schwach ausgepr.gt. So kam es .fter vor, dass er zwar das
Halbfinale oder sogar das Finale erreichte, aber wenn es
hart auf hart kam, zu leicht aufgab. Diese Neigung hatte
Tengo nicht nur beim Judo, sondern bei allem, was er tat.
Er war sehr nachgiebig, wollte eigentlich niemals etwas um
jeden Preis erreichen. Ebenso verhielt es sich mit seinen
Ambitionen beim Schreiben. Er schrieb nicht schlecht und
brachte sogar ein paar recht ordentliche Geschichten
zustande. Aber sie besa.en nicht die Macht, den Leser
v.llig in ihren Bann zu ziehen. Nach der Lektüre blieb stets
eine gewisse Unzufriedenheit zurück, das Gefühl, dass
etwas gefehlt hatte. So kam Tengo mit seinen Bewerbungen
um den Preis für das beste Erstlingswerk zwar stets in die
engere Wahl, aber für sich entscheiden konnte er sie nie.
Nachdem Tengo die Arbeit an .Die Puppe aus Luft.
beendet hatte, verspürte er zum ersten Mal in seinem
Leben eine starke Gereiztheit. Beim Umschreiben des
Manuskripts hatte er sich v.llig in den Text vertieft. Hatte
die H.nde über die Tastatur gleiten lassen, ohne an
irgendetwas anderes zu denken. Als er fertig war und das
Manuskript Komatsu übergeben hatte, überfiel ihn
zun.chst eine gro.e Ersch.pfung. Als sie schlie.lich
nachlie., trat eine Art Zorn an ihre Stelle, der aus seinem
tiefsten Inneren zu kommen schien. Dieser Zorn richtete
sich gegen ihn selbst. .Ich habe mir die Geschichte eines
anderen Menschen angeeignet und sie in eine F.lschung
verwandelt. Und das mit gr..erer Begeisterung, als ich sie
je für meine eigenen Werke aufbringen konnte.. Dieser
Gedanke erzürnte und besch.mte Tengo. War er denn
nicht selbst ein Schriftsteller? Konnte er keine eigenen
Geschichten hervorbringen und mit den richtigen Worten
schildern? War das nicht erb.rmlich? Wer so gerne schrieb
wie er, h.tte doch auch in der Lage sein sollen, etwas
Eigenes zustande zu bringen, oder?
Aber das musste er erst beweisen.
Tengo beschloss, sich v.llig von dem zu l.sen, was er
bisher verfasst hatte, und seine s.mtlichen alten
Manuskripte wegzuwerfen. Auf unbeschriebenem wei.em
Papier ganz von vorne anzufangen. Lange lauschte er mit
geschlossenen Augen auf die kleine Quelle, die in ihm zu
sprudeln begonnen hatte. Endlich quollen die Worte ganz
natürlich aus Tengo hervor, und langsam fügte er eines
nach dem anderen zu einem Text zusammen.
Im Mai erhielt er nach einer l.ngeren Pause wieder einen
Anruf von Komatsu. Es war kurz vor neun Uhr abends.
.Wir haben ihn., sagte Komatsu. In seiner Stimme
schwang eine gewisse, für ihn ungew.hnliche Erregung
mit.
Anfangs verstand Tengo nicht richtig, was Komatsu
meinte. .Wen haben wir?.
.Das fragst du noch? .Die Puppe aus Luft. hat gerade den
Preis für das beste Erstlingswerk bekommen. Die Jury hat
sich einstimmig dafür entschieden. Offenbar gab es nicht
mal eine Diskussion. Aber das war ja klar. Die einzige
Arbeit, die das Zeug dazu hatte. Jedenfalls l.uft die Sache
an. Jetzt sitzen wir wirklich alle in einem Boot. Wir müssen
fest zusammenhalten..
Tengo warf einen Blick auf den Kalender. Tats.chlich, es
war der Tag der Preisvergabe. Er war so in seine eigene
Arbeit vertieft gewesen, dass er nicht auf das Datum
geachtet hatte.
.Und was passiert jetzt? Ich meine, wie geht es offiziell
weiter?., fragte Tengo.
.Morgen steht es in allen Zeitungen. Landesweit
erscheinen Artikel. Eventuell auch Fotos. Unsere sü.e
Siebzehn dürfte die Sensation des Tages werden. Das ist
medienwirksam. Ein drei.igj.hriger Yobiko-
Mathematiklehrer, der aussieht wie ein eben aus dem
Winterschlaf erwachter B.r, k.nnte da als Preistr.ger nicht
mithalten..
.Ein Unterschied wie Feuer und Wasser., sagte Tengo.
.Die Preisverleihung findet am 16. Mai in einem Hotel in
Shimbashi statt. Es gibt auch eine Pressekonferenz..
.Nimmt Fukaeri daran teil?.
.Besser w.re es. Zumindest dieses eine Mal. Undenkbar,
dass die Preistr.gerin nicht an der Verleihung teilnimmt.
Wenn wir das ohne gr..ere Katastrophen über die Bühne
bringen, k.nnen wir uns anschlie.end auf die Privatsph.re
der Autorin berufen. Tut uns leid, aber die junge Frau ist
publikumsscheu und hasst jeden Rummel um ihre Person.
So was wirkt..
Tengo stellte sich Fukaeri bei der Pressekonferenz in der
Hotelhalle vor. Reihenweise Mikrofone, Blitzlichtgewitter.
Richtig realistisch erschien ihm das nicht.
.Wollen Sie diese Pressekonferenz wirklich abhalten?.
.Einmal müssen wir es durchziehen, wei.t du..
.Das geht bestimmt schief..
.Nichts geht schief, wenn du deine Sache gut machst..
Tengo schwieg in die Sprechmuschel. Eine b.se
Vorahnung zog in ihm auf wie eine dunkle Wolke am
Horizont.
.Was ist los? Bist du noch da?., fragte Komatsu.
.Ja., sagte Tengo. .Was hei.t das? Was ist meine Sache?.
.Du sollst Fukaeri auf die Pressekonferenz vorbereiten.
Auf Fragen, die kommen k.nnten, und solches Zeug. Du
gehst mit ihr vorher die Antworten auf eine Reihe
voraussichtlicher Fragen durch und l.sst sie sie auswendig
lernen. Du unterrichtest doch an einer Yobiko. Da solltest
du den richtigen Dreh raushaben..
.Das soll ich machen?.
.Klar. Aus irgendeinem Grund hat Fukaeri Vertrauen zu
dir. Auf dich wird sie h.ren. Bei mir h.tte das gar keinen
Zweck. Bisher hat sie sich ja noch nicht mal mit mir
getroffen..
Tengo seufzte. Am liebsten h.tte er gar nichts mehr mit
.Die Puppe aus Luft. zu tun gehabt. Er hatte getan, was
man ihm gesagt hatte, und jetzt wollte er sich auf seine
eigene Arbeit konzentrieren. Andererseits hatte er schon
geahnt, dass er so nicht davonkommen würde. Und düstere
Vorahnungen hatten immer eine h.here Trefferquote als
gute.
.Hast du übermorgen Abend Zeit?., fragte Komatsu.
.Ja, habe ich..
.Dann um sechs in unserem üblichen Café in Shinjuku.
Fukaeri wird da sein..
.H.ren Sie, Herr Komatsu, ich kann das nicht. Ich wei.
nicht mal genau, was eine Pressekonferenz eigentlich ist.
Ich habe so was noch nie gesehen..
.Du willst doch Schriftsteller werden, oder? Also lass
deine Phantasie spielen. Ist es nicht Aufgabe eines
Schriftstellers, sich Dinge auszumalen, die er noch nie
gesehen hat?.
.Aber Sie haben gesagt, ich brauchte nichts weiter zu tun,
als .Die Puppe aus Luft. zu überarbeiten. Alles andere
k.nnte ich Ihnen überlassen. Ich k.nnte auf der Tribüne
sitzen und zuschauen. Das haben Sie gesagt!.
.Mein lieber Tengo. Wenn ich k.nnte, würde ich das
liebend gern selbst übernehmen. Ich bin kein Mensch, der
gern um etwas bittet. Aber weil ich es eben nicht kann,
muss ich deine Hilfe in Anspruch nehmen. Lass mich den
Vergleich mit dem Boot noch mal aufgreifen. Wir sind in
eine starke Str.mung geraten, und weil ich so mit Rudern
besch.ftigt bin, habe ich keine Hand frei. Deshalb übergebe
ich dir das Steuer. Wenn du versagst, wird das Boot
kentern, und wir werden alle untergehen. Einschlie.lich
Fukaeri. Das willst du doch nicht, oder?.
Tengo seufzte erneut. Warum geriet er dauernd in solch
ausweglose Situationen? .Nein, natürlich nicht. Ich werde
mein M.glichstes tun, aber garantieren kann ich für
nichts..
.Das genügt. Ich stehe in deiner Schuld. Vor allem
solltest du sicherstellen, dass Fukaeri nur mit dir spricht.,
sagte Komatsu. .Und noch was: Wir gründen eine Firma..
.Eine Firma?.
.Gesch.ft, Büro, Produktionsfirma … Nenn es, wie du
willst. Eine Gesellschaft eben, die sich um Fukaeris
literarische Laufbahn kümmert. Natürlich besteht sie nur
auf dem Papier. Offiziell wird Fukaeri von dieser Firma
bezahlt. Ihr Repr.sentant wird Professor Ebisuno sein.
Auch du wirst von dieser Firma angestellt. Deinen Posten
kannst du dir aussuchen, auf alle F.lle bekommst du ein
Gehalt. Auch ich geh.re dieser Firma an, ohne dass mein
Name offiziell erscheint. Wenn rausk.me, dass ich meine
Finger im Spiel habe, k.nnte es Probleme geben. Die
erwirtschafteten Profite werden geteilt. Du brauchst nur
deinen Stempel unter ein Dokument zu setzen. Um alles
andere kümmere ich mich. Ich kenne da einen sehr guten
Anwalt..
Tengo überlegte. .Herr Komatsu, h.ren Sie zu. K.nnte
ich denn nicht von der ganzen Sache zurücktreten? Ich
brauche keine Bezahlung. .Die Puppe aus Luft. zu
überarbeiten hat mir Spa. gemacht. Au.erdem habe ich
eine Menge dabei gelernt. Die Hauptsache ist doch, dass
Fukaeri den Preis bekommen hat. Ich arbeite jetzt noch
etwas aus, womit sie auf der Pressekonferenz gut über die
Runden kommen wird. So weit bin ich noch dabei. Aber
mit dieser zwielichtigen Firma will ich nichts zu tun haben.
Das ist doch ganz klar organisierter Betrug!.
.Mein lieber Tengo, du kannst jetzt nicht mehr zurück.,
sagte Komatsu. .Organisierter Betrug? Natürlich, so k.nnte
man es nennen. Aber das hast du doch von Anfang an
gewusst. Wir hatten doch von vornherein den Plan, die
.ffentlichkeit mit Fukaeri als quasi fiktiver Autorin zu
t.uschen. Hast du das vergessen? Natürlich geht es dabei
um Geld, und wir brauchen ein ausgeklügeltes System, um
damit umzugehen. Das ist kein Kinderspiel. Aber jetzt zu
jammern .Ich hab Angst, ich will nichts damit zu tun
haben, ich brauche kein Geld., das gilt nicht. Wenn du aus
dem Boot aussteigen willst, h.ttest du das früher tun
müssen, als die Str.mung noch ruhig war. Jetzt ist es zu
sp.t. Um eine Firma zu gründen, braucht man die Namen
von ein paar Personen. Leider muss ich von dir verlangen,
dass du der Firma beitrittst. Wenn du formal dabei bist,
wird alles prima laufen..
Tengo rauchte der Kopf. Was nicht hie., dass ein einziger
guter Gedanke darin schmorte.
.Eine Frage habe ich noch., sagte Tengo. .Ihren
.u.erungen entnehme ich, dass Professor Ebisuno sich
vorbehaltlos an dem Plan beteiligen will. Es klingt, als h.tte
er schon zugestimmt, diese Scheinfirma mit Ihnen zu
gründen und ihr Repr.sentant zu werden..
.Der Professor hat mir als Fukaeris Vormund grünes
Licht gegeben. Ich habe ihn damals, nachdem du mir
berichtet hattest, sofort angerufen. Er erinnert sich
natürlich an mich. Er wollte nur mal deine Einsch.tzung
h.ren. Er sei beeindruckt von deiner Menschenkenntnis,
sagt er. Was hast du dem Professor denn über mich
gesagt?.
.Was in aller Welt bringt ihn dazu, bei diesem Plan
mitzumachen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass er es
wegen des Geldes tut..
.Natürlich nicht. Er ist wahrhaftig kein Mensch, der
hinterm Geld her ist..
.Aber warum beteiligt er sich dann an so einem riskanten
Plan? Irgendetwas muss ihn doch dazu bewogen haben..
.Das wei. ich auch nicht. Er ist nicht leicht zu
durchschauen. Ein recht abgründiger Mensch, bei dem man
nicht so leicht in die Tiefe blicken kann..
.Also wenn nicht einmal Sie ihn durchschauen, Herr
Komatsu, müssen diese Abgründe ja ziemlich tief sein..
.Stimmt., sagte Komatsu. .Er wirkt wie ein harmloser
alter Mann, aber in Wirklichkeit ist er ein ganz
geheimnisvoller Typ..
.Inwieweit wei. Fukaeri über all das Bescheid?.
.Fukaeri braucht von alldem nichts zu wissen. Sie
vertraut dem Professor, und sie mag dich. Deshalb muss ich
dich ja auch bitten, uns noch mal zu helfen..
Tengo wechselte den H.rer in die andere Hand. Er
musste irgendwie auf den Stand der Dinge kommen.
.Professor Ebisuno arbeitet ja nicht mehr als
Wissenschaftler. Er hat die Universit.t verlassen, und
Bücher schreibt er auch keine mehr..
.Ja, mit der Wissenschaft hat er seit einiger Zeit ganz klar
gebrochen. Er war ein brillanter Gelehrter, kam aber in den
akademischen Kreisen wohl nicht besonders gut zurecht. Er
ist zu nonkonformistisch und war nie richtig in der Lage,
Autorit.ten anzuerkennen und sich in bestehende
Strukturen einzufügen..
.Und welchen Beruf übt er im Augenblick aus?.
.Offenbar bet.tigt er sich als Aktienmakler., sagte
Komatsu. .Oder, falls dir die Bezeichnung zu altmodisch
ist, Investment Consultant. Er hat eine Menge Kapital auf
die Seite gebracht und durch bestimmte Bewegungen gro.e
Gewinnspannen erzielt. Von diesem Berg aus, auf den er
sich zurückgezogen hat, gibt er seine Instruktionen zu Kauf
und Verkauf. Er hat einen ziemlich guten Riecher. Er ist
sehr gut in der Analyse von Informationen und hat ein
eigenes System entwickelt. Anfangs war es wohl mehr ein
Hobby, aber bald hat er einen Beruf daraus gemacht. So
ungef.hr. Er scheint in der Branche ziemlich bekannt zu
sein. Eins kann man mit Sicherheit sagen – er ist finanziell
unabh.ngig..
.Mir ist nicht ganz klar, welche Verbindung zwischen
Kulturanthropologie und Aktienhandel besteht..
.Allgemein betrachtet gibt es da auch keine. Aber für ihn
offenbar schon..
.Der Mann ist undurchschaubar..
.So ist es..
Tengo presste kurz die Fingerkuppen gegen die Schl.fe.
.Ich treffe mich also übermorgen um sechs Uhr mit Fukaeri
in dem üblichen Café in Shinjuku, und wir besprechen die
Pressekonferenz, auf die ihr beide gehen sollt. So ist es
doch gedacht, oder?.
.Das ist der Plan., sagte Komatsu. .Also, mein lieber
Tengo, denk daran, das sind nur vorübergehende
Schwierigkeiten. überlass dich einfach der Str.mung. So
was passiert im Leben immer wieder. Auf der Welt geht es
zu wie in einem fulminanten Schelmenroman. Rechne mit
dem Schlimmsten, und freu dich noch am übelsten
Gestank. Lass uns die Fahrt durch die Stromschnellen
genie.en. Und wenn wir einen Wasserfall hinunterstürzen,
gehen wir gemeinsam mit Pauken und Trompeten unter..
Zwei Abende sp.ter traf Tengo sich mit Fukaeri in dem
Café in Shinjuku. Sie trug einen leichten Sommerpullover,
unter dem ihre Brüste sich deutlich abzeichneten, und enge
Bluejeans. Ihre langen Haare waren offen, und ihre Haut
strahlte. Alle M.nner sahen sich verstohlen nach ihr um.
Tengo spürte ihre Blicke. Doch Fukaeri selbst schien nichts
davon zu merken. Eine junge Frau wie sie würde durchaus
einiges Aufsehen erregen, wenn sie den Literaturpreis