Privatuniversit.t. Nach dem Abitur hatte sie das Interesse
am Softball verloren. Der Sport war für Tamaki, die
ausgezeichnete Noten hatte, nicht mehr gewesen als ein
vorübergehender Zeitvertreib. Sie wollte das Staatsexamen
machen und Juristin werden. Trotz ihrer unterschiedlichen
Ziele blieben die beiden jungen Frauen enge Freundinnen.
Aomame lebte in einem Wohnheim der Universit.t, in dem
sie keine Miete zu zahlen brauchte, und Tamaki besuchte
die Universit.t von ihrem noch immer chaotischen – aber
wirtschaftlich günstigen – Zuhause aus. Einmal in der
Woche gingen die beiden zusammen essen und erz.hlten
sich, was sich so angesammelt hatte. Sie konnten reden,
soviel sie wollten, der Gespr.chsstoff ging ihnen einfach
nicht aus.
Im Herbst ihres ersten Studienjahres verlor Tamaki ihre
Jungfr.ulichkeit. Sie hatte den ein Jahr .lteren Mann beim
Tennis kennengelernt. Er lud sie in seine Wohnung ein und
vergewaltigte sie dort f.rmlich. Tamaki war nicht in ihn
verliebt gewesen. Sie war zwar seiner Einladung gefolgt und
allein in seine Wohnung gegangen, aber die
Rücksichtslosigkeit und Grobheit, mit der er den
Geschlechtsverkehr erzwang, hatte ihr einen schrecklichen
Schock versetzt. Sie trat aus der Tennis-AG aus und verfiel
in einen Zustand der Depression. Der Vorfall hatte ein
Gefühl von Machtlosigkeit in Tamaki zurückgelassen. Sie
verlor den Appetit und nahm in einem Monat sechs Kilo ab.
Dass der Mann Tamaki begehrt hatte, war verst.ndlich und
nachvollziehbar. Wenn er es wenigstens gezeigt und sich
die Zeit genommen h.tte, um sie zu werben, h.tte sie sich
ihm wahrscheinlich nicht einmal verweigert. Warum in
aller Welt hatte er Gewalt anwenden müssen? Obwohl es
dafür überhaupt keine Notwendigkeit gegeben hatte. Das
konnte Tamaki einfach nicht verstehen.
Aomame versuchte sie zu tr.sten und schlug vor, den
Mann irgendwie zu bestrafen. Doch damit war Tamaki
nicht einverstanden. Sie selbst sei unvorsichtig gewesen,
jetzt müsse sie damit fertig werden. .Ich trage
Mitverantwortung, schlie.lich habe ich mich verleiten
lassen, allein mit ihm in seine Wohnung zu gehen.
Wahrscheinlich bleibt mir nichts anderes übrig, als die
Sache einfach zu vergessen., sagte Tamaki. Doch Aomame
war schmerzlich bewusst, wie tief dieser Vorfall ihre beste
Freundin verletzt hatte. Es ging nicht um ein
oberfl.chliches Problem wie den Verlust ihrer
Jungfr.ulichkeit, sondern um ihre Würde als Mensch.
Niemand hatte das Recht, diese mit Fü.en zu treten. Und
Hilflosigkeit ist etwas, das einen Menschen bis ins Innerste
auffrisst.
Also beschloss Aomame, ihm eine pers.nliche Lektion zu
erteilen. Sie entlockte Tamaki die Adresse des
Apartmenthauses, in dem der Mann wohnte, und machte
sich mit einem Softballschl.ger, den sie in einem gro.en
Plastikzylinder verstaut hatte, dorthin auf. Tamaki war an
diesem Tag zu einer Totengedenkfeier bei Verwandten
nach Kanazawa gefahren. Das würde ihr Alibi sein.
Aomame vergewisserte sich, dass der Mann nicht zu Hause
war, ehe sie mit Schraubenzieher und Hammer die Tür
aufbrach und in die Wohnung eindrang. Dann
zertrümmerte sie mit dem Schl.ger, den sie, um Ger.usche
zu vermeiden, mehrfach mit einem Handtuch umwickelt
hatte, systematisch die Einrichtung. Fernseher, Stehlampe,
Uhr, Schallplatten, Toaster, Blumenvase – sie zerschlug
alles, was sich nur zerschlagen lie.. Die Telefonschnur
durchtrennte sie mit einer Schere. Von den Büchern riss sie
die Rücken ab und verstreute die Seiten. Auf dem Teppich
verteilte sie den Inhalt der Zahnpasta- und
Rasiercremetuben. Ins Bett goss sie Sojaso.e. Sie holte alle
Hefte aus den Schubladen und zerfetzte sie. Kulis und
Bleistifte wurden zerbrochen und s.mtliche Glühbirnen.
Vorh.nge und Gardinen schlitzte sie mit dem
Küchenmesser auf. Die Hemden im Schrank zerschnitt sie
ebenfalls mit der Schere. In die Schubladen mit der
Unterw.sche und den Socken goss sie Ketchup. Sie
schraubte die Sicherung des Kühlschranks heraus und warf
sie aus dem Fenster. Sie zertrümmerte den Stopper in der
Toilettenspülung und den Duschkopf. Gründlich und
fl.chendeckend vollendete sie ihr Werk der Zerst.rung. Am
Ende hatte die Wohnung gro.e .hnlichkeit mit den
Bildern, die man nach den Bombenangriffen auf Beirut in
den Zeitungen hatte sehen k.nnen.
Tamaki war ein sehr intelligentes M.dchen (was die
Noten in der Schule anging, konnte Aomame ihr nie das
Wasser reichen), und beim Softball hatte sie sich stets als
aufmerksame Spielerin gezeigt, der nichts entging. Kaum
sa. Aomame in der Klemme, kam sie sofort auf den
Schlaghügel, gab ihr knappe und nützliche Hilfestellung,
l.chelte, klopfte ihr mit dem Schl.ger aufs Hinterteil und
kehrte zur Verteidigung zurück. Tamaki hatte überblick,
ein gutes Herz und Sinn für Humor. Auch bei schulischen
Aktivit.ten gab sie sich gro.e Mühe, und reden konnte sie
auch ausgezeichnet. H.tte sie weiter studieren k.nnen,
w.re sie eine hervorragende Juristin geworden.
Nur bei M.nnern versagte ihr Urteilsverm.gen
seltsamerweise. Tamaki mochte gutaussehende M.nner. Es
kam ihr, wie man so sagt, sehr auf das .u.ere an. Und
diese Neigung erreichte – in Aomames Augen – eine fast
krankhafte Dimension. Ein Mann konnte die wunderbarste
Pers.nlichkeit haben, die au.erordentlichsten F.higkeiten
besitzen und sich noch so sehr um Tamaki bemühen –
wenn ihr sein Aussehen nicht gefiel, fühlte sie sich nicht zu
ihm hingezogen. Aus irgendeinem Grund hatte sie immer
Beziehungen zu eitlen M.nnern mit nichtssagenden
Sch.nlingsgesichtern. Au.erdem war sie in dieser Frage
entsetzlich stur. Aomame konnte sagen, was sie wollte,
Tamaki h.rte nicht auf sie. In anderen Dingen sch.tzte und
folgte sie Aomames Meinung, aber sie akzeptierte nicht die
geringste Kritik an ihren Liebhabern. Aomame hatte es mit
der Zeit aufgegeben, sie zu warnen. Sie wollte nicht, dass
diese Unstimmigkeiten ihre Freundschaft verdarben.
Immerhin war es Tamakis Leben. Es blieb Aoma me nichts
anderes übrig, als sie tun zu lassen, was sie wollte.
Jedenfalls lernte Tamaki an der Universit.t Scharen von
M.nnern kennen, die sie in irgendwelche Schwierigkeiten
brachten, hintergingen, verletzten und am Ende fallen
lie.en. Sie hatte sogar zwei Abtreibungen. All das brachte
sie fast um den Verstand. Was Beziehungen zwischen
M.nnern und Frauen anging, war Tamaki das geborene
Opfer.
Aomame hatte keinen festen Freund. Manchmal
verabredete sie sich mit M.nnern, darunter auch mit ein
paar, die gar nicht so übel waren, aber eine tiefere
Beziehung wurde nie daraus.
.Willst du dir nie einen Liebhaber zulegen, sondern für
immer Jungfrau bleiben?., fragte Tamaki sie.
.Ich bin zu besch.ftigt., sagte Aomame. .Endlich führe
ich ein normales Leben. Ich habe keine Zeit, mich mit
einem Freund zu vergnügen..
Nach ihrem ersten Examen blieb Tamaki an der
Universit.t und bereitete sich auf das Zweite Staatsexamen
vor. Aomame arbeitete nun bei dem Hersteller für
Sportgetr.nke und Reformkost und spielte Softball in der
Firmenmannschaft. Tamaki wohnte noch immer zu Hause
und Aomame in einem betriebseigenen Wohnheim in
Yoyogi-Hachiman. Wie in ihrer Studentenzeit trafen sie
sich am Wochenende zum Essen und zu endlosen
Gespr.chen.
Mit zweiundzwanzig heiratete Tamaki einen zwei Jahre
.lteren Mann. Als sie sich mit ihm verlobte, gab sie ihr
Jurastudium auf, weil er nicht wollte, dass sie
weiterstudierte. Aomame war ihm nur ein einziges Mal
begegnet. Er war ein Sohn aus reichem Haus,
erwartungsgem.. gut gebaut, mit einem nichtssagenden
Gesicht. Sein Hobby war Segeln. Er drückte sich gew.hlt
aus, sein Verstand schien einigerma.en zu funktionieren,
aber er hatte keine Pers.nlichkeit, und seine Worte
besa.en kein Gewicht. Aomame mochte ihn von Anfang an
nicht, und das beruhte vermutlich auf Gegenseitigkeit.
.Diese Ehe wird nicht gutgehen., sagte Aomame zu
Tamaki. Sie hatte sich nicht unn.tig einmischen wollen,
aber hier ging es schlie.lich nicht um eine Liebesaff.re,
sondern ums Heiraten. Als Tamakis .lteste und beste
Freundin konnte sie nicht einfach schweigend zusehen.
Damals hatten die beiden ihren ersten ernsthaften Streit.
Tamaki hatte hysterisch auf Aomames Widerstand reagiert
und sie mit .tzenden Worten beschimpft. Auch mit
solchen, die Aomame lieber nicht geh.rt h.tte. Daraufhin
war sie nicht zur Hochzeit erschienen.
Doch Aomame und Tamaki hatten sich bald wieder
vers.hnt. Sofort als Tamaki von ihrer Hochzeitsreise
zurückkam, war sie unangekündigt bei Aomame
aufgetaucht, um sich für ihre Grobheit zu entschuldigen.
Sie wünsche sich so sehr, dass Aomame vergessen würde,
was sie damals gesagt hatte. .Ich war so bl.d und
vernagelt. Ich habe w.hrend der ganzen Hochzeitsreise an
dich gedacht.. Sie solle sich keine Gedanken machen. .Ich
habe mir sowieso nichts davon gemerkt., sagte Aomame.
Die beiden umarmten sich, witzelten und lachten.
Dennoch hatten sie nach Tamakis Hochzeit auf einmal
weniger Gelegenheit, sich zu sehen. Sie schrieben einander
h.ufig und telefonierten. Aber Tamaki schien keine Zeit zu
haben, sich mit Aomame zu treffen. .Ich bin derma.en
besch.ftigt mit dem Haushalt., entschuldigte sie sich. .Du
glaubst nicht, wie anstrengend es ist, Hausfrau zu sein..
Aber die Art, wie sie es sagte, weckte in Aomame den
Verdacht, ihr Mann wolle nicht, dass Tamaki sich au.er
Haus mit jemandem traf. Und dann lebten sie auch noch
mit den Eltern des Mannes zusammen. Anscheinend
konnte Tamaki sich nicht ganz frei bewegen, hatte aber
Aomame auch noch nie in ihre neue Wohnung eingeladen.
Ihre Ehe sei gut, betonte Tamaki bei jeder Gelegenheit.
.Mein Mann ist sehr lieb, und seine Eltern sind
ausgesprochen nette Leute. Ich fühle mich auch nicht
unfrei. Manchmal segeln wir am Wochenende nach
Enoshima. Ich bin nicht sonderlich traurig, dass ich das
Jurastudium an den Nagel geh.ngt habe. Das Staatsexamen
hat mir doch ziemlich Druck gemacht. Dieses mittelm..ige
Leben passt vielleicht am Ende doch am besten zu mir.
Eines Tages werde ich ein Baby bekommen und eine
langweilige Mama von nebenan sein. Dann suche ich
vielleicht auch einen Mann für dich.. Tamakis Stimme
klang dabei heiter, und es gab keinen Grund, an ihren
Worten zu zweifeln.
.Prima., sagte Aomame. Sie dachte es wirklich. Statt sich
zu bewahrheiten, hatten sich ihre b.sen Vorahnungen
offenbar in Wohlgefallen aufgel.st. Vielleicht war in
Tamaki etwas zur Ruhe gekommen, dachte Aomame. Oder
bemühte sie sich zu denken.
Es gab sonst niemanden, den Aomame als Freundin h.tte
bezeichnen k.nnen, und ihr Alltag war leer geworden, als
es immer weniger Berührungspunkte mit Tamaki gab. Für
Softball konnte sie sich auch nicht mehr so begeistern wie
früher. Dadurch, dass Tamaki fast aus ihrem Leben
verschwunden war, schien auch ihr Interesse an diesem
Sport erlahmt zu sein. Aomame war mittlerweile
fünfundzwanzig Jahre alt und immer noch Jungfrau. Wenn
sie angespannt war, masturbierte sie. Als besonders einsam
empfand sie ihr Leben nicht. Es strengte Aomame an,
tiefere pers.nliche Beziehungen zu unterhalten. So blieb sie
lieber für sich.
An einem stürmischen Abend im Herbst, drei Tage nach
ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag, beging Tamaki
Selbstmord. Sie erh.ngte sich in ihrem Haus. Ihr Mann
fand sie, als er am Abend des folgenden Tages von einer
Gesch.ftsreise zurückkam.
.Wir hatten keine famili.ren Probleme. Sie hat auch nie
gesagt, dass sie unglücklich sei. Ich kann mir keinen Grund
für diesen Selbstmord vorstellen., sagte ihr Mann der
Polizei. Die Eltern best.tigten seine Aussage.
Aber er hatte gelogen. Die sadistische Gewalt, die
Tamakis Mann st.ndig an ihr verübte, hatte sie k.rperlich
und seelisch durch und durch zermürbt. Sein Verhalten
war immer extremer geworden. Auch seine Eltern wussten
darüber Bescheid. Der Zustand von Tamakis Leiche erregte
zwar den Verdacht der Polizei, aber zu einer Anklage kam
es nie. Der Ehemann wurde einbestellt und befragt, aber
die Todesursache war eben eindeutig Selbstmord, und er
war zum Zeitpunkt ihres Todes auf Dienstreise auf
Hokkaido gewesen. Er konnte nicht belangt werden.
Tamakis Bruder hatte Aomame sp.ter im Vertrauen davon
berichtet.
Tamakis Mann war von Anfang an gewaltt.tig gewesen,
und ihre Lage war mit der Zeit immer qu.lender und
düsterer geworden. Doch sie vermochte diesem Albtraum
nicht zu entfliehen. Zu Aomame hatte sie nicht ein einziges
Wort davon gesagt. Denn schlie.lich kannte sie von
vornherein die Antwort, die sie bekommen h.tte. Du
verl.sst auf der Stelle dieses Haus, h.tte Aomame bestimmt
gesagt. Aber das konnte sie nicht. Kurz vor ihrem
Selbstmord, ganz zuletzt noch, hatte Tamaki einen langen
Brief an Aomame geschrieben. Der Tenor des Ganzen war,
dass sie von Anfang an unrecht gehabt habe und Aomame
im Recht gewesen sei. Sie schloss mit folgenden Worten:
Mein t.gliches Leben ist die H.lle. Aber ich kann dieser
H.lle nicht entfliehen. Selbst wenn, ich wüsste gar nicht,
wohin. Ich bin eine Gefangene dieser grausigen H.lle. Ich
habe mich selbst hineinbef.rdert, mich eingeschlossen und
den Schlüssel weit fort geworfen. Natürlich war diese
Hochzeit ein Fehler. Genau wie du es gesagt hast. Aber das
wahre Problem ist nicht einmal mein Mann, ich selbst bin
es. Die vielen Schmerzen, die ich spüre, habe ich verdient.
Ich kann niemandem dafür die Schuld geben. Du bist
meine einzige Freundin, der einzige Mensch auf dieser
Welt, dem ich vertrauen kann. Aber auch Du kannst mich
nicht retten. Bitte versuch mich nicht zu vergessen. Wie
sch.n w.re es gewesen, wenn wir beide einfach für immer
zusammen Softball h.tten spielen k.nnen.
Als Aomame diesen Brief las, geriet sie in furchtbare
Panik. Sie konnte nicht aufh.ren zu zittern. Immer wieder
rief sie bei Tamaki an, aber es hob nie jemand ab. Nur eine