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作者: 当前章节:15419 字 更新时间:2026-6-19 08:06

auch eine Flucht. Sobald er das Buch zuklappte, war er

ebenso gezwungen, wieder in die reale Welt

zurückzukehren. Aber bei der Rückkehr aus der Welt eines

Romans, so erkannte Tengo eines Tages, war das Gefühl der

Frustration weniger drastisch als jenes, das er bei der

Rückkehr aus dem Reich der Mathematik verspürte. Woran

das nur lag? Gründliches Nachdenken brachte ihn bald zu

einem Schluss. Der Wald der Geschichten bot, auch wenn

Zusammenh.nge gekl.rt wurden, kaum klare Antworten.

Ganz anders als in der Mathematik. Vereinfacht

ausgedrückt war es die Aufgabe einer Geschichte, eine

bestimmte Problematik in eine andere Form umzuwandeln.

Durch die Merkmale und die Richtung dieser Wandlung

deutete sich auf der erz.hlenden Ebene eine Antwort an.

Und mit dieser Andeutung in der Hand kehrte Tengo in die

Realit.t zurück. Sie war wie ein Stückchen Papier, auf dem

ein unverst.ndlicher Zauberspruch stand. Oft fehlte ihm

der inhaltliche Zusammenhang, und es ergab sich nicht

sofort ein praktischer Nutzen. Aber er enthielt ein

Potential, und eines Tages würde er den magischen Spruch

vielleicht verstehen. Diese M.glichkeit erw.rmte sein Herz.

Mit zunehmendem Alter interessierte sich Tengo immer

mehr für das Wesen dieser narrativen Hinweise. Auch die

Mathematik bereitete ihm als Erwachsenem noch immer

gro.e Freude. Bei seinem Unterricht an der Yobiko ergriff

ihn h.ufig spontan die gleiche Begeisterung, die er schon

als Kind empfunden hatte, und es war ihm ein Bedürfnis,

dieses Hochgefühl geistiger Freiheit mit anderen zu teilen.

Es war eine gro.artige Sache. Indessen vermochte Tengo

nicht mehr vorbehaltlos und zur G.nze in das von Zahlen

beherrschte Reich einzutauchen. Denn er hatte erkannt,

dass er die Antworten, die er wirklich brauchte, dort nicht

finden würde, und wenn er noch so weit in dieses Reich

vorstie..

Als Tengo in der fünften Klasse war, verkündete er seinem

Vater seinen Entschluss. .Ich will nicht mehr jeden

Sonntag mit dir die Gebühren für NHK einsammeln. In

dieser Zeit m.chte ich lernen, Bücher lesen oder etwas

unternehmen. Genau wie du deine Arbeit hast, habe auch

ich etwas zu tun. Ich will ein normales Leben führen wie

alle anderen auch..

Mehr sagte Tengo nicht. Er hatte seinen Standpunkt kurz,

aber schlüssig dargestellt.

Sein Vater wurde natürlich sehr b.se. Es sei ihm egal, was

andere t.ten. .Bei uns bestimme ich., sagte der Vater.

.Normales Leben – was soll das? Red nicht so geschwollen

daher. Was wei.t du schon vom normalen Leben?. Tengo

widersprach nicht. Er schwieg nur. Er wusste von

vornherein, dass es zu nichts führen würde, ganz gleich,

was er sagte. .Wie du willst., sagte der Vater. .Aber wer

seinen Eltern nicht gehorcht, kriegt auch nichts mehr zu

essen. Mach, dass du wegkommst..

Also packte Tengo seine Sachen und verlie. sein Zuhause.

Sein Entschluss hatte von Anfang an festgestanden, und

auch wenn sein Vater tobte, ihn anschrie, vielleicht sogar

die Hand gegen ihn erhob (was er nicht tat), er hatte keine

Angst. Vielmehr war er erleichtert, sein Gef.ngnis verlassen

zu dürfen.

Doch wie sollte ein zehnj.hriges Kind für sich selbst

sorgen? Es blieb Tengo nichts anderes übrig, als nach der

Schule die Vertrauenslehrerin aufzusuchen und ihr alles zu

erz.hlen. Er erkl.rte ihr, dass er keinen Platz mehr zum

Schlafen habe und welche Belastung es für ihn sei, jeden

Sonntag mit seinem Vater die Rundfunkgebühren kassieren

zu gehen. Die Vertrauenslehrerin war Mitte drei.ig,

unverheiratet und mit ihrer unsch.nen dicken Brille nicht

gerade als hübsch zu bezeichnen. Aber sie hatte einen

aufrechten und warmherzigen Charakter. Die zierliche Frau

sprach für gew.hnlich nicht viel und machte einen sehr

milden Eindruck. Ungeachtet dessen war sie j.hzornig.

Wenn sie sich .rgerte, war sie pl.tzlich eine ganz andere,

und niemand konnte sie aufhalten. Die meisten Leute

reagierten sprachlos auf diese Ver.nderung. Doch Tengo

mochte diese Lehrerin sehr gern. Er empfand sie nie als

besonders furchterregend, auch nicht, wenn sie wütend

war.

Sie h.rte sich Tengos Geschichte an. Sie verstand ihn und

gab ihm recht. Sie machte ihm ein Bett auf dem Sofa in

ihrem Wohnzimmer, und er durfte bei ihr übernachten.

Frühstück machte sie ihm auch. Am n.chsten Abend

begleitete sie Tengo nach Hause und führte ein langes

Gespr.ch mit seinem Vater. Tengo musste vor der Tür

warten und wusste nicht, was dabei herauskommen würde.

Doch am Ende musste sein Vater die Waffen strecken.

Auch wenn er sich noch so .rgere, dürfe er ein zehnj.hriges

Kind nicht allein durch die Stra.en irren lassen, erkl.rte

ihm die Lehrerin. Schlie.lich h.tten Eltern eine gesetzliche

Fürsorgepflicht für ihre Kinder.

Das Ergebnis des Gespr.chs war, dass Tengo seine

Sonntage von nun an verbringen durfte, wie er wollte.

Vormittags musste er im Haushalt helfen, aber danach

durfte er auf eigene Faust etwas unternehmen. Zum ersten

Mal in seinem Leben hatte Tengo seinem Vater ein

Zugest.ndnis abgerungen. Der Vater war so b.se auf ihn,

dass er lange nicht mit ihm sprach, was für Tengo jedoch

keinen Verlust bedeutete. Er hatte etwas weit Wichtigeres

gewonnen: einen ersten Schritt in Richtung Freiheit und

Unabh.ngigkeit.

Nach der Grundschule verlor er seine Vertrauenslehrerin

für l.ngere Zeit aus den Augen. H.tte er an den

Klassentreffen teilgenommen, die hin und wieder

stattfanden, w.re er ihr sicher begegnet, aber Tengo

verzichtete darauf. Er hatte kaum glückliche Erinnerungen

an diese Zeit. Dennoch dachte er manchmal an seine

Lehrerin. Immerhin hatte sie, abgesehen davon, dass er bei

ihr hatte übernachten dürfen, seinen ma.los sturen Vater

überzeugt. Das würde er ihr nicht so leicht vergessen.

Er war in der elften Klasse, als er sie wiedersah. Tengo

geh.rte damals zur Judo-Mannschaft seiner Schule, konnte

aber wegen einer Verletzung an der Wade zwei Monate

lang an keinem Wettkampf teilnehmen. Stattdessen

rekrutierte man ihn als Paukisten für die Blaskapelle der

Schule. Ein Wettbewerb stand vor der Tür, aber von den

beiden Paukisten hatte einer unvermutet die Schule

gewechselt, w.hrend der andere eine schwere Grippe

bekam. In dieser Zwangslage h.tte die Kapelle jeden

genommen, der nur zwei St.cke halten konnte. Der durch

seine Verletzung zum Nichtstun verurteilte Tengo erregte

die Aufmerksamkeit des Musiklehrers und wurde für das

Orchester verpflichtet. Dafür versprach man ihm, bei seiner

Abschlussarbeit ein Auge zuzudrücken, und ein gutes

Essen.

Tengo hatte bis dahin noch nie Pauke gespielt und auch

gar kein Interesse an diesem Instrument, aber als er es

ausprobierte, passte es erstaunlich gut zum Wesen seines

Intellekts. Es bereitete ihm eine natürliche Freude, die Zeit

in Intervalle einzuteilen und Fragmente zu einer gültigen

Tonfolge zusammenzusetzen. Er sah s.mtliche T.ne als

Schema im Geiste vor sich. Wie ein Schwamm Wasser

aufsaugt, begriff Tengo die verschiedenen

Schlagzeugsysteme. Auf Empfehlung des Musiklehrers

erhielt er von einem Paukisten, der bei einem

Symphonieorchester besch.ftigt war, eine Einführung.

W.hrend der mehrstündigen Unterweisung lernte Tengo,

wie das Instrument aufgebaut war und wie man es

handhabte. Da die Noten .hnlichkeit mit Zahlen hatten,

fiel es ihm nicht schwer, sich zu merken, wie sie zu lesen

waren.

Für den Musiklehrer war die Entdeckung seines

musikalischen Talents eine freudige überraschung.

.Offenbar hast du ein angeborenes Gefühl für Rhythmus.

Dein akustisches Empfinden ist ebenfalls ausgezeichnet.

Wenn du weiter flei.ig übst, k.nntest du es sogar zum

Berufsmusiker bringen., sagte er.

Die Pauke war ein schwieriges Instrument. Sie verfügte

über eine besondere Tiefe und überzeugungskraft und barg

unendlich viele M.glichkeiten, T.ne zu kombinieren.

Damals übte das Orchester mehrere S.tze aus der

Sinfonietta von Janá.ek, die für Bl.ser arrangiert waren. Sie

sollten beim Wettbewerb der Jugendblasorchester in der

.freien Auswahl. aufgeführt werden. Die Sinfonietta war

für Schüler ein schweres Stück. Im Fanfarenteil spielten die

Pauken eine entscheidende Rolle. Der Musiklehrer, der das

Orchester leitete, hatte bei der Auswahl des Stückes den

Einsatz seiner beiden guten Paukisten mit einkalkuliert.

Aber da aus den zuvor genannten Gründen pl.tzlich beide

ausfielen, sa. er in der Klemme. Dementsprechend wichtig

war nun die Rolle, die der eingesprungene Tengo zu

erfüllen hatte. Doch das bedrückte diesen wenig, und seine

Darbietung bereitete ihm au.erordentliches Vergnügen.

Als der Wettbewerb geendet hatte (alles war problemlos

gelaufen, sie hatten ihn nicht gewonnen, aber einen der

oberen Pl.tze erreicht), trat Tengos frühere

Vertrauenslehrerin an ihn heran und lobte seinen Auftritt.

.Ich habe dich auf den ersten Blick erkannt., sagte die

kleine Lehrerin (Tengo konnte sich nicht an ihren Namen

erinnern). .Du bist ja ein ausgezeichneter Paukist, ich

musste immer wieder zu dir hinsehen. Du bist zwar sehr

gro. geworden, aber ich habe dich gleich erkannt. Wann

hast du denn angefangen zu musizieren?.

Tengo erz.hlte ihr kurz, wie es dazu gekommen war. .Du

hast wirklich viele Talente., sagte sie beeindruckt.

.Mir macht die Musik fast mehr Spa. als Judo.. Tengo

lachte.

.Wie geht es übrigens deinem Vater?., fragte sie.

.Danke, ganz gut., erwiderte Tengo, aber das war nur so

dahingesagt, denn eigentlich wusste er nicht, ob es seinem

Vater gut ging oder nicht. Es war keine Frage, über die er

besonders gern nachdachte. Mittlerweile war er von zu

Hause ausgezogen und lebte in einem Wohnheim. Er hatte

schon l.nger nicht mehr mit seinem Vater gesprochen.

.Warum sind Sie denn hier?., fragte er die kleine

Lehrerin.

.Meine Nichte spielt Klarinette im Blasorchester einer

anderen Schule. Sie hat ein Solo und hat mich gebeten zu

kommen., sagte sie. .Wirst du weiter Musikunterricht

nehmen?.

.Wenn mein Bein geheilt ist, mache ich wieder Judo. Wer

Judo kann, muss niemals Hunger leiden. An unserer Schule

werden die Judokas besonders gef.rdert. Man bekommt ein

Zimmer im Wohnheim und Essensgutscheine für drei

Mahlzeiten am Tag. Die Musiker nicht..

.Du willst auf keinen Fall Hilfe von deinem Vater

annehmen, nicht wahr?.

.Weil er so ist, wie er ist., sagte Tengo.

Die Lehrerin l.chelte. .Das ist schade. Wo du so begabt

bist..

Tengo sah zu der kleinen Lehrerin hinunter. Er erinnerte

sich, wie er damals bei ihr übernachtet hatte, und sah ihre

etwas unpers.nliche, sehr aufger.umte Wohnung vor sich.

Spitzengardinen und ein paar Topfpflanzen. Ein Bügelbrett

und aufgeschlagene Bücher. Ein kleines rosafarbenes Kleid,

das irgendwo hing. Der Geruch des Sofas, auf dem er

schlafen durfte. Jetzt erst merkte Tengo, dass die Frau, die

vor ihm stand, schüchtern war wie ein junges M.dchen.

Ihm wurde bewusst, dass er kein hilfloses zehnj.hriges

Kind mehr war, sondern ein kr.ftiger siebzehnj.hriger

junger Mann mit einer breiten Brust, Bartwuchs und einem

uners.ttlichen sexuellen Appetit. Und seltsamerweise fand

er den Umgang mit .lteren Frauen besonders entspannend.

.Sch.n, dass wir uns wieder einmal begegnet sind., sagte

die kleine Lehrerin.

.Mich hat es auch sehr gefreut., sagte Tengo und meinte

es ehrlich. Aber an ihren Namen konnte er sich einfach

nicht erinnern.

KAPITEL 15

Aomame

Fest verankern wie einen Luftballon

Aomame achtete streng auf ihre Ern.hrung. Ihr t.glicher

Speiseplan bestand zum gro.en Teil aus Gemüsegerichten,

dazu kamen Meeresfrüchte und Fisch, vor allem

Wei.fische. An Fleisch a. sie nur Geflügel. Sie verwendete

ausschlie.lich frische Zutaten und nicht zu viele Gewürze.

Fettreiche Speisen mied sie und nahm auch genügend

Kohlehydrate zu sich. Statt fertiger Salatso.en benutzte sie

nur Oliven.l, Salz und Zitronensaft. Sie a. nicht einfach

nur viel Gemüse, sondern besch.ftigte sich auch mit dem

N.hrstoffgehalt und bemühte sich um eine ausgewogene

Zusammenstellung. Sie stellte ihren eigenen Speiseplan

zusammen und beriet auf Wunsch auch die Mitglieder des

Sportclubs. Vom Kalorienz.hlen hielt sie nichts. Wer ein

Gefühl dafür erlangt hatte, sich richtig und in

angemessenen Portionen zu ern.hren, brauchte sich darum

keine Gedanken mehr zu machen.

Dennoch lebte sie nicht ausschlie.lich nach ihrem

asketischen Speiseplan, es kam auch vor, dass sie, wenn sie

Hei.hunger darauf verspürte, in ein Restaurant ging und

ein gro.es Steak oder ein Lammkotelett bestellte. Den

unbez.hmbaren Appetit auf ein Nahrungsmittel deutete sie

als den Hinweis ihres K.rpers auf einen Mangel, sozusagen

einen Ruf der Natur, dem zu folgen war.

Aomame trank gern Wein und japanischen Sake, doch

um ihre Leber zu schonen und auch nicht zu viel Zucker zu

sich zu nehmen, verzichtete sie an drei Tagen in der Woche

ganz auf Alkohol. Aomame betrachtete ihren K.rper als

einen geheiligten Tempel, der unter allen Umst.nden stets

rein gehalten werden musste. Makellos rein. Was genau sie

dort anbetete, war eine andere Frage. Darüber konnte sie

sp.ter auch noch nachdenken.

Momentan hatte sie kein Gramm Fett zu viel an ihrem

K.rper und eine ausgepr.gte Muskulatur. Diesen Zustand

überprüfte sie einmal t.glich nackt vor dem Spiegel. Sie war

fasziniert von ihrem K.rper, auch wenn sie ihre Brüste

nicht gro. genug fand – ganz zu schweigen von der

Asymmetrie zwischen der rechten und der linken – und ihr

Schamhaar wucherte, dass es aussah wie ein von einer

Infanterieeinheit niedergetrampeltes Gebüsch.

Unwillkürlich runzelte sie jedes Mal ein wenig die Stirn,

wenn sie sich im Spiegel anschaute. Immerhin hatte sie

kein Fett an sich. Der Kneiftest ergab kein überschüssiges

Fleisch.

Aomame führte ein bescheidenes Leben. Nur für

Lebensmittel gab sie bewusst viel Geld aus. So trank sie nur

gute Weine. Diese Ausgaben reuten sie nicht. Wenn sie

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