.Mag sein..
.Aber wenn du jemanden hast, den du wirklich liebst,
auch wenn er vielleicht das Letzte ist oder dich gar nicht
wiederliebt, ist das Leben zumindest keine H.lle. Wenn
auch manchmal ein bisschen trübsinnig..
.Stimmt..
.Wei.t du, Aomame., sagte Ayumi. .Ich glaube, auf
dieser Welt gibt es keine Vernunft, und an Güte fehlt es
auch..
.Kann sein., sagte Aomame. .Aber das l.sst sich wohl
jetzt nicht mehr .ndern..
.Das Rückgabedatum ist abgelaufen., sagte Ayumi.
.Und die Quittung weggeschmissen..
.K.nnte man sagen..
.Die Welt verlischt in einem Augenblick..
.Das w.re lustig..
.Und das K.nigreich kommt..
.Ich kann’s kaum erwarten., sagte Ayumi.
Die beiden verzehrten ihr Dessert, tranken noch einen
Espresso und teilten die (erstaunlich niedrige) Rechnung.
Anschlie.end tranken sie in einer Bar in der N.he noch
einen Cocktail.
.Guck mal, Aomame, der da drüben, k.nnte der nicht
dein Typ sein?.
Aomame sah hinüber. Ein gro.er Mann mittleren Alters
stand allein am Ende der Bar und trank einen Martini. Er
war der Typ, der in der Schule gut in Sport gewesen und
nun in die Jahre gekommen war. Sein Haar hatte sich schon
etwas gelichtet, aber sein Gesicht wirkte noch jugendlich.
.Ja, kann sein, aber heute will ich keinen Mann., sagte
Aomame entschieden. .Au.erdem ist das hier eine seri.se
Bar..
.Ich wollte es dir nur sagen..
.N.chstes Mal wieder, ja?.
Ayumi sah Aomame ins Gesicht. .Hei.t das, wir gehen
wieder mal zusammen los? Auf die Pirsch?.
.Klar., sagte Aomame. .Machen wir..
.Super. Ich habe das Gefühl, mit dir zusammen kann ich
alles schaffen..
Aomame trank von ihrem Daiquiri und Ayumi von ihrem
Tom Collins.
.übrigens, du hast doch letztes Mal am Telefon gesagt,
wir h.tten da so was Lesbisches gemacht. Was war das
denn?.
.Ach das., sagte Ayumi. .Nichts Gro.artiges. Nur um es
aufregender zu machen. Erinnerst du dich gar nicht?
Immerhin warst du ziemlich erregt..
.Ich erinnere mich an gar nichts. Totaler Blackout., sagte
Aomame.
.Wir waren nackt und haben unsere Brüste gestreichelt
und uns dort geküsst ….
.Dort geküsst?. Aomame blickte sich hastig um. Es war
ruhig in der Bar, und sie hatte viel zu laut gesprochen.
Glücklicherweise schien niemand sie geh.rt zu haben.
.Nur so pro forma. Ohne Zunge..
.Du meine Güte.. Aomame presste sich die Finger gegen
die Schl.fen und seufzte. .Unglaublich, was ich alles
gemacht habe..
.Tut mir leid., sagte Ayumi.
.Schon gut. Du kannst ja nichts dafür. Ich darf mich eben
nicht so besaufen..
.Aber du wirktest so unschuldig. Man hatte das Gefühl, es
sei ganz neu für dich..
.Weil es auch ganz neu für mich war., sagte Aomame.
.Noch nie gemacht?.
Aomame schüttelte den Kopf. .Nie. Hast du lesbische
Neigungen?.
Ayumi schüttelte den Kopf. .Nein, ich habe das auch zum
ersten Mal im Leben gemacht. Wirklich. Aber ich war
ziemlich betrunken. Au.erdem fand ich es okay, weil du es
warst. Man kann doch zum Spa. mal so tun. Und du,
Aomame, magst du Frauen?.
.Nein, kein Interesse. Aber ich habe so etwas mal mit
einer guten Freundin gemacht, als ich noch auf der Schule
war. Wir hatten es gar nicht geplant, es hat sich einfach
irgendwie ergeben, wei.t du..
.So was kommt vor. Und hast du damals etwas
empfunden?.
.Ja, ich glaube schon., sagte Aomame offen. .Aber das
war das einzige Mal. Ich fand, wir durften das nicht tun..
.Ihr durftet nicht?.
.Damit meine ich nicht, dass ich es verboten oder
schmutzig fand. Ich fand nur, wir – sie und ich – sollten
keine solche Beziehung haben. Unsere Freundschaft war
mir sehr wichtig, und ich wollte sie nicht auf eine andere,
vielleicht vulg.re Ebene ziehen..
.Aha., sagte Ayumi. .Du, Aomame, dürfte ich heute
vielleicht bei dir übernachten? Ich m.chte jetzt nicht ins
Wohnheim zurück. Dann w.re die ganze sch.ne Eleganz
mit einem Schlag wieder dahin..
Aomame nahm den letzten Schluck von ihrem Daiquiri
und stellte das Glas auf die Theke. .Du kannst bei mir
schlafen, aber keine Spielchen..
.O ja, danke. Und nein, natürlich keine Spielchen. Ich
m.chte nur noch ein bisschen mit dir zusammen sein. Ich
schlafe, wo Platz ist, ganz egal. Auch auf dem Fu.boden.
Au.erdem habe ich morgen frei und kann es langsam
angehen..
Sie stiegen in eine Bahn und fuhren zu Aomames
Apartment in Jiyugaoka. Es war noch vor elf Uhr. Die
beiden waren angeheitert und fühlten sich angenehm
schl.frig. Aomame machte auf dem Sofa ein Bett zurecht
und lieh Ayumi einen Pyjama.
.Darf ich noch zu dir ins Bett? Nur ganz kurz kuscheln.
Kein Gefummel. Versprochen., sagte Ayumi.
.Na gut., sagte Aomame. Schon bemerkenswert: Eine
Frau, die bisher drei M.nner get.tet hatte, und eine
Polizistin legten sich zusammen in ein Bett. Es ging doch
sonderbar zu auf dieser Welt.
Ayumi schlüpfte in ihr Bett und schlang beide Arme um
Aomame. Ihre festen Brüste wurden gegen Aomames Arm
gepresst. Ihr Atem roch nach einer Mischung aus Alkohol
und Zahnpasta.
.Du, Aomame? Findest du, dass meine Brüste zu gro.
sind?.
.Nein, gar nicht. Sie sind sehr sch.n..
.Aber Frauen mit gro.en Brüsten gelten doch als dumm.
Au.erdem wabbeln sie, wenn man rennt, ganz zu
schweigen von der Peinlichkeit, BHs zum Trocknen
aufzuh.ngen, die wie zwei Salatschüsseln aussehen..
.M.nner scheinen eine Vorliebe für gro.e Brüste zu
haben..
.Au.erdem sind meine Brustwarzen zu gro...
Ayumi kn.pfte den Pyjama auf, holte eine Brust hervor
und zeigte Aomame die Brustwarze. .Guck mal. Riesig,
oder? Findest du das nicht abartig?.
Aomame betrachtete die Brustwarze. Sie war tats.chlich
nicht gerade klein, aber auch nicht auffallend gro..
Vielleicht ein bisschen gr..er als die von Tamaki. .Sieht
doch hübsch aus. Hat dir einer gesagt, sie seien zu gro.?.
.Ja, so ein Typ. So riesige Brustwarzen h.tte er noch nie
gesehen..
.Dann hat er noch nicht viele gesehen. Die sind doch
ganz normal. Nur meine sind zu klein..
.Aber deine Brüste gefallen mir unheimlich gut. Ihre
Form ist elegant, das macht einen intelligenten Eindruck..
.Quatsch. Sie sind zu klein. Au.erdem sind sie
asymmetrisch. Deshalb habe ich Schwierigkeiten, BHs zu
finden. Ich brauche verschiedene Gr..en für rechts und
links..
.Aha. So hat jeder seine Probleme..
.Genau so ist es., sagte Aomame. .Also, schlaf jetzt..
Ayumi streckte die Arme nach unten aus und versuchte
ihre H.nde unter Aomames Pyjama zu schieben. Aomame
hielt sie fest und drückte sie beiseite.
.Lass das. Du hast es doch eben versprochen, oder nicht?
Kein Gefummel..
.Tschuldige.. Ayumi zog ihre H.nde zurück. .Stimmt,
ich habe es ja gerade versprochen. Ich muss betrunken sein.
Aber ich schw.rme für dich, Aomame. Wie eine vertr.umte
Oberschülerin..
Aomame schwieg.
.Das Wichtigste bewahrst du für diesen Jungen auf,
oder?., fragte Ayumi leise. .Darum beneide ich dich. Dass
du einen Menschen hast, für den du alles tun würdest..
Mag sein, dachte Aomame. Aber was ist wohl das
Wichtigste für mich?
.Schlaf jetzt., sagte sie. .Du kannst dich an mich
schmiegen, bis du einschl.fst..
.Danke., sagte Ayumi. .Tut mir leid, dass ich dich
nerve..
.Du brauchst dich nicht zu entschuldigen., antwortete
Aomame. .Du nervst nicht..
Aomame spürte Ayumis warmen Atem, in der Ferne
bellte ein Hund, irgendwo schlug jemand ein Fenster zu.
W.hrenddessen streichelte sie die ganze Zeit Ayumis Haar.
Als Ayumi eingeschlafen war, verlie. Aomame das Bett.
Es sah ganz so aus, als würde sie die Nacht auf dem Sofa
verbringen. Sie nahm eine Flasche Mineralwasser aus dem
Kühlschrank und trank zwei Gl.ser. Dann trat sie auf den
kleinen Balkon hinaus, setzte sich auf den Aluminiumstuhl
und schaute auf die Stra.e. Die Nacht war mild. Der L.rm
der fernen Stra.en, den der leichte Wind zu ihr
herübertrug, klang wie künstliches Meeresrauschen. Es war
nach Mitternacht, und der Schein der Neonlichter war
schw.cher geworden.
Aomame sprach in Gedanken mit Tamaki. .Ich mag diese
junge Frau, Ayumi hei.t sie, richtig gern. Ich m.chte mich
ihrer ein bisschen annehmen. So gut ich eben kann. Seit du
tot bist, lebe ich ohne jede engere Beziehung dahin.
Eigentlich wollte ich keine neue Freundin. Aber Ayumi
habe ich ganz spontan ins Herz geschlossen. Warum, wei.
ich nicht. Bis zu einem gewissen Grad kann ich ihr sogar
ehrlich sagen, was ich fühle. Natürlich ist sie ganz anders
als du. Du bist ein ganz besonderes Wesen. Wir sind
zusammen erwachsen geworden. Kein anderer Mensch
kann dich jemals ersetzen..
Aomame legte den Kopf in den Nacken und sah zum
Himmel hinauf. Sie verlor sich in den Weiten ihrer
Erinnerung. Sie dachte an die Zeit, die sie mit Tamaki
verbracht hatte, an die Dinge, die sie einander erz.hlt
hatten. An damals, als sie einander berührt
hatten … Pl.tzlich fiel ihr auf, dass der n.chtliche Himmel
vor ihr irgendwie anders aussah als sonst. Etwas hatte sich
ver.ndert. Es war etwas Fremdes dort, ein leichter, aber
eindeutiger Unterschied.
Es dauerte einen Augenblick, bis ihr klar wurde, was es
war. Und auch nachdem sie es entdeckt hatte, konnte sie es
kaum glauben. Sie traute ihren Augen nicht.
Am Himmel standen zwei Monde. Ein gro.er und ein
kleiner. Nebeneinander. Der gro.e war der ihr vertraute
gute alte Mond. Er war fast voll und gelb. Aber neben ihm
befand sich ein weiterer Mond, der ihr ganz und gar nicht
vertraut war. Er war ein wenig asymmetrisch und grünlich,
wie von zartem Moos überwachsen. Das war es, was sie sah.
Aomame kniff die Augen zusammen und starrte die
beiden Monde an. Dann schloss sie die Augen, wartete
einen Moment, atmete tief durch und .ffnete sie wieder.
Sie hoffte, alles w.re wieder beim Alten, und es würde
wieder nur ein Mond am Himmel stehen. Aber die Lage
blieb die gleiche. Es war weder eine optische T.uschung,
noch stimmte etwas nicht mit ihren Augen. Kein Zweifel:
Am Himmel standen, hübsch s.uberlich nebeneinander,
zwei Monde. Ein gelblicher und ein grüner.
Aomame überlegte erst, ob sie Ayumi wecken sollte. Um
sie zu fragen, ob da wirklich zwei Monde am n.chtlichen
Himmel waren. Aber sie entschied sich dagegen. Vielleicht
würde Ayumi sagen: .Das ist doch ganz normal. Seit
vorigem Jahr haben wir zwei Monde.. Oder: .Was redest
du da, Aomame? Ich sehe nur einen. Mit deinen Augen
stimmt wohl was nicht?. Wie auch immer die Antwort
ausfallen würde, ihr Problem w.re damit nicht gel.st. Es
würde alles nur noch schlimmer machen.
Das Kinn in die H.nde geschmiegt, starrte Aomame die
beiden Monde an. Irgendetwas musste im Gange sein. Ihr
Herzschlag beschleunigte sich. Entweder mit der Welt
stimmt etwas nicht oder mit mir, dachte sie. Eins von
beidem. Liegt es am Topf oder am Deckel?
Sie kehrte in die Wohnung zurück, schloss die Glastür
und zog die Vorh.nge zu. Sie nahm eine Flasche Brandy
aus der Vitrine und schenkte sich ein Glas ein. Vom Bett
waren Ayumis friedliche Atemzüge zu h.ren. Aomame lie.
ihren Blick auf ihr ruhen, w.hrend sie in kleinen Schlucken
ihren Brandy trank. Dann stützte sie beide Ellbogen auf den
Küchentisch und bemühte sich, nicht an das zu denken,
was sich jenseits der Vorh.nge hinter ihr befand.
M.glicherweise, dachte sie, geht die Welt wirklich ihrem
Ende entgegen.
.Und dann kommt das K.nigreich., flüsterte Aomame.
.Ich kann’s kaum erwarten., sagte irgendwer irgendwo.
KAPITEL 16
Tengo
Ich bin froh, dass es dir gef.llt
Nach den zehn Tagen, in denen Tengo das Manuskript
von .Die Puppe aus Luft. sozusagen runderneuert hatte,
trat so etwas wie eine Flaute ein. Es waren sehr ruhige Tage.
Dreimal in der Woche unterrichtete er an der Yobiko,
einmal traf er sich mit seiner verheirateten Freundin. In der
übrigen Zeit erledigte er verschiedene Arbeiten im
Haushalt, ging spazieren und schrieb an seinem Roman. So
verging der April. Die Kirschblüten fielen, junge Bl.tter
sprossen, und die Magnolien standen in voller Blüte.
Allm.hlich .nderte sich die Jahreszeit. Die Tage verliefen
gleichf.rmig, reibungs- und ereignislos. Es war genau das
Leben, das Tengo sich immer gewünscht hatte. Eine Woche
ging bruchlos und fast unmerklich in die n.chste über.
Dennoch spürte Tengo eine Ver.nderung. Eine
Ver.nderung zum Besseren. Beim Schreiben wurde ihm
bewusst, dass eine Art neue Quelle in ihm entstanden war.
Es war zwar ein bescheidener, zwischen Felsen verborgener
Quell, der nicht sonderlich ergiebig sprudelte. Doch auch
wenn die Menge gering war, floss das Wasser unaufh.rlich.
Er hatte es nicht eilig, er war nicht ungeduldig. Er konnte
warten, bis sich genügend Wasser in den felsigen
Vertiefungen gesammelt hatte, um es dann mit hohlen
H.nden auszusch.pfen. Anschlie.end brauchte er sich nur
noch an den Schreibtisch zu setzen und das Gesch.pfte in
Text zu verwandeln. So nahm seine Geschichte ganz
natürlich ihren Lauf.
Wom.glich hatte er durch die angestrengte,
konzentrierte Arbeit am Manuskript von .Die Puppe aus
Luft. einen Felsen gesprengt, der die Quelle bis dahin
blockiert hatte. Die Gründe dafür waren Tengo nicht klar,
aber ganz offenbar hatte eine Reaktion stattgefunden. Ein
schwerer Deckel hatte sich endlich gehoben. Es fühlte sich
an, als habe er einen engen Raum verlassen und k.nne
Arme und Beine nun frei bewegen. Wahrscheinlich hatte
.Die Puppe aus Luft. etwas in Bewegung gebracht, das
bereits in ihm gewesen war.
So etwas wie Ehrgeiz war in ihm entstanden. Er konnte
sich nicht erinnern, jemals Derartiges empfunden zu
haben. Seine Judo-Trainer an Oberschule und Uni hatten
ihm sogar h.ufig einen Mangel in dieser Hinsicht
vorgeworfen. .Du hast Talent und Kraft, trainieren tust du
auch genügend, aber Ehrgeiz hast du keinen.. Und genau
so war es. Der .Wille zum Sieg. war bei Tengo sehr