Bluse und zog ihr Trikot an. Sie legte die Kleidungsstücke
zusammen und stapelte sie in einer Ecke des Raumes.
.Sie haben einen sehr geschmeidigen K.rper., sagte die
alte Dame. Sie erhob sich und zog den Bademantel aus. Sie
trug jetzt nur noch seidene Unterw.sche.
.Vielen Dank., sagte Aomame.
.Ich hatte früher eine .hnliche Figur..
.Das sieht man., antwortete Aomame. Auf jeden Fall,
dachte sie. Auch jetzt noch, obwohl die alte Dame weit
über siebzig war, sah man noch ganz deutlich, dass sie einst
eine sehr gute Figur gehabt hatte. Sogar ihre Brüste hatten
eine gewisse Elastizit.t bewahrt. Durch eine ma.volle
Ern.hrung und t.gliche Bewegung hatte ihre natürliche
Sch.nheit sich erhalten. Aomame vermutete, dass auch ein
paar Eingriffe hier und da ihren Teil dazu beigetragen
hatten. Die Augen- und Mundwinkel waren gestrafft.
Die alte Dame kr.uselte leicht die Lippen. .Besten Dank.
Aber kein Vergleich zu früher..
Aomame gab keine Antwort darauf.
.Mein K.rper hat mir und auch anderen immer viel
Freude bereitet. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?.
.Ich glaube schon..
.Und Sie? Amüsieren Sie sich auch?.
.Manchmal., sagte Aomame.
.Manchmal k.nnte zu wenig sein., erkl.rte die alte
Dame, auf dem Bauch liegend. .Man muss das Leben
genie.en, solange man jung ist, sonst ist es zu sp.t. Nach
Herzenslust. Denn wenn man alt ist und es nicht mehr
kann, w.rmt die Erinnerung an frühere Zeiten den K.rper..
Aomame dachte an die vergangene Nacht. In ihrem Anus
war das Gefühl einer Penetration zurückgeblieben. Solche
Erinnerungen sollten einen im Alter erw.rmen?
Aomame legte die H.nde auf den K.rper der alten Dame
und begann sorgf.ltig, ihre Muskeln zu dehnen. Die leichte
Benommenheit, die sie bis eben noch verspürt hatte, war
wie weggeblasen. Seit sie ihr Trikot angezogen hatte und
ihre Finger den K.rper der alten Dame berührten, waren
ihre Sinne gesch.rft.
Mit ihren Fingerspitzen fuhr Aomame jeden einzelnen
Muskel nach, als würde sie Stra.en auf einer Landkarte
folgen. Sie erinnerte sich ganz genau an Spannung, H.rte
und Dehnbarkeit der einzelnen Str.nge. So wie ein Pianist
ein langes Stück auswendig spielen kann. Aomame verfügte
über ein minuti.ses Ged.chtnis hinsichtlich der kleinsten
k.rperlichen Eigenschaften. Auch wenn sie etwas
kurzzeitig verga., erinnerten sich ihre Fingerspitzen sofort
wieder daran. Fühlte sich irgendein Muskel auch nur
geringfügig anders an als sonst, stimulierte sie ihn aus
verschiedenen Winkeln und mit unterschiedlichem
Kraftaufwand, um zu prüfen, wie er reagierte: mit Schmerz,
mit Wohlbehagen, mit Taubheit. Sie lockerte nicht nur die
steifen und blockierten Bereiche, sie zeigte der alten Dame
auch, wie sie diese Muskeln aus eigener Kraft lockern
konnte. Natürlich gab es Teile, auf die man selbst nur
schwer Einfluss nehmen konnte. Solche Stellen dehnte sie
besonders sorgf.ltig. Was Muskeln allerdings am meisten
sch.tzten, war ein t.gliches Training.
.Tut das weh?., fragte Aomame. Die
Oberschenkelmuskulatur fühlte sich sehr viel steifer an als
gew.hnlich. Fast verh.rtet. Sie legte die Hand in den
Beckenzwischenraum und drehte den Schenkel in einem
speziellen Winkel.
.Sehr., sagte die alte Dame, wobei sie das Gesicht verzog.
.Gut. Schmerzempfinden ist eine gute Sache. Wenn Sie
keinen Schmerz verspüren würden, w.re es schlimm.
K.nnen Sie noch etwas mehr aushalten?.
.Natürlich., erwiderte die alte Dame. Aomame h.tte gar
nicht zu fragen brauchen. Die alte Dame geh.rte zu den
Charakteren, die eine Menge ertragen konnten. Und meist
sogar schweigend. Sie verzog vielleicht einmal das Gesicht,
aber kaum ein Laut kam über ihre Lippen. Aomame hatte
schon mehrmals erlebt, dass auch gro.e kr.ftige M.nner
w.hrend ihrer Massage unwillkürlich laut aufschrien.
Immer wieder musste sie die starke Willenskraft der alten
Dame bewundern.
Aomame setzte nun ihren rechten Ellbogen als Hebel an
und drehte den Oberschenkel weiter. Ein scharfes Knacken
war zu h.ren, und das Gelenk bewegte sich. Die alte Dame
sog die Luft ein, gab aber keinen Laut von sich.
.Jetzt wird es besser sein., sagte Aomame. .Sie werden
Erleichterung verspüren..
Die alte Dame stie. einen langen Seufzer aus.
Schwei.perlen glitzerten auf ihrer Stirn. .Danke., flüsterte
sie.
Genau eine Stunde lang massierte Aomame die alte
Dame, stimulierte die Muskeln, dehnte sie und lockerte die
Gelenke. Das alles tat sicher ziemlich weh. Aber ohne
Schmerzen keine L.sung. Aomame wusste das, und die alte
Dame wusste es auch. So verbrachten die beiden diese
Stunde in fast v.lligem Schweigen. Die Blockfl.tensonate
ging irgendwann zu Ende, der CD-Spieler verstummte.
Au.er den Stimmen der V.gel, die in den Garten kamen,
war nichts zu h.ren.
.Mein ganzer K.rper fühlt sich viel leichter an., sagte die
alte Dame nach einer gewissen Zeit. Gel.st und entspannt
lag sie auf dem Bauch. Das gro.e Badetuch, das über die
Massageliege gebreitet war, war dunkel von Schwei..
.Das freut mich., antwortete Aomame.
.Sie sind mir eine gro.e Hilfe. Es w.re schlimm, wenn ich
Sie nicht h.tte..
.Keine Sorge. Ich habe momentan nicht die Absicht zu
verschwinden..
Nachdem die alte Dame sich im Schweigen verfangen
hatte, als würde sie z.gern, fragte sie: .Ich m.chte nicht
aufdringlich sein, aber gibt es jemanden, den Sie lieben?.
.Ja, den gibt es., sagte Aomame.
.Das freut mich..
.Leider liebt dieser Jemand mich nicht..
.Vielleicht finden Sie die Frage etwas seltsam., sagte die
alte Dame. .Aber warum liebt dieser Jemand Sie nicht?
Objektiv betrachtet sind Sie eine .u.erst bet.rende junge
Frau..
.Weil er nicht wei., dass es mich gibt..
Die alte Dame lie. ihre Gedanken einen Moment um das
kreisen, was Aomame gesagt hatte. .Meinen Sie nicht, dass
Sie ihn über den Umstand Ihrer Existenz aufkl.ren
sollten?.
.Im Augenblick nicht., sagte Aomame.
.Gibt es da einen Grund? Aus dem Sie sich ihm Ihrerseits
nicht n.hern k.nnen?.
.Ja, alle m.glichen Gründe. Aber vor allem sind meine
eigenen Gefühle das Problem..
Die alte Dame blickte Aomame verwundert ins Gesicht.
.Ich bin ja schon vielen seltsamen Menschen begegnet,
aber Sie sind vielleicht einzigartig..
Aomame verzog leicht die Mundwinkel. .So besonders
seltsam bin ich nicht. Ich bin nur ehrlich zu mir selbst..
.Sie folgen den Regeln, die Sie einmal für sich aufgestellt
haben..
.Ja..
.Ein wenig stur und verbissen..
.Kann schon sein..
.Aber gestern Abend haben Sie über die Str.nge
geschlagen, stimmt’s?.
Aomame err.tete. .Das merken Sie?.
.Das erkenne ich an Ihrer Haut. Und am Geruch.
Nachdem man mit einem Mann zusammen war, bleibt er
am K.rper haften. In meinem Alter f.llt einem pl.tzlich
alles M.gliche auf..
Aomame verzog ganz leicht das Gesicht. .Ich brauche
das. Manchmal. Ich wei., das ist nicht gerade etwas, womit
man sich brüsten kann..
Die alte Dame streckte ihre Hand aus und legte sie sachte
auf Aomames. .Das ist ganz natürlich. So etwas braucht
man eben hin und wieder. Ich werfe Ihnen nichts vor. Ich
habe sogar das Gefühl, dass Sie auf ganz normale Art
glücklich werden k.nnen. Sie kommen mit ihrem Liebsten
zusammen, und es gibt ein Happy End..
.Das würde mir auch gefallen. Aber es ist schwierig,
wissen Sie..
.Weshalb denn?.
Das war nicht so einfach zu erkl.ren, und Aomame blieb
ihr die Antwort schuldig.
.Sollten Sie in einer pers.nlichen Angelegenheit Rat
brauchen, wenden Sie sich ruhig an mich., sagte die alte
Dame. Sie zog ihre Hand zurück und wischte sich mit
einem kleinen Handtuch den Schwei. vom Gesicht. .Ganz
gleich, worum es sich handelt. Vielleicht kann ich etwas für
Sie tun..
.Vielen Dank., sagte Aomame.
.Es gibt Dinge, von denen man sich nicht befreien kann,
ohne über die Str.nge zu schlagen..
.Da haben Sie recht..
.Sie tun ja nichts, womit Sie sich schaden., sagte die alte
Dame. .Rein gar nichts. Das wissen Sie, oder?.
.Ich wei.., antwortete Aomame. Genau, dachte sie. Ich
tue ja nichts, was mir schadet. Dennoch bleibt insgeheim
etwas zurück. Wie der Bodensatz in einer Flasche Wein.
Aomame erinnerte sich noch genau an alles, was mit dem
Tod von Tamaki Otsuka zusammenhing. Bei dem
Gedanken, dass sie sie nie wiedersehen, nie mehr mit ihr
sprechen würde, hatte sie das Gefühl, in Stücke gerissen zu
werden. Tamaki war die erste echte Freundin gewesen, die
Aomame in ihrem Leben gehabt hatte. Ihr hatte sie alles
sagen k.nnen, ohne das Geringste zu verbergen. Vor
Tamaki hatte sie keine Freundin gehabt und nach ihr auch
nicht mehr. Niemand konnte sie ersetzen. W.re Aomame
ihr nicht begegnet, dann w.re ihr Leben noch elender und
düsterer gewesen, als es ohnehin schon war.
Die beiden M.dchen waren gleichaltrig gewesen und
hatten gemeinsam in der Softball-Mannschaft der
St.dtischen Oberschule gespielt. In der Mittel- und
Oberstufe war Aomame ganz verrückt nach Softball
gewesen. Dabei hatte sie anfangs nur widerwillig
mitgemacht und nur, weil man sie aus Mangel an
Spielerinnen dazu aufgefordert hatte, doch bald war
Softball zu ihrem Lebensinhalt geworden. Von den
Stürmen des Lebens gebeutelt, klammerte Aomame sich an
diesen Sport wie an einen rettenden Pfosten. Genau das
hatte sie gebraucht. Ihr selbst war es nicht bewusst
gewesen, aber Aomame hatte das Talent einer
herausragenden Sportlerin. W.hrend der gesamten Mittel-
und Oberstufe war sie der Mittelpunkt der Mannschaft,
und ihr war es zu verdanken, dass das Team bei Turnieren
die erstaunlichsten Siege errang und immer weiterkam.
Dies verlieh ihr Selbstvertrauen. (Selbstvertrauen war nicht
ganz das richtige Wort dafür, aber es kam ihm sehr nahe.)
Vor allem tat es Aomame gut, dass sie für das Team keine
geringe Bedeutung hatte und ihr im Rahmen dieser kleinen
Welt eine klar definierte Position zukam. Sie wurde
gebraucht.
Aomame stand als Werferin und Schl.gerin auf der
vierten Base buchst.blich im Zentrum des Spiels. Tamaki
Otsuka spielte auf der zweiten Base, war ebenfalls eine
Schlüsselfigur des Teams und zugleich Kapit.nin. Die
kleine, zierliche Tamaki verfügte über ausgezeichnete
Reflexe und verstand es auch, ihren Kopf einzusetzen. Sie
besa. die F.higkeit, jede Spielsituation rasch zu
überblicken und einzusch.tzen. Sie wusste genau, wohin
sie sich bei einem Wurf neigen musste, und weil sie stets
sofort voraussah, in welche Richtung ein geschlagener Ball
flog, fing sie ihn gleich ab. Es gab kaum Spielerinnen, die
diese Kunst beherrschten. Ihr Urteil hatte das Team schon
aus so mancher Krise gerettet. Sie schlug keine weiten
Distanzen wie Aomame, aber ihre Schl.ge waren pr.zise
und gef.hrlich, au.erdem war sie sehr schnell. Eine bessere
Mannschaftsführerin als Tamaki h.tte man sich nicht
denken k.nnen. Sie schwei.te zusammen, entwarf
Taktiken, erteilte Ratschl.ge und ermutigte die anderen.
Ihre Weisungen waren streng, aber die anderen
Spielerinnen vertrauten ihr blind. So wurde die Mannschaft
von Tag zu Tag st.rker und kam bei der Gro.en Tokioter
Meisterschaft bis ins Finale. Auch an den
Schulmeisterschaften nahm sie teil. Aomame und Tamaki
hatten es sogar in das Auswahlteam für die ostjapanischen
Meisterschaften geschafft.
Die beiden jungen Frauen hatten ganz natürlich
zueinandergefunden. Sie sch.tzten ihre wechselseitigen
F.higkeiten und waren bald unzertrennliche Freundinnen.
Wenn die Mannschaft zu Ausw.rtsspielen fuhr,
verbrachten die beiden sehr viel Zeit miteinander. Sie
erz.hlten einander ihre pers.nlichen Geschichten, ohne
etwas zu verheimlichen. Aomame hatte in der fünften
Klasse den Entschluss gefasst, mit ihren Eltern zu brechen,
und war von einem Onkel mütterlicherseits aufgenommen
worden. Die Familie des Onkels verstand die Situation und
nahm das neue Mitglied herzlich auf, dennoch war dort
nicht Aomames richtiges Zuhause. Sie war einsam und
hungerte nach Liebe. Ohne zu wissen, worin sie ein
Lebensziel und einen Sinn finden konnte, führte sie ein
Leben ohne Halt. Tamakis Familie war wohlhabend und
geh.rte einer h.heren Gesellschaftsschicht an, aber die
zerrüttete Beziehung ihrer Eltern zerst.rte das
Familienleben. Ihr Vater war so gut wie nie zu Hause, und
ihre Mutter befand sich in einem Zustand geistiger
Verwirrung. Mitunter wurde sie tagelang von so starken
Kopfschmerzen gequ.lt, dass sie nicht aufstehen konnte.
Tamaki und ihr jüngerer Bruder waren fast immer sich
selbst überlassen. Meist a.en die beiden Kinder in einer
nahe gelegenen Cafeteria oder in Fastfood-Lokalen, oder sie
ern.hrten sich von Fertiggerichten. So hatten beide
M.dchen gute Gründe, sich mit Begeisterung in den Sport
zu stürzen.
Die einsamen, problembeladenen jungen Frauen hatten
bergeweise Gespr.chsstoff. In den Sommerferien machten
sie eine gemeinsame Reise, und als es einmal nichts zu
erz.hlen gab, hatten die beiden einander eben, nackt in
dem Hotelbett liegend, berührt. Letztlich war dies ein
einmaliges, unerwartetes Ereignis, das sich nicht
wiederholte und über das sie auch nie wieder sprachen.
Doch danach hatten sie sich noch mehr verschworen, und
ihre Freundschaft war noch inniger geworden.
Auch nachdem sie die Schule beendet hatte und Sport
studierte, spielte Aomame weiter Softball. Als landesweit
bekannte Spielerin erhielt sie ein Stipendium von einer
privaten Sportuniversit.t. Auch in der Mannschaft dieser
Universit.t nahm sie wieder eine sehr aktive und zentrale
Rolle ein. Schlie.lich entdeckte sie ihr Interesse für
Sportmedizin und begann sich ernsthaft damit zu
besch.ftigen. Au.erdem entwickelte sie eine Neigung zu
Kampfsportarten. Sie wollte sich m.glichst viel Wissen und
Fachkenntnisse aneignen, und so war das Studium für sie
keine Zeit unbeschwerter Vergnügungen.
Tamaki studierte Jura an einer erstklassigen