Zu Hause angekommen, fiel ihm ein, dass er gar nichts zu
Mittag gegessen hatte, und er machte sich eine Kleinigkeit
zum Abendbrot. Nach dem Essen h.tte er gern Komatsu
angerufen, um ihm von dem Ausgang des Treffens zu
erz.hlen. Aber der ging sonntags nicht in die Redaktion,
und Tengo hatte seine Privatnummer nicht. Und wenn
Komatsu wissen wollte, was passiert war, konnte er ja auch
Tengo anrufen.
Es war kurz nach zehn, und er wollte gerade ins Bett
gehen, als das Telefon klingelte. Tengo vermutete, es sei
Komatsu, aber als er abhob, erkannte er die Stimme seiner
verheirateten Freundin. Sie habe zwar nicht viel Zeit, sagte
sie, doch wolle sie fragen, ob sie übermorgen Nachmittag
kurz bei ihm vorbeikommen dürfe.
Im Hintergrund war leise Klaviermusik zu h.ren.
Anscheinend war ihr Mann noch nicht wieder zu Hause.
Natürlich, sagte Tengo. Wenn sie vorbeik.me, würde er die
Arbeit am Manuskript von .Die Puppe aus Luft. eine Weile
unterbrechen müssen. Doch beim Klang ihrer Stimme
spürte Tengo, dass es ihn stark nach ihrem K.rper
verlangte. Er legte auf, ging in die Küche, goss sich ein Glas
Wild Turkey ein und kippte ihn an der Spüle stehend in
einem Zug hinunter. Anschlie.end legte er sich ins Bett, las
ein paar Seiten und schlief ein.
So ging für Tengo ein langer, sonderbarer Sonntag zu
Ende.
KAPITEL 13
Aomame
Das geborene Opfer
Als Aomame aufwachte, merkte sie, dass sie einen
handfesten Kater hatte. Wo sie doch fast nie einen Kater
bekam. Sie konnte trinken, soviel sie wollte, am n.chsten
Morgen war ihr Kopf stets klar, und sie konnte den Tag
sofort in Angriff nehmen. Darauf war sie stolz. Doch aus
unerfindlichen Gründen pochten ihr heute schmerzhaft die
Schl.fen, und ihr Bewusstsein war getrübt. Es fühlte sich
an, als umschlie.e ein eiserner Ring ihren Kopf. Ihrer Uhr
nach war es bereits nach zehn. Das grelle vormitt.gliche
Licht stach ihr unangenehm in die Augen. Ein auf der
Stra.e vorbeifahrendes Motorrad verwandelte sich in ihrem
Zimmer in ein knatterndes Folterwerkzeug.
Sie lag splitternackt in ihrem Bett, hatte aber nicht die
geringste Erinnerung daran, wie sie nach Hause gekommen
war. Ihre Kleider vom Abend zuvor lagen um ihr Bett
herum auf dem Fu.boden verstreut. Offenbar hatte sie sie
irgendwie heruntergerissen und fallen lassen, wo sie gerade
stand. Ihre Umh.ngetasche lag auf dem Schreibtisch. über
die Kleidungsstücke hinwegsteigend, ging sie in die Küche
und trank mehrere Gl.ser Leitungswasser. Im Bad wusch
sie sich das Gesicht kalt ab und betrachtete ihren nackten
K.rper in dem gro.en Spiegel. Sie untersuchte jeden
Winkel, aber es war nichts Ungew.hnliches zu sehen. Sie
seufzte erleichtert. Gott sei Dank. Dennoch hatte sie das
typische Morgen-danach-Gefühl, das nach heftigem
Geschlechtsverkehr im Unterleib zurückbleibt. Diese sü.e
Schw.che, nachdem der K.rper bis in sein Innerstes
aufgewühlt wurde. Auch im Anus spürte sie ein leichtes
Unbehagen. Du meine Güte, dachte Aomame und presste
die Fingerspitzen an die Schl.fen. Ob sie so weit gegangen
war? Aber an etwas Schlimmes erinnerte sie sich nicht.
Noch immer ziemlich benebelt, nahm sie eine hei.e
Dusche und stützte sich dabei mit einer Hand an der Wand
ab. Sie schrubbte sich von oben bis unten mit Seife ab, um
sich der Erinnerung an die vergangene Nacht –
beziehungsweise des erinnerungs.hnlichen, namenlosen
Etwas – zu entledigen. Vagina und Anus reinigte sie
besonders gründlich. Auch die Haare wusch sie sich.
Obwohl der starke Minzegeruch der Zahnpasta ihr zuwider
war, putzte sie sich gründlich die Z.hne, um den
Geschmack, den sie im Mund hatte, loszuwerden.
Schlie.lich sammelte sie Unterw.sche und Strümpfe
einzeln vom Schlafzimmerboden auf und warf sie angeekelt
in den W.schekorb.
Sie überprüfte den Inhalt ihrer Umh.ngetasche. Ihr
Portemonnaie war noch da, Kreditkarte und Bankausweis
ebenfalls. Auch das Bargeld in ihrem Portemonnaie hatte
sich kaum verringert. Anscheinend hatte sie davon nur das
Taxi bezahlt, das sie nach Hause gebracht hatte. Das
Einzige, was abhandengekommen war, schienen Kondome
zu sein, die sie sicherheitshalber dabeigehabt hatte. Sie
z.hlte. Vier fehlten. Vier? In ihrem Portemonnaie steckte
ein zusammengefalteter Zettel mit einer Tokioter
Telefonnummer. Sie hatte keinerlei Ahnung mehr, wessen
Nummer es war.
Sie rollte sich noch einmal im Bett zusammen und
versuchte sich an die Ereignisse der vergangenen Nacht zu
erinnern. Ayumi war an den Tisch der M.nner gegangen,
hatte ein freundliches Gespr.ch begonnen, sie hatten zu
viert etwas getrunken, und alle hatten sich gut amüsiert.
Dann nahmen die Dinge ihren üblichen Lauf. Sie besorgten
sich zwei Zimmer in einem Hotel in der N.he. Aomame
schlief, wie abgesprochen, mit dem Mann mit dem
schütteren Haar. Ayumi bekam den gro.en jüngeren. Der
Sex war nicht schlecht. Sie stiegen zusammen in die
Badewanne, dann befriedigte der Mann sie oral, langsam
und fürsorglich. Er wehrte sich auch nicht dagegen, ein
Kondom überzustreifen, bevor er in sie eindrang.
Nach etwa einer Stunde klingelte das Telefon im Zimmer,
und Ayumi fragte, ob sie und ihr Partner zu ihnen
herüberkommen k.nnten. Sie wollten noch ein bisschen
zusammen trinken. Aomame war einverstanden, und
Ayumi und der andere Mann fanden sich gleich darauf in
ihrem Zimmer ein. Sie bestellten eine Flasche Whisky und
Eis beim Zimmerservice und tranken zu viert weiter.
An das, was danach geschah, konnte sie sich kaum
erinnern. Kurz nachdem sie wieder zu viert gewesen waren,
hatte sie sich pl.tzlich sehr betrunken gefühlt. Ob es am
Whisky lag (Aomame trank normalerweise kaum Whisky)?
Vielleicht war sie auch, weil sie im Gegensatz zu sonst nicht
allein mit dem Mann war und eine Freundin dabeihatte,
irgendwie nachl.ssig gewesen? Sie erinnerte sich
verschwommen, dass sie die Partner getauscht und noch
einmal Sex gehabt hatten. Genau, dann war ich mit dem
Jüngeren im Bett, und Ayumi hat es mit dem Kahlen auf
dem Sofa gemacht. Ja, so war es. Und dann … Alles danach
war in dichtem Nebel versunken. Sie konnte sich an nichts
erinnern. Na ja, auch gut, dachte sie. Was ich nicht wei.,
macht mich nicht hei.. Ich habe eben mal richtig über die
Str.nge geschlagen. Das ist alles. Und wiedersehen werde
ich diese Leute bestimmt nicht.
Aber hatte der zweite Mann auch ein Kondom benutzt?
Und vorschriftsm..ig? Diese Frage bedrückte Aomame. Es
w.re das Letzte, wegen einer solchen Belanglosigkeit
schwanger zu werden oder sich eine Geschlechtskrankheit
zuzuziehen. Aber vielleicht war ja alles gut gegangen. Denn
auf so etwas achtete sie, auch wenn sie noch so betrunken
und benebelt war.
Musste sie heute arbeiten? Nein. Es war Samstag, der Tag,
an dem sie frei hatte. Doch halt, sie musste ja um drei Uhr
in der Weidenvilla in Azabu sein und die alte Dame
massieren. Tamaru hatte sie doch vor ein paar Tagen
angerufen, um den Freitagstermin auf Samstag zu
verschieben, weil die alte Dame zu irgendeiner
Untersuchung ins Krankenhaus musste. Sie hatte es v.llig
vergessen. Aber bis fünfzehn Uhr hatte sie noch viereinhalb
Stunden Zeit. Bis dahin waren ihre Kopfschmerzen sicher
verschwunden, und ihr Kopf würde auch wieder klarer sein.
Sie machte sich hei.en Kaffee und schüttete mit Gewalt
mehrere Tassen in sich hinein. Dann kehrte sie nur im
Bademantel ins Bett zurück und verbrachte den sp.ten
Vormittag damit, an die Decke zu starren. Zu mehr konnte
sie sich nicht aufraffen. An der Decke gab es nichts
Interessantes zu sehen, aber darüber konnte man sich nicht
beschweren. Eine Decke war schlie.lich nicht dazu da, die
Menschen zu unterhalten. Der Uhr nach war es Mittag,
aber sie hatte keinen Appetit. Der L.rm der Autos und
Motorr.der dr.hnte noch immer unangenehm in ihrem
Kopf. Sie hatte zum ersten Mal einen waschechten Kater.
Dennoch schien der Geschlechtsverkehr ihr gutgetan zu
haben. Von einem Mann umarmt, nackt gesehen zu
werden, gestreichelt, geleckt, gebissen, penetriert zu
werden und mehrere Orgasmen zu erleben, hatte die
Spannungen in ihrem K.rper gel.st. Der Kater war
natürlich l.stig, aber ein Gefühl der Befreiung entsch.digte
sie dafür.
.Aber endlos kann ich nicht so weitermachen., dachte
Aomame. .Wie lange kann ich es wohl? Ich bin fast drei.ig.
Und dann werde ich bald vierzig..
Sie beschloss, dieser Frage nicht weiter nachzugehen.
Darüber konnte sie ein anderes Mal in Ruhe nachdenken.
Im Augenblick dr.ngte sie ja nichts. Wenn sie ernsthaft
darüber nachdachte, dann …
In diesem Moment klingelte das Telefon. Es schrillte in
ihren Ohren. Es fühlte sich an, als würde sie in einem
Schnellzug aus einem Tunnel herausrasen. Sie stolperte aus
dem Bett und nahm den H.rer ab. Die gro.e Wanduhr
zeigte halb eins.
.Aomame?., sagte eine etwas raue Frauenstimme. Es war
Ayumi.
.Ja., sagte Aomame.
.Wie geht es dir? Du klingst, als w.rst du gerade von
einem Bus überfahren worden..
.Ungef.hr so fühle ich mich auch..
.Kater?.
.Hm, einen ziemlich üblen., sagte Aomame. .Woher hast
du meine Telefonnummer?.
.Wei.t du nicht mehr? Du hast sie aufgeschrieben und
mir gegeben. Und gesagt, wir sollten uns bald wieder
treffen. Meine Nummer müsste auch in deinem
Portemonnaie stecken..
.Stimmt. Ich kann mich an nichts erinnern..
.Hm. Das hatte ich schon vermutet und war ein bisschen
besorgt. Ich dachte, ich rufe lieber mal an., sagte Ayumi.
.Hab mich gefragt, ob du gut nach Hause gekommen bist.
Du bist an einer Kreuzung in Roppongi in ein Taxi
gestiegen und hast irgendeine Adresse genannt..
Aomame seufzte. .Ich wei. nicht mehr, wie, aber
irgendwie muss ich es geschafft haben. Immerhin bin ich in
meinem Bett aufgewacht..
.Glücklicherweise..
.Was machst du gerade?.
.Ich arbeite natürlich., sagte Ayumi. .Um zehn bin ich in
meinen Streifenwagen gestiegen. Seither jage ich
Falschparker. Im Moment habe ich Pause..
.Respekt., sagte Aomame bewundernd.
.Klar habe ich zu wenig geschlafen. Aber gestern Abend
war gro.artig. So in Stimmung war ich noch nie. Das war
nur dir zu verdanken, Aomame..
Aomame presste einen Finger gegen die Schl.fe. .An die
zweite H.lfte des Abends kann ich mich ehrlich gesagt fast
gar nicht erinnern. Das hei.t, an das, was passiert ist,
nachdem ihr in unser Zimmer gekommen seid..
.Das ist aber schade., sagte Ayumi ernsthaft. .Dann
wurde es n.mlich richtig wild. Wir haben zu viert alles
M.gliche gemacht. Kaum zu glauben. Wie in einem
Pornofilm. Du und ich waren nackt und haben so eine
Lesbennummer abgezogen. Und dann, wei.t du ….
Verwirrt unterbrach Aomame ihren Bericht. .Egal. Aber
haben wir auch Kondome benutzt? Ich wei. es nicht mehr,
und das macht mich unruhig..
.Natürlich. Alles in Ordnung, denn da passe ich genau
auf. Ich hetze ja nicht nur Verkehrssündern hinterher. Ab
und zu besuche ich auch die Oberschulen in meinem
Bezirk. Dann rufe ich die Schülerinnen in der Aula
zusammen und zeige ihnen ausführlich, wie man Kondome
benutzt..
.Ach?., sagte Aomame erstaunt. .Warum macht die
Polizei das?.
.Eigentlich ist es meine Aufgabe, an Schulen über die
Gefahren von Vergewaltigungen durch Bekannte, den
Umgang mit Perversen und die Pr.vention von
Sexualverbrechen zu informieren. Den Kondomunterricht
h.nge ich quasi als pers.nliche Botschaft an. Ich erkl.re
den M.dchen, dass Sex an sich nichts Schlimmes ist,
solange sie nicht schwanger werden oder eine
Geschlechtskrankheit bekommen. So was eben. Die Lehrer
machen das nie so richtig deutlich. Deshalb habe ich auf
diesem Gebiet einen Instinkt entwickelt. Egal was ich intus
habe, das vernachl.ssige ich nie. Du brauchst dir keine
Sorgen zu machen. Du bist blütenrein. Keine Penetration
ohne Pr.ser. Das ist mein Motto ….
.Danke. Ich bin erleichtert, das zu h.ren..
.M.chtest du nicht wissen, was wir gestern Abend genau
gemacht haben?.
.N.chstes Mal., seufzte Aomame. .Irgendwann kannst
du mir mal alles genau erz.hlen. Aber nicht jetzt. Mir
würde wahrscheinlich der Sch.del platzen..
.Verstehe. Dann demn.chst., sagte Ayumi heiter. .Aber
wei.t du, Aomame, schon seit heute Morgen muss ich
daran denken, was für ein tolles Team wir doch sind. Darf
ich dich wieder anrufen? Natürlich nur, wenn du wieder
mal so was machen willst wie gestern..
.Klar., sagte Aomame.
.Freut mich..
.Vielen Dank für deinen Anruf..
.Gute Besserung., sagte Ayumi und legte auf.
Gegen zwei Uhr nachmittags war Aomame dank des
schwarzen Kaffees und eines Schl.fchens v.llig
wiederhergestellt. Glücklicherweise waren auch die
Kopfschmerzen verschwunden. Nur eine leichte
Benommenheit war zurückgeblieben. Aomame packte ihre
Sporttasche und verlie. das Haus. Natürlich hatte sie ihren
Eispick nicht dabei. Nur Kleidung zum Wechseln und ein
Handtuch. Wie immer hie. Tamaru sie am Tor
willkommen.
Er geleitete Aomame in den schmalen l.nglichen
Wintergarten. Die gro.en Fenster zum Garten standen
offen, aber die Spitzengardinen waren zugezogen, sodass
man von au.en nicht hineinschauen konnte. Zierpflanzen
schmückten den Raum. Aus einem kleinen Lautsprecher an
der Decke ert.nte heitere Barockmusik. Eine
Blockfl.tensonate mit Cembalo-Begleitung. Die alte Dame
lag bereits b.uchlings auf dem Massagebett in der Mitte des
Raumes. Sie trug einen wei.en Bademantel.
Als Tamaru gegangen war, zog Aomame sich um. In
ihrem Trikot konnte sie sich besser bewegen. Die alte
Dame drehte den Kopf und sah zu, wie Aomame sich
umkleidete. Aomame st.rte es nicht sonderlich, wenn eine
Angeh.rige ihres eigenen Geschlechts sie nackt sah. Beim
Sport war das etwas ganz Allt.gliches, und die alte Dame
war bei der Massage ebenfalls fast nackt, denn dann konnte
man sich leichter des Zustands der Muskeln vergewissern.
Aomame entledigte sich also ihrer Baumwollhose und ihrer