Mann ist, wer er ist, haben wir entsprechend reagiert: .Ja,
der Herr hat v.llig recht, der Wein hat vielleicht ein wenig
zu viel S.ure. M.glicherweise hat man im Lager des
Importeurs nicht aufgepasst. Wir bringen Ihnen sofort eine
andere Flasche. Da erkennt man doch gleich den
Connaisseur …. Auf diese Weise gibt es keinen .rger. Und –
ich darf es eigentlich nicht laut sagen – man kann die
Rechnung ja entsprechend erh.hen. Das geht sowieso auf
Spesen. Aber ein Restaurant wie das unsere reagiert
selbstverst.ndlich auf jede Beschwerde..
.Aber uns macht so was ja nichts aus..
Der Küchenchef zwinkerte ihr zu. .Bestimmt nicht,
oder?.
.Natürlich nicht..
.überhaupt nichts..
.Ist diese hübsche junge Dame Ihre Schwester?.,
erkundigte der Chef sich bei Aomame.
.Sehen wir denn aus wie Schwestern?., fragte Aomame.
.Nicht direkt, aber Sie haben eine .hnliche
Ausstrahlung., sagte der Küchenchef.
.Wir sind befreundet., erkl.rte Aomame. .Sie ist
Polizistin..
.Wirklich?. Der Küchenchef musterte Ayumi noch
einmal mit ungl.ubiger Miene. .Sie haben eine Pistole und
gehen auf Streife?.
.Aber ich habe noch nie auf jemanden geschossen., sagte
Ayumi.
.Ich hoffe, ich habe nichts Falsches gesagt..
Ayumi schüttelte den Kopf. .Aber nein, gar nicht..
Der Chef faltete l.chelnd die H.nde vor der Brust.
.Jedenfalls ist das hier ein Burgunder, den ich Ihnen mit
bestem Gewissen empfehlen kann. Er stammt von einem
alten, angesehenen Weingut, ist ein guter Jahrgang und
kostet, wenn man ihn regul.r bestellt, mehrere
zehntausend Yen..
Ein Kellner erschien und schenkte den beiden ein.
Aomame und Ayumi stie.en mit dem kostbaren Wein an.
Es klang wie fernes Himmelsgel.ut, als ihre Gl.ser sanft
aufeinandertrafen.
.Ah, einen so k.stlichen Wein trinke ich zum ersten Mal
in meinem Leben., sagte Ayumi mit halb geschlossenen
Augen, nachdem sie einen Schluck genommen hatte. .Wer
in aller Welt würde sich über diesen Wein beschweren?.
.Es gibt Leute, die sich über alles beschweren., sagte
Aomame.
Ausführlich studierten die beiden die Speisekarte. Ayumi
las sie gewissenhaft zweimal von vorn bis hinten durch, wie
ein tüchtiger Rechtsanwalt einen wichtigen Vertrag
studiert. Hatte sie auch nichts Wichtiges übersehen? Oder
verbarg sich doch irgendwo ein raffiniertes Schlupfloch? Sie
lie. sich die verschiedenen Bedingungen und Klauseln
angestrengt durch den Kopf gehen und überdachte das sich
daraus ergebende Resultat. Sie wog Vor- und Nachteile
genau ab. Aomame beobachtete sie interessiert von ihrem
Platz gegenüber.
.Hast du dich entschieden?., fragte sie.
.Einigerma.en., sagte Ayumi.
.Und was nimmst du?.
.Die Miesmuschelsuppe, den Salat aus drei Zwiebelsorten
und dann das in Bordeaux gesimmerte Hirn vom Iwate-
Kalb. Und du?.
.Linsensuppe, die Platte aus gemischten
Frühlingsgemüsen, dann in Folie gebackenen Seeteufel mit
Polenta. Rotwein passt nicht so gut dazu, aber ich will nicht
meckern, er geht ja aufs Haus..
.K.nnen wir voneinander probieren?.
.Natürlich., sagte Aomame. .Und wenn es dir recht ist,
teilen wir uns als Vorspeise eine Portion frittierte junge
Garnelen..
.Wunderbar., sagte Ayumi.
.Wir klappen besser die Speisekarten zu., erkl.rte
Aomame. .Sonst kommt der Kellner nie..
.Gewiss.. Ayumi schloss bedauernd die Karte und legte
sie auf den Tisch zurück. Sofort erschien der Kellner, um
ihre Bestellung aufzunehmen.
.Kaum habe ich bestellt, habe ich das Gefühl, das Falsche
bestellt zu haben., sagte Ayumi, als der Kellner gegangen
war. .Geht dir das auch so?.
.Und wenn schon, es ist doch nur Essen. Besser als im
richtigen Leben einen Fehler zu machen. Dagegen ist das
doch eine Lappalie..
.Wenn man es so sieht, natürlich., sagte Ayumi. .Aber
für mich ist es wichtig. Schon als Kind war das bei mir so.
St.ndig habe ich meine Entscheidung bereut: .Ach, h.tte
ich doch lieber statt dem Hamburger eine Shrimp-Krokette
genommen.. Warst du schon immer so gelassen?.
.In der Familie, in der ich aufgewachsen bin, war es aus
bestimmten Gründen nicht üblich, essen zu gehen. Das gab
es nicht. Nie. Soweit ich zurückdenken kann, waren wir
nicht ein einziges Mal in einem Restaurant. Eine
Speisekarte gelesen, mir etwas ausgesucht und bestellt, was
ich gern essen m.chte, habe ich zum ersten Mal, als ich
schon erwachsen war. Bis dahin habe ich tagein, tagaus
gegessen, was auf den Tisch kam. Auch wenn es mir nicht
schmeckte oder zu wenig war, es wurde sich nicht
beschwert. Aber um die Wahrheit zu sagen, diese Dinge
bedeuten mir auch heute nicht viel..
.Ach so? Das wirkt aber überhaupt nicht so. Ich dachte
eher, du w.rst von Kindheit an feine Restaurants gew.hnt..
Tamaki Otsuka hatte Aomame in all diese Dinge
eingeführt. Wie man sich in eleganten Restaurants
benahm, ohne sich zu blamieren, wenn man ein Gericht
ausw.hlte, wie man Wein oder ein Dessert bestellte, wie
man sich Kellnern gegenüber verhielt, wie man Besteck
korrekt benutzte, all das hatte Tamaki gewusst und
Aomame beigebracht. Auch sich zurechtzumachen –
Kleidung, Schmuck und Accessoires auszuw.hlen und sich
zu schminken – hatte Aomame von Tamaki gelernt. All das
war für Aomame v.lliges Neuland gewesen. Tamaki
hingegen war in einem wohlhabenden Haus in der
Oberstadt aufgewachsen, und ihre Mutter, eine Dame der
Gesellschaft, hatte stets überm..ig auf die Manieren und
die Garderobe ihrer Tochter geachtet. Deshalb verfügte
Tamaki schon als Oberschülerin über gro.e Weltl.ufigkeit.
Auch an Orten, an denen für gew.hnlich nur Erwachsene
verkehrten, bewegte sie sich v.llig souver.n. Aomame hatte
diese Kenntnisse gierig aufgesogen. H.tte sie nicht zuf.llig
in Tamaki eine so gute Lehrerin gefunden, wahrscheinlich
w.re ein ganz anderer Mensch aus ihr geworden.
Manchmal hatte Aomame sogar insgeheim das Gefühl, dass
Tamaki in ihr weiterlebte.
Ayumi war anfangs etwas aufgeregt gewesen, aber je mehr
sie von dem Wein trank, desto gel.ster wurde sie.
.Du, Aomame, ich würde dich gern etwas fragen., sagte
Ayumi. .Du brauchst natürlich nicht zu antworten, wenn
du nicht willst. Aber ich m.chte es wirklich gern wissen.
Ver.rgern will ich dich natürlich auch nicht..
.Wirst du schon nicht..
.Ich meine es nicht b.se, auch wenn ich manchmal
komische Fragen stelle. Das wei.t du ja. Ich bin nur so
neugierig. Aber manche Leute werden gleich unheimlich
sauer..
.Okay, ich werde nicht sauer..
.Wirklich nicht? Das sagen alle, und dann werden sie
doch sauer..
.Ich bin die Ausnahme. Frag schon..
.Als du klein warst, hat da ein Mann mal was Komisches
mit dir gemacht?.
Aomame schüttelte den Kopf. .Ich glaube nicht. Wieso?.
.Nur eine Frage. Wenn nicht, umso besser., sagte Ayumi.
Dann wechselte sie das Thema. .Hast du schon mal einen
Freund gehabt? Eine ernstzunehmende Beziehung, meine
ich..
.Nein..
.überhaupt nie?.
.Nein, nie., sagte Aomame. Sie z.gerte. .Ehrlich gesagt
war ich bis zu meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr
Jungfrau..
Ayumi verschlug es für einen Moment die Sprache. Sie
legte Messer und Gabel ab und wischte sich mit der
Serviette den Mund. Eine Weile starrte sie Aomame
forschend ins Gesicht.
.Eine so sch.ne Frau wie du? Unglaublich..
.Ich hatte überhaupt kein Interesse..
.An M.nnern?.
.Nur an einem., sagte Aomame. .Ich habe mich mit zehn
Jahren in ihn verliebt und seine Hand gehalten..
.Du hast dich mit zehn Jahren in einen Jungen verliebt?
Und das war alles?.
.Ja..
Ayumi nahm Messer und Gabel und zerschnitt
nachdenklich eine junge Garnele. .Und wo ist dieser Junge
jetzt, und was macht er?.
Aomame zuckte mit den Schultern. .Ich wei. es nicht. In
Ichikawa waren wir im dritten und vierten Schuljahr in
einer Klasse. In der fünften bin ich auf eine Schule in der
Innenstadt gekommen, und seitdem habe ich ihn nicht
mehr gesehen oder gesprochen. Falls er noch lebt, muss er
jetzt neunundzwanzig Jahre alt sein, mehr wei. ich nicht
von ihm. Wahrscheinlich wird er im Herbst drei.ig..
.Hei.t das, du willst nicht herausfinden, wo er jetzt ist
und was er macht? Allzu schwer dürfte das doch nicht
sein..
Aomame schüttelte heftig den Kopf. .Ich hatte nie Lust,
nach ihm zu forschen..
.Komisch. Also, ich an deiner Stelle würde Himmel und
H.lle in Bewegung setzen, um ihn zu finden. Wenn du ihn
so magst, w.re es doch das Beste, ihm deine Liebe zu
gestehen..
.Aber das will ich nicht., sagte Aomame. .Ich will, dass
wir uns eines Tages zuf.llig begegnen. Zum Beispiel, dass
wir auf der Stra.e aneinander vorbeigehen oder in
denselben Bus einsteigen oder so was..
.Eine schicksalhafte Begegnung..
.Ja, so was in der Art., sagte Aomame und nahm einen
Schluck Wein. .Dann würde ich ihm alles sagen. Dass er
die einzige Liebe meines Lebens ist..
.Das finde ich unheimlich romantisch., sagte Ayumi
leicht resigniert. .Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ihr
euch wirklich begegnet, ist ziemlich gering, fürchte ich.
Schlie.lich habt ihr euch zwanzig Jahre nicht gesehen, und
er hat sich bestimmt .u.erlich ganz sch.n ver.ndert. Ob
ihr euch überhaupt erkennen würdet, wenn ihr auf der
Stra.e aneinander vorbeigeht?.
Aomame nickte. .Ganz egal, wie sehr er sich ver.ndert
hat, ich würde ihn auf den ersten Blick erkennen. Ohne
jeden Zweifel..
.Wirklich?.
.Doch, ganz sicher..
.Du hoffst also allen Ernstes auf diese zuf.llige
Begegnung?.
.Deshalb gehe ich nie unaufmerksam durch die Stra.en..
.Hm., machte Ayumi. .Und obwohl du ihn so sehr liebst,
macht es dir nichts aus, mit anderen M.nnern Sex zu
haben? Also seit deinem sechsundzwanzigsten
Lebensjahr..
Aomame überlegte kurz. .Ach, das sind doch nur
vorübergehende Geschichten. Von denen nichts
zurückbleibt..
Die beiden schwiegen eine Weile und konzentrierten sich
auf ihre Speisen. Ayumi sprach als Erste. .Verzeih mir die
aufdringliche Frage, aber ist irgendetwas geschehen, als du
sechsundzwanzig warst?.
Aomame nickte. .Ja, damals ist etwas geschehen, das
mich v.llig ver.ndert hat. Aber das kann ich dir nicht hier
und jetzt erz.hlen. Entschuldige..
.V.llig in Ordnung., sagte Ayumi. .Du nimmst es mir
doch nicht übel, dass ich so hartn.ckig frage?.
.Kein bisschen., sagte Aomame.
Die Suppe wurde serviert, und sie a.en schweigend. Dann
legten sie ihre L.ffel ab, und der Kellner r.umte ab. Erst
jetzt nahmen sie ihr Gespr.ch wieder auf.
.Aber hast du denn gar keine Angst, Aomame?.
.Wovor zum Beispiel?.
.Davor, dass du ihm vielleicht nie begegnest. Natürlich
gibt es solche Zuf.lle. Ich würde das auch am sch.nsten
finden und wünsche es dir von Herzen. Aber realistisch
betrachtet ist es doch viel wahrscheinlicher, dass ihr euch
niemals wiederseht. Oder gesetzt den Fall, ihr trefft euch
wieder, aber er ist schon mit einer anderen Frau
verheiratet. Und hat wom.glich zwei Kinder. K.nnte doch
sein, oder? Dann würdest du dein ganzes restliches Leben
allein verbringen. Ohne mit dem einzigen Menschen auf
der Welt, den du liebst, zusammen sein zu k.nnen. Macht
dir diese Vorstellung denn keine Angst?.
Aomame betrachtete den roten Wein in ihrem Glas.
.Vielleicht habe ich wirklich Angst. Aber zumindest habe
ich jemanden, den ich liebe..
.Auch wenn der andere dich vielleicht gar nicht liebt?.
.Es genügt, einen einzigen Menschen von ganzem Herzen
zu lieben, denn dann gibt es eine Rettung im Leben. Auch
wenn man mit diesem Menschen nicht zusammen sein
kann..
Ayumi dachte eine Weile nach. Der Kellner kam, um
ihnen nachzuschenken, und Aomame nahm einen Schluck.
Ayumi hat recht, dachte sie, wer würde sich über diesen
herrlichen Wein beschweren?
.Du bist einmalig, Aomame. So voller Weisheit!.
.Das ist keine Weisheit. Nur meine ehrliche Meinung..
.Ich habe auch mal jemanden geliebt., gestand Ayumi.
.Den Mann, mit dem ich gleich nach der Oberschule zum
ersten Mal geschlafen habe. Er war drei Jahre .lter als ich.
Danach war er sofort mit einem anderen M.dchen
zusammen. Das hat mich ziemlich mitgenommen. Ich war
sehr verletzt. Der Mann bedeutet mir l.ngst nichts mehr,
aber die Verletzung ist noch immer nicht richtig geheilt.
Ein hinterh.ltiger Kerl, der zweigleisig gefahren ist. So ein
aalglatter Typ. Trotzdem habe ich mich in ihn verliebt..
Aomame nickte. Auch Ayumi nahm ihr Weinglas und
trank.
.Der ruft mich sogar jetzt noch manchmal an. Ob wir uns
nicht mal treffen wollen. Natürlich will er nur Sex. Das
wei. ich ganz genau. Deshalb treffe ich mich auch nicht
mit ihm, sonst würde es wieder fürchterlich werden. Aber
auch wenn ich es im Kopf kapiert habe, reagiert mein
K.rper ganz anders. Ich sehne mich danach, von ihm in die
Arme genommen zu werden. Und wenn dann eins zum
anderen kommt, m.chte ich ab und zu richtig loslassen.
Kannst du das verstehen?.
.Ja, kann ich., sagte Aomame.
.Im Grunde ist der Typ ja das Letzte. Fieser Charakter
und im Bett auch eine ziemliche Null. Aber er hat
wenigstens keine Angst vor mir. Und zumindest ist er
aufrichtig um mich bemüht..
.Gefühle kannst du dir nicht aussuchen., sagte Aomame.
.Sie dringen einfach von au.en in dich ein. Das ist schon
etwas anderes, als ein Gericht von der Speisekarte zu
w.hlen..
.Aber wenn du dich für das Falsche entschieden hast,
bereust du es in beiden F.llen..
Beide lachten.
.Wir sind so erpicht darauf, selbst zu entscheiden, ob es
nun um M.nner geht oder Speisekarten., sagte Aomame,
.dabei haben wir in Wirklichkeit wom.glich nicht mal die
Wahl. Vielleicht bilden wir uns nur ein, sie zu haben, und
doch ist alles von Anfang an vorherbestimmt. Dann w.re so
etwas wie ein freier Wille nur unser subjektiver Eindruck.
Mitunter glaube ich, es ist so..
.Diese Perspektive finde ich ziemlich trübsinnig..