auch eine Flucht. Sobald er das Buch zuklappte, war er
ebenso gezwungen, wieder in die reale Welt
zurückzukehren. Aber bei der Rückkehr aus der Welt eines
Romans, so erkannte Tengo eines Tages, war das Gefühl der
Frustration weniger drastisch als jenes, das er bei der
Rückkehr aus dem Reich der Mathematik verspürte. Woran
das nur lag? Gründliches Nachdenken brachte ihn bald zu
einem Schluss. Der Wald der Geschichten bot, auch wenn
Zusammenh.nge gekl.rt wurden, kaum klare Antworten.
Ganz anders als in der Mathematik. Vereinfacht
ausgedrückt war es die Aufgabe einer Geschichte, eine
bestimmte Problematik in eine andere Form umzuwandeln.
Durch die Merkmale und die Richtung dieser Wandlung
deutete sich auf der erz.hlenden Ebene eine Antwort an.
Und mit dieser Andeutung in der Hand kehrte Tengo in die
Realit.t zurück. Sie war wie ein Stückchen Papier, auf dem
ein unverst.ndlicher Zauberspruch stand. Oft fehlte ihm
der inhaltliche Zusammenhang, und es ergab sich nicht
sofort ein praktischer Nutzen. Aber er enthielt ein
Potential, und eines Tages würde er den magischen Spruch
vielleicht verstehen. Diese M.glichkeit erw.rmte sein Herz.
Mit zunehmendem Alter interessierte sich Tengo immer
mehr für das Wesen dieser narrativen Hinweise. Auch die
Mathematik bereitete ihm als Erwachsenem noch immer
gro.e Freude. Bei seinem Unterricht an der Yobiko ergriff
ihn h.ufig spontan die gleiche Begeisterung, die er schon
als Kind empfunden hatte, und es war ihm ein Bedürfnis,
dieses Hochgefühl geistiger Freiheit mit anderen zu teilen.
Es war eine gro.artige Sache. Indessen vermochte Tengo
nicht mehr vorbehaltlos und zur G.nze in das von Zahlen
beherrschte Reich einzutauchen. Denn er hatte erkannt,
dass er die Antworten, die er wirklich brauchte, dort nicht
finden würde, und wenn er noch so weit in dieses Reich
vorstie..
Als Tengo in der fünften Klasse war, verkündete er seinem
Vater seinen Entschluss. .Ich will nicht mehr jeden
Sonntag mit dir die Gebühren für NHK einsammeln. In
dieser Zeit m.chte ich lernen, Bücher lesen oder etwas
unternehmen. Genau wie du deine Arbeit hast, habe auch
ich etwas zu tun. Ich will ein normales Leben führen wie
alle anderen auch..
Mehr sagte Tengo nicht. Er hatte seinen Standpunkt kurz,
aber schlüssig dargestellt.
Sein Vater wurde natürlich sehr b.se. Es sei ihm egal, was
andere t.ten. .Bei uns bestimme ich., sagte der Vater.
.Normales Leben – was soll das? Red nicht so geschwollen
daher. Was wei.t du schon vom normalen Leben?. Tengo
widersprach nicht. Er schwieg nur. Er wusste von
vornherein, dass es zu nichts führen würde, ganz gleich,
was er sagte. .Wie du willst., sagte der Vater. .Aber wer
seinen Eltern nicht gehorcht, kriegt auch nichts mehr zu
essen. Mach, dass du wegkommst..
Also packte Tengo seine Sachen und verlie. sein Zuhause.
Sein Entschluss hatte von Anfang an festgestanden, und
auch wenn sein Vater tobte, ihn anschrie, vielleicht sogar
die Hand gegen ihn erhob (was er nicht tat), er hatte keine
Angst. Vielmehr war er erleichtert, sein Gef.ngnis verlassen
zu dürfen.
Doch wie sollte ein zehnj.hriges Kind für sich selbst
sorgen? Es blieb Tengo nichts anderes übrig, als nach der
Schule die Vertrauenslehrerin aufzusuchen und ihr alles zu
erz.hlen. Er erkl.rte ihr, dass er keinen Platz mehr zum
Schlafen habe und welche Belastung es für ihn sei, jeden
Sonntag mit seinem Vater die Rundfunkgebühren kassieren
zu gehen. Die Vertrauenslehrerin war Mitte drei.ig,
unverheiratet und mit ihrer unsch.nen dicken Brille nicht
gerade als hübsch zu bezeichnen. Aber sie hatte einen
aufrechten und warmherzigen Charakter. Die zierliche Frau
sprach für gew.hnlich nicht viel und machte einen sehr
milden Eindruck. Ungeachtet dessen war sie j.hzornig.
Wenn sie sich .rgerte, war sie pl.tzlich eine ganz andere,
und niemand konnte sie aufhalten. Die meisten Leute
reagierten sprachlos auf diese Ver.nderung. Doch Tengo
mochte diese Lehrerin sehr gern. Er empfand sie nie als
besonders furchterregend, auch nicht, wenn sie wütend
war.
Sie h.rte sich Tengos Geschichte an. Sie verstand ihn und
gab ihm recht. Sie machte ihm ein Bett auf dem Sofa in
ihrem Wohnzimmer, und er durfte bei ihr übernachten.
Frühstück machte sie ihm auch. Am n.chsten Abend
begleitete sie Tengo nach Hause und führte ein langes
Gespr.ch mit seinem Vater. Tengo musste vor der Tür
warten und wusste nicht, was dabei herauskommen würde.
Doch am Ende musste sein Vater die Waffen strecken.
Auch wenn er sich noch so .rgere, dürfe er ein zehnj.hriges
Kind nicht allein durch die Stra.en irren lassen, erkl.rte
ihm die Lehrerin. Schlie.lich h.tten Eltern eine gesetzliche
Fürsorgepflicht für ihre Kinder.
Das Ergebnis des Gespr.chs war, dass Tengo seine
Sonntage von nun an verbringen durfte, wie er wollte.
Vormittags musste er im Haushalt helfen, aber danach
durfte er auf eigene Faust etwas unternehmen. Zum ersten
Mal in seinem Leben hatte Tengo seinem Vater ein
Zugest.ndnis abgerungen. Der Vater war so b.se auf ihn,
dass er lange nicht mit ihm sprach, was für Tengo jedoch
keinen Verlust bedeutete. Er hatte etwas weit Wichtigeres
gewonnen: einen ersten Schritt in Richtung Freiheit und
Unabh.ngigkeit.
Nach der Grundschule verlor er seine Vertrauenslehrerin
für l.ngere Zeit aus den Augen. H.tte er an den
Klassentreffen teilgenommen, die hin und wieder
stattfanden, w.re er ihr sicher begegnet, aber Tengo
verzichtete darauf. Er hatte kaum glückliche Erinnerungen
an diese Zeit. Dennoch dachte er manchmal an seine
Lehrerin. Immerhin hatte sie, abgesehen davon, dass er bei
ihr hatte übernachten dürfen, seinen ma.los sturen Vater
überzeugt. Das würde er ihr nicht so leicht vergessen.
Er war in der elften Klasse, als er sie wiedersah. Tengo
geh.rte damals zur Judo-Mannschaft seiner Schule, konnte
aber wegen einer Verletzung an der Wade zwei Monate
lang an keinem Wettkampf teilnehmen. Stattdessen
rekrutierte man ihn als Paukisten für die Blaskapelle der
Schule. Ein Wettbewerb stand vor der Tür, aber von den
beiden Paukisten hatte einer unvermutet die Schule
gewechselt, w.hrend der andere eine schwere Grippe
bekam. In dieser Zwangslage h.tte die Kapelle jeden
genommen, der nur zwei St.cke halten konnte. Der durch
seine Verletzung zum Nichtstun verurteilte Tengo erregte
die Aufmerksamkeit des Musiklehrers und wurde für das
Orchester verpflichtet. Dafür versprach man ihm, bei seiner
Abschlussarbeit ein Auge zuzudrücken, und ein gutes
Essen.
Tengo hatte bis dahin noch nie Pauke gespielt und auch
gar kein Interesse an diesem Instrument, aber als er es
ausprobierte, passte es erstaunlich gut zum Wesen seines
Intellekts. Es bereitete ihm eine natürliche Freude, die Zeit
in Intervalle einzuteilen und Fragmente zu einer gültigen
Tonfolge zusammenzusetzen. Er sah s.mtliche T.ne als
Schema im Geiste vor sich. Wie ein Schwamm Wasser
aufsaugt, begriff Tengo die verschiedenen
Schlagzeugsysteme. Auf Empfehlung des Musiklehrers
erhielt er von einem Paukisten, der bei einem
Symphonieorchester besch.ftigt war, eine Einführung.
W.hrend der mehrstündigen Unterweisung lernte Tengo,
wie das Instrument aufgebaut war und wie man es
handhabte. Da die Noten .hnlichkeit mit Zahlen hatten,
fiel es ihm nicht schwer, sich zu merken, wie sie zu lesen
waren.
Für den Musiklehrer war die Entdeckung seines
musikalischen Talents eine freudige überraschung.
.Offenbar hast du ein angeborenes Gefühl für Rhythmus.
Dein akustisches Empfinden ist ebenfalls ausgezeichnet.
Wenn du weiter flei.ig übst, k.nntest du es sogar zum
Berufsmusiker bringen., sagte er.
Die Pauke war ein schwieriges Instrument. Sie verfügte
über eine besondere Tiefe und überzeugungskraft und barg
unendlich viele M.glichkeiten, T.ne zu kombinieren.
Damals übte das Orchester mehrere S.tze aus der
Sinfonietta von Janá.ek, die für Bl.ser arrangiert waren. Sie
sollten beim Wettbewerb der Jugendblasorchester in der
.freien Auswahl. aufgeführt werden. Die Sinfonietta war
für Schüler ein schweres Stück. Im Fanfarenteil spielten die
Pauken eine entscheidende Rolle. Der Musiklehrer, der das
Orchester leitete, hatte bei der Auswahl des Stückes den
Einsatz seiner beiden guten Paukisten mit einkalkuliert.
Aber da aus den zuvor genannten Gründen pl.tzlich beide
ausfielen, sa. er in der Klemme. Dementsprechend wichtig
war nun die Rolle, die der eingesprungene Tengo zu
erfüllen hatte. Doch das bedrückte diesen wenig, und seine
Darbietung bereitete ihm au.erordentliches Vergnügen.
Als der Wettbewerb geendet hatte (alles war problemlos
gelaufen, sie hatten ihn nicht gewonnen, aber einen der
oberen Pl.tze erreicht), trat Tengos frühere
Vertrauenslehrerin an ihn heran und lobte seinen Auftritt.
.Ich habe dich auf den ersten Blick erkannt., sagte die
kleine Lehrerin (Tengo konnte sich nicht an ihren Namen
erinnern). .Du bist ja ein ausgezeichneter Paukist, ich
musste immer wieder zu dir hinsehen. Du bist zwar sehr
gro. geworden, aber ich habe dich gleich erkannt. Wann
hast du denn angefangen zu musizieren?.
Tengo erz.hlte ihr kurz, wie es dazu gekommen war. .Du
hast wirklich viele Talente., sagte sie beeindruckt.
.Mir macht die Musik fast mehr Spa. als Judo.. Tengo
lachte.
.Wie geht es übrigens deinem Vater?., fragte sie.
.Danke, ganz gut., erwiderte Tengo, aber das war nur so
dahingesagt, denn eigentlich wusste er nicht, ob es seinem
Vater gut ging oder nicht. Es war keine Frage, über die er
besonders gern nachdachte. Mittlerweile war er von zu
Hause ausgezogen und lebte in einem Wohnheim. Er hatte
schon l.nger nicht mehr mit seinem Vater gesprochen.
.Warum sind Sie denn hier?., fragte er die kleine
Lehrerin.
.Meine Nichte spielt Klarinette im Blasorchester einer
anderen Schule. Sie hat ein Solo und hat mich gebeten zu
kommen., sagte sie. .Wirst du weiter Musikunterricht
nehmen?.
.Wenn mein Bein geheilt ist, mache ich wieder Judo. Wer
Judo kann, muss niemals Hunger leiden. An unserer Schule
werden die Judokas besonders gef.rdert. Man bekommt ein
Zimmer im Wohnheim und Essensgutscheine für drei
Mahlzeiten am Tag. Die Musiker nicht..
.Du willst auf keinen Fall Hilfe von deinem Vater
annehmen, nicht wahr?.
.Weil er so ist, wie er ist., sagte Tengo.
Die Lehrerin l.chelte. .Das ist schade. Wo du so begabt
bist..
Tengo sah zu der kleinen Lehrerin hinunter. Er erinnerte
sich, wie er damals bei ihr übernachtet hatte, und sah ihre
etwas unpers.nliche, sehr aufger.umte Wohnung vor sich.
Spitzengardinen und ein paar Topfpflanzen. Ein Bügelbrett
und aufgeschlagene Bücher. Ein kleines rosafarbenes Kleid,
das irgendwo hing. Der Geruch des Sofas, auf dem er
schlafen durfte. Jetzt erst merkte Tengo, dass die Frau, die
vor ihm stand, schüchtern war wie ein junges M.dchen.
Ihm wurde bewusst, dass er kein hilfloses zehnj.hriges
Kind mehr war, sondern ein kr.ftiger siebzehnj.hriger
junger Mann mit einer breiten Brust, Bartwuchs und einem
uners.ttlichen sexuellen Appetit. Und seltsamerweise fand
er den Umgang mit .lteren Frauen besonders entspannend.
.Sch.n, dass wir uns wieder einmal begegnet sind., sagte
die kleine Lehrerin.
.Mich hat es auch sehr gefreut., sagte Tengo und meinte
es ehrlich. Aber an ihren Namen konnte er sich einfach
nicht erinnern.
KAPITEL 15
Aomame
Fest verankern wie einen Luftballon
Aomame achtete streng auf ihre Ern.hrung. Ihr t.glicher
Speiseplan bestand zum gro.en Teil aus Gemüsegerichten,
dazu kamen Meeresfrüchte und Fisch, vor allem
Wei.fische. An Fleisch a. sie nur Geflügel. Sie verwendete
ausschlie.lich frische Zutaten und nicht zu viele Gewürze.
Fettreiche Speisen mied sie und nahm auch genügend
Kohlehydrate zu sich. Statt fertiger Salatso.en benutzte sie
nur Oliven.l, Salz und Zitronensaft. Sie a. nicht einfach
nur viel Gemüse, sondern besch.ftigte sich auch mit dem
N.hrstoffgehalt und bemühte sich um eine ausgewogene
Zusammenstellung. Sie stellte ihren eigenen Speiseplan
zusammen und beriet auf Wunsch auch die Mitglieder des
Sportclubs. Vom Kalorienz.hlen hielt sie nichts. Wer ein
Gefühl dafür erlangt hatte, sich richtig und in
angemessenen Portionen zu ern.hren, brauchte sich darum
keine Gedanken mehr zu machen.
Dennoch lebte sie nicht ausschlie.lich nach ihrem
asketischen Speiseplan, es kam auch vor, dass sie, wenn sie
Hei.hunger darauf verspürte, in ein Restaurant ging und
ein gro.es Steak oder ein Lammkotelett bestellte. Den
unbez.hmbaren Appetit auf ein Nahrungsmittel deutete sie
als den Hinweis ihres K.rpers auf einen Mangel, sozusagen
einen Ruf der Natur, dem zu folgen war.
Aomame trank gern Wein und japanischen Sake, doch
um ihre Leber zu schonen und auch nicht zu viel Zucker zu
sich zu nehmen, verzichtete sie an drei Tagen in der Woche
ganz auf Alkohol. Aomame betrachtete ihren K.rper als
einen geheiligten Tempel, der unter allen Umst.nden stets
rein gehalten werden musste. Makellos rein. Was genau sie
dort anbetete, war eine andere Frage. Darüber konnte sie
sp.ter auch noch nachdenken.
Momentan hatte sie kein Gramm Fett zu viel an ihrem
K.rper und eine ausgepr.gte Muskulatur. Diesen Zustand
überprüfte sie einmal t.glich nackt vor dem Spiegel. Sie war
fasziniert von ihrem K.rper, auch wenn sie ihre Brüste
nicht gro. genug fand – ganz zu schweigen von der
Asymmetrie zwischen der rechten und der linken – und ihr
Schamhaar wucherte, dass es aussah wie ein von einer
Infanterieeinheit niedergetrampeltes Gebüsch.
Unwillkürlich runzelte sie jedes Mal ein wenig die Stirn,
wenn sie sich im Spiegel anschaute. Immerhin hatte sie
kein Fett an sich. Der Kneiftest ergab kein überschüssiges
Fleisch.
Aomame führte ein bescheidenes Leben. Nur für
Lebensmittel gab sie bewusst viel Geld aus. So trank sie nur
gute Weine. Diese Ausgaben reuten sie nicht. Wenn sie