Das M.dchen, das wohl in die zweite oder dritte Klasse
ging, hatte ebenm..ige Züge und gro.e Augen. Seine
Mutter war schlank und hatte ihre Haare im Nacken
zusammengebunden. Sie trug eine Brille mit schwarzem
Rand und hatte einen verwaschenen, vollgestopften
Stoffbeutel dabei. Auch ihre Gesichtszüge waren sehr
ebenm..ig, aber sie hatte dunkle Ringe unter den Augen,
die sie .lter aussehen lie.en, als sie vermutlich in
Wirklichkeit war. Sie wirkte seelisch ersch.pft. Es war erst
Mitte April, dennoch hatte sie einen Sonnenschirm bei
sich, der so fest eingerollt war, dass er an einen v.llig
verdorrten Stock erinnerte.
Die beiden sa.en die ganze Fahrt über schweigend auf
ihren Pl.tzen. Die Mutter wirkte, als würde sie in ihrem
Kopf ein Programm zusammenstellen. Die Kleine neben ihr
langweilte sich, starrte auf ihre Schuhe, auf den Boden, auf
die Reklameposter an der Decke, und hin und wieder
streifte ihr Blick auch Tengo, der ihr gegenübersa..
Irgendwie schienen seine Gr..e und seine
Blumenkohlohren ihr Interesse zu wecken. Kinder
musterten Tengo h.ufig, als würden sie ein harmloses, aber
seltenes Tier beobachten. Alles M.gliche betrachtete die
Kleine, indem sie die Augen lebhaft umherhuschen lie.,
ohne ihren K.rper oder ihren Kopf zu bewegen.
An der Station Ogikubo stiegen Mutter und Tochter aus.
Als die Bahn abbremste, erhob sich die Mutter abrupt und
ohne ein Wort. Den Sonnenschirm hielt sie in der linken,
den Stoffbeutel in der rechten Hand. Die Kleine sprang
sofort auf und folgte ihrer Mutter. Bevor sie ausstieg, warf
sie noch einen letzten Blick auf Tengo. Ein seltsamer, fast
flehender Ausdruck blitzte darin auf. Er war nur ganz
schwach, aber Tengo konnte ihn sehen. Das kleine
M.dchen sandte ein Signal aus – das spürte er. Aber es
verstand sich von selbst, dass er, auch auf das Signal hin,
nichts unternehmen konnte. Er kannte weder die
Umst.nde, noch hatte er ein Recht, sich einzumischen. Das
M.dchen stieg also mit seiner Mutter in Ogikubo aus, die
Tür ging zu, Tengo blieb sitzen und fuhr weiter zur
n.chsten Station. Auf ihre Pl.tze setzten sich drei
Teenager, die offenbar gerade von einer Probeklausur
kamen, und begannen, sich laut und lebhaft zu
unterhalten. Doch die stille Gestalt des kleinen M.dchens
schwebte noch eine ganze Weile im Raum.
Ihre Augen hatten Tengo an ein anderes M.dchen
erinnert, das ab der dritten oder vierten Klasse zwei Jahre
auf seiner Schule gewesen war. Es hatte die gleichen Augen
gehabt wie das kleine M.dchen von eben. Mit diesen Augen
hatte es Tengo lange angesehen. Und …
Die Eltern dieses M.dchens hatten den Zeugen Jehovas
angeh.rt, einer Sekte, die den Weltuntergang predigte, für
ihre ausgepr.gte Missionst.tigkeit bekannt war und sich
buchstabengetreu an die Aussagen der Bibel hielt.
Beispielsweise lehnten sie Bluttransfusionen strikt ab.
Wurde eines ihrer Mitglieder bei einem Verkehrsunfall
schwer verletzt, waren seine überlebenschancen ziemlich
gering. So kamen auch gr..ere Operationen nicht in Frage.
Dafür würden sie nach dem Ende der Welt als Auserw.hlte
Gottes in einem paradiesischen Tausendj.hrigen Reich
leben.
Das M.dchen damals hatte die gleichen gro.en klaren
Augen besessen wie die Kleine in der Bahn. Eindrucksvolle
Augen. Und ein sch.nes Gesicht, das allerdings immer wie
von einem undurchsichtigen dünnen Film überzogen
gewesen war. Wie um jede lebendige Regung zu verdecken.
Solange es nicht unbedingt n.tig war, machte sie den
Mund nicht auf. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Gefühle, und
ihre schmalen Lippen waren stets fest aufeinandergepresst.
Sie hatte Tengos Interesse erregt, weil sie jedes
Wochenende mit ihrer Mutter missionieren gehen musste.
Bei den Zeugen Jehovas war es üblich, dass die Kinder,
sobald sie laufen konnten, mit ihren Eltern an allen
religi.sen Aktivit.ten teilnahmen. Schon Dreij.hrige
begleiteten ihre – meist – Mütter, wenn diese von Tür zu
Tür gingen, ein Heftchen mit dem Titel Vor der
Sintflut verteilten und die Lehre der Zeugen Jehovas
erl.uterten. In leicht verst.ndlicher Sprache legten sie dar,
welches die Anzeichen für den nahenden Untergang der
gegenw.rtigen Welt seien. Natürlich wurden sie meist
abgewiesen, oft genug schlug man ihnen die Tür vor der
Nase zu. Ihre Lehre war zu engstirnig, einseitig und
realit.tsfern, fern zumindest von dem, was der gr..te Teil
der Menschheit für Realit.t hielt. Doch hin und wieder
h.rte ihnen auch mal jemand zu. Es gibt immer Menschen
auf der Welt, die Gespr.chspartner suchen, egal, was diese
zu sagen haben. Und unter diesen wiederum gab es, wenn
auch in noch geringerer Zahl, welche, die anschlie.end an
einer Zusammenkunft der Zeugen Jehovas teilnahmen. Auf
der Suche nach diesem einen Fall unter tausend wanderten
die Frauen von Haus zu Haus und drückten Klingelkn.pfe.
Es war die ihnen auferlegte heilige Pflicht, unausgesetzt
und unermüdlich danach zu trachten, andere Menschen,
und seien es auch noch so wenige, zum Erwachen zu
führen. Je schwerer diese Pflicht war, je h.her die Schwelle
zum Ziel, desto strahlender die Glückseligkeit, die sp.ter
ihrer harren würde.
Auch das M.dchen aus Tengos Klasse musste seine
Mutter bei ihren Missionsversuchen begleiten. In der einen
Hand trug die Mutter einen Stoffbeutel mit Exemplaren
von Vor der Sintflut und in der anderen meist einen
Sonnenschirm. Das M.dchen ging einige Schritte hinter
ihr. Es hatte wie üblich die Lippen fest aufeinandergepresst,
und seine Miene war ausdruckslos. Auf ihren Runden für
NHK waren Tengo und sein Vater den beiden mehrmals auf
der Stra.e begegnet. Tengo erkannte das M.dchen, und das
M.dchen erkannte ihn. Und jedes Mal leuchteten ihre
Augen auf. Natürlich sprachen sie nie ein einziges Wort
miteinander. Sie grü.ten sich nicht einmal. Tengos Vater
war ganz und gar damit besch.ftigt, seine Erfolgsrate zu
steigern, und die Mutter des M.dchens dachte nur daran,
das angeblich herannahende Ende der Welt zu verkünden.
An diesen wenigen Sonntagen waren Tengo und das
M.dchen im Schlepptau ihrer Eltern aneinander
vorbeigeeilt und hatten kurze Blicke getauscht.
Alle in der Klasse wussten, dass das M.dchen eine Zeugin
Jehovas war, die .aus religi.sen Gründen. nicht an
Weihnachtsfeiern, Ausflügen zu Schreinen oder
buddhistischen Tempeln und an Sportfesten teilnehmen
durfte. Die Schul- und die Nationalhymne sang sie auch
nicht mit. Dieses au.ergew.hnliche und unverst.ndliche
Verhalten führte dazu, dass sie immer mehr ins Abseits
geriet. Zu allem überfluss hatte sie vor dem Mittagessen ein
bestimmtes Gebet zu verrichten, das sie so laut aufsagen
musste, dass alle es h.ren konnten. Natürlich war das den
anderen Kindern irgendwie unheimlich. Ganz bestimmt
verspürte sie nicht den geringsten Wunsch, in aller
.ffentlichkeit zu beten. Doch sie konnte das Gebet vor
dem Essen nicht auslassen, nur weil ihre Glaubensgenossen
sie nicht sahen. Denn .der Vater im Himmel. sah alles,
auch die kleinste Kleinigkeit.
Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein
K.nigreich komme. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir
unseren Schuldnern vergeben haben. Sei mit uns durch
deinen Segen, sei um uns auf unseren Wegen. Amen.
Unser Ged.chtnis ist eine wundersame Sache. Obwohl all
dies zwanzig Jahre zurücklag, konnte Tengo sich noch
genau an das Gebet erinnern. DEIN K.NIGREICH
KOMME. Als Grundschüler hatte er sich immer gefragt, um
welche Art von K.nigreich es sich wohl handeln mochte.
Gab es dort .ffentlichrechtliche Sender wie NHK?
Wahrscheinlich nicht. Und wenn es kein NHK gab,
mussten auch keine Gebühren eingesammelt werden. In
diesem Fall, dachte er, w.re es wohl von Vorteil, wenn
dieses K.nigreich m.glichst bald k.me.
Tengo sprach nie mit ihr. Sie gingen zwar in eine Klasse,
aber es ergab sich keine Gelegenheit dazu. Sie stand immer
allein und etwas abseits und redete mit keinem, solange es
nicht unbedingt n.tig war. Sie strahlte auch nichts aus, das
andere h.tte bewegen k.nnen, zu ihr hinzugehen und sie
anzusprechen. Doch im Herzen fühlte Tengo mit ihr, denn
sie hatten eine einzigartige Gemeinsamkeit. Beide mussten
sie an Sonnoder Feiertagen mit einem Elternteil von Haus
zu Haus wandern und an fremden Türen klingeln. Gewiss
bestand ein Unterschied zwischen Missionieren und
Gebühreneintreiben, dennoch wusste Tengo aus eigener
Erfahrung ganz genau, wie sehr ein Kind unter einer
aufgezwungenen Bürde wie dieser litt. Kinder sollten an
Sonntagen nach Herzenslust mit anderen Kindern
herumtollen dürfen. Und nicht herumlaufen müssen, um
Geld einzusammeln oder den Weltuntergang zu
verkünden. So etwas sollten Erwachsene tun – wenn es
schon getan werden musste.
Nur ein einziges Mal kam es dazu, dass Tengo mit dem
M.dchen sprach. Es war Herbst, und sie waren in der
vierten Klasse. Sie hatten Physikunterricht, und die Kinder
experimentierten in Gruppen. Das M.dchen wurde von den
anderen Kindern in seiner Gruppe beschimpft, weil es
irgendetwas falsch gemacht hatte. Worum es sich
gehandelt hatte, wusste Tengo nicht mehr. Einer der
Jungen verh.hnte sie, weil sie eine Zeugin Jehovas war. Sie
k.nne doch nichts als H.user abklappern und bl.de
Prospekte verteilen. Schlie.lich .ffte er sie nach, indem er
immer wieder .O Herr, o Herr. rief. So etwas kam selten
vor. Normalerweise behandelten die anderen Kinder das
M.dchen so, als würde es gar nicht existieren, wie Luft
eben, statt es zu schikanieren oder zu h.nseln. Aber von
den Experimenten in den naturwissenschaftlichen F.chern
konnte man niemanden ausschlie.en. Jedenfalls war das,
was dem M.dchen jetzt an den Kopf geworfen wurde,
ziemlich giftig. Tengo geh.rte zu einer Gruppe am Tisch
nebenan und konnte auf keinen Fall überh.ren, was los
war. Er wusste nicht warum, aber er konnte einfach nicht
tatenlos zuzusehen.
Also ging er an den anderen Tisch und forderte sie auf, in
seine Gruppe zu wechseln. Er handelte v.llig spontan, ohne
darüber nachzudenken, ohne zu z.gern. Daraufhin erkl.rte
er ihr ausführlich, worum es bei dem Experiment ging. Sie
h.rte ihm sehr aufmerksam zu, verstand und machte den
Fehler danach nicht mehr. Es war das erste (und das letzte)
Mal in den zwei Jahren, die sie in einer Klasse waren, dass
Tengo mit ihr sprach. Er war gut in der Schule, au.erdem
gro. und kr.ftig. Er fiel sofort auf. Daher traute sich –
zumindest in dieser Situation – niemand, sich darüber
lustig zu machen, dass er sie in Schutz nahm. Dennoch war
er, weil er für sie Partei ergriffen hatte, in der Achtung der
Klasse gesunken. Offenbar hatte etwas von dem Makel, der
dem M.dchen anhaftete, auf ihn abgef.rbt.
Aber Tengo kümmerte sich nicht darum. Er wusste genau,
dass sie ein ganz normales M.dchen war. W.ren ihre Eltern
keine Zeugen Jehovas gewesen, dann w.re sie wohl v.llig
normal aufgewachsen und von allen akzeptiert worden.
Bestimmt h.tte sie gute Freunde gefunden. Nur weil ihre
Eltern Zeugen Jehovas waren, wurde sie in der Schule
behandelt, als sei sie unsichtbar. Niemand sagte je etwas zu
ihr. Sie wurde nicht einmal angesehen. Tengo fand das sehr
ungerecht.
Nach diesem Zwischenfall sprachen sie und Tengo nicht
mehr miteinander. Es gab keine Notwendigkeit und auch
keine Gelegenheit dazu. Aber sooft ihre Blicke sich zuf.llig
begegneten, machte sich eine leichte Unruhe auf ihrem
Gesicht bemerkbar. Tengo sah es. Vielleicht war es ihr
unangenehm gewesen, wie er sich ihr gegenüber verhalten
hatte. Oder sie war b.se auf ihn, weil es ihr lieber gewesen
w.re, wenn er alles so gelassen und nichts unternommen
h.tte. Tengo konnte es nicht beurteilen. Er war ein Kind
und noch nicht imstande, in den Gesichtern anderer
Menschen zu lesen.
Doch eines Tages ergriff das M.dchen Tengos Hand. Es
war an einem wundersch.nen klaren Nachmittag Anfang
Dezember. Nur ein paar dünne wei.e Wolkenschleier
zogen über den hohen Himmel vor dem Fenster. Die
Kinder hatten nach dem Unterricht das Klassenzimmer
aufger.umt, und bis auf Tengo und das M.dchen waren alle
anderen schon fort. Pl.tzlich durchquerte sie schnell und
entschlossen das Klassenzimmer, blieb neben Tengo stehen
und nahm ohne zu z.gern seine Hand. Dann hob sie den
Blick und sah ihm direkt ins Gesicht (Tengo war ungef.hr
zehn Zentimeter gr..er als sie). Auch Tengo schaute ihr ins
Gesicht. Ihre Augen trafen sich. Er erkannte in ihren Augen
eine klare Tiefe, die ihm vorher nicht aufgefallen war.
Lange und stumm hielt sie seine Hand. Nicht einen
Augenblick lockerte sie ihren festen Griff. Dann lie. sie
pl.tzlich los und verlie. das Klassenzimmer so rasch, dass
ihr Rocksaum flatterte.
Entgeistert und sprachlos vor Staunen blieb Tengo wie
angewurzelt an der gleichen Stelle stehen. Sein erster
Gedanke war: Wie gut, dass niemand uns gesehen hat.
Nicht auszudenken, was dann los gewesen w.re. Er sah sich
um, erleichtert zuerst. Doch dann fühlte er sich zutiefst
verst.rt.
Vielleicht waren die Frau und ihre Tochter, die von
Mitaka bis Ogikubo in der Bahn ihm gegenübergesessen
hatten, auch Zeugen Jehovas auf ihrer sonnt.glichen Tour
gewesen. Der dicke Stoffbeutel konnte durchaus mit Vor
der Sintflut-Heften vollgestopft gewesen sein. Der
Sonnenschirm, den die Mutter dabeihatte, und die
gl.nzenden Augen des M.dchens hatten Tengo stark an
seine stille Mitschülerin erinnert.
Nein, die beiden in der Bahn waren keine Zeugen Jehovas
gewesen. Wahrscheinlich hatte es sich nur um eine ganz
normale Mutter mit ihrem ganz normalen Kind auf dem
Weg zu etwas ganz Normalem gehandelt. Und in dem
Stoffbeutel hatten sie Klaviernoten, Schreibbl.tter oder
sonst etwas gehabt. Ich werde wirklich übersensibel, dachte
Tengo. Dann schloss er die Augen und atmete langsam ein
und aus. An Sonntagen hatte die Zeit einen sonderbaren
Fluss, und die Welt wirkte seltsam verzerrt.