Fukaeri hei.t sie. Und über .Die Puppe aus Luft...
Tengo nickte. Fukaeri und .Die Puppe aus Luft.. Er war
im Begriff gewesen, mit Komatsu darüber zu sprechen, als
der .Anfall. kam und das Gespr.ch unterbrach. Tengo
nahm eine Kopie des Manuskripts aus seiner Tasche und
legte es auf den Tisch. Er lie. die H.nde über den Stapel
gleiten und prüfte, wie es sich anfühlte.
.Ich sagte es schon am Telefon: Das Beste an .Die Puppe
aus Luft. ist, dass die Autorin nicht versucht, jemanden zu
imitieren. Das ist .u.erst selten bei einem Erstlingswerk.
Die versuchen sonst immer wie irgendetwas anderes zu
sein.. Tengo sprach wohlüberlegt. .Natürlich ist ihr Stil
noch ungeschliffen und die Wortwahl ungeschickt. Es f.ngt
schon beim Titel an, sie verwechselt .Puppe. mit .Kokon..
Wenn ich wollte, k.nnte ich reihenweise Fehler aufz.hlen.
Aber trotz allem hat die Geschichte etwas sehr
Anziehendes. Als Ganzes ist sie zwar phantastisch, dennoch
ist die Schilderung der Einzelheiten bedrückend real.
Dieses Spannungsverh.ltnis macht sich ausgezeichnet. Ob
ihre Originalit.t, Folgerichtigkeit oder sprachliche Qualit.t
ausreichen, wei. ich nicht. Wenn Sie mir sagen, das Niveau
sei ungenügend, kann das durchaus sein. Der Text liest sich
holprig, aber als ich damit durch war, wirkte er noch lange
ruhig nach. Auch wenn ein seltsames, unbehagliches
Gefühl dabei war, das schwer zu beschreiben ist..
Komatsu sah Tengo wortlos an. Er wollte mehr h.ren.
.Ich konnte das Werk nicht einfach aus der Auswahl
streichen, nur weil es sprachliche und stilistische M.ngel
hat. In den letzten Jahren habe ich berufsm..ig bergeweise
eingereichte Manuskripte gelesen. überflogen kommt der
Sache wohl n.her. Darunter waren vergleichsweise gut
geschriebene Texte und auch v.llig hoffnungslose – letztere
natürlich in der überzahl. Doch von allen Werken, die mir
unter die Augen gekommen sind, hat bisher keins so auf
mich gewirkt wie .Die Puppe aus Luft.. Es war auch das
erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, einen Text, nachdem
ich ihn bereits gelesen hatte, im Geiste noch einmal zu
lesen..
.Aha., sagte Komatsu. Aufrichtig interessiert zog er an
seiner Zigarette. Er spitzte die Lippen. Aber Tengo kannte
ihn nicht erst seit gestern und lie. sich nicht so leicht von
seiner Attitüde t.uschen. Dieser Mann setzte h.ufig ein
Gesicht auf, das mit seinen wahren Gefühlen nichts zu tun
hatte oder sogar ihr Gegenteil ausdrückte. Tengo wartete
geduldig darauf, dass Komatsu sich .u.erte.
.Ich habe es auch gelesen., sagte Komatsu, nachdem er
einen Moment hatte verstreichen lassen. .Gleich nachdem
du mich angerufen hast. Also, nein, es ist doch wirklich
furchtbar schlecht, oder? Die Grammatik ist katastrophal,
und es gibt sogar S.tze, bei denen man nicht versteht, was
sie bedeuten oder was die Autorin damit sagen will. Bevor
sie einen Roman oder so was schreibt, sollte sie lieber erst
mal die Grundbegriffe der Syntax lernen..
.Aber Sie haben es zu Ende gelesen. Stimmt’s?.
Komatsu l.chelte. Es war ein L.cheln aus einer Schublade,
die er für gew.hnlich nicht .ffnete. .Ja, stimmt. Da hast du
recht. Ich habe es ganz gelesen. Hat mich selbst überrascht.
Dass ich ein für den Debütpreis eingereichtes Manuskript
ganz durchlese, das gibt es praktisch nie. Schlimmer noch,
einige Teile habe ich sogar zweimal gelesen. Das kommt
ungef.hr so oft vor wie eine Syzygie. Das gebe ich zu..
.Es hat was. Oder nicht?.
Komatsu legte seine Zigarette in den Aschenbecher und
rieb sich mit dem rechten Mittelfinger einen Nasenflügel,
ohne auf Tengos Frage zu antworten.
.Das M.dchen ist erst siebzehn. Sie geht auf die
Oberschule. Sie hat nur noch keine übung darin, Literatur
zu lesen oder zu schreiben. Für dieses Werk bekommt sie
den Debütpreis wahrscheinlich wirklich nicht. Aber es
h.tte das Zeug dazu, in die engere Auswahl zu kommen. So
weit k.nnen Sie doch entscheiden, Herr Komatsu, oder?
Daran kann sie dann anknüpfen..
.Meinst du?., sagte Komatsu. Er g.hnte gelangweilt und
trank anschlie.end sein Wasser in einem Zug aus. .Tengo,
mein Freund, jetzt überleg doch mal. Angenommen, wir
nehmen diesen Wirrwarr in die engere Auswahl. Die
Damen und Herren von der Jury fallen doch auf den
Hintern. Wom.glich werden sie sogar sauer. Nicht mal zu
Ende lesen werden sie es. In der Jury sind vier aktive
Schriftsteller. Diese Leute haben eine Menge zu tun. Nach
den ersten zwei Seiten schmei.en die das Ding in die Ecke.
Den Aufsatz einer Erstkl.sslerin werden sie es nennen. Wir
haben hier etwas vor uns, das nur gl.nzt, wenn man es
poliert. Wird jemand auf mich h.ren, wenn ich es anpreise?
Auch wenn ich die Macht h.tte zu bestimmen, würde ich
lieber etwas Erfolgversprechenderes nehmen..
.Hei.t das, Sie lassen es einfach fallen?.
.Das habe ich nicht gesagt.. Komatsu rieb sich den
Nasenflügel. .Ich habe nur eine etwas andere Idee..
.Eine etwas andere Idee., sagte Tengo. Die Worte hatten
einen leicht unheilvollen Klang.
.Du schl.gst vor, wir sollen unsere Erwartungen auf ihr
n.chstes Werk richten., sagte Komatsu. .Ich selbst würde
natürlich gern warten. Für einen Redakteur ist es die gr..te
Freude, einen jungen Autor langsam und liebevoll
heranzuziehen. Welch herzerquickliche Besch.ftigung ist
es doch, den Blick über den klaren Nachthimmel schweifen
zu lassen und einen neuen Stern zu entdecken, bevor es ein
anderer tut. Leider kann ich mir, ehrlich gesagt, nur schwer
vorstellen, dass von diesem M.dchen noch mehr zu
erwarten sein wird. Bei aller Fehlbarkeit friste ich immerhin
seit zwanzig Jahren mein Leben in dieser Branche. In der
Zwischenzeit habe ich alle m.glichen Autoren kommen
und gehen sehen. Dabei habe ich einigerma.en gelernt,
die, von denen noch was kommt, und die, von denen
wahrscheinlich nichts mehr kommt, zu unterscheiden. Und
dass es bei dem M.dchen kein n.chstes Mal gibt, kann ich
dir jetzt schon sagen. Tut mir leid. Auch kein übern.chstes
Mal. Und kein überübern.chstes Mal. Erstens hat sie einen
Stil, den man nicht mit der Zeit durch übung verbessern
kann. Da kannst du warten, bis du schwarz wirst. Man kann
keinen guten Text schreiben, wenn man zwar die
Absicht hat, einen guten Text zu schreiben, aber keinen
blassen Schimmer, wie das geht. Wer schreiben will, muss
entweder über ein angeborenes literarisches Talent
verfügen oder sich abmühen, bis er wahnsinnig wird oder
stirbt. Eine andere M.glichkeit gibt es nicht. Aber auf diese
Fukaeri trifft weder das eine noch das andere zu. Sie hat
keine erkennbare natürliche Begabung und anscheinend
auch nicht die Absicht, sich zu bemühen. Warum sie diese
Geschichte geschrieben hat, wei. ich nicht, aber bestimmt
nicht aus Interesse an der Schriftstellerei. Offenbar hat sie
den Wunsch, eine Geschichte zu erz.hlen, anscheinend
sogar den recht starken Willen. Das erkennt man. Das ist es
auch, was dich bei aller Ungeschliffenheit anzieht und mich
dazu gebracht hat, das Manuskript zu Ende zu lesen. Es ist
in jedem Fall ein tolles Ding. Dennoch hat sie als
Schriftstellerin keinen Fliegenschiss von einer Zukunft.
Jetzt bist du wahrscheinlich entt.uscht, aber so ist es nun
mal – wenn ich dir ganz offen meine Meinung sagen darf..
Tengo dachte nach. Was Komatsu zu sagen hatte, klang
vernünftig. Verlegerischen Instinkt konnte man ihm nicht
absprechen.
.Aber es w.re doch nicht schlecht, ihr eine Chance zu
geben, oder?., sagte Tengo.
.Du willst sie ins kalte Wasser werfen und sehen, ob sie
schwimmt oder untergeht?.
.Vereinfacht ausgedrückt..
.Ich habe schon genug sinnlose Zerst.rung angerichtet.
Ich will nicht mehr zusehen, wie jemand abs.uft..
.Und wie beurteilen Sie dann meinen Fall?.
.Du bemühst dich wenigstens., sagte Komatsu
nachdrücklich. .Soweit ich sehen kann, gibt es bei dir keine
Schlamperei. Du empfindest gro.e Hochachtung vor dem
Schreiben. Und warum? Weil du gern schreibst. Auch das
sch.tze ich an dir. Die Liebe zum Schreiben ist für
jemanden, der die Schriftstellerlaufbahn anstrebt, die
wichtigste Eigenschaft..
.Aber das allein genügt nicht..
.Natürlich genügt das nicht. Man braucht .das gewisse
Etwas.. Und das beinhaltet zumindest, dass ich nicht
aufh.ren kann zu lesen. Bei Romanen ist das mein erstes
Einsch.tzungskriterium. An Büchern, die ich gleich wieder
aus der Hand legen kann, habe ich nicht das geringste
Interesse. Das ist doch eine klare Sache. Eine ganz simple
Angelegenheit..
Einen Moment lang schwieg Tengo. Dann sagte er: .Aber
das, was Fukaeri geschrieben hat, erfüllt dieses Kriterium
doch. Sie konnten nicht aufh.ren zu lesen..
.Ja, ja, natürlich. Die Kleine hat irgendetwas Besonderes.
Was, wei. ich nicht, aber sie hat es. Das merkt man. Du
merkst es, ich merke es. Es ist für jedermann deutlich
erkennbar, wie der Rauch eines Lagerfeuers an einem
windstillen Tag. Aber, mein lieber Tengo, was das M.dchen
hat, sollte man vielleicht nicht in ihren H.nden lassen..
.Weil keine Aussicht besteht, dass sie schwimmt, wenn
wir sie ins Wasser werfen..
.Genau..
.Also kommt sie nicht in die Auswahl?.
.O doch., sagte Komatsu. Er verzog die Lippen und legte
beide H.nde nebeneinander auf den Tisch. .An dieser
Stelle muss ich meine Worte mit Bedacht w.hlen..
Tengo nahm seine Tasse und betrachtete den Kaffeesatz.
Er stellte sie wieder ab. Komatsu sagte noch immer nichts.
Also ergriff Tengo das Wort. .Jetzt kommt wohl die .etwas
andere Idee. ins Spiel, von der Sie gesprochen haben?.
Komatsu kniff die Augen zusammen, wie ein Lehrer, der
einen guten Schüler vor sich hat, und nickte bed.chtig.
.Ganz genau, mein lieber Junge, du sagst es..
Komatsu hatte etwas Undurchschaubares an sich.
Niemals konnte man von seiner Miene oder Stimme auf
seine Gedanken und Gefühle schlie.en. Er schien es selbst
nicht wenig zu genie.en, anderen Sand in die Augen zu
streuen. Auf alle F.lle arbeitete sein Kopf sehr schnell. Er
war ein Typ, der stets seiner eigenen Logik folgte und der
urteilte, ohne auf die Erwartungen anderer Rücksicht zu
nehmen. Er spielte sich nie unn.tig auf, hatte aber eine
gewaltige Menge von Büchern gelesen und verfügte über
gro.e Detailkenntnis auf den verschiedensten Gebieten.
Aber er besa. nicht nur Wissen, sondern auch Scharfblick,
der es ihm erm.glichte, Menschen und Werke zu
durchschauen. Dazu geh.rte wahrscheinlich auch eine
gewisse Voreingenommenheit, doch die war für ihn ein
wichtiger Aspekt der Wahrheit.
Komatsu war von Natur aus kein Mann vieler Worte, und
er hasste es, überflüssige Erkl.rungen abgeben zu müssen,
aber wenn es n.tig war, vermochte er seine Meinung
scharfsinnig und logisch zu vertreten. Er konnte auch
ziemlich bissig werden. Dann traf er die verwundbarste
Stelle seines Gegners mit einem gezielten Hieb. Er hatte
starke pers.nliche Vorlieben, allerdings überwog die Zahl
der Personen und Werke, die er nicht tolerieren konnte, die
der anderen bei weitem. Naturgem.. war auch die Zahl
derer, die keine Sympathie für ihn hegten, gr..er als die
derjenigen, die ihn mochten, was seinen eigenen
Wünschen jedoch durchaus entgegenkam. Wie Tengo es
sah, war Komatsu gern allein, und er genoss es sogar, von
anderen mit Distanz behandelt oder eindeutig abgelehnt zu
werden. Komatsus überzeugung zufolge erwuchs ein
scharfer Geist nicht aus behaglichen Umst.nden.
Komatsu war fünfundvierzig, also sechzehn Jahre .lter als
Tengo. Er widmete sich mit gro.em Engagement der
Herausgabe einer Kunst- und Literaturzeitschrift und galt
in der Fachwelt als Experte. über sein Privatleben jedoch
wusste niemand etwas. Durch seinen Beruf kannte er zwar
eine Menge Leute, aber über pers.nliche Dinge sprach er
mit niemandem. Tengo hatte keine Ahnung, wo Komatsu
geboren und aufgewachsen war oder wo er augenblicklich
wohnte. Obwohl sie lange Gespr.che führten, wurden diese
Themen nie angeschnitten. Man wunderte sich, dass
Komatsu bei seiner ausgepr.gten Unzug.nglichkeit und
seiner ver.chtlichen Haltung gegenüber dem
Literaturbetrieb so viele Manuskripte namhafter Autoren
an Land zog, aber er bekam offenbar mühelos immer genau
das zusammen, was gerade gebraucht wurde. H.ufig war es
ihm zu verdanken, dass die Zeitschrift ein gewisses
Erscheinungsbild und Format besa.. Deshalb war er, wenn
auch nicht gerade beliebt, so doch angesehen.
Gerüchten zufolge hatte Komatsu in den sechziger Jahren,
als er an der Universit.t Tokio Literaturwissenschaft
studierte, an den Protesten gegen den Sicherheitsvertrag
zwischen den USA und Japan teilgenommen. Es hie., er
habe zu den Anführern der Studentenbewegung geh.rt und
sei ganz in der N.he gewesen, als Michiko Kanba auf einer
Demonstration von der Polizei angegriffen und get.tet
wurde. Komatsu sei ebenfalls schwer verletzt worden. Wie
viel davon der Wahrheit entsprach, wusste man nicht. Aber
eigentlich klang es recht überzeugend. Komatsu war lang
und dünn, sein Mund unverh.ltnism..ig gro., die Nase
unverh.ltnism..ig klein. Er hatte schlaksige Arme und
Beine, und seine Finger waren gelb vom Nikotin. Er
erinnerte an einen der Revolution.re aus einer
heruntergekommenen Intelligenzija, wie sie in russischen
Romanen des 19. Jahrhunderts vorkommen. Er lachte so gut
wie nie, aber wenn, dann über das ganze Gesicht. Doch
selbst dann sah er nie besonders fr.hlich aus, sondern
lediglich wie ein überalterter Zauberlehrling, der kichernd
unheilvolle Weissagungen erstellte. Er war reinlich und
achtete auf seine .u.ere Erscheinung, trug aber immer
etwas .hnliches, vermutlich, um der Welt zu zeigen, wie
gering sein Interesse an Kleidung war. Seine Uniform
bestand aus Tweedjacketts, wei.en Oxfordhemden oder
grauen Poloshirts, grauen Hosen und Wildlederschuhen.
Eine Krawatte trug er nie. Man konnte f.rmlich vor sich
sehen, wie das in Farbe, Herkunft und Gr..e kaum zu
unterscheidende halbe Dutzend Tweedjacketts mit drei