饭饭TXT > 海外名作 > 《1Q84 book 1 > 1Q84 德语版.txt

第 32 页

作者: 当前章节:15375 字 更新时间:2026-6-19 08:06

Das M.dchen, das wohl in die zweite oder dritte Klasse

ging, hatte ebenm..ige Züge und gro.e Augen. Seine

Mutter war schlank und hatte ihre Haare im Nacken

zusammengebunden. Sie trug eine Brille mit schwarzem

Rand und hatte einen verwaschenen, vollgestopften

Stoffbeutel dabei. Auch ihre Gesichtszüge waren sehr

ebenm..ig, aber sie hatte dunkle Ringe unter den Augen,

die sie .lter aussehen lie.en, als sie vermutlich in

Wirklichkeit war. Sie wirkte seelisch ersch.pft. Es war erst

Mitte April, dennoch hatte sie einen Sonnenschirm bei

sich, der so fest eingerollt war, dass er an einen v.llig

verdorrten Stock erinnerte.

Die beiden sa.en die ganze Fahrt über schweigend auf

ihren Pl.tzen. Die Mutter wirkte, als würde sie in ihrem

Kopf ein Programm zusammenstellen. Die Kleine neben ihr

langweilte sich, starrte auf ihre Schuhe, auf den Boden, auf

die Reklameposter an der Decke, und hin und wieder

streifte ihr Blick auch Tengo, der ihr gegenübersa..

Irgendwie schienen seine Gr..e und seine

Blumenkohlohren ihr Interesse zu wecken. Kinder

musterten Tengo h.ufig, als würden sie ein harmloses, aber

seltenes Tier beobachten. Alles M.gliche betrachtete die

Kleine, indem sie die Augen lebhaft umherhuschen lie.,

ohne ihren K.rper oder ihren Kopf zu bewegen.

An der Station Ogikubo stiegen Mutter und Tochter aus.

Als die Bahn abbremste, erhob sich die Mutter abrupt und

ohne ein Wort. Den Sonnenschirm hielt sie in der linken,

den Stoffbeutel in der rechten Hand. Die Kleine sprang

sofort auf und folgte ihrer Mutter. Bevor sie ausstieg, warf

sie noch einen letzten Blick auf Tengo. Ein seltsamer, fast

flehender Ausdruck blitzte darin auf. Er war nur ganz

schwach, aber Tengo konnte ihn sehen. Das kleine

M.dchen sandte ein Signal aus – das spürte er. Aber es

verstand sich von selbst, dass er, auch auf das Signal hin,

nichts unternehmen konnte. Er kannte weder die

Umst.nde, noch hatte er ein Recht, sich einzumischen. Das

M.dchen stieg also mit seiner Mutter in Ogikubo aus, die

Tür ging zu, Tengo blieb sitzen und fuhr weiter zur

n.chsten Station. Auf ihre Pl.tze setzten sich drei

Teenager, die offenbar gerade von einer Probeklausur

kamen, und begannen, sich laut und lebhaft zu

unterhalten. Doch die stille Gestalt des kleinen M.dchens

schwebte noch eine ganze Weile im Raum.

Ihre Augen hatten Tengo an ein anderes M.dchen

erinnert, das ab der dritten oder vierten Klasse zwei Jahre

auf seiner Schule gewesen war. Es hatte die gleichen Augen

gehabt wie das kleine M.dchen von eben. Mit diesen Augen

hatte es Tengo lange angesehen. Und …

Die Eltern dieses M.dchens hatten den Zeugen Jehovas

angeh.rt, einer Sekte, die den Weltuntergang predigte, für

ihre ausgepr.gte Missionst.tigkeit bekannt war und sich

buchstabengetreu an die Aussagen der Bibel hielt.

Beispielsweise lehnten sie Bluttransfusionen strikt ab.

Wurde eines ihrer Mitglieder bei einem Verkehrsunfall

schwer verletzt, waren seine überlebenschancen ziemlich

gering. So kamen auch gr..ere Operationen nicht in Frage.

Dafür würden sie nach dem Ende der Welt als Auserw.hlte

Gottes in einem paradiesischen Tausendj.hrigen Reich

leben.

Das M.dchen damals hatte die gleichen gro.en klaren

Augen besessen wie die Kleine in der Bahn. Eindrucksvolle

Augen. Und ein sch.nes Gesicht, das allerdings immer wie

von einem undurchsichtigen dünnen Film überzogen

gewesen war. Wie um jede lebendige Regung zu verdecken.

Solange es nicht unbedingt n.tig war, machte sie den

Mund nicht auf. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Gefühle, und

ihre schmalen Lippen waren stets fest aufeinandergepresst.

Sie hatte Tengos Interesse erregt, weil sie jedes

Wochenende mit ihrer Mutter missionieren gehen musste.

Bei den Zeugen Jehovas war es üblich, dass die Kinder,

sobald sie laufen konnten, mit ihren Eltern an allen

religi.sen Aktivit.ten teilnahmen. Schon Dreij.hrige

begleiteten ihre – meist – Mütter, wenn diese von Tür zu

Tür gingen, ein Heftchen mit dem Titel Vor der

Sintflut verteilten und die Lehre der Zeugen Jehovas

erl.uterten. In leicht verst.ndlicher Sprache legten sie dar,

welches die Anzeichen für den nahenden Untergang der

gegenw.rtigen Welt seien. Natürlich wurden sie meist

abgewiesen, oft genug schlug man ihnen die Tür vor der

Nase zu. Ihre Lehre war zu engstirnig, einseitig und

realit.tsfern, fern zumindest von dem, was der gr..te Teil

der Menschheit für Realit.t hielt. Doch hin und wieder

h.rte ihnen auch mal jemand zu. Es gibt immer Menschen

auf der Welt, die Gespr.chspartner suchen, egal, was diese

zu sagen haben. Und unter diesen wiederum gab es, wenn

auch in noch geringerer Zahl, welche, die anschlie.end an

einer Zusammenkunft der Zeugen Jehovas teilnahmen. Auf

der Suche nach diesem einen Fall unter tausend wanderten

die Frauen von Haus zu Haus und drückten Klingelkn.pfe.

Es war die ihnen auferlegte heilige Pflicht, unausgesetzt

und unermüdlich danach zu trachten, andere Menschen,

und seien es auch noch so wenige, zum Erwachen zu

führen. Je schwerer diese Pflicht war, je h.her die Schwelle

zum Ziel, desto strahlender die Glückseligkeit, die sp.ter

ihrer harren würde.

Auch das M.dchen aus Tengos Klasse musste seine

Mutter bei ihren Missionsversuchen begleiten. In der einen

Hand trug die Mutter einen Stoffbeutel mit Exemplaren

von Vor der Sintflut und in der anderen meist einen

Sonnenschirm. Das M.dchen ging einige Schritte hinter

ihr. Es hatte wie üblich die Lippen fest aufeinandergepresst,

und seine Miene war ausdruckslos. Auf ihren Runden für

NHK waren Tengo und sein Vater den beiden mehrmals auf

der Stra.e begegnet. Tengo erkannte das M.dchen, und das

M.dchen erkannte ihn. Und jedes Mal leuchteten ihre

Augen auf. Natürlich sprachen sie nie ein einziges Wort

miteinander. Sie grü.ten sich nicht einmal. Tengos Vater

war ganz und gar damit besch.ftigt, seine Erfolgsrate zu

steigern, und die Mutter des M.dchens dachte nur daran,

das angeblich herannahende Ende der Welt zu verkünden.

An diesen wenigen Sonntagen waren Tengo und das

M.dchen im Schlepptau ihrer Eltern aneinander

vorbeigeeilt und hatten kurze Blicke getauscht.

Alle in der Klasse wussten, dass das M.dchen eine Zeugin

Jehovas war, die .aus religi.sen Gründen. nicht an

Weihnachtsfeiern, Ausflügen zu Schreinen oder

buddhistischen Tempeln und an Sportfesten teilnehmen

durfte. Die Schul- und die Nationalhymne sang sie auch

nicht mit. Dieses au.ergew.hnliche und unverst.ndliche

Verhalten führte dazu, dass sie immer mehr ins Abseits

geriet. Zu allem überfluss hatte sie vor dem Mittagessen ein

bestimmtes Gebet zu verrichten, das sie so laut aufsagen

musste, dass alle es h.ren konnten. Natürlich war das den

anderen Kindern irgendwie unheimlich. Ganz bestimmt

verspürte sie nicht den geringsten Wunsch, in aller

.ffentlichkeit zu beten. Doch sie konnte das Gebet vor

dem Essen nicht auslassen, nur weil ihre Glaubensgenossen

sie nicht sahen. Denn .der Vater im Himmel. sah alles,

auch die kleinste Kleinigkeit.

Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein

K.nigreich komme. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir

unseren Schuldnern vergeben haben. Sei mit uns durch

deinen Segen, sei um uns auf unseren Wegen. Amen.

Unser Ged.chtnis ist eine wundersame Sache. Obwohl all

dies zwanzig Jahre zurücklag, konnte Tengo sich noch

genau an das Gebet erinnern. DEIN K.NIGREICH

KOMME. Als Grundschüler hatte er sich immer gefragt, um

welche Art von K.nigreich es sich wohl handeln mochte.

Gab es dort .ffentlichrechtliche Sender wie NHK?

Wahrscheinlich nicht. Und wenn es kein NHK gab,

mussten auch keine Gebühren eingesammelt werden. In

diesem Fall, dachte er, w.re es wohl von Vorteil, wenn

dieses K.nigreich m.glichst bald k.me.

Tengo sprach nie mit ihr. Sie gingen zwar in eine Klasse,

aber es ergab sich keine Gelegenheit dazu. Sie stand immer

allein und etwas abseits und redete mit keinem, solange es

nicht unbedingt n.tig war. Sie strahlte auch nichts aus, das

andere h.tte bewegen k.nnen, zu ihr hinzugehen und sie

anzusprechen. Doch im Herzen fühlte Tengo mit ihr, denn

sie hatten eine einzigartige Gemeinsamkeit. Beide mussten

sie an Sonnoder Feiertagen mit einem Elternteil von Haus

zu Haus wandern und an fremden Türen klingeln. Gewiss

bestand ein Unterschied zwischen Missionieren und

Gebühreneintreiben, dennoch wusste Tengo aus eigener

Erfahrung ganz genau, wie sehr ein Kind unter einer

aufgezwungenen Bürde wie dieser litt. Kinder sollten an

Sonntagen nach Herzenslust mit anderen Kindern

herumtollen dürfen. Und nicht herumlaufen müssen, um

Geld einzusammeln oder den Weltuntergang zu

verkünden. So etwas sollten Erwachsene tun – wenn es

schon getan werden musste.

Nur ein einziges Mal kam es dazu, dass Tengo mit dem

M.dchen sprach. Es war Herbst, und sie waren in der

vierten Klasse. Sie hatten Physikunterricht, und die Kinder

experimentierten in Gruppen. Das M.dchen wurde von den

anderen Kindern in seiner Gruppe beschimpft, weil es

irgendetwas falsch gemacht hatte. Worum es sich

gehandelt hatte, wusste Tengo nicht mehr. Einer der

Jungen verh.hnte sie, weil sie eine Zeugin Jehovas war. Sie

k.nne doch nichts als H.user abklappern und bl.de

Prospekte verteilen. Schlie.lich .ffte er sie nach, indem er

immer wieder .O Herr, o Herr. rief. So etwas kam selten

vor. Normalerweise behandelten die anderen Kinder das

M.dchen so, als würde es gar nicht existieren, wie Luft

eben, statt es zu schikanieren oder zu h.nseln. Aber von

den Experimenten in den naturwissenschaftlichen F.chern

konnte man niemanden ausschlie.en. Jedenfalls war das,

was dem M.dchen jetzt an den Kopf geworfen wurde,

ziemlich giftig. Tengo geh.rte zu einer Gruppe am Tisch

nebenan und konnte auf keinen Fall überh.ren, was los

war. Er wusste nicht warum, aber er konnte einfach nicht

tatenlos zuzusehen.

Also ging er an den anderen Tisch und forderte sie auf, in

seine Gruppe zu wechseln. Er handelte v.llig spontan, ohne

darüber nachzudenken, ohne zu z.gern. Daraufhin erkl.rte

er ihr ausführlich, worum es bei dem Experiment ging. Sie

h.rte ihm sehr aufmerksam zu, verstand und machte den

Fehler danach nicht mehr. Es war das erste (und das letzte)

Mal in den zwei Jahren, die sie in einer Klasse waren, dass

Tengo mit ihr sprach. Er war gut in der Schule, au.erdem

gro. und kr.ftig. Er fiel sofort auf. Daher traute sich –

zumindest in dieser Situation – niemand, sich darüber

lustig zu machen, dass er sie in Schutz nahm. Dennoch war

er, weil er für sie Partei ergriffen hatte, in der Achtung der

Klasse gesunken. Offenbar hatte etwas von dem Makel, der

dem M.dchen anhaftete, auf ihn abgef.rbt.

Aber Tengo kümmerte sich nicht darum. Er wusste genau,

dass sie ein ganz normales M.dchen war. W.ren ihre Eltern

keine Zeugen Jehovas gewesen, dann w.re sie wohl v.llig

normal aufgewachsen und von allen akzeptiert worden.

Bestimmt h.tte sie gute Freunde gefunden. Nur weil ihre

Eltern Zeugen Jehovas waren, wurde sie in der Schule

behandelt, als sei sie unsichtbar. Niemand sagte je etwas zu

ihr. Sie wurde nicht einmal angesehen. Tengo fand das sehr

ungerecht.

Nach diesem Zwischenfall sprachen sie und Tengo nicht

mehr miteinander. Es gab keine Notwendigkeit und auch

keine Gelegenheit dazu. Aber sooft ihre Blicke sich zuf.llig

begegneten, machte sich eine leichte Unruhe auf ihrem

Gesicht bemerkbar. Tengo sah es. Vielleicht war es ihr

unangenehm gewesen, wie er sich ihr gegenüber verhalten

hatte. Oder sie war b.se auf ihn, weil es ihr lieber gewesen

w.re, wenn er alles so gelassen und nichts unternommen

h.tte. Tengo konnte es nicht beurteilen. Er war ein Kind

und noch nicht imstande, in den Gesichtern anderer

Menschen zu lesen.

Doch eines Tages ergriff das M.dchen Tengos Hand. Es

war an einem wundersch.nen klaren Nachmittag Anfang

Dezember. Nur ein paar dünne wei.e Wolkenschleier

zogen über den hohen Himmel vor dem Fenster. Die

Kinder hatten nach dem Unterricht das Klassenzimmer

aufger.umt, und bis auf Tengo und das M.dchen waren alle

anderen schon fort. Pl.tzlich durchquerte sie schnell und

entschlossen das Klassenzimmer, blieb neben Tengo stehen

und nahm ohne zu z.gern seine Hand. Dann hob sie den

Blick und sah ihm direkt ins Gesicht (Tengo war ungef.hr

zehn Zentimeter gr..er als sie). Auch Tengo schaute ihr ins

Gesicht. Ihre Augen trafen sich. Er erkannte in ihren Augen

eine klare Tiefe, die ihm vorher nicht aufgefallen war.

Lange und stumm hielt sie seine Hand. Nicht einen

Augenblick lockerte sie ihren festen Griff. Dann lie. sie

pl.tzlich los und verlie. das Klassenzimmer so rasch, dass

ihr Rocksaum flatterte.

Entgeistert und sprachlos vor Staunen blieb Tengo wie

angewurzelt an der gleichen Stelle stehen. Sein erster

Gedanke war: Wie gut, dass niemand uns gesehen hat.

Nicht auszudenken, was dann los gewesen w.re. Er sah sich

um, erleichtert zuerst. Doch dann fühlte er sich zutiefst

verst.rt.

Vielleicht waren die Frau und ihre Tochter, die von

Mitaka bis Ogikubo in der Bahn ihm gegenübergesessen

hatten, auch Zeugen Jehovas auf ihrer sonnt.glichen Tour

gewesen. Der dicke Stoffbeutel konnte durchaus mit Vor

der Sintflut-Heften vollgestopft gewesen sein. Der

Sonnenschirm, den die Mutter dabeihatte, und die

gl.nzenden Augen des M.dchens hatten Tengo stark an

seine stille Mitschülerin erinnert.

Nein, die beiden in der Bahn waren keine Zeugen Jehovas

gewesen. Wahrscheinlich hatte es sich nur um eine ganz

normale Mutter mit ihrem ganz normalen Kind auf dem

Weg zu etwas ganz Normalem gehandelt. Und in dem

Stoffbeutel hatten sie Klaviernoten, Schreibbl.tter oder

sonst etwas gehabt. Ich werde wirklich übersensibel, dachte

Tengo. Dann schloss er die Augen und atmete langsam ein

und aus. An Sonntagen hatte die Zeit einen sonderbaren

Fluss, und die Welt wirkte seltsam verzerrt.

目录
设置
设置
阅读主题
字体风格
雅黑 宋体 楷书 卡通
字体大小
适中 偏大 超大
保存设置
恢复默认
手机
手机阅读
扫码获取链接,使用浏览器打开
书架同步,随时随地,手机阅读
首 页 < 上一章 章节列表 下一章 > 尾 页