegt fahren Autos vor.
Viele davon mit Tokioter Nummernschild. Oft sind es
gro.e Luxuslimousinen, wie man sie auf dem Land selten
sieht. Die Zahl der Funktion.re in der Kommune scheint
sich ebenso rapide zu vermehren wie die der Geb.ude und
Anlagen. Auch die gesamte Ausstattung wurde verbessert.
Die Vorreiter kaufen immer mehr Land in der
Nachbarschaft zu niedrigen Preisen auf und importieren
Traktoren, Bohrger.t, Betonmischer und so weiter in ihre
Enklave. Die Landwirtschaft, die sie weiter betreiben wie
bisher, soll sich zu einer bedeutenden Einkommensquelle
entwickelt haben. .Vorreiter. ist inzwischen ein ziemlich
bekannter Markenname für biologisch angebautes Gemüse.
Sie beliefern vor allem Restaurants und Gesch.fte, die
Naturkost anbieten. Auch mit ein paar Feinkostm.rkten
haben sie Vertr.ge. Die Profite sollen enorm gestiegen sein.
Doch neben der Landwirtschaft scheint dort noch etwas
anderes vorzugehen. Durch die landwirtschaftlichen
Einkünfte allein k.nnte man, auch bei noch so hohen
Ertr.gen, eine derartige Expansion nicht finanzieren. Weil
sie so heimlich tun, vermuten die Einheimischen, dass die
Vorreiter das, was bei ihnen im Gang ist – was immer es