Monden anschaulicher gestalten..
.Gut. Dann ist es perfekt.. Komatsu drückte seine
Zigarette aus. .Mehr habe ich nicht zu sagen..
.Sch.n, dass meine Arbeit Ihre Zustimmung findet, aber
so richtig darüber freuen kann ich mich nicht., sagte
Tengo.
.Du kommst gut voran., sagte Komatsu nachdrücklich,
als würde er einen Schlusspunkt setzen. .Als Schreibender,
als Schriftsteller, meine ich. Das ist besser, als sich richtig
zu freuen. Durch die Arbeit an .Die Puppe aus Luft. hast du
eine Menge über Literatur gelernt. Das wird dir sehr
nützlich sein, wenn du beim n.chsten Mal ein eigenes
Werk schreibst..
.Wenn es ein n.chstes Mal gibt..
Komatsu grinste breit. .Darüber brauchst du dir keine
Sorgen zu machen. Du hast deinen Teil erledigt. Jetzt bin
ich an der Reihe. Du kannst auf der Tribüne sitzen und dir
in aller Ruhe das Spiel anschauen..
Die Kellnerin kam an ihren Tisch und schenkte kaltes
Wasser ein. Tengo trank sein Glas zur H.lfte aus. Als er
fertig war, merkte er, dass er gar kein Wasser hatte trinken
wollen.
.War es Aristoteles, der sagte, dass sich die menschliche
Seele aus Verstand, Mut und Begehren zusammensetzt?.,
fragte Tengo.
.Das war Platon. Der Unterschied zwischen Aristoteles
und Platon ist ungef.hr der gleiche wie der zwischen Mel
Tormé und Bing Crosby. Ach ja, früher war alles einfacher.,
sagte Komatsu. .Ist es nicht lustig, sich vorzustellen, dass
Verstand, Mut und Begierde eine Konferenz abhalten und
eifrig debattierend an einem Tisch sitzen?.
.Man kann in etwa vermuten, wer den Sieg davontr.gt,
oder?.
.Was mir an dir gef.llt., sagte Komatsu und reckte den
Zeigefinger in die Luft, .ist dein Sinn für Humor..
Welcher Humor?, dachte Tengo. Aber er hielt den Mund.
Nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, ging
Tengo in die Buchhandlung Kinokuniya und kaufte
mehrere Bücher. Anschlie.end suchte er sich in der N.he
eine Bar, um ein Bier zu trinken und zu lesen. Was k.nnte
entspannender sein, als bei einem Getr.nk in einem Lokal
zu sitzen und in ein paar Neuerscheinungen zu bl.ttern?
Doch aus irgendeinem Grund konnte er sich an diesem
Abend nicht auf die Lektüre konzentrieren. Immer wieder
tauchte das Bild seiner Mutter vor ihm auf. Es wollte
einfach nicht verschwinden. Sie hatte den Tr.ger ihres
wei.en Unterkleids hinuntergestreift, entbl..te eine
wohlgeformte Brust und lie. diesen Mann daran saugen.
Der Mann war nicht sein Vater. Er war gr..er, jünger und
hatte ebenm..igere Züge. Der kleine Tengo schlief ruhig
atmend und mit geschlossenen Augen in seinem Bettchen.
Als der Mann die Brustwarze seiner Mutter in den Mund
nahm, trat ein selbstvergessener Ausdruck auf ihr Gesicht.
Ihr Ausdruck .hnelte dem seiner .lteren Freundin, wenn
sie kurz vor dem Orgasmus war.
Eines Tages, es war schon eine Weile her, hatte Tengo sie
gefragt, ob sie ihm zuliebe einmal ein wei.es Unterkleid
tragen k.nnte.
.Klar., hatte sie gesagt und gelacht. .N.chstes Mal ziehe
ich eins an. Wenn dir das gef.llt. Hast du vielleicht sonst
noch einen Wunsch? Genier dich nicht, du kannst mir alles
sagen..
.Nein, nur ein wei.es Unterkleid, wenn’s geht. Ein
m.glichst schlichtes..
In der Woche darauf kam sie in einer wei.en Bluse, unter
der sie ein wei.es Unterkleid trug. Er zog ihr die Bluse aus,
streifte den Tr.ger des Unterkleids hinunter und saugte an
ihrer Brustwarze. Genau wie der Mann in seiner Vision, aus
dem gleichen Winkel. Dabei überkam ihn ein leichter
Schwindel. Er fühlte sich benommen, und Vergangenheit
und Gegenwart schienen zu verschwimmen. Eine rasch
anschwellende dumpfe Schwere breitete sich in seinem
Unterleib aus. Unversehens erbebte er und ejakulierte
heftig.
.Was ist denn los? Bist du schon gekommen?., fragte
seine Freundin erstaunt.
Tengo wusste selbst nicht genau, was passiert war. Aber
er hatte in H.he ihrer Hüfte auf das Unterkleid ejakuliert.
.Tut mir leid., entschuldigte er sich. .Das wollte ich
nicht..
.Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen., sagte
seine Freundin beschwichtigend. .Das kriege ich doch
unter dem Wasserhahn ganz leicht raus. Das ist doch nur
das übliche. Sojaso.e oder Rotwein w.ren schlimmer..
Sie zog das Unterkleid aus und wusch die Stelle mit dem
Sperma am Waschbecken aus, dann h.ngte sie es zum
Trocknen über die Stange des Duschvorhangs.
.Der Reiz war wohl zu stark.. Sie l.chelte z.rtlich und
streichelte Tengos Unterleib mit der flachen Hand. .Wei.e
Unterkleider haben’s dir angetan, nicht wahr, Tengo?.
.Ja, vielleicht., sagte Tengo. Aber warum er sie wirklich
um diesen Gefallen gebeten hatte, mochte er ihr nicht
erz.hlen.
.Du kannst mir deine Phantasien ruhig anvertrauen. Ich
mache gern mit. Ich mag auch wilde Phantasien. Leute, die
keine Phantasien haben, sind nicht lebendig. Findest du
nicht? Soll ich n.chstes Mal wieder ein wei.es Unterkleid
tragen?.
Tengo schüttelte den Kopf. .Schon in Ordnung. Das eine
Mal hat genügt. Danke..
Oft überlegte Tengo, ob nicht vielleicht der junge Mann,
der in seiner Vision an der Brust seiner Mutter saugte, sein
biologischer Vater sein k.nnte. Das lag vermutlich daran,
dass Tengo seinem Vater – dem Mann, der so gewissenhaft
die Gebühren für NHK einsammelte – so gar nicht .hnlich
sah. Tengo war gro. und kr.ftig, seine Stirn war breit, seine
Nase schmal, und er hatte rundliche, zerknitterte Ohren.
Sein Vater hingegen war klein und untersetzt und wirkte
auch ansonsten nicht gerade imposant. Niedrige Stirn,
flache Nase, spitze Pferdeohren. Sein Gesicht unterschied
sich so stark von Tengos, dass man geradezu von einem
Gegensatz sprechen konnte. Verglichen mit Tengos
ruhigen, gro.mütigen Zügen waren die seines Vaters
nerv.s und kleinlich. Die meisten Leute sagten, sie s.hen
nicht aus wie Vater und Sohn.
Aber die Fremdheit, die Tengo gegenüber seinem Vater
verspürte, hatte weniger mit ihrer Physiognomie zu tun als
mit ihren geistigen Eigenschaften und Neigungen. Sein
Vater machte wei. Gott keinen intellektuellen Eindruck.
Selbstverst.ndlich hatte er keine ausreichende
Schulbildung genossen und als Kind armer Leute nie
gelernt, selbstst.ndig zu denken. Tengo fand diese
Lebensumst.nde auch sehr bedauerlich. Dennoch fragte er
sich, ob der Wunsch nach Wissen nicht bei mehr oder
weniger allen Menschen ein natürliches Grundbedürfnis
und bei diesem Mann nur nicht besonders ausgepr.gt war.
Er verfügte über alle praktischen F.higkeiten, die man
zum Leben braucht, aber nichts an seiner Haltung wies auf
das Bemühen hin, an sich zu arbeiten, oder auf den Drang,
die Welt einmal aus einer breiteren Perspektive zu
betrachten.
Obwohl sein Vater ganz und gar in seiner armseligen, von
kleinlichen Regeln beherrschten Welt lebte, schien er deren
erstickende Enge nicht wahrzunehmen. Tengo hatte nie
gesehen, dass sein Vater ein Buch zur Hand nahm. Er las
nicht einmal Zeitung (es reiche v.llig aus, sich regelm..ig
die Nachrichten bei NHK anzuschauen, erkl.rte er). Er
interessierte sich weder für Musik noch für Filme. Nie
unternahm er einen Ausflug oder eine Reise. Das Einzige,
was ihn in eine gewisse Begeisterung versetzen konnte, war
die Route durch sein Zust.ndigkeitsgebiet. Er hatte eine
Karte der Viertel angefertigt, in denen er die Gebühren
einsammelte, und sie mit verschiedenfarbigen Stiften
markiert. In seiner Freizeit brütete er über dieser Karte wie
ein Biologe, der Chromosomen sortiert.
Tengo hingegen galt schon früh als kleines
Mathematikgenie. Er hatte hervorragende Noten in
Arithmetik und konnte bereits in der dritten Klasse
Aufgaben für Oberschüler l.sen. Auch in den anderen
Naturwissenschaften fielen ihm die besten Noten mühelos
zu. In seiner Freizeit las er unentwegt. Sein Wissensdurst
war uners.ttlich, und er schaufelte weitverzweigte
Kenntnisse in sich hinein wie ein Schaufelbagger Erde.
Wenn er seinen Vater ansah, konnte er nicht begreifen,
dass die Gene eines so engstirnigen und unkultivierten
Mannes biologisch zumindest eine H.lfte seiner Existenz
ausmachten.
Schon in seiner Kindheit war Tengo zu dem Schluss
gelangt, sein richtiger Vater müsse sich anderswo
aufhalten. Gewiss war er in Wahrheit nur durch bestimmte
Umst.nde bei diesem Mann aufgewachsen, den er zwar
Vater nannte, mit dem er aber nicht blutsverwandt war.
Wie die unglückseligen Kinder in den Romanen von
Dickens.
Diese M.glichkeit war für den Jungen Hoffnung und
Albtraum zugleich. Gierig und begeistert verschlang er alle
Romane von Dickens, die er in der Stadtbücherei
bekommen konnte, beginnend mit Oliver Twist. Auf seinen
Reisen durch die Welt dieser Geschichten gab Tengo sich
zugleich den verschiedensten Phantasien über seine eigene
Herkunft hin. Diese Vorstellungen (oder Wünsche)
entwickelten sich in seinem Kopf rasch zu langen und
komplexen Abenteuern. Sie folgten stets einem bestimmten
Muster, das er in zahllosen Variationen durchspielte. Doch
jede davon sagte Tengo, dass er sich nicht am richtigen
Platz befand. .Man hat mich irrtümlich in einen falschen
K.fig gesperrt. Bestimmt werden meine wahren Eltern
mich eines Tages durch eine glückliche Fügung finden, und
ich werde aus diesem engen h.sslichen Gef.ngnis erl.st
und kann dorthin zurückkehren, wo ich eigentlich
hingeh.re. Und meine Sonntage werden sch.n, friedlich
und frei sein..
Sein Vater war froh, dass Tengo so ausgezeichnete Noten
nach Hause brachte. Er war sogar stolz darauf und prahlte
damit in der Nachbarschaft. Zugleich jedoch empfand er
die hohe Intelligenz und die Begabung seines Sohnes tief in
seinem Inneren als unangenehm. Immer wieder st.rte er
Tengo, wenn dieser an seinem Schreibtisch sa. und lernte,
und er tat es ganz offensichtlich mit Absicht. Er gab ihm
Arbeiten im Haushalt, regte sich künstlich über
irgendetwas Fadenscheiniges auf, das ihm nicht passte, und
hackte dann hartn.ckig auf Tengo herum. Der Inhalt seiner
Vorwürfe war stets der gleiche. .Als Gebührenkassierer
muss ich mir jeden Tag die Fü.e plattlaufen, mich dauernd
beleidigen lassen und schuften wie verrückt. Im Vergleich
zu mir führst du ein bequemes Faulenzerleben. Als ich in
deinem Alter war, hat meine Familie mich geschunden, bei
jeder Kleinigkeit kriegte ich die F.uste meines Vaters und
meiner .lteren Brüder zu spüren. Nie bekam ich genug zu
essen und wurde nicht besser behandelt als ein Stück Vieh.
Du brauchst dir gar nichts auf deine paar guten Noten
einzubilden.. Immer und immer wieder spulte sein Vater
die gleiche Tirade ab.
Irgendwann kam Tengo der Gedanke, dass sein Vater
vielleicht neidisch auf ihn sein k.nnte. M.glicherweise war
er eifersüchtig auf Tengos Wesen oder seine Situation. Aber
konnte es denn sein, dass ein Vater seinen Sohn beneidete?
Natürlich konnte Tengo so etwas Schwieriges nicht
beurteilen. Er war ja noch ein Kind. Aber er spürte, dass
Sprache und Verhalten seines Vaters eine B.sartigkeit
ausstrahlten, die ihn abstie.. Nein, das war nicht nur Neid.
Tengo spürte immer wieder, dass dieser Mann etwas an
ihm hasste. Er hasste nicht den Menschen Tengo an sich.
Sein Vater hasste etwas, das in ihm war. Etwas, das er nicht
akzeptieren konnte.
Die Mathematik bot Tengo eine geeignete Zuflucht. Um
dem qualvollen Gef.ngnis der Realit.t zu entkommen,
rettete er sich in die Welt der Zahlen. Schon als kleiner
Junge hatte er gelernt, dass er sich mühelos in diese Welt
versetzen konnte, wenn er einen bestimmten Schalter in
seinem Kopf umlegte. Er entdeckte ein grenzenloses Reich
der Ordnung und fühlte sich frei, solange er sich darin
bewegte. Er schritt durch die gewundenen Korridore eines
riesigen Geb.udes und stie. eine nummerierte Schwingtür
nach der anderen auf. Sooft sich eine neue Szenerie vor ihm
auftat, wurden die h.sslichen Spuren der realen Welt, die
noch an ihm hafteten, schw.cher und l.sten sich bald ganz
auf. Das Reich, in dem die Zahlen regierten, wurde für ihn
ein erlaubtes und vor allem sicheres Versteck. Tengo begriff
die Geographie dieser Welt besser als jeder andere und
vermochte sich pr.zise darin zurechtzufinden. Niemand
konnte ihm dorthin folgen. Solange er sich hier aufhielt,
konnte er die Regeln und Beschwernisse, die ihn in der
Wirklichkeit bedrückten, einfach vergessen.
Gegenüber dem pr.chtigen und luftigen Geb.ude der
Mathematik war die Welt, die sich Tengo in den
Geschichten von Dickens pr.sentierte, wie ein tiefer
Zauberwald. Im Gegensatz zur Mathematik, die sich endlos
in den Himmel hinauf erstreckte, breitete sich dieser Wald
stumm unter ihm aus. Seine dunklen, massigen Wurzeln
verzweigten sich tief in der Erde. Dort gab es keine
Landkarte und auch keine nummerierten Schwingtüren.
Von der Grundschule bis in die Mittelstufe absorbierte
ihn die Mathematik ganz und gar. Ihre Klarheit und
absolute Freiheit zogen ihn st.rker in den Bann als alles
andere. Sie war lebensnotwendig für ihn. Doch als er in die
Pubert.t kam, wuchs in ihm allm.hlich das Bewusstsein,
dass die Mathematik allein ihm nicht genügte. Solange er
sich in ihrem Reich aufhielt, hatte er keine Probleme. Alles
lief nach Wunsch. Nichts versperrte ihm den Weg. Aber
sobald er ihr Reich verlie. und in die Realit.t zurückkehrte
(was sich nicht vermeiden lie.), fand er sich im gleichen
elenden Gef.ngnis wieder wie zuvor. Seine Situation hatte
sich nicht im Geringsten verbessert. Im Gegenteil, seine
Fesseln erschienen ihm umso schwerer. Was nützte ihm
also die Mathematik, wenn das so war? War sie nicht nur
eine vorübergehende Zuflucht? Verschlechterte sie seine
tats.chliche Lage nicht sogar noch?
Angesichts dieser dr.ngenden Fragen beschloss Tengo,
einen bewussten Abstand zwischen sich und die
Mathematik zu bringen. So kam es, dass die Faszination,
die der Wald der Geschichten auf ihn ausübte, immer
st.rker wurde. Natürlich war die Lektüre von Romanen