Bandansage ert.nte. Sie stieg in die Bahn und fuhr nach
Okusawa im Bezirk Setagaya, wo Tamaki in einer gro.en
Villa mit einem hohen Zaun wohnte. Sie klingelte am Tor,
doch die Sprechanlage blieb stumm. Irgendwo im Haus
bellte ein Hund. Aomame musste unverrichteter Dinge
wieder gehen. Sie wusste es natürlich nicht, aber zu diesem
Zeitpunkt war Tamaki bereits gestorben. Sie baumelte ganz
allein an dem Seil, das sie am Treppengel.nder befestigt
hatte. Nur das L.uten des Telefons und die Türglocke
hallten durch die Stille des Hauses.
Aomame war daher nicht überrascht, als die Nachricht
von Tamakis Tod sie erreichte. Im Grunde ihres Herzens
hatte sie es bereits geahnt. Es wallte auch keine Trauer in
ihr auf, und sie antwortete eher gesch.ftsm..ig. Sie legte
auf, sank auf einen Stuhl, und nachdem ziemlich viel Zeit
vergangen war, hatte sie das Gefühl, s.mtliche
K.rperflüssigkeit sei aus ihr herausgelaufen. Lange stand
sie nicht von ihrem Stuhl auf. Sie rief in ihrer Firma an,
meldete sich für einige Tage krank und schloss sich in ihrer
Wohnung ein. Sie a. nicht, sie schlief nicht, sie trank kaum
einen Schluck Wasser. Sie ging auch nicht zu Tamakis
Beerdigung. Es war, als sei etwas in ihr zerbrochen. Ein
Bruch hatte stattgefunden, durch den sie ein anderer
Mensch geworden war. Aomame hatte das starke
Empfinden, eine Grenze überschritten zu haben. Ich werde
nie mehr dieselbe sein wie früher, dachte sie.
Aomame fasste den Entschluss, den Mann zu bestrafen.
Sie musste ihn erledigen, koste es, was es wolle. Andernfalls
würde der Kerl, da gab es keinen Zweifel, einer anderen
Frau wieder das Gleiche antun.
Lange und sorgf.ltig feilte Aomame an ihrem Plan. Sie
wusste, dass ein Stich mit einer spitzen Nadel in einen
bestimmten Punkt im Nacken eines Menschen
augenblicklich dessen Tod verursachte. Er musste in einem
bestimmten Winkel ausgeführt werden. Natürlich konnte
das niemand. Doch Aomame konnte es. Es fehlten ihr nur
noch die F.higkeit, diesen extrem empfindlichen Punkt in
kürzester Zeit zu erspüren, und ein für diese Tat geeignetes
Instrument. Sie fertigte mit Hilfe verschiedener Werkzeuge
eine Waffe an, die aussah wie ein sehr kleiner, feiner
Eispick. Seine Spitze entsprach der Sch.rfe und K.lte ihres
erbarmungslosen Vorhabens. Gewissenhaft übte sie
verschiedene Methoden ein. Und als sie überzeugt war, sie
zu beherrschen, setzte sie sie in die Tat um. Ohne zu
z.gern, gelassen und pr.zise lie. sie das K.nigreich über
den Mann kommen. Anschlie.end betete sie sogar. Das
Gebet kam ihr fast spontan über die Lippen.
Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. Dein
K.nigreich komme. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir
unseren Schuldnern vergeben haben. Sei mit uns durch
deinen Segen, sei um uns auf unseren Wegen. Amen.
Es war danach, dass Aomame periodisch diese heftige
Begierde nach dem K.rper eines Mannes überfiel.
KAPITEL 14
Tengo
Etwas, das noch kein Leser gesehen hat
Komatsu und Tengo trafen sich in ihrem gewohnten Café
am Bahnhof Shinjuku. Der Kaffee war nicht gerade billig
hier, aber die Tische standen so weit auseinander, dass man
sich unterhalten konnte, ohne dass andere mith.rten. Die
Luft war relativ gut, die Musik unaufdringlich und leise.
Wie immer kam Komatsu zwanzig Minuten zu sp.t. Er
konnte einfach nicht pünktlich sein, ebenso wie Tengo
nicht zu sp.t kommen konnte. Das war so etwas wie eine
stehende Einrichtung. Komatsu trug das übliche
Tweedjackett zu einem dunkelblauen Polohemd und hatte
eine Ledermappe mit Papieren dabei.
.Entschuldige die Versp.tung., sagte er, ohne
überm..ige Zerknirschung zu zeigen. Seine Laune schien
besser als sonst, und das L.cheln auf seinen Lippen glich
dem Strahlen einer Mondsichel.
Tengo nickte nur.
.Tut mir leid, dass ich dich so hetzen musste. Das war
bestimmt nicht einfach., sagte Komatsu, w.hrend er sich
auf den Stuhl gegenüber fallen lie..
.Ich will nicht übertreiben, aber das waren zehn Tage, in
denen ich manchmal nicht wusste, ob ich tot oder lebendig
bin., antwortete Tengo.
.Aber du hast doch alles prima hingekriegt. Ohne
Weiteres die Zustimmung von Fukaeris Vormund erwirkt
und den Roman komplett überarbeitet. Donnerwetter!
Wirklich eine reife Leistung für unseren weltabgewandten
Tengo. Ich muss meine Sicht revidieren..
Tengo ignorierte das Lob. .Haben Sie gelesen, was ich
über Fukaeris Hintergrund geschrieben habe? Ziemlich
ausführlich..
.Ja, ja, habe ich. Klar. Zu lesen hast du mir genug
gegeben. Eine – wie soll ich sagen – mordsm..ig
komplizierte Geschichte. Das reinste Epos. Jetzt aber mal
was ganz anderes. Ich h.tte nie gedacht, dass es sich bei
Fukaeris Vormund um Ebisuno handelt. Die Welt ist klein.
Hat der Professor irgendwas über mich gesagt?.
.über Sie?.
.Ja, über mich..
.Nein, nichts weiter..
.Das ist ja sonderbar.. Komatsu schien einigerma.en
verwundert. .Ebisuno und ich hatten früher beruflich
miteinander zu tun. Hin und wieder habe ich Manuskripte
aus seinem Seminar an der Uni bekommen. Vor langer Zeit,
als ich noch ein ganz junger Redakteur war, wei.t du..
.Wenn das schon so lange her ist, hat er es ja vielleicht
vergessen. Er hat mich n.mlich gefragt, was für ein Mensch
Sie seien..
.Kann nicht sein.. Komatsu schüttelte mit bedenklicher
Miene den Kopf. .Auf keinen Fall. Der Professor ist ein
Mensch, der nie etwas vergisst. Er hat ein geradezu
be.ngstigend gutes Ged.chtnis, und wir diskutierten
damals viel über … Egal. Er ist ein Typ, den man nicht mit
normalen Ma.st.ben messen kann. Nach deinem Bericht
ist die kleine Fukaeri in eine ziemlich komplizierte Sache
verwickelt..
.Ziemlich kompliziert ist gut! Wir halten buchst.blich
eine Bombe im Arm. Fukaeri ist in keiner Hinsicht normal.
Sie ist nicht einfach ein hübsches siebzehnj.hriges
M.dchen. Sie leidet an Legasthenie, das hei.t, sie kann
nicht mal richtig lesen. Schreiben kann sie auch nicht
besonders. Au.erdem hat sie irgendein Trauma erlitten
und den damit verbundenen Teil ihres Ged.chtnisses
verloren. Sie ist in einer Art Kommune aufgewachsen und
kaum zur Schule gegangen. Ihr Vater war Anführer einer
linksextremen revolution.ren Zelle und hatte indirekt
etwas mit der Schie.erei zu tun, zu der es mit der
Akebono-Gruppe kam. Er war ein bekannter
Kulturanthropologe, bevor er sich zurückgezogen hat.
Sollte der Roman Erfolg haben, werden die Medien sich
zusammenrotten und eine Menge delikater Einzelheiten
ausgraben. Wir kommen in Teufels Küche..
.Allerdings, das g.be einen Skandal, als h.tten sich die
Tore der H.lle aufgetan., sagte Komatsu, ohne dass das
Grinsen aus seinem Gesicht schwand.
.Wollen wir den Plan aufgeben?.
.Aufgeben?.
.Die Sache wird zu gro.. Zu gef.hrlich. Kommen Sie, wir
bringen das Manuskript wieder in seinen ursprünglichen
Zustand..
.Das geht nicht so einfach. Deine überarbeitete Fassung
ist bereits gesetzt worden, es gibt sogar schon Fahnen. Und
Fahnen werden, sobald sie gedruckt sind, an den
Chefherausgeber und die vier Juroren geliefert. Ich kann
jetzt nicht mehr sagen: .Tut mir leid, alles ein Irrtum. Sie
dürfen es jetzt doch nicht lesen, bitte geben Sie alles
zurück...
Tengo seufzte.
.Nichts zu machen. Wir k.nnen die Zeit nicht
zurückdrehen., sagte Komatsu, steckte sich eine Marlboro
in den Mund, nahm ein Streichholz aus einer der im Café
bereitliegenden Schachteln und zündete sie mit
zusammengekniffenen Augen an. .Ich lasse mir was
einfallen. Du brauchst dir nicht den Kopf zu zerbrechen.
Sollte .Die Puppe aus Luft. den Preis bekommen, werden
wir Fukaeri nach M.glichkeit aus der Schusslinie halten.
Die Geschichte von der geheimnisvollen Autorin, die nicht
in der .ffentlichkeit erscheinen will, dürfte genügen. Ich
werde als zust.ndiger Redakteur die Funktion ihres
Sprechers übernehmen. Immerhin kenne ich mich mit dem
ganzen Drumherum bestens aus..
.Ich will Ihre Kompetenz nicht in Zweifel ziehen, Herr
Komatsu, aber Fukaeri ist auch in dieser Hinsicht anders als
normale M.dchen. Sie ist nicht der Typ, der schweigend
das tut, was andere wollen. Wenn sie sich einmal für etwas
entschieden hat, zieht sie es durch, ganz gleich, was man
ihr sagt. Man kann ihren Willen nicht beeinflussen, mit
Worten kommt man ihr nicht bei. So einfach geht das
nicht..
Wortlos drehte Komatsu die Streichholzschachtel in
seinen H.nden.
.Wei.t du, Tengo., sagte er dann, .jetzt, wo wir so weit
gegangen sind, k.nnen wir uns nur noch gegenseitig den
Rücken st.rken. Erstens ist deine überarbeitung von .Die
Puppe aus Luft. eine gro.artige Leistung. Du hast all meine
Erwartungen weit übertroffen. Sie ist im Grunde so gut wie
perfekt. Damit bekommen wir den Preis ganz sicher, und
die Geschichte wird eine Sensation. Wir k.nnen den Plan
jetzt nicht mehr begraben. Ich gebe ja zu, dass es eine Art
Vergehen ist. Aber wie gesagt, jetzt ist die Sache schon ins
Rollen gekommen..
.Vergehen?. Tengo sah Komatsu ins Gesicht.
.Es gibt da einen Ausspruch., sagte Komatsu. ..Jede
Kunst und jede Lehre, desgleichen jede Handlung und jeder
Entschluss, scheint ein Gut zu erstreben, weshalb man das
Gute treffend als dasjenige bezeichnet hat, wonach alles
strebt...
.Was ist das?.
.Aristoteles. Die nikomachische Ethik. Hast du
Aristoteles gelesen?.
.Fast gar nicht..
.Solltest du aber. Dir gef.llt er ganz bestimmt. Als mir
mal die Lektüre ausgegangen ist, habe ich angefangen, die
griechischen Philosophen zu lesen. Die bekommt man nie
satt. Man kann immer wieder etwas von ihnen lernen..
.Und was wollte er mit diesem Zitat sagen?.
.Dass das Ergebnis von allem das besagte Gute ist. Am
Schluss kommt bei allem immer etwas Gutes heraus.
Zweifeln k.nnen wir morgen auch noch., sagte Komatsu.
.Das habe ich gemeint..
.Und was sagt Aristoteles über den Holocaust?.
Komatsus Mondsichelgrinsen vertiefte sich. .Aristoteles
spricht an dieser Stelle vornehmlich von der Kunst, der
Wissenschaft und dem Handwerk..
Tengo kannte Komatsu nicht erst seit gestern.
Mittlerweile kannte er ihn in- und auswendig, von vorn bis
hinten. Der Mann streifte in der Verlagswelt umher wie ein
Wolf, und sein ganzes Leben und Handeln erschien fast
willkürlich. Viele lie.en sich von seinem Auftreten
t.uschen. Aber wer sich die Zusammenh.nge richtig durch
den Kopf gehen lie. und ihn genau beobachtete, erkannte,
dass Komatsus Aktionen wohlberechnete Schachzüge
waren und er seine Gegner stets lange im Voraus
durchschaut hatte. Er hatte ein Faible für raffinierte Pl.ne.
Er zog an geeigneter Stelle eine Linie und wich nicht mehr
davon ab. Dennoch konnte man ihn als einen
empfindsamen Charakter bezeichnen, und ein Gro.teil
seines markigen Geredes und Getues war nicht mehr als
harmlose Schauspielerei.
Komatsu sorgte gerne vor und sicherte sich st.ndig ab.
Zum Beispiel schrieb er einmal in der Woche für eine
Abendzeitung eine literarische Kolumne, in der er
verschiedene Autoren positiv oder negativ besprach. Die
negativen Besprechungen waren sehr streng. Solche Artikel
waren Komatsus besondere St.rke. Die Kolumne war zwar
anonym, aber jeder in der Branche wusste, wer sie schrieb.
Es gibt wohl niemanden, dem es gef.llt, wenn in der
Zeitung schlecht über ihn geschrieben wird. Also achteten
die Autoren darauf, Komatsu m.glichst nicht zu reizen.
Wenn ihnen von seiner Literaturzeitschrift ein Auftrag
angeboten wurde, lehnten sie ihn nach M.glichkeit nicht
ab. Zumindest übernahmen sie immer mal wieder einen.
Denn wenn nicht, waren sie nicht sicher, was Komatsu in
seiner Kolumne über sie schreiben würde.
Tengo gefielen Komatsus Machenschaften nicht. Auf der
einen Seite verachtete er den Literaturbetrieb, auf der
anderen nutzte er das System zu seinem Vorteil. Komatsu
verfügte über einen ausgezeichneten Instinkt als Redakteur
und tat sehr viel für Tengo. Die Ratschl.ge, die er ihm über
das Schreiben erteilte, waren meist wertvoll. Dennoch hatte
Tengo sich vorgenommen, bei seiner Bekanntschaft mit
Komatsu Distanz zu wahren. Nicht dass er ihm in einem
ungünstigen Augenblick die Leiter wegz.ge. In dieser
Hinsicht war auch Tengo ein sehr vorsichtiger Mensch.
.Wie gesagt, ich finde deine überarbeitung von .Die
Puppe aus Luft. nahezu perfekt. Einfach gro.artig., fuhr
Komatsu fort. .Allerdings gibt es eine Stelle, wohlgemerkt
nur eine, an der ich gerne noch etwas ge.ndert h.tte, wenn
es geht. Es muss nicht jetzt sein. Für den Debütpreis reicht
es so allemal. Sp.ter, wenn wir den Preis haben, kannst du
dann noch einmal Hand anlegen. Wenn der Text in der
Zeitschrift erscheint..
.Um welche Stelle geht es?.
.Als die Little People die Puppe aus Luft gesponnen
haben, stehen auf einmal zwei Monde am Himmel. Das
M.dchen schaut hoch, und sie sind da. Erinnerst du dich?.
.Natürlich..
.Meiner Ansicht nach reicht der Hinweis, dass nun zwei
Monde da sind, nicht aus. Sie sind nicht ausführlich genug
beschrieben. Ich m.chte, dass du dieses Ph.nomen
detaillierter und plastischer schilderst. Das ist meine
einzige Bitte..
.Vielleicht ist die Darstellung wirklich etwas sp.rlich.
Aber ich wollte den Fluss von Fukaeris Original nicht mit
gro.en Erkl.rungen unterbrechen..
Komatsu hob die Hand, in der er die Zigarette hielt. .Sieh
es doch mal so: Die Leser kennen den Himmel mit einem
Mond. Verstehst du? Aber einen Himmel mit zwei Monden
hat wohl noch keiner gesehen. Und wenn in einem Roman
etwas vorkommt, das die Leser noch nie gesehen haben,
brauchen sie in der Regel eine m.glichst detaillierte und
anschauliche Schilderung. Was man auslassen kann oder
sogar muss, sind Beschreibungen von Dingen, die jeder
kennt..
.Ja, das verstehe ich., sagte Tengo. Was Komatsu sagte,
leuchtete ihm ein. .Ich werde den Teil mit den zwei