auch sei –, vor der .ffentlichkeit verbergen müssen..
.Ob sie wieder politisch aktiv sind?., fragte Tengo.
.Das ist ziemlich unwahrscheinlich., sagte der Sensei
sofort. .Die Vorreiter haben nie politische Ziele verfolgt.
Deshalb kam es ja seinerzeit zur Spaltung und Gründung
von Akebono..
.Aber sp.ter muss etwas geschehen sein, das Eri zur
Flucht gezwungen hat..
.Genau., sagte der Sensei. .Etwas von so
einschneidender Bedeutung, dass sie ihre Eltern
zurücklassen und allein fortgehen musste. Aber Eri hat nie
auch nur das Geringste erz.hlt..
.Vielleicht hatte sie einen Schock, oder die Erfahrung war
so traumatisch, dass sie nicht darüber sprechen kann?.
.Nein, Eri machte auch damals nicht den Eindruck, als
habe sie einen Schock, Angst vor etwas oder w.re verst.rt,
weil sie von ihren Eltern getrennt und allein war. Sie war
einfach wie bet.ubt. Dann hat sie sich problemlos bei uns
eingew.hnt. Beinahe verd.chtig leicht und
widerstandslos..
Der Professor schaute zur Tür. Dann wandte er seinen
Blick wieder Tengo zu.
.Was auch immer mit Eri passiert ist, ich m.chte ihr das
Geheimnis nicht mit Gewalt entrei.en. Ich glaube, was sie
braucht, ist Zeit. Deshalb habe ich sie auch nichts gefragt
und werde, auch wenn sie weiter schweigt, so tun, als sei
nichts. Eri war die ganze Zeit mit Azami zusammen. Sobald
Azami aus der Schule kam, haben sie sich sogar zum Essen
in ihr Zimmer zurückgezogen. Was die beiden da gemacht
haben, wei. ich nicht. Vielleicht hat Eri sich Azami
anvertraut. Aber ich habe da nicht nachgehakt und sie tun
lassen, was ihnen gefiel. Abgesehen davon, dass Eri anfangs
nicht gesprochen hat, gab es nie Probleme in unserem
Zusammenleben. Sie ist ein intelligentes M.dchen und
h.rte auf das, was ich ihr sagte. Sie und Azami wurden
unzertrennliche Freundinnen. Allerdings ging Eri damals
nicht zur Schule, denn ein Kind, das kein Wort spricht,
kann man ja nicht zur Schule schicken..
.Sie und Azami hatten bis dahin allein gelebt?.
.Meine Frau ist vor zehn Jahren gestorben., sagte der
Sensei. Er machte eine Pause. .Sie kam bei einem
Auffahrunfall ums Leben. Meine Tochter und ich blieben
allein zurück. Eine entfernte Verwandte von uns, die hier in
dieser Gegend wohnt, erledigt den gr..ten Teil der
Hausarbeit für uns. Sie kümmert sich auch um die
M.dchen. Meine Frau zu verlieren war furchtbar für mich,
und auch Azami hat sehr gelitten. Ein so pl.tzlicher Tod
trifft einen ja v.llig unvorbereitet. So war es, von den
n.heren Umst.nden abgesehen, trotz allem ein Glück, dass
Eri zu uns zog. Obwohl sie nicht sprach, vermittelte uns
seltsamerweise schon ihre blo.e Anwesenheit ein Gefühl
von Sicherheit. In den sieben Jahren, die seither vergangen
sind, hat Eri, wenn auch nur Stück für Stück, die Sprache
wiedererlangt. Verglichen mit damals, als sie zu uns kam,
hat sich ihre Ausdrucksf.higkeit auff.llig verbessert.
Vielleicht wirkt ihre Art zu sprechen auf andere Menschen
etwas sonderbar, aber wir sehen darin einen
bemerkenswerten Fortschritt..
.Besucht Eri im Moment eine Schule?.
.Nein. Wir haben sie nur der Form halber angemeldet.
Realistisch gesehen, w.re der Schulalltag nichts für sie. Sie
wird von mir und ein paar Studenten, die ich dafür
angestellt habe, privat hier zu Hause unterrichtet. Eine
regul.re schulische Ausbildung kann man das nicht
nennen, im Grunde ist das Stückwerk. Weil es ihr so
schwerf.llt, selbst zu lesen, haben wir ihr bei jeder
Gelegenheit vorgelesen. Auch H.rbücher auf Band haben
wir für sie gekauft. Das ist ungef.hr die Ausbildung, die sie
bisher erhalten hat. Allerdings ist sie ein sehr intelligentes
M.dchen. Sie besitzt eine erstaunlich schnelle, gründliche
und effiziente Auffassungsgabe, wenn sie etwas lernen will.
Wirklich herausragend. Dinge, die sie nicht interessieren,
ignoriert sie dafür v.llig. Da besteht eine gro.e
Diskrepanz..
Die Tür zum Empfangsraum blieb weiter geschlossen.
Konnte es wirklich so lange dauern, Wasser zu erhitzen
und Tee aufzubrühen?
.Eri hat also Azami die Geschichte von der .Puppe aus
Luft. erz.hlt, ja?., fragte Tengo.
.Wie gesagt, haben sich die beiden M.dchen abends
immer in ihr Zimmer eingeschlossen. Was sie da gemacht
haben, wei. ich nicht. Das ist ihr Geheimnis. Doch
irgendwann scheint es haupts.chlich um Eris Geschichte
gegangen zu sein. Azami hat das, was Eri ihr erz.hlte,
mitgeschrieben oder aufgenommen und es dann auf dem
Wortprozessor in meinem Büro zu einem Text verarbeitet.
Seither scheint Eri allm.hlich wieder zu ihren Gefühlen
zurückzufinden. Die Apathie, die sie fast wie eine Membran
überzogen hatte, ist verschwunden, und ihre Mimik ist
zurückgekehrt. Beinahe, als würde die Eri von früher
wieder zum Vorschein kommen..
.Es hat also eine Genesung eingesetzt?.
.Keine vollst.ndige, aber zumindest eine teilweise.
Vielleicht ist Eris Rückkehr zu sich selbst dadurch in Gang
gekommen, dass sie ihre Geschichte erz.hlt hat..
Tengo dachte nach. Dann wechselte er das Thema.
.Haben Sie wegen der Fukadas die Polizei eingeschaltet?.
.Ja, ich war auf dem .rtlichen Polizeirevier. Ich habe
nichts von Eri gesagt, nur gemeldet, dass ich seit l.ngerer
Zeit zu guten Freunden bei den Vorreitern keine
Verbindung h.tte. Ob da ein Fall von Freiheitsberaubung
vorliegen k.nne? Leider hatten sie damals keine Handhabe.
Das Anwesen der Vorreiter ist Privatbesitz, und solange
kein Beweis für ein Verbrechen vorliegt, kann die Polizei
keinen Fu. hineinsetzen. Man konnte reden, soviel man
wollte, sie gew.hrten einfach niemandem Zutritt. Und seit
1979 ist es faktisch so gut wie unm.glich, gegen sie zu
ermitteln..
Der Professor schüttelte in der Erinnerung an die
damaligen Ereignisse mehrmals den Kopf.
.Ist 1979 etwas Besonderes passiert?., fragte Tengo.
.In dem Jahr wurden die Vorreiter als
Religionsgemeinschaft anerkannt..
Tengo fehlten für einen Augenblick die Worte. .Als
Religionsgemeinschaft?.
.Wirklich erstaunlich., sagte der Professor. .Die
Vorreiter erhielten vom Gouverneur der Pr.fektur
Yamanashi die offizielle Anerkennung als
Religionsgemeinschaft. Seither ist es für die Polizei nahezu
unm.glich, einen Durchsuchungsbefehl für das Anwesen
zu bekommen. Denn damit w.re das verfassungsm..ig
garantierte Recht auf freie Religionsausübung bedroht. Und
die Vorreiter hatten gute Anw.lte und eine starke
Verteidigung aufgebaut. Mit der .rtlichen Polizei kam man
dagegen nicht an. Es war auch die Polizei, die mich über die
Anerkennung der Vorreiter als Religionsgemeinschaft
informierte. Ich war v.llig verblüfft. Es traf mich wie ein
Schlag aus heiterem Himmel, anfangs konnte ich es
überhaupt nicht glauben. Selbst als sie mir die Dokumente
zeigten und ich mich mit eigenen Augen überzeugt hatte,
fiel es mir nicht leicht, es zu verdauen. Ich kenne Fukada
seit einer Ewigkeit. Sein Charakter und seine Pers.nlichkeit
sind integer. Durch meine Arbeit als Kulturanthropologe
habe ich einen nicht nur oberfl.chlichen Bezug zur
Religion. Doch im Gegensatz zu mir war Fukada immer ein
von Grund auf politischer Mensch, ein Mann, dessen
oberstes Gebot die Vernunft war. Jedenfalls hatte er eine
nahezu physiologische Abneigung gegen alles Religi.se.
Eine Anerkennung als Religionsgemeinschaft, und sei es
aus strategischen Gründen, h.tte er nie akzeptiert..
.Es ist doch sicher gar nicht so leicht, diesen Status zu
erhalten..
.Ganz gewiss nicht., sagte der Professor. .Man muss
zahllose Anforderungen und Auflagen erfüllen und ein
kompliziertes offizielles Gesuch nach dem anderen
einreichen, aber wenn politischer Einfluss dahintersteht,
lassen sich solche Schranken verh.ltnism..ig leicht aus
dem Weg r.umen. Die Grenze zwischen einer richtigen
Religion und einer Sekte zu ziehen ist eine viel heiklere
Angelegenheit. Es gibt keine bestimmte Definition, alles ist
Interpretationssache. Und wo es Raum für Interpretation
gibt, gibt es immer auch Raum für politische und sonstige
Interessen. Zum Beispiel ist eine Religionsgemeinschaft
steuerlich begünstigt und gesetzlich besonders geschützt..
.Jedenfalls sind die Vorreiter also nicht mehr nur eine
Landkommune, sondern auch eine religi.se Gruppe. Noch
dazu eine erschreckend abgeschlossene Gruppe..
.Eine Neue Religion. Oder deutlicher ausgedrückt, eine
Sekte..
.Ich verstehe das nicht. Für eine solche Wende muss es
doch einen bedeutsamen Grund gegeben haben..
Der Sensei betrachtete seine H.nde, auf denen eine
Menge struppiger grauer Haare wuchsen. .Sie haben recht.
Zweifellos hat es ein einschneidendes Ereignis gegeben, das
diese Wende veranlasst hat. Ich habe selbst immer wieder
darüber nachgedacht. Die verschiedensten M.glichkeiten
in Betracht gezogen. Dennoch habe ich nicht die leiseste
Ahnung, was dieser Anlass gewesen sein k.nnte. Sie halten
alles v.llig geheim und schotten sich so sehr ab, dass die
Zust.nde im Inneren absolut undurchschaubar sind. Auch
der Name Fukadas – der ja immerhin Führer der Vorreiter
war – ist seither nie mehr aufgetaucht..
.Und vor drei Jahren kam es zu dieser Schie.erei, und
Akebono l.ste sich auf., sagte Tengo.
Der Professor nickte. .Nur die Vorreiter, aus denen
Akebono ja hervorgegangen war, haben überlebt. Und
blühten und gediehen..
.Also hat die Sache mit der Schie.erei den Vorreitern
nicht besonders geschadet..
.Genau., sagte der Sensei. .Im Gegenteil, es war sogar
gute Publicity. Diese Leute sind gerissen, und sie haben die
Sache zu ihrem Vorteil gewendet. Aber das passierte alles
erst, nachdem Eri die Vorreiter schon verlassen hatte. Wie
gesagt hatte die Schie.erei wohl nicht direkt etwas mit ihr
zu tun..
Sie wechselten das Thema.
.Haben Sie .Die Puppe aus Luft. gelesen?., fragte Tengo.
.Selbstverst.ndlich..
.Was halten Sie davon?.
.Eine hochinteressante Geschichte., sagte der Sensei.
.Sehr bildreich und suggestiv. Allerdings verstehe ich, offen
gestanden, nicht, was die blinde Ziege, die .Little People.
und die .Puppe aus Luft. bedeuten..
.Glauben Sie, dass Eri in dieser Geschichte etwas erz.hlt,
das sie bei den Vorreitern erlebt hat? Oder zumindest auf
etwas Konkretes hinweist, dessen Zeugin sie war?.
.M.glich w.re das. Aber es ist schwer zu bestimmen, wo
die Realit.t aufh.rt und die Phantasie beginnt. Die
Geschichte hat etwas von einem Mythos. Man k.nnte sie
auch als geschickte Allegorie auffassen..
.Eri hat mir gesagt, die Little People gebe es wirklich..
Als der Sensei das h.rte, machte er ein besorgtes Gesicht.
.Sie glauben also, dass das, was sie in .Die Puppe aus
Luft. beschrieben hat, tats.chlich passiert ist?.
Tengo schüttelte den Kopf. .Ich will nur sagen, dass die
Geschichte bis in alle Einzelheiten ungew.hnlich realistisch
geschildert ist und für einen Roman gro.e Kraft besitzt..
.Und jetzt m.chten Sie diesem Etwas, das der Geschichte
innewohnt, eine klarere Form geben, indem Sie sie mit
Ihren eigenen Worten neu schreiben. Stimmt das so?.
.Wenn es geht..
.Ich bin Kulturanthropologe., sagte der Professor. .Ich
habe meine wissenschaftliche Laufbahn beendet, bin aber
noch immer von ihrem Geist durchdrungen. Ein Ziel dieser
Wissenschaft ist es, besondere Bilder, über die die
Menschheit verfügt, miteinander zu vergleichen und darin
universelle Gemeinsamkeiten zu entdecken. Und diese
wieder auf das Individuum anzuwenden. Dadurch erh.lt
der Mensch, obwohl er autonom ist, eine Zugeh.rigkeit.
Verstehen Sie, was ich sage?.
.Ich glaube schon..
.Vielleicht streben Sie mit Ihrer Arbeit etwas .hnliches
an..
Tengo spreizte beide H.nde auf den Knien. .Klingt
schwierig..
.Aber vielleicht lohnt es sich, es zu versuchen..
.Ich wei. nicht einmal, ob ich die F.higkeit dazu
besitze..
Der Professor blickte Tengo ins Gesicht. In seinen Augen
war jetzt ein besonderes Leuchten.
.Mich würde interessieren., sagte er, .ob Eri bei den
Vorreitern etwas zugesto.en ist. Und welches Schicksal das
Ehepaar Fukada erlitten hat. Seit sieben Jahren bemühe ich
mich, Licht in die Sache zu bringen, habe aber nie eine
Spur entdeckt. Die Mauer, die mir den Zugang versperrt, ist
zu dick und hart, als dass ich sie bezwingen k.nnte. Doch
vielleicht verbirgt sich in der Geschichte von der .Puppe
aus Luft. ein Schlüssel zur L.sung des R.tsels. Selbst wenn
nur die winzigste Chance besteht, m.chte ich, dass Sie
weitermachen. Ob und inwieweit Sie dafür qualifiziert sind,
wei. ich nicht. Aber vielleicht besteht Ihre Bef.higung
schon darin, dass Sie Eris Geschichte wertsch.tzen und sich
so sehr in sie vertieft haben..
.Ich m.chte, dass Sie mir ganz eindeutig mit Ja oder Nein
antworten., sagte Tengo. .Deshalb bin ich heute hier.
Erteilen Sie mir die Erlaubnis, .Die Puppe aus Luft. zu
überarbeiten?.
Der Sensei nickte. .Ich m.chte Ihre überarbeitete
Fassung lesen. Eri scheint Ihnen v.llig zu vertrauen. Als
einzigem Menschen, abgesehen von Azami und mir
selbstverst.ndlich. Daher gestatte ich Ihnen, es zu
versuchen. Ich vertraue Ihnen Eris Werk an. Meine Antwort
lautet demnach eindeutig Ja..
Er machte eine Pause, und eine gewichtige,
schicksalsschwangere Stille senkte sich über den Raum. Just
in diesem Moment brachte Fukaeri den Tee. Als habe sie
vorausberechnet, dass das Gespr.ch der beiden nun
beendet war.
Die Rückfahrt legte Tengo allein zurück. Fukaeri war mit
dem Hund spazieren gegangen. Als die Abfahrtszeit des
Zuges nahte, rief man Tengo ein Taxi, in dem er zum
Bahnhof Futamatao fuhr. In Tachikawa stieg er in die
Chuo-Linie um.
Ab Mitaka sa.en ihm eine Mutter und ihre kleine Tochter
gegenüber. Beide waren sehr adrett. Ihre Kleidung wirkte
weder teuer noch besonders neu. Aber sie war makellos
sauber und gepflegt. Die wei.en Sachen waren so wei.,
dass es wei.er nicht ging, und alles war sorgf.ltig gebügelt.